Christiane Schlosser


Das Cover des kleinen Kataloges von Christiane Schlossers Ausstellung in der Mannheimer Galerie Peter Zimmermann 2005. Der Umschlag zeigt eine Detailvergrößerung des Acryl-/Ölbildes "zwischen durch orange" aus dem Jahr 2002 und gibt einen Eindruck von der charakteristischen Arbeitsweise der Künstlerin: Auf einer Fläche von 1,50 auf 2,30 Meter bedeckte sie eine orangefarbene Malschicht mit endlosen Zeilen grauer Pinselbahnen - wo sie den Pinsel absetzte, blieb die leuchtende untere Malschicht in Form kleiner Tupfen sichtbar, die das ganze Bild rhythmisieren.

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Fotos auf dieser Seite sind dem Katalog der Galerie Zimmermann 2005 entnommen. "Kunst und Kosmos" dankt der Künstlerin für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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Übersicht Bildende Kunst

28-02-2009

Malerei als Meditation

Bilder und Zeichnungen von Christiane Schlosser

 

Von Christel Heybrock

 

Es scheint auch heute noch Künstler zu geben, die ihr Handwerk mit geradezu klösterlicher Hingabe und Bedingungslosigkeit betreiben. Dass die 1960 im hessischen Viernheim geborene Christiane Schlosser ausgerechnet bei Georg Baselitz studiert hat, jenem Malerstar, dem der Pinsel so flott über die Leinwand rutscht, dass er seine Bilder kopfüber hängen muss, um sie bedeutungsvoll erscheinen zu lassen – dass sie bei dem studiert hat, ist schon erstaunlich. Denn Christiane Schlosser übt Malerei aus als einen sich ständig erneuernden Akt radikaler Konzentration und Klarheit; man kann sich nicht vorstellen, dass sie jemals eine Farbe nur so hingewischt oder eine Bewegung mit dem Pinsel in halber Bewusstlosigkeit vollzogen hätte. Sie scheint im Gegenteil ihre Lebensenergien der Erforschung der Farben verschrieben zu haben, und je schonungsloser und einfacher ihre Arbeitsmethoden anmuten, desto lebendiger strahlen ihre Bilder in den Raum; es ist, als ginge ihre Person völlig in ihnen auf.

 

Christiane Schlosser wurde in den neunziger Jahren bekannt durch Pinguine. Es waren bezaubernde und zugleich kühle Bilder, bei denen die schwarzweißen Vögel lose oder in abstrakten Reihungen über die Leinwände gestreut schienen, und auch Vögel im Flug gaben lange ein Thema ab. Die Mannheimer Galerie Peter Zimmermann zeigte 2005 und 2009 noch einige Beispiele solcher Bilder, bei denen der Betrachter einen Blick in den von Vogelschwärmen bedeckten Himmel assoziiert. Wer genauer hinsieht, erkennt freilich, dass schon damals Vögel nicht abbildlich gemeint sind, sondern nur als feine, geistreiche Pointe in einer Malerei auftauchen, die ganz andere Ziele hat. Die winzigen Flattertiere sind nämlich die sichtbaren Restbestände von Malschichten, die durch andere Farben überdeckt wurden – es sind stehen gebliebene kleine Flecken einer Farbe, die als Kontrast unter der deckenden obersten Schicht liegt.

 

Aus diesem einfachen Vorgang, zwei Kontrastfarben so übereinander zu legen, dass die untere stellenweise noch hervorlugt, machte Christiane Schlosser eine konsequente Methode zur Erkundung der Sprache von Farben und der Wahrnehmungsfähigkeit ihrer Betrachter. Heute deckt sie die untere Farbschicht nicht mehr so zu, dass jene federleichten, fliegenden Streuflecken stehen bleiben, sondern sie arbeitet in horizontalen Zeilen. Versuchen Sie doch mal selber, eine gerade Linie mit freier Hand über eine längere Fläche zu ziehen: irgendwann müssen Sie absetzen, vielleicht mal tief einatmen, das Handgelenk schütteln und den Stift oder Pinsel wieder ansetzen. Dabei entsteht eine Lücke, und die nutzt Christiane Schlosser systematisch für die Rhythmik ihrer Bilder.

 

Das Bild „zwischen durch orange“ von 2002 beispielsweise (Detailvergrößerng auf dem Cover-Foto oben). Orange wurde hier nicht etwa in rhythmischen Tupfen auf grauen Grund gesetzt, sondern Orange ist im Gegenteil die Farbe der tiefer liegenden Malschicht, die von links oben nach rechts unten Zeile für Zeile zugedeckt wird mit Grau, aber so, dass die Zeilen als solche erkennbar bleiben. In jeder Zeile setzte Christiane Schlosser den Pinsel mehrmals ab, ließ einen kleinen Zwischenraum und zog das Grau wieder weiter. Wenn so ein Bild zwanzig, dreißig oder mehr Zeilen hat und die orangefarbenen Zwischenräume nicht alle untereinander, sondern versetzt liegen, hat der Betrachter Mühe, keiner Täuschung zu erliegen: Jeder glaubt zunächst an aufgesetzte Orangetupfen. Erst der Blick aus der Nähe zeigt, dass Orange wie mit kleinen Düsen durch die graue Malschicht durchbricht und dem Bild gerade durch diese Energie sein Vibrieren und Pulsieren verleiht. Dem Betrachter flimmert es nur so vor den Augen – das Bild ist 1,50 Meter hoch und 2,30 Meter lang!

