Theo Schneickert

 


Maler Theo Schneickert in seinem Mannheimer Atelier.

 

Fotos auf dieser Seite sind (bis auf eine Ausnahme) Erstveröffentlichungen von Manfred Rinderspacher (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt herzlich für die Genehmigung zur Reproduktion.

 

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22-10-2010

Die Präzision der Träume – wie Bilder aus Bildern entstehen

Die ungewöhnliche Arbeitsmethode von Maler Theo Schneickert

 

Von Christel Heybrock

 

Malen kann man zwar lernen – bis zu einem gewissen Grade – aber seine eigene Arbeitsmethode muss jeder selber finden. Der 1939 in Kaiserslautern geborene und seit 1983 in Mannheim lebende Theo Schneickert hat da einen ganz eigenen Weg entdeckt. Eigentlich als Klischee- und Farbätzer ausgebildet, arbeitete er in diesem Beruf auch bis 1976: Da warf er die Zwangsjacke ab und ließ sich auf das Risiko einer freien Künstlerexistenz ein. Die Präzision und Disziplin des einstigen Metiers hat er sich erhalten: die kommen seither seiner Kreativität zugute. Schneickert malt unverwechselbar im Grenzbereich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit ... aber das klingt schrecklich trocken, gemessen am kristallinen Leuchten seiner Farben und den zwischen Traum und Wirklichkeit irisierenden Formen.

 


Blick ins Atelier: Der Raum, früher von Schneickerts Kollege Dietmar Brixy genutzt, ist mit seinem weißen Streulicht ideal für den Umgang mit Farben. Theo Schneickert bringt stets einige Bilder an den Wänden unter - ansonsten ist außer einem riesigen, von Pinseln, Spachteln, Töpfen, Tuben und anderen Dingen übersäten Tisch eben noch Platz für die Staffelei.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Und die sind nur halbwegs von ihm „erfunden“, sie basieren nämlich auf der Realität. Schneickert bezieht seine Motive zunächst aus Fernsehen, Zeitschriften und Werbeprospekten, vor allem aber aus der Natur. Wenn er Waldspaziergänge mit der Kamera macht, entdeckt er immer wieder Strukturen, die ihn faszinieren, die Muster von Baumrinden und morschem Holz etwa oder Spinnweben, Steine, Pflanzen und Tiere. Kein Wunder, dass zwei gebleichte Tierschädel auf der Fensterbank seines Ateliers liegen – gemalt allerdings hat er sie nicht, denn er wird eher noch angezogen von Mikrostrukturen und hält die Fragmente der realen Welt auch schon mal bewusst unscharf im Diapositiv fest. Im Atelier legt er mehrere solcher Dia-Aufnahmen übereinander, kombiniert sie womöglich mit farbigen Klarsichtfolien, verschiebt sie gegeneinander und wirft sie mit dem Projektor auf die Leinwand. Erst wenn diese Sandwich-Erprobungen ein Ergebnis liefern, das ihm zusagt, beginnt er zu malen.

 


Charakteristisches Beispiel für Theo Schneickerts Malerei - wer in den leuchtenden Farbflächen Fragmente der Wirklichkeit entdeckt, liegt nicht ganz falsch, aber die Wiedergabe der Realität ist nicht Schneickerts Ziel. Das abgebildete Werk ist Teil einer Ausstellung in der Mannheimer Freireligiösen Gemeinde (Adresse: L 10, 4-6, vom 31. Oktober bis 26. November 2010).
Foto: Schneickert

 

