Brigitte Simon
im Atelier


So sieht die Arbeit in Brigitte Simons Atelier aus: Konturlinien von Figuren werden auf transparente Folie aufgetragen und anschließend mittels Papiercollage mit den unterschiedlichsten Farben und Strukturen kombiniert. Bei gleichbleibendem Motiv entstehen dadurch ungeahnte Ausdrucksvarianten.
Foto: Manfred Rinderspacher


Der Torso als Gesicht - oder sind es zwei Gesichter, die sich überschneiden? Das Kunstwerk ist in der Realität ein von Brigitte Simon entworfener Badezimmerspiegel, bei dem die Konturlinien zugleich als Lichtquelle dienen (leider ein Unikat).
Foto: Manfred Rinderspacher

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Kunst und Kosmos dankt der Künstlerin sowie dem Fotografen
Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite.

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Brigitte Simon Raumprojekte 2009

16-04-2008

Die Einheit des Lebens in vielen Facetten
Mit Konturlinien, Papiercollagen und transparenten Folien realisiert Brigitte Simon ein klassisches Menschenbild

 

Von Christel Heybrock

 

Ihre Kunst ist von verblüffender Einfachheit, der Beziehungsreichtum dabei unerschöpflich. Dass einem Künstler heutzutage ein solcher Spagat gelingt, ist schon etwas Besonderes.

 

Dabei begann Brigitte Simon in den sechziger Jahren ganz konventionell als Landschaftsmalerin, fasziniert von der südfranzösischen Provence und deutlich beeinflusst von Paul Cézanne. Aber in der Figurenmalerei entwickelte sie damals schon neben handwerklicher Experimentierfreude eine besondere Leichtigkeit, ein Schweben von Assoziationen und Bedeutungen, verbunden mit einem Hang zu schwungvollen ornamentalen Kürzeln. Vielleicht hätte sie dennoch auch mit Pinsel und Farben weiter gearbeitet, wenn sie nicht 1990 durch eine schwere Lungenerkrankung gezwungen worden wäre, Arbeitsmaterial und Lebensperspektive zu verändern. Die Dämpfe der Acrylfarben wurden zur physischen Bedrohung, und die Lebenskrise verursachte ein Bewusstsein grundsätzlicher Gefährdung, das sie in ihrer Kunst verarbeitete.

 

Seitdem benutzt Brigitte Simon bedruckte Papiere, Schere, Transparentfolien und Klebestreifen, aber geblieben sind die Konturen der menschlichen Figur als Ausgangspunkt. In mittlerweile sieben großen Serien werden die „leeren“ Umrisse ebenso einfachen wie erstaunlichen Veränderungen unterworfen. In dem Zyklus „Poetische Anatomie“ sogar wird immer das gleiche, einem medizinischen Lehrbuch entnommene und auf seine Konturlinien reduzierte Torso-Paar verarbeitet,  der Mann in stolzer, muskulöser Aufrichtung, die Frau weich, selbstversunken, den einen Arm erhoben. Die beiden werden mal einzeln, mal gemeinsam oder sogar vervielfältigt, mal spiegelbildlich, mal „richtig herum“ (die ursprüngliche Darstellung ist gar nicht mehr zu erahnen) einer Fülle farblicher und motivischer Akzente ausgesetzt, mit denen Brigitte Simon die ganze Bandbreite menschlicher Existenz auslotet.