 


Kurze schwarze Balken auf weißem Grund, 1,50 auf 2,30 Meter im Original: "zwischen durch" von 2003. Bei einer solchen Augenverwirrung kann selbst ein guter Scanner nicht mehr ganz mithalten, aber Christiane Schlosser legte auch dieses Werk konsequent in horizontalen Zeilen an.

 

Das Prinzip funktioniert auch mit schmalen schwarzen Balken auf Weiß, die akkurat mit äußerster Disziplin gezogen sind („zwischen durch“ von 2003 mit den gleichen Maßen), es funktioniert mit dem Umspringeffekt der Komplementärfarben Grün auf rotem Grund, mit einem Fest von Rot auf Dunkelblau ... Mitunter legt die Malerin vorher fest, wie viele Lücken sie pro Zeile der Untergrundfarbe lassen will: „orange mit einer Entscheidung pro Zeile“ von 2004 enthält auf einer Malfläche von 35 cm Höhe nicht weniger als 67 Zeilen eng gezogener Linien in Orange, unter denen der weiße Untergrund hervorblitzt. Die Länge der Malfläche ist hier 70 cm; bei Zeilen, in denen die weißen Aussparungen in der Nähe der Seitenkanten liegen, muss die Malerin allein physisch höchste Kontrolle über die Handbewegung behalten, um die Zeilenlänge mit dem Orangepinsel akkurat durchzuziehen. Allerdings setzt Christiane Schlosser bei sehr langen Zeilen ohne Lücke den Pinsel unsichtbar hier und da ab, um immer wieder Farbe aufzunehmen - die Konzentrationsleistung bleibt aber die gleiche. Das Ergebnis: dieses eine Mal hat sie sich ein klitzekleines Bisschen geirrt, was kein Wunder ist, denn auch ihr selber flirren die kleinen weißen Blitze aus dem Untergrund vor den Augen. In Zeile 22 hat sie, völlig versunken in die Anstrengung des Pinselzugs, die Lücke (die "Entscheidung", wie sie es nennt) vergessen ...

 


"orange mit einer Entscheidung pro Zeile" von 2004. Auf jeder der 67 Zeilen setzte die Künstlerin den Pinsel einmal ab und ließ den weißen Grund frei. Auf Zeile 22 freilich hat sie es vergessen ... dieses eine, einzige Mal.

 

Mittlerweile greift sie in ihrem System immer weiter aus. 2004 entstand auf 1,25 Meter Länge „Grünes mit schrägen Entscheidungen“, ein Bild, das von Weitem wie tanzende Staubfädchen über einer Wiese aussieht. Aus der Nähe zeigt sich, dass die helle Grundfarbe der Fädchen mit Grün zugedeckt wurde bis auf eben diese schmalen, kurzen Linien (!), die noch dazu alle in verschiedenen Richtungen schräg stehen. Um so etwas zu malen, braucht man mit Augen, Hand und Hirn perfekte Selbstkontrolle; an einem Tag, an dem man mal schlecht drauf ist, sollte man lieber spazieren gehen statt ins Atelier. Einen ganz anderen Arbeitsrhythmus probierte Christiane Schlosser dagegen mit „Dunkelgrün auf Rot“ aus (2004, Hochformat 2 Meter x 1,80 Meter). Da zog sie die Zeilen der deckenden Farbschicht nicht horizontal wie beim Schreiben, sondern vertikal von oben nach unten. So unpersönlich und handschriftslos die Malerei Christiane Schlossers auf den ersten Blick anmutet, so sehr tragen doch feinste Unregelmäßigkeiten und die mit dem  Nahblick erfassbaren Pinselbewegungen zur lebendigen Aussage ihrer Bilder bei. Kein Wunder also, dass das vertikal angelegte Bild die Vielzahl von oben nach unten gezogener Grünbahnen erkennen lässt – und von den schmalen, natürlicherweise quer liegenden Rotstreifen, die das Grün frei ließ, entscheidend geprägt wird.

