Edgar Schmandt

 

 


"Quartier du Marais 3" ist der Titel dieses Öl- und Acrylbildes von Edgar Schmandt, das während seines Stipendiaten-Aufenthaltes 1983/1984 in der Pariser Cité Internationale des Arts entstand. Das 98 x 180 cm große Bild zeigt Einflüsse scheinbar zufälliger Mauerkritzeleien, die aber zeichenhafte Bedeutung bekommen. Die Form links erinnert an einen Kopf mit erstarrtem, ausgehöhltem Innenleben, der sich verwandelt auf der rechten Seite fortsetzt: Ahnung von der Geschichte des alten jüdischen Pariser Stadtviertels, von den Veränderungen der Menschen und ihres Lebens. Das Foto wurde dem kleinen Katalog der Mannheimer Kunsthalle entnommen, die Schmandts Pariser Bilder und Grafiken 1985 ausstellte.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Schmandt80.html

 

"Kunst und Kosmos" dankt Edgar Schmandt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite.

 

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

10-01-2009

 

 

Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen

Im Atelier des Mannheimer Malers und Autors Edgar Schmandt zu seinem 80. Geburtstag am 12. Januar 2009

 

Von Christel Heybrock

 

Dass er in Berlin zur Welt kam, glaubt man ihm aufs Wort. Dass es vor achtzig Jahren war, wird so bald niemand glauben. Edgar Schmandt, seit 1956 in Mannheim lebend, sprüht noch immer vor Witz und Ironie, und seine Gesprächspartner dürften nicht sofort herausfinden, was davon Humor und was eher verzweifelter Sarkasmus ist. Was hält einen Künstler, dem der pfälzische Stallgeruch fehlt, ausgerechnet in Mannheim? Am Ende der fürsorgliche Umgang der Stadtväter mit den Bürgern der kreativen Zunft?

 

Ist "Mannem" wirklich vorne mit seiner unsäglichen „Stadtgalerie“, die aus einem finsteren Treppenhaus im Rathaus besteht? Mit seiner Künstler-Nachlassstiftung im Hinterzimmer eines Küchenbetriebs und den wunderbaren (weil nicht existenten) Atelierräumen? Schmandt ist angesichts dieser Interviewfragen einen Moment sprachlos. Dann sprudelt es heraus: „Also, dazu sag ich nichts! Kulturpolitik sollte man besser mal in der Öffentlichkeit diskutieren, da gehört sowieso der Besen rein. Kultur ist zunehmend ein Fremdwort in dieser Stadt, Wiederbelebungsversuche zwecklos! Die Popakademie reicht doch!“ Aber Mannheim will schließlich Kulturhauptstadt Europas werden? Schmandt: „Das ist ein Witz, leider ein unfreiwilliger!“

 

Schmandt hat sein Wohnatelier im Innenstadtquadrat B 5 in einem kleinen Palais aus dem 18. Jahrhundert, das einst einer alten Dame und später der Stadt gehörte. Die alte Dame hatte es günstig an die Stadt verkauft, als eine Sanierung des historischen Gemäuers dringend anstand, für die ihr aber das Geld fehlte. Die Stadt verpasste mal eben der Fassade einen neuen Anstrich – und  verkaufte das Anwesen, das mit seinem bezaubernden Innenhof im Sommer sicherlich südlichen Charme verströmt, mit Gewinn an einen privaten Investor. Auch den Stadtvätern waren die eigenen Denkmalschutzauflagen offenbar zu teuer. Der Investor jedoch investierte nicht, sondern ging pleite. Heute ist der Bau, in dessen Wendeltreppenhäusern die ausgetretenen alten Holzstufen knarren, im Besitz mehrerer Privatpersonen, was zur Folge hatte, dass ein Teil immerhin an die Fernheizung angeschlossen wurde – leider ist es nicht der Teil, zu dem Schmandts Wohnung gehört. „Wir haben ja Gott sei Dank nicht immer Winter,“ besänftigt er sich selber über seinen Elektroradiatoren bei Außentemperaturen zwischen minus fünf und minus 10 Grad. Der idyllische Ofen in der Küche funktioniert nicht, und von Doppelfenstern gibt es auch keine Spur.