 

Um stets über einen Fundus an strukturierten Farbflächen und Einzelmotiven zu verfügen, sammelt sie Druckerzeugnisse in etlichen Kartons im Atelier: Das können Ansichten von Landschaften, Architekturen, Stadtpanoramen oder leeren Innenräumen sein – zerschnitten und in Details den Figurenumrissen zugeordnet, sind die Motive oft kaum noch zu erkennen, lösen aber intensive Assoziationen im Betrachter aus. Wird beispielsweise dem Umriss eines Torsos ein Gitter, eine Wendeltreppe oder eine Tür unterlegt, kombiniert mit verschiedenen Farbflächen, so entsteht ein Spannungsfeld zwischen der organischen menschlichen Figur und den toten, meist nur noch als technoid empfundenen und nicht mehr klar identifizierbaren Dingen, die Figur lässt eine innere Spaltung, einen womöglich tragischen Zwiespalt erahnen. Schließlich ist der moderne Mensch, biologisches Wesen nach wie vor, zunehmend einer lebensfeindlichen Umgebung ausgesetzt, die er sich selber schafft. Wird jedoch die weibliche Figur mit einer mehrfach zerschnittenen Ansicht von  „Wald“, „Ästen“ oder Landschaft kombiniert, suggeriert das sowohl einen Aspekt von Verletzlichkeit organischen Lebens als auch dessen kosmische Dauer.

 

"Kulturdenkmal", eine Copy-Collage aus dem Zyklus "Poetische Anatomie" (1998). Der weibliche Torso, dessen Konturen einem medizinischen Lehrbuch entnommen sind, wurde hier mit Bücherstapeln gefüllt und in seinen Proportionen an den Stamm eines Baumes angepasst. Erst bei längerem Nachdenken erweist sich die Ambivalenz dieser Darstellung: Das Papier der Bücher setzt den Tod von Bäumen voraus, der hier durch kahle Äste angedeutet wird. Was lebt, sind die komprimierten Gedanken und Phantasien zwischen den Buchdeckeln -  Erfahrungen, die ein Mensch (hier eine Frau) im Leben speichert.
Foto: Brigitte Simon

 

In Brigitte Simons Hauptwerk, der „Poetischen Anatomie“, erscheint „die Frau“ einmal sogar als vorwärtsschreitender Torso, indem ihr das Foto eines schön gemaserten Schranks aufkopiert wurde, der in Längsrichtung zerschnitten und, genau an die Schenkel angepasst, leicht nach vorn/hinten versetzt wurde. Besonders eindrucksvoll sind die Kopien des weiblichen Torsos auf Fotos von Bäumen, deren Äste radial nach außen streben, so dass die Figur quasi als Verdichtung des Lebens im Zentrum steht. Bei der Collage „Kulturdenkmal“ ist diese Baumfrau auch noch aus feinen Querschichten zusammengesetzt – auf den zweiten Blick sind das Bücherstapel, aus denen der Leib der Frau besteht. Hier weckt der Torso Assoziationen zweier gegensätzlicher und doch einander bedingender Aspekte menschlicher Existenz: die sanfte Vitalität der Natur und das im Menschen angehäufte Wissen, das Bewusstsein seiner persönlichen Kultur und „Ge-schichte“. Geheimnisvolle Lichtquellen, der Sternenhimmel, wie sanfte Schleier „wehende“ Farbflächen („Salome“) oder eine brutale Verschnürung (dass diese ein „Gefangensein“ andeutenden Bänder einem vergrößerten Vogelnest entnommen sind, ahnt niemand mehr) – jede Darstellung lässt die immer gleichen Menschenumrisse in völlig unterschiedlichen Inhalten erscheinen – die „Poetische Anatomie“ entfaltet die ganze Palette des Menschseins.

 

Der Zauber von Brigitte Simons Kunst scheint dabei auf den ersten Blick überhaupt nicht tiefgründig und „schwer“, sondern lockt den Betrachter durch das Leuchten der Farben, oft durch feinen Witz, vor allem aber durch eine klassisch mediterrane Auffassung vom Bild des Menschen und seinen Proportionen. Nie gibt es Gesten der Verrenkung oder Verzerrungen, alles scheint beschwingt in sich selbst zu ruhen, und oft sind Körper und Gesichter (bei denen im Profil die Eleganz der Linie ausgekostet wird) in Bewegung, sei es bei den vielen „Paaren“ in zärtlicher Zuwendung, sei es im Zyklus „Figuren im Raum“ (2001-2002) ausdrücklich als Tänzer. Das zutiefst humane Bedeutungsspektrum der Figuren wird einem erst bei längerem Hinsehen bewusst, wobei eine Geistesverwandtschaft mit Henri Matisse sich nicht leugnen lässt: Auch der französische Maler schuf ein Lebenswerk aus Licht, Farben, üppigen Dekorelementen und kunstvoll einfachen Linien – wobei alle Elemente einer traumwandlerischen Sicherheit von Proportionen unterworfen waren.

