Bernhard Sandfort
"Paarbilder"

 


Eines der 2006 entstandenen "Paarbilder" von Bernhard Sandfort. Das dunkelblaue Mittelquadrat, das die beiden Bildteile verklammert, gibt diese Funktion an ein gelbes, rotes, orangefarbenens und sogar an das schwarze Quadrat ab, sobald die beiden Teilbilder anders zusammengelegt (oder -gehängt) werden.

 


Und so kann das funktionieren: Das "Paarbild" mit blauem Grund wird hier in drei Varianten gezeigt. Mal bildet das weiße Quadrat die Verbindung der beiden Teilbilder (Mitte), mal das grüne Quadrat (oben) und mal das rote. Auch Gelb und Hellblau könnten bei entsprechender Drehung das Paar zusammenhalten.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/SandfortPaare.html

Die Fotos wurden dem Ausstellungskatalog 2006 der Fruchthalle Rastatt entnommen (mit freundlicher Genehmigung von Bernhard Sandfort)

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28-12-2006

Bindungen, Lösungen, Variationen

Die konstruktivistischen „Paarbilder“ von Bernhard Sandfort

 

Christel Heybrock 

 

Man hält das ja kaum für möglich – Bernhard Sandfort, Opfer eines schweren Schlaganfalls im Jahr 2002, malt wieder. Er malt wieder seine präzisen, von der Logik des Quadrats einerseits und vom Zufallsprinzip andererseits geprägten Bilder, und zeigt sie – auch dies fast ein Wunder – wieder in seiner angestammten Produzentengalerie, dem Mannheimer Augenladen. Das bedeutet für den Siebzigjährigen (er ist Jahrgang 1936) nicht zuletzt auch eine großartige physische Leistung: Die penible Hängung an den eigenen vier Wänden ließ er sich noch nie abnehmen, und durch den dauerhaft beeinträchtigten, fast gelähmten linken Arm lässt er sich nicht entmutigen – er nutzt ihn (zugleich ist das eine Muskeltherapie) zum Festhalten der Bilder, die er nun am Tisch statt wie früher an der schräg gestellten Arbeitsfläche malt.

 

Seit 2005 sind so eine Reihe charakteristischer Sandfort-Werke entstanden, zwar kleiner im Format (allerdings gab es Formate wie 30 x 30 cm oder 40 x 40 cm auch früher gelegentlich) und nicht mehr kombinierbar zu den großen, „Metastatischen Bildsystemen“, bei denen 16 Teilquadrate in variabler Hängung je ein wandfüllendes Ensemble ergaben. Aber dass Quadrate in zufälligen Kippwinkeln und unkalkulierter Freiheit auf die Bildfläche finden und sich zugleich überraschend aufeinander beziehen, das ist bei Bernhard Sandfort wie eh und je. Und wie eh und je bezieht auch er sich auf seine Umwelt, sieht er sich in freier, schöner Zufälligkeit integriert in soziale Zusammenhänge, indem er nämlich für jeden Straßenpassanten bei der Arbeit sichtbar ist: Der Augenladen war vor Jahrzehnten, bevor Sandfort ihn 1970 zum Atelier und Präsentationsraum machte, ein Waschsalon mit Riesenschaufenster.

 

„Paare“ nennt er die neuen Bilder, von denen mehrere Beispiele bereits von Juli bis Oktober 2006 in der Städtischen Galerie Fruchthalle zu Rastatt ausgestellt waren. „Es ist ganz einfach“, betont Sandfort im Augenladen und zeigt, wie er es macht: Auf dem Tisch liegen zwei gleich große, halb fertige Bilder Mittelkante an Mittelkante nebeneinander, jedes 30 x 30 cm. Sandfort nimmt eine kleine Quadratschablone aus Pappe, wirft sie irgendwie in die Mitte des Doppelbildes – und nimmt den Winkel, in dem die Schablone zufällig die beiden Bildkanten überschneidet, als gegeben hin. Just so wird auch das gemalte Quadrat die beiden Teilbilder schneiden, und damit die Kanten der farbigen, gemalten Quadrate auch völlig gerade und sauber verlaufen, werden entsprechende Partien mit Klebestreifen abgedeckt. Das gleiche Spiel bei weiteren Quadraten in gleicher Größe, die später einander überschneidend und scheinbar ineinander verhakt über die Doppelleinwand purzeln werden.

 

Ja, einfach scheint es – für Sandfort, der seit Jahrzehnten mit Quadraten, Streifen und Farben arbeitet. Was der Betrachter aus solchen „Paarbildern“ ersieht, ist ebenso simpel wie vertrackt. Stets ist es ein geschlossenes Quadrat, das die beiden Teilbilder in der Mitte verklammert, während drum herum alle andern Quadrate in chaotischer Bewegung scheinen und in verschiedenen Stadien angeschnitten sind. Von manchen sieht man nur eine kleine Ecke. Aber die Farben auf dem einen Teilbild tauchen stets auf dem andern wieder auf, ein Eckchen weißes Quadrat entspricht auf dem Nachbarbild einem größeren Teil eines weißen Quadrats, und wenn ein rotes Quadrat zu einem Viertel an der Seitenkante eines Teilbildes herumhampelt, taucht ein größeres Teil eines roten Quadrats womöglich an der Oberkante des Nachbarbildes auf. Aber egal, was passiert und wie heftig sich rote, grüne, gelbe, blaue Quadrate auf ihren Teilbildern tummeln – in der Mitte herrscht relative Ruhe, da verbindet ein einziges vollständiges Quadrat alle Teile miteinander und muss dabei nicht einmal parallel zu den Bildkanten stehen, sondern kann ruhig selber gekippt, auf der Spitze oder asymmetrisch zur Mittelkante der beiden Bildflächen liegen. Nur zum geschlossenen Quadrat muss es sich über die Mitte hinweg fügen.