 

Seine Wohn-/Arbeitssituation jedoch dürfte symptomatisch sein für die Art, wie Mannheim mit seinen bildenden Künstlern umgeht. Weit abgeschlagen hinter dem Musikleben und dem Nationaltheater, haben die bildenden Künstler hier traditionell einen schweren Stand - im Grunde bereits seit der kurfürstliche Hof 1778 nach München verlegt wurde. Die pfälzischen Kurfürsten selber, allen voran Carl Theodor (1724-1799), waren dagegen kunstsinnige Sammler und Förderer, und so ist Schmandts Situation fast ebenso historisch wie das Gebäude selbst. Neben der Wohnung hat er zusätzlich ein Atelier in der alten Sternwarte, in der einst Bildhauer Hans Nagel und der Maler Paul Berger-Bergner arbeiteten. Die Sternwarten-Ateliers sind zwar inzwischen am Fernheizungsnetz, waren früher aber überhaupt nicht heizbar, die Mauern bröckeln, Schmandt wurde auf dem Weg zu seinem Arbeitsraum bereits von herumlungernden Stadtstreichern belästigt, und die Investitionen der Stadt beschränkten sich im Wesentlichen auf die festliche Verlegung einer bronzenen Bodenplatte, mit der an Carl Theodors Hofastronom Christian Mayer erinnert wird, der hier zu kurfürstlichen Zeiten Fixsterne erforschte. Wie es innen aussieht, geht offenbar niemand etwas an.

 

Noch einmal: Was hält einen Künstler aus Berlin in einer Stadt wie Mannheim? Da muss Schmandt lange ausholen. Er ist ein Kind der Nazi-Zeit: „Der Jahrgang 1929 ist ein zerrissener“, sagt er, „ich habe in Berlin den ganzen Krieg erlebt ...“ Er hat nicht nur die komplette Zerstörung der Stadt erlebt, sondern auch, wie Jugendliche seines Jahrgangs in den letzten Kriegsmonaten verheizt wurden, wobei er mit vier weiteren Leidensgenossen, die alle keinen „Ariernachweis“ erbringen konnten, in spezielle „todsichere“ Einsätze gezwungen werden sollte. „Was aus den anderen vier geworden ist, weiß ich nicht, aber ich bin da getürmt!“ Tiefer Seufzer: „Stellen Sie sich vor, ich habe wahrscheinlich nur dadurch überlebt, weil ich keinen Ariernachweis hatte, ist das nicht verrückt?“

 


Mit 17 schon ein flotter, talentierter Künstler: der Zeitungsleser gehörte zu Schmandts aller erster Ausstellung 1946 im zerbombten Berlin.

 

Verrückter noch wurde es nach dem Krieg, als er mit 17 seine erste Ausstellung hatte, 1946 zwischen Trümmern. Ein russischer Offizier sprach ihn an und wollte ihm ein Studium in Moskau vermitteln, Schmandt lehnte ab und setzte damit vielleicht schon den „bizarren Schleudergang einer politischen Waschmaschine“ in die andere Richtung in Gang, was er nicht sofort bemerkte. Er heiratete, wobei zunehmend die Spaltung der Stadt zum Problem wurde, weil Frau und Schwiegereltern im sowjetisch besetzten Teil in Berlin-Mitte lebten, er aber im westlichen, von den Alliierten besetzten. Er machte sich durch Hin- und Herbesuche verdächtig: Als eines Morgens um vier ein Verhaftungskommando erschien, seilte Schmandt sich in einer dramatischen Flucht eben noch aus dem Fenster ab, wurde aber wenig später doch noch geschnappt und kam wegen angeblicher Spionage für anderthalb Jahre in ein stalinistisches Gefängnis.

 

