Bernhard Sandfort
Metastatische Bildsysteme


Maler Bernhard Sandfort im Mannheimer Augenladen vor der 16teiligen Bildwand in seiner Ausstellung "Zentrum und Peripherie".Versteckt hinter einem Gewirr von Streifen in jeweils sechs Farben, lässt sich ein über den weißen Hintergrund "wanderndes" schwarzes Quadrat herauslesen.


Auswahl kleiner quadratischer Bilder, auf denen sich Farbquadrate jeweils in ein zentrales Quadratfeld einhaken. Sandforts Bilder sind nicht nur Beispiele konsequent konstruktivistischer Malerei, sondern sie spiegeln auch das soziale Geflecht menschlichen Lebens.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Sandfort.html

Fotos von Manfred Rinderspacher, Reproduktion mit freundlicher Genehmigung von Künstler und Fotograf

Sitemap
Übersicht Bildende Kunst

Mehr von Bernhard Sandfort:

"Permutation aus den fünf Grundfarben" 1961-1966
"Paarbilder" 2006 von Bernhard Sandfort
"Sehwege" von Bernhard Sandfort

24-12-2004
Update 06-02-2010

Beziehungen, in denen es drunter und drüber geht

Maler Bernhard Sandfort sorgt für heftige Kontakte von Farben, Streifen und Quadraten

 

Von Christel Heybrock 

 

Seine Galerie heißt  „Augenladen”, und wer das für ein Optikergeschäft hält, wie es ahnungslosen Leuten immer wieder passiert ist, der liegt gar nicht so falsch, denn Sehhilfen gibt’s bei Bernhard Sandfort (geboren 1936 in Köln) jede Menge, bloß Brillen natürlich keine. Sehen nämlich hilft Sandfort seinen Besuchern höchstpersönlich durch Gespräche, bei denen man ziemlich gefordert wird. Wer die paar Stufen zum Augenladen in der Mannheimer Innenstadt erklommen hat, betritt eigentlich einen ehemaligen Waschsalon, den Sandfort 1970 zur „Produzentengalerie“ umfunktionierte – das bedeutet, dass er nicht nur seine eigenen Bilder hier ausstellt (die übrigens längst auch Eingang in die Museen gefunden haben), sondern ebenso seine sozialen Konzepte realisiert hat, was freilich eine Weile her ist, aber prinzipiell zu den zentralen Anliegen des Meisters gehört. Kunst als sozialer Anspruch?

 

Ja, auch das lernt man bei ihm, indem man Sehen lernt. Man reißt die Tür auf und steht vor einer atemberaubenden Wand. Es flirrt und flimmert einem vorm Gesicht, hektisch purzeln Farben durcheinander, in dem Chaos aus Rot, Grün, Gelb, Orange und weiß der Teufel was noch, geht einem jede Orientierung verloren. Sandfort sitzt derweil am Tisch, bietet einem Gott sei Dank einen Stuhl an und freut sich auf kluge Erkenntnisse. Keine Orientierung mehr? Aber es ist doch alles ganz klar und durchschaubar, sehen Sie denn das schwarze Quadrat nicht? Nicht immer gibt es ein schwarzes Quadrat bei ihm, wohl aber gibt es immer Quadrate, ohne Quadrat geht nichts, und wenn man das schon mal herausgefunden hat, steht man auf beruhigend solider Basis.

 

Dieses Mal gibt es tatsächlich ein schwarzes Quadrat, das freilich unter dem Ansturm von Farben fast verschwindet: Sandfort hat noch einmal eine Ausstellung mit bisher nie gezeigten Bildern organisiert, das Thema heißt „Zentrum und Peripherie“, und die Bilder stammen aus den Jahren 1992 bis 2002. Das Jahr 2002 hatte eine besondere Bedeutung für ihn: Zum einen veranstaltete das Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, das sonst wenig Ehrgeiz für regionale Künstler hat, eine große Sandfort-Retrospektive – zum andern erlitt Sandfort nach der Ausstellung einen Schlaganfall, der ihm seither das Malen unmöglich macht: Expressive Pinselgesten oder Gefühlsausbrüche gibt’s ja nicht bei ihm, er hat stets mit Pinsel und Lineal so akkurat seine Linien gezogen, dass man die „Handarbeit“ gar nicht mehr erkennt, und diese fast übermenschliche Präzision, die geht nun nicht mehr. (Seit 2005 wird sie allerdings in kleinen "Paarbildern" von Sandfort zäh zurückerobert).