 

Aber Christiane Schlosser kann es noch besser. Natürlich zeichnet sie auch, Zeichnen ist für sie offenbar Malerei mit Bleistift und Papier. Auch mit dem Bleistift lassen sich ja Linien ziehen – aber was ist da mit den Lücken? Zwar lässt sich das Papierweiß auch mit dem Stift überzeugend und Lücken gebend zudecken, wie schöne Blätter von 2006 beweisen. Aber grundsätzlich malt der Stift Linien auf, statt gezielte Freiräume zu lassen, was die Künstlerin zu einer Umkehrung veranlasste: Bei diesen Blättern hebt sie den Stift nicht ab, sondern verdichtet im Gegenteil den Strich, wenn sie die Hand etwas ruhen lässt. Ein solches Blatt („eben“) im kleinen Format 17,4 x 24,8 cm gibt es bereits 2001. Bei Zimmermann war 2009 eine atemberaubende Arbeit von 2008 zu sehen - 1,30 auf  2 Meter, bedeckt von eng gezogenen horizontalen Bleistiftlinien, Zeile für Zeile zwei Meter lang ohne abzusetzen, nur mit Strichverdichtungen als Notwendigkeit gegen die Ermüdung der Hand und als atmender, pulsierender Rhythmus auf dem Papier. Das Flirren von Linien und ihren rhythmischen Verdichtungen erinnert an naturhafte, kosmische Phänomene wie zitternde Reflexe in der Luft oder kleine Wellen auf einer windgekräuselten Wasserfläche. Aber eine Strafarbeit ist ein Zuckerschlecken gegen solche Herausforderungen: hier wird Kunst zur Meditation für den Ausübenden, zur partiellen psychophysischen Selbstaufgabe.

 


Eine charakteristische "Naturstudie" von Christiane Schlosser, hier nicht auf Papier, sondern als Wandzeichnung in Berlin. Das Foto zeigt ein Detail aus der 2003 entstandenen Arbeit, die im Original 3,50 mal 6,50 Meter misst. Auf Schloss Balmoral in Bad Ems hinterließ sie 2006 eine ähnliche "Naturstudie" auf einer 4 mal 4 Meter großen Wand.

 

Zu den Zeichnungen gehören aber noch völlig andere, nicht minder Augen verwirrende Schöpfungen. „Naturstudien“ nennt Christiane Schlosser Blätter, auf denen eine einzige, pflanzenartige Ranke sich so übers Papier schlängelt, dass es völlig von Kurven und Schlingen bedeckt ist. Anfang und Ende des Liniengewirrs wird man vergeblich suchen, es ist, als sei dieses feine Gestrüpp aus sich selbst heraus gewachsen. Im Jahr 2006 hatte die Malerin ein Stipendium im rheinland-pfälzischen Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems – das im Sommer landschaftlich reizvolle, aber ansonsten recht ereignislose Nest scheint ihre spartanische Selbstdisziplin noch verstärkt zu haben. Jedenfalls hinterließ sie (unter anderem) im Schloss eine Wandzeichnung, für deren Beschreibung Wörter nicht mehr ausreichen: Vom Boden bis zur Decke, auf einer Fläche von 16 Quadratmetern, zieht sich als „Naturstudie“ ein anfangs- und endloses blaues Schlinggewächs, in dem der Blick sich heillos verliert. Unerfindlich, wie Christiane Schlosser diese Arbeit gefertigt, wie sie ihr standgehalten hat, aber eine ähnliche Wandzeichnung realisierte sie bereits 2003 in Berlin: 3,50 mal 6,50 Meter!

 

So verwirrend ihre „Naturstudien“, so klar und systematisch ein anderer Zyklus, den sie ebenfalls als Wandinstallation auf Schloss Balmoral fertigte: Die 57 „Roten Blätter“ gehören zum Umkreis des Themas „ermessen“, bei dem sich aus vertikalen Linien Stufe für Stufe Diagonalen abspalten und schließlich die Malfläche beherrschen. Bei den 57 Blättern aus Bad Ems entsteht dabei der Eindruck einer zunehmenden fiktiven Ausschnittsvergrößerung – aus den vielen engen Parallellinien bleiben auf den letzten Blättern nur noch wenige, sehr schräg gegeneinander laufende übrig. Man muss wohl nicht betonen, dass auch diese Linien nicht in Weiß über eine rote Fläche gezogen wurden, sondern dass die rote Fläche das darunter liegende Weiß bis auf eben solche Linien zudeckt.

 

Bei allen Arbeiten Christiane Schlossers ist der sinnliche Eindruck für den Betrachter überwältigend. Sie erkundet malend nicht zuletzt das Verhalten von Farben, die einander in leuchtenden Kontrasten verstärken, wobei die untere Malschicht jedes Mal wie unter Druck durch die kleinen Öffnungen der deckenden Kontrastfarbe hervorbricht. Christiane Schlossers Malerei ist eine Balance aus Leidenschaft und deren Zähmung, aus Erkenntnissucht und atemlosem Vorwärtsdrängen – und eine Herausforderung für den Betrachter.

 

Info:

- Galerie Peter Zimmermann, Leibnizstraße 20, 68165 Mannheim, Katalog 2005, 32 Seiten, 15 Euro, Tel. 0621-419031, www.galerie-zimmermann.de

Seit 2009 wird Christiane Schlosser nicht mehr von Peter Zimmermann vertreten, sondern von der Frankfurter Galerie Olschewski & Behm, www.olschewski-behm.com  

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