Jahrelang ist er so verfahren und hat Bilder von traumhafter Prägnanz und fast greifbarer Plastizität gemalt. Wie Schneickert mit Farben umgeht, wie er differenzierte Töne neben- und gegeneinander setzt, wie er mit Partien in Weiß den Bildern Leichtigkeit gibt und zugleich eine dunkle Tiefe durch geheimnisvolles Blau und Rot – es ist ein Genuss für die Augen, die sich in diesen Weiten von Landschaftsandeutungen mit Gewässern und Felsen oder in Erinnerungen an Tempel- und andere Bauten verlieren. Auch Fragmente von Figuren meint man hin und wieder zu erkennen, einen großen Kopf etwa, kleine Ganzfiguren, seltsame Tiere, gehörnte mythische Wesen, die vielleicht auch nur Teile eiserner Rüstungen sind, denn alles ist von fast berührbarer Gegenwart und zugleich versunken und in seinem Zusammenhang verschüttet wie eine alte, unbegreifliche Kultur. Dass Schneickert in vielen auch technisch unterschiedlichen Farbschichten malt, ruft eine Dichte hervor, die manchmal durch weiße Konturgrenzen der einzelnen Formelemente noch gesteigert wird.

 


Der Meister malt seine eigenen Bilder ab: Hier entsteht aus einer kleinformatigen Übermalung, unter der sich die Fotografie eines anderen großformatigen Bildes befindet, wieder ein großformatiges Gemälde auf Leinwand. Aber alle drei Versionen sind völlig verschieden und würden sich nur anhand kleiner Details wieder erkennen lassen.

 

In letzter Zeit allerdings malt er seine eigenen Bilder wieder ab. Das klingt unglaublich, von keinem Maler würde man solch eine scheinbar manische Selbstbespiegelung erwarten. Aber darum geht es hier nicht. Es stellt sich heraus, dass keines dieser Bilder einem anderen auch nur gleicht und dass jedes Mal etwas völlig Neues entsteht. Nur der bewusst suchende Blick eines pedantischen Betrachters wird hier und da entdecken, dass ein einzelnes kleines Formmotiv sich wiederholt. Der ganze Vorgang spielt sich folgendermaßen ab: Schneickert fotografiert eines seiner Gemälde und lässt Farbabzüge im Format 15 x 21 cm machen. Diese Abzüge werden direkt von ihm übermalt – dabei entstehen auf dem Fotopapier kleinformatige Kostbarkeiten von einer atemberaubenden Intensität (dass sie auf Ausstellungen dann nicht mehr kosten als 160 Euro, ist eher ein Witz). Schon bei diesen Übermalungen ist keine identisch mit einer anderen, aber eine oder mehrere wählt Schneickert dann erneut aus für eine Übertragung auf große Leinwand, so dass wieder großformatige Bilder daraus entstehen: völlig neue, unverwechselbare Gemälde von leuchtender Klarheit, als stünde einem ein eigener verworrener Traum vor Augen.

 

Und das ist wohl auch das Schlüsselwort für das, was hier passiert. Dass Schneickert im Zeitalter der Digitalfotografie die Herstellung von Dias zu umständlich scheint, mag ein handwerklicher Auslöser seines speziellen Verfahrens sein. Tatsächlich aber arbeitet er nicht wesentlich anders als früher, als er Mikrostrukturen realer Dinge durch Überlagerungen, Verschiebungen und immer neue Formassoziationen für seine Malerei nutzte. Heute benutzt er eben mit der gleichen Objektivität und Neugier die Strukturen seiner eigenen Bilder und entlockt ihnen – nein, keine Varianten, sondern fantasievolle neue Formschöpfungen. Schneickert holt damit einen Prozess ins Bewusstsein, den wir sonst nur aus unseren Träumen kennen: Dort verwandeln wir ständig Bilder und Bedeutungen in andere Formen, in neue Zusammenhänge und arbeiten mitunter heftig an den Tiefenschichten unserer Person: Schneickert stellt auf diese Weise die Tiefenschichten seiner Bilder her. Sie haben mehr mit uns selbst, mit unseren eigenen Wahrnehmungen und unseren verschütteten Energien zu tun, als man ihnen auf den ersten Blick ansieht. Und wenn Schneickert bekennt: „Ich will malen, was nicht sichtbar ist, letzten Endes ist doch alles ein Geheimnis,“ – dann ist er es, der dem Chaos der Formenwelt eine unergründliche Tiefe und zugleich Klarheit und Ordnung verleiht.

 

Info:

Atelier: 68159 Mannheim, G7, 41, Handy 0160-92453334. Kataloge aus verschiedenen Schaffensphasen sind beim Künstler erhältlich.

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