 

Sei’s drum, da ist die große Wand mit dem Farbenchaos. Ein riesengroßes Quadrat. Und das besteht aus 16 kleinen Quadraten, die genau zu je vier in eine Reihe passen. In jedem der 16 kleinen Quadrate nun spielt sich förmlich ein Drama ab. Auf weißem Grund erscheint tatsächlich ein schwarzes Quadrat als eine hinter den Farben verborgene Kontinuität. Mal sitzt es fast in der Mitte, mal an der rechten, dann näher an der linken Kante, mal eher oben oder eher unten, und es ginge nicht mit rechten Dingen zu, wenn Sandfort auf den 16 Teilbildern die jeweilige Position des schwarzen Quadrats nicht „ausgewürfelt“ hätte. So unerbittlich genau er nämlich festlegt: 16 Quadrate – weiße Grundflächen – darauf schwarzes Quadrat (übrigens mit dem gleichen Flächenvolumen wie der weiße Grund) – und darauf wiederum 6 Farben ... so genau und kühl er das festlegt, für das chaotische Gepurzel und die „Wanderungen“ des schwarzen Quadrats sorgt nicht er selbst, sondern der Zufall. Zwei radikal entgegengesetzte Systeme finden so bei Sandfort immer neu zusammen.

 

Blickfang ist natürlich das Gewusel von sechs Farben, die alle in gleich breiten Streifen auftreten und in jedem Teilbild auch noch doppelt. Es sind die drei klassischen konstruktivistischen Grundfarben Rot, Blau, Gelb plus ihre durch Mischung erzeugten Varianten Grün, Orange, Violett. Ob nun ein Streifen Orange sich unter einem Grün durchschiebt oder von einem Rot geschnitten wird, ob Blau aus der linken oberen Ecke ins Bild schießt oder Violett sich in Gelb verheddert – das hat Sandfort dem Zufall überlassen, der bei kaum einem konstruktivistischen Maler so systematisch eingesetzt wird wie bei ihm. Er hat die Winkel ausgewürfelt, in denen die Farbstreifen über die Bildfläche purzeln, er hat die Überlagerungen der Streifen ausgewürfelt. So nennt man das, bei Sandfort geht es freilich so: Er wirft ein Streichholz in die Luft, und so, wie es hinfällt, wird der Streifen platziert. „Es ist wie im wirklichen Leben,“ erläutert Sandfort, „Menschen begegnen sich, ihre Zielrichtungen, ihre Bewegungen überschneiden sich vor einem scheinbar stabilen, aber sich kaum merklich verändernden Hintergrund, und ob jemand einen ganz großen, zentralen Auftritt hat oder in einer Ecke fast verschwindet, das hängt immer wieder vom Zufall ab.“

 

„Abstrakte“ Malerei als Spiegel der menschlichen Gesellschaft, als Energiepotential, in dem es genau so drunter und drüber geht wie in der Familie, im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz? Wem das doch ziemlich fremd scheint, hat Gelegenheit, weitere kleine Bilder (Kantenlänge stets 30 x 30 Zentimeter) an den andern Wänden zu untersuchen. Die stehen jeweils für sich allein, handeln aber das selbe Thema „Zentrum und Peripherie“ ab. Hier bleibt ein Quadrat beharrlich in der Mitte, während sich andere drum herum legen. Genau so groß und jeweils von derselben Art (mal bestehen sie aus voller Fläche, mal aus Streifen, mal aus Rahmenformen), hängen sich die dezentralen Quadrate in das mittlere und in die Kanten ihrer Nachbarn ein, schieben sich ineinander, untereinander, übereinander, bleiben möglichst eng beisammen oder streben voneinander weg – ein sich immer von neuem bildendes soziales Gefüge, dessen Varianten unerschöpflich scheinen.