 

"Poseidon und Thetis I" aus dem Zyklus "Paare", Malerei in Acrylfarben auf Papier (1984). Die phantasievolle Opulenz und das vitale Schweben der einander zugewandten Figuren im Wasser sind charakteristisch für Brigitte Simons frühe Arbeiten. Nach 1990 nimmt ihre Entwicklung einen strengeren Verlauf, lustvolle Details (wie hier die in Kringel übergehenden Schuppen der Meeresgottheiten oder der Fisch als Augenumriss bei Thetis) werden reduziert oder ganz aufgegeben. In den Copy-Collagen ist meist eine aus Konturlinien bestehende Figur einem Prozess von Variationen unterworfen.
Foto: Brigitte Simon

 

Es ist kein Wunder, dass Brigitte Simon mitunter bewusst zu klassisch antiken Themen greift; so gibt es aus den achtziger/neunziger Jahren bei ihr Kentauren, Amazonen, Poseidon-und-Thetis-Darstellungen, Najaden und das Paar Helios/Klymene. Schon zuvor war sie fasziniert von Faun und Bacchus – aber, und das ist erstaunlich genug, sie lässt diese offenbar tiefe innere Freude an Formen, Farben, Proportionen auch ganz banalen Motiven der modernen Gegenwart zukommen. „Passionen“ wie Kaffeetrinken, Rauchen, Telefonieren, Radfahren oder Fernsehen erfahren eine heiter zwanglose Umsetzung ins Allgemeingültige, und ihre „Sammeltassen“-Variationen von 1997 beweisen nur, wie sehr alles zum Körper wird bei ihr: In den Umriss der Gefäße sind passgenau menschliche Gesichter eingearbeitet, über- und unterlagert mit Farbelementen, fotografischen Details, Textilmaterial oder Fotos ganzer Meereslandschaften (die sieht man freilich erst, wenn man das Bild um neunzig Grad kippt).

 

"Versuch einer Komposition" aus dem 2008 entstandenen Zyklus "Chair affairs". Die weibliche Torsofigur im Vordergrund wurde aus den Linien eines Stuhls abgeleitet und befindet sich hier im Schnittpunkt zweier Diagonalen, die Räumlichkeit suggerieren. Der scheinbar dynamisch ausschreitenden, Transparenz und Helligkeit vermittelnden Torsofigur wurde als Kontrast eine dunkle, schmale Ganzfigur zur Seite gestellt. Der Eindruck räumlicher Tiefe wird dadurch verstärkt. Das Spiel von Figuren und Raum erinnert entfernt an Oskar Schlemmer.
Foto: Brigitte Simon

 

Zu den spielerischen Varianten von Alltagsdingen gehört auch der 12-teilige Zyklus „Chair affairs“ von 2008, ausgelöst durch einen Besuch im Wiener Museum für Angewandte Kunst, wo Stühle aus allen möglichen Kulturepochen „als eindrucksvolles Schattenspiel inszeniert“ wurden, wie Brigitte Simon erläuterte. Die Anregung, Konturlinien eines Stuhls mit Hintergrundstrukturen, Gegenständen und teilweise nicht mehr lesbaren Raumsituationen zu kombinieren, sei ihr, so die Künstlerin, durch eine renovierungsbedürftige Dachwohnung gekommen. Ein letzter, entscheidender Impuls jedoch habe sich durch die Beobachtung eines intensiven ästhetischen Wechselspiels zwischen Glasobjekten auf dunkel spiegelnder Oberfläche und dem umgebenden Raum eingestellt. Lichtimpulse und Schattenwürfe seien von den Glasobjekten in den Raum ausgestrahlt und von diesem aufgenommen worden.