 

So weit, so einfach. Aber Sandfort hat bereits vor Jahrzehnten bewusst jede zentrierte „Komposition“ aufgegeben und hinter sich gelassen, was Charakteristikum der abendländischen Malerei war: Ein Gemälde muss einen Horizont, eine Mitte, ein Oben und Unten haben, eine kompositorische Ordnung, auf die sich alle Teile beziehen. Seit 1969, so heißt es im schmalen Katalog der Ausstellung in Rastatt, weigere Sandfort sich, „die Horizontale  als Basis der Bildkonstruktion“ weiter zu benutzen. Dagegen habe er ein System entwickelt, „das sich auf keinen Anfang und kein Ende, auf kein Oben und Unten und auf keine Mitte bezieht“. Hat er die potentielle Unendlichkeit seiner metastatischen Bildsysteme denn plötzlich aufgegeben und zurück zur Tradition gefunden, zur Mitte als stabilisierendem Element? Das kann, wer will, von diesem Mann erwarten – aber so funktioniert er natürlich nicht. Und der Kick bei seinen „Paarbildern“ besteht zwar einerseits in der zentralen Verklammerung, aber andererseits in der Variabilität der Hängung.

 

Man kann jedes Teilbild auf den Kopf, auf die Seitenkanten stellen, hängen oder legen und in jeder beliebigen Position das Nachbarbild daran fügen – sobald die beiden Mittelkanten einander berühren, ist „zufällig“ immer irgendein Quadrat da, das die Mitte verklammert und sich aus zuvor zerschnittenen Teilen wundersam zusammenfügt. Jedes einzelne Farbquadrat, das da gleichsam zerhackt über die beiden Teilbilder gestreut wurde, kann bei entsprechender Drehung diese Funktion übernehmen, so dass ein „Paarbild“ mal von Grün, mal von Rot, Gelb oder Blau zusammengehalten wird, während die anderen Farben dann scheinbar chaotisch über die beiden Bildflächen tanzen. Dieses Prinzip, bei dem der Zufall systematisch in die Bildordnung eingearbeitet wurde, ergibt nicht nur eine spielerische Arbeit des Sehens und einen Genuss für den Betrachter, es vermittelt auch eine inspirierende Freiheit und Vielfalt von Möglichkeiten. Sandfort, der früher den Winkel, den ein Farbstreifen zur Bildkante einnahm, beispielsweise durch den Wurf  eines Streichhölzchens festlegte und als zähmende Instanz all dieser endlosen Möglichkeiten stets die strenge Logik des Quadrats nutzt, verfolgt mit den „Paarbildern“ das gleiche Ziel: Die Paare halten zusammen, aber sie sind gleichsam Ausschnitte einer unendlichen, niemals zu erfassenden Gesamtheit.

 

Und es kommt eine Komponente hinzu, die für den Konstruktivisten Sandfort ebenso bedeutsam ist: Seine Bilder, so „abstrakt“ sie sein mögen, spiegeln stets das menschliche Leben, spiegeln unser aller chaotische Bewegungen, unsere Abhängigkeiten, unsere sozialen Bindungen, aber auch das Zerbrechen von Zusammenhängen und die Suche nach neuen passenden Übereinstimmungen. Ein Quadrat, das zwei Teilbilder optisch zusammenhält und sich behauptet gegen das Chaos von Kollegen, die nur teilweise präsent sind, kommt einer menschlichen Bindung gleich, deren zentrale Bedeutung im Gefüge von lockeren Freundschaften und Bekanntschaften für eine überschaubare, geordnete Lebensstruktur sorgt. Das Paar, zentral verbunden, findet in dieser Urform einer menschlichen Beziehung seine Lebensmitte.

 

Aber sobald einer der Partner die Richtung wechselt und sich wegdreht, zerbricht die Bindung – und in der Fülle von Möglichkeiten können andere Bindungen eine neue Stabilität herstellen, es sind unerschöpfliche Varianten denkbar. Nur stellt sich im sozialen Leben eine Frage, die Sandfort auf den Paarbildern bereits beantwortet hat: Passen die neuen Partner auch zusammen? Auf seinen Bildern fügt sich der Teil eines roten Quadrats nur mit einem andern roten Teil zusammen, Grün nur mit Grün, Blau nur mit Blau. Kein einziges, als zentrale Klammer fungierendes Quadrat setzt sich aus verschiedenen Farben zusammen, aber rechts und links, oben und unten können anders farbige Quadrate sich in die Zentralform eingehängt haben und ihrerseits zu neuen Verbindungen fähig sein. Es gibt unendliche Chancen für Bindungen und Lösungen, und man könnte Stunden lang darüber nachdenken, indem man diese Bilder sieht, die von Bindungen handeln und doch das Sehen frei lassen.

 

Info:

- „1 + 1 = 1“, Paarbilder von Bernhard Sandfort, Augenladen, Heinrich-Lanz-Straße 29, 68165 Mannheim, vom 24. November 2006 bis 11. Januar 2007, Tel. 0621-406729

- Bernhard Sandfort, „Malerei 1958 – 2006“, Städtische Galerie Fruchthalle, Rastatt, Kaiserstraße 48, vom 21. Juli bis 15. Oktober 2006, Katalog 12 Euro, ISBN 3-937295-57-7, www.rastatt.de

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