Als er 1956 entlassen wurde, wollte er wohl nur noch weg aus der Stadt, die ein riesiges Ghetto geworden war, und es zog ihn an den Rhein, nach Mannheim mit seiner europäisch zentralen Lage, wo der Odenwald und Frankreich nahe waren und man Kontakte zu fremden Menschen pflegen konnte. „Mannheim ist immer sehr weltoffen mit Fremden umgegangen“, sagt Schmandt, wobei er das Problem mangelnder Integration gar nicht bestreitet – Wurzeln schlagen und sich hier richtig zu Hause fühlen, das ist nicht so einfach. Aber er hat immerhin die günstige Geografie genutzt, in Frankreich gearbeitet und ausgestellt (die Bilder aus seinem Pariser Aufenthalt 1983/84 wurden 1985 auch in der Mannheimer Kunsthalle gezeigt - siehe Foto oben), er wurde mit Villa-Romana-Stipendium in Florenz, mit Villa-Massimo-Stipendium in Rom, mit einem Stipendium in Perugia ausgezeichnet, und er engagiert sich bis heute in etlichen Künstlerorganisationen, zu denen vor allem der Deutsche Künstlerbund gehört. Als junger Mensch mit kritischen Ansprüchen lernte er dort unter anderem Erich Heckel und Otto Dix kennen. Dix, der seine radikale Sozialkritik der Vorkriegszeit inzwischen fast vergessen hatte, aber dennoch weiter von seiner „Aufgabe“ als Künstler sprach, wurde von Schmandt in eine offenbar ergebnislose Diskussion gezogen. Die Auseinandersetzung endete damit, dass Dix dem jungen Kollegen mit mächtiger Pranke auf die Schulter schlug und dröhnte: „Jetzt gehen wir erst mal saufen!“

 

„Diese Diskussionsfreude unter Künstlern gab es damals noch, die ist inzwischen auch verloren gegangen, heute redet man nur noch selten und schon gar nicht über Streitpunkte miteinander,“ bedauert Schmandt, „aber im Grunde sind Dix’ Bilder in ihrem sozialkritischen Anspruch ziemlich oberflächlich.“ Man wird  diesen Standpunkt verstehen, wenn man Schmandts Bilder sieht: Sie verweigern sich jedem Hingucker-Effekt, jedem schrillen Auftrumpfen. Man muss sich seinen Bildern vielmehr bedächtig nähern und in sie eindringen, ihnen unter die Haut sehen, denn was sie dem Auge bieten, sind Innenansichten, ist eben das, was unter die Haut geht. Was Schmandts Arbeit und Lebenshaltung prägt, sind die zutiefst verstörenden Erfahrungen der Berliner Jahre, die Erfahrungen, wie Menschen mit Menschen umgehen und wie bedroht man sein kann in seiner innersten Existenz. Seine Bilder sind dunkel, fahl und Zeichen der Zerrissenheit geblieben. Farbe? „Ich bin kein Maler der Farbe“, sagt er, „mit kultivierter ‚peinture’ kann ich nichts anfangen.“ Farbe dient ihm vielmehr als Seziermittel ins Innere von Unmöglichkeiten, es gehört ständiger Mut dazu, sich seiner Gefährdung immer wieder zu stellen, sie zu gestalten und zu bannen. „Es ist das, was mich durchströmt“, sagt er nachdenklich und ganz ohne Sarkasmus.

 


Grafik aus der Serie "Glücksspiele", die 2007 im Alten Rathaus Feudenheim, einem Stadtteil Mannheims, gezeigt wurde. "Im Spiegelbild des Orakels erscheint die Sphinx als frühes Welträtsel, die Chimäre, die Maske, die Scharade, das Ritual des Schicksals. Herausforderung seit unserer Höhlenzeit", schrieb Schmandt über seinen Zyklus. 

Schmandt hat in- und außerhalb der Region unter anderem mit zahlreichen Wand- und Bodenarbeiten in Schulen, Sportanlagen und öffentlichen Gebäuden beeindruckende Spuren hinterlassen. Vielen Bildern sieht man seine Nähe zum Wort an, visuelle Vorstellungen scheinen immer wieder auch durch Sprache ausgelöst zu werden, und Schmandt hat selbst etliche Textveröffentlichungen herausgegeben, immerhin ist er seit 1990 Mitglied des Freien Deutschen Autorenverbandes. Sein jüngstes Projekt ist ein Künstlerbuch, das noch 2009 beim Wunderhorn Verlag in Heidelberg erscheint: „Mit Dir sterben das wäre ein Leben/ Caput Mortuum“ heißt es, und seine Arbeiten darin sind expressive Nachrichten aus dem Inneren menschlicher Köpfe, „Kopfgrafiken“, die von Brieftexten begleitet werden, ohne sie zu illustrieren: „Der Kopf als Zentrum geistiger Macht und Ohnmacht“ sei das Anliegen seiner Grafiken, sagt Schmandt dazu. Die Eindringlichkeit seiner Arbeit, das Eindringen in die unlösbaren Konflikte unter der Oberfläche des Lebens – das geht weiter bei ihm, auch mit 80.

kostenlose counter