 

Maßgeblich für den Zyklus „Chair affairs“ ist darüber hinaus, dass die Konturlinien eines Stuhls zum weiblichen Torso abgewandelt wurden. Der scheint sich in einem Fall wiederum auf eben diesem Möbelstück niederzulassen. Der Torso kann sich aber auch vor seinem Urbild in Positur stellen oder sich völlig von der Stuhl-Idee lösen und in einer Schritthaltung undefinierte Räume ausmessen. Bei allen Ausdrucksvarianten benutzte Brigitte Simon, ähnlich wie schon in der „Poetischen Anatomie“, eine identische Torso-Schablone mit ausgestellten Beinen, nach außen gedrehten Füßen und herz- oder blütenförmigem Oberkörper. Je nach Kombination mit Farben, Strukturen oder erkennbaren Gegenständen (etwa einem Farbtopf mit Pinsel) assoziiert der Betrachter völlig unterschiedliche Inhalte, die mal auf eine bewusste Figurenkomposition (siehe Foto), mal auf sinnliche Intensität, mal auf Landschaften am Meer hindeuten.

 

Wasser als amorphes, aber vielfältig gestaltbares Element scheint zu den zahllosen Faszinosa zu gehören, denen Brigitte Simon schöpferisch nachgibt. Bezaubernde Details arbeitete sie aus bei „Paaren“ wie Poseidon und Thetis, die in köstlichem Blau und bedeckt mit schuppen- und löckchenartigen Kringeln einander im Wasser umschweben, die Augen in der Form kleiner Fische (Foto oben). Wasser aber ergießt sich 1996 auch als zerteilte blaue Flüssigkeit über die Hände des Chirurgen. Wasser gibt den Variationen der „Ideensuche“, bei denen eine weibliche Figur sinnend auf einem Stuhl im Schwimmbad sitzt,  einen Aspekt inspirierender Unendlichkeit, wobei es nicht mehr braucht als eine dreifache Wellenlinie. Noch 2004 verleihen Lichtreflexe auf einer Wasserfläche einer Copy-Collage aus dem Zyklus „Mythos Natur“ ein geheimnisvolles Vibrieren, und Fotoausschnitte von Wasserlandschaften spielen unerkannt eine Rolle bei etlichen Darstellungen ganz anderer Thematik.

 

Ohnehin sind es häufig Naturszenerien, die Brigitte Simon in ihre Collagen integriert, Berge, Wälder, Wolken, Licht – man muss ihre Arbeiten auf mehreren Ebenen sehen lernen, um diese Motive darin zu entdecken. Aber mit Hochhausfassaden und Leuchtreklamen geht es einem genauso, beispielsweise im Zyklus „Licht spaltet Stein“ (1999), der aus der Spannung zwischen historischen Steinplastiken und den Umrissen „heutiger“ Figuren lebt. Unterhalb des Bewusstseins wirken die Details bereits vor ihrer Identifizierung und lösen Assoziationen im Betrachter aus, die stets auch seine eigene Existenz betreffen. Das Einfache entpuppt sich bei Brigitte Simon als hoch komplexes Gefüge. Aber das wiederum ist von einer Einheitlichkeit und Balance, die jeder Polarität standhält.

 

Info:

- E-Mail: simon.psi@web.de
- Oeuvrekatalog Brigitte Simon „Im Gewand der Kunst. Retrospektive 1965-2005“, 228 Seiten mit vielen Farbabbildungen, Pashmin-Verlag, 20097 Hamburg, Spaldingstraße 74, Preis 50 Euro, ISBN 9810115-1-1

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