Bernhard Sandfort
Bilderserie "Sehwege"

"Sehwege" mit Blau

Zwei Beispiele aus der 2007 entstandenen Bilderserie "Sehwege" von Bernhard Sandfort. Auf einer immer weißen Quadratfläche verläuft ein schwarzer Balken immer senkrecht (was sich durch eine andere Hängung aber modifizieren ließe). Wie weit der Balken von den Kanten entfernt ist, wechselt von Bild zu Bild. Ein gleich breiter Farbbalken (hier Blau, es gibt aber auch Bilder in Rot und Gelb) liegt mal schräg darüber, mal schräg unter dem Schwarz - auch der Winkel des Farbbalkens zur Kante wechselt von Bild zu Bild. Sandfort, mittlerweile 71, könnte "unendlich" viele solcher Bilder malen, die sich aus dem Zusammenspiel von Logik und Zufall speisen. Jedes Bild stellt damit einen kleinen Ausschnitt aus der Unendlichkeit dar. Fotos: hey


Und so kann ein Ensemble auf der Wand in Bernhard Sandforts "Augenladen" aussehen. Die dichte Hängung Kante an Kante muss nicht sein, und die Bilder lassen sich auch nach Farben gruppieren. Sandfort (sitzend im Vordergrund) hat hier zwei blaue Bilder in die rote Gruppe hinein gehängt. Foto: Kike (Copyright)


Ausstellung "Sehwege 2" Dezember 2009: Der Meister hat unentwegt weiter gemalt und seine Wände gefüllt (nicht zu sehen Bilder, die bereits ihre Liebhaber fanden). Die weißen Quadrate mit dem senkrechten schwarzen Balken, der von anderen Farben umspielt wird, ließen sich wohl unendlich variieren. Foto: Kike (Copyright)


Ausstellung "Sehwege 3" Dezember 2010: Bernhard Sandfort, unentwegt am Malen, füllt weiter seine Wände im Augenladen und bekommt auch immer mal neuen Platz, weil Bilder aus der Serie verkauft werden. Rechts neben der Tür sowie an anderen Wänden des Augenladens gehen die "Sehwege" natürlich weiter. Dass Sandfort zwischen seinen Werken fast wie ein Schwimmer an der Brandung auftaucht, ist unversehens Symbol seines Lebens, in dem er von Bilderwogen getragen wird. Seinen Atelier- und Ausstellungsraum bezeichnete er als "Inspirationsraum, in dem Veränderbares möglich und verboten ist" - verboten bei den "Sehwegen" wäre eine Winkel-Veränderung des immer senkrechten schwarzen Balkens, während die möglichen Veränderungen durch die Farbbalken realisiert werden, deren Kippwinkel per Streichholzwurf ausgelost werden. Neu bei "Sehwege 3" ist die Verwendung auch von Mischfarben.
Foto: Kike (Copyright)

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"Kunst und Kosmos" dankt Kike und Bernhard Sandfort für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion. Copyright Bernhard Sandfort

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09-12-2007
Update 14-01-2011

Wenn Farben sich treffen im unendlichen Raum

„Sehwege“ – eine Bilderserie von Bernhard Sandfort über die elementare Einfachheit von Linie, Farbe, Quadrat

 

Von Christel Heybrock

 

Plötzlich ist alles einfach. Keine dicht gesponnenen Netze aus Farbstreifen irisieren mehr vor den Augen verwirrter Betrachter. Im „Augenladen“, der Produzentengalerie des konstruktivistischen Malers Bernhard Sandfort, erfährt vielmehr das Basismaterial der Malerei eine neue, zwanglose Freiheit an den Wänden – es ist zugleich das Basismaterial des Sehens: weiße Quadratflächen, darauf je ein schwarzer Balken und je ein roter, blauer oder gelber Balken. Nichts sonst. Schwarz und Weiß plus eine der drei Grundfarben.

 

„Die großen Bildsysteme kann ich ja nicht mehr malen“, sagt Bernhard Sandfort nüchtern und spielt damit auf den Schlaganfall an, der vor Jahren einen Bruch in seiner künstlerischen Arbeit herbeiführte. „Aber die kleinen Bilder mit den überschaubaren Farben ... die könnte ich endlos weiter malen, und die Leute mögen gerade die!“ Ob es wirklich nur die bleibenden physischen Beeinträchtigungen sind, die den 71-Jährigen zu der neuen Werkgruppe veranlassten, oder doch das Bedürfnis, nach Jahrzehnten malender Erforschung von Logik und Zufall noch einmal Grundlagen zu reflektieren? Nachzudenken beispielsweise über die Frage, wie Farben und Linien, zwanglos eingebunden ins Quadrat, sich zueinander beziehen. Oder wie variabel Bildflächen sich hängen lassen, ohne dass übergreifende Zusammenhänge verloren gehen. Oder mit welcher fundamentalen Einfachheit sich der Zufall als Gegenpart der Logik behauptet.