 

Dass der Augenladen in den siebziger, achtziger Jahren soziale Beziehungen nicht nur in gemalter, sondern auch in verbaler Form präsentiert hat, beweist, wie umfassend Bernhard Sandfort sein künstlerisches Konzept anlegte: Er erfand ein „Museum der Fragen“, indem er Menschen wie du und ich aufforderte, sich Gedanken zu machen über so grundsätzliche Dinge wie: „Woran merken Sie, dass Sie in der Bundesrepublik in einer Demokratie leben?“ oder „Was ist Freiheit?“ Sandfort stellte Fragen zum Thema Gewalt, er mischte sich ein und forderte auf zum Sicheinmischen als einer demokratischen Grundpflicht der Bürger. Viele Fragen erzeugten eine Flut neuer Fragen in der Bevölkerung, aber auch Antworten von überraschender Poesie. „Freiheit ist wie ein Vogel sein“, schrieb ihm jemand. Dass das Mannheimer Kulturamt die Frage nach der Freiheit mit „Freizeit“ verwechselte und eine Statistik des Freizeitverhaltens der Mannheimer Bürger einschickte – es war eine unerwartete Pointe, die dem Unternehmen auch einen komischen Aspekt hinzufügte. Das „Museum der Fragen“ trat zum letzten Mal in der Ludwigshafener Ausstellung 2002 in Erscheinung. Es scheint niemand zu geben, der es fortsetzt, und so konsequent wie Sandfort könnte das auch keiner.

 

Infos:

Augenladen, Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29, „Zentrum und Peripherie“, Bilder 1992-2002 von Bernhard Sandfort, 5. November bis 22. Dezember 2004, Montag bis Donnerstag 14-18 Uhr, Tel. 0621-406729

 

Ausstellungen und Ankäufe:

 

- Das Museum Ritter in Waldenbuch (Sammlung Marli Hoppe-Ritter) erwarb im Jahr 2009 das sechzehnteilige Bildsystem "Sechzehn und eine Farbe" von 1990. Das Werk ist dort Teil der Ausstellung "Hommage an das Quadrat" (vom 17. Oktober 2009 bis 11. April 2010):

 

Wandfüllende, verwirrende Herrlichkeit: ein Quadrat aus 16 Teilquadraten und 16 Farben plus einer Farbe, die alle Bilder senkrecht schneidet: Genau hingucken, der orangefarbene schmale Streifen wird oft überdeckt. Das Bildsystem "Sechzehn und eine Farbe" aus dem Jahr 2000 gehört der Sammlung Marli Hoppe-Ritter (Ritter Schokolade!) und ist dort im Rahmen der Schau "Hommage an das Quadrat" bis 11. April 2010 ausgestellt (in 71111 Waldenbuch, Alfred-Ritter-Straße 27, www.museum-ritter.de).
Foto: Museum Ritter

 

- Bernhard Sandfort zeigt im Augenladen "Sehwege 2" im Dezember 2009 (20. November bis 18. Dezember). In der Schau werden alle "Sehwege" zusammengefasst, die zwischen 2006 und 2009 entstanden (68165 Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29, www.bernhardsandfort.de).

 

- Die Galerie Linde Hollinger in Ladenburg (Rheingaustraße 34) zeigt eine Retrospektive mit dem Akzent auf Sandforts Frühwerk seit 1961. Erstmals außerhalb des Augenladens ist dort auch eine Installation mit den seit 2007 entstandenen "Sehwegen" zu sehen (vom 2. Mai bis 13. Juni 2010, www.galerielindehollinger.de)

- Zum Andenken an den Philosophen Max Bense (1909-1990) veranstaltet das Medienmuseum im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) die Schau "Bense und die Künste" (7. Februar bis 11. April 2010, Lorenzstraße 19). Zu den  mehr als 50 Teilnehmern gehört außer Max Bill, Oskar Holweck, Diter Rot und anderen Avantgardisten der Sechziger Jahre auch Bernhard Sandfort (www.maxbense100.de).

kostenlose counter