 

„Sehwege“ – das sind Bilder, deren Logik festgelegt wurde durch die immer gleichen Proportionen quadratischer weißer Bildflächen, es gibt größere Bilder mit den Kanten 30 x 30 Zentimeter, und es gibt die kleineren Formate mit den 20 x 20 Zentimeter Kantenlängen. Was sich aber auf den Bildern abspielt, bleibt zwar der Logik des Quadrats eingeschrieben, entstand und entsteht jedoch aus dem Zufall: Der schwarze Balken (die Hängung sollte ihn stets in vertikaler Richtung halten) stabilisiert keineswegs nur die Mitte, wie man es früher oft bei Sandforts großen metastatischen Bildsystemen erlebte,  sondern er „wandert“ jetzt von Bild zu Bild mal zu der einen Seitenkante, mal zur andern, mal wird er gar von der Kante angeschnitten, und es kommt auch vor, dass er sich bis auf einen schmalen Rest ganz aus dem Bild zurückzieht. Dieses Verhalten wird keineswegs von Sandfort gesteuert, sondern es ist gezielter Zufall. Zufall als integriertes System, kaum ein Konstruktivist hat das so konsequent in seiner Arbeit verfolgt wie Bernhard Sandfort. Und was da so kompliziert klingt, kann einfacher kaum sein. „Wenn ich ein 20 x 20 – Format bearbeite“, erklärt der Meister, „nehme ich einfach 20 nummerierte Zettel und ziehe bei jedem Bild blind einen hervor. Wenn ich zum Beispiel den Zettel 18 ziehe, male ich den schwarzen Balken eben 18 Zentimeter vom linken Bildrand entfernt.“

 

Hinzu kommt dann ein fast immer schräg laufender, gleich breiter Balken in Rot, Gelb oder Blau, und warum er schräg übers Bild läuft – nun, das ist eine alte Technik bei Sandfort, die ebenfalls den Zufall voraussetzt, in diesem Fall ein Streichholz: Das wirft er über der Bildfläche (beziehungsweise einer Schablone) hoch, und just in dem Winkel, in dem es auf die Fläche fällt, malt er dann den Farbbalken aufs Bild. Den Begriff „Zu-fall“ kann man kaum je so wörtlich nehmen wie hier. Bei dem ganzen Verfahren geht es natürlich nicht darum, dass ein Maler es sich hier so einfach wie möglich macht, sondern um das Gegeneinander- und Zusammenwirken zweier Grundprinzipien, bei denen der Künstler seine individuellen Entscheidungen ausklammern muss: eben Logik und Zufall, den Prinzipien, denen das menschliche Zusammenleben, die Naturgesetze und wahrscheinlich das Universum  unterworfen sind. Bei den neuen „Sehwegen“ stellt sich daher beim Betrachter die gleiche Erkenntnis her wie auf Sandforts früheren Bildern. Dass sie nämlich kein Oben und Unten, kein Rechts und Links haben, sondern wie „zufällige“ Details aus einem unendlichen Zusammenhang auftreten – mit andern Worten, sie sind ebenso metastatisch wie die 16-teiligen Riesensysteme, die einst im Augenladen jeweils eine komplette Wand einnahmen.

 

Wurden die Teilbilder jener großen Systeme zwar variabel in der Reihenfolge, aber stets dicht Kante an Kante gehängt, so verteilt Sandfort die Bilder der „Sehwege“ jetzt auch mit viel Freiraum dazwischen – die alte dichte Hängung tut ihnen nach wie vor keinen Abbruch, aber sie muss nicht mehr sein. Die kleinen Bilder vertragen die lockere, luftige Gruppierung, die sich immer neu anordnen lässt, und fügen sich trotzdem zu übergreifenden Aussagen. Der Blick überspringt die Zwischenräume, verfolgt die Richtungsverläufe der Farbbalken und entdeckt, dass sie mal das gleiche Ziel zu verfolgen scheinen, dass sie ein anderes Mal einander zuwiderlaufen, dass sie voneinander wegstreben oder sich irgendwann überschneiden müssen. Der Blick ergänzt, was nicht direkt zu sehen ist, aber sich jenseits der Bildkanten abspielt auf dem Feld, das letztlich hier beschworen wird: im Unendlichen. Wir sehen kleine Ausschnitte aus diesem riesigen Zusammenhang, der keine Mitte hat – außer uns selbst. Die Mitte ist der Betrachter, jeder für sich. „Sehwege“, das sind die aus dem Zufall entstandenen Wege der Farblinien ebenso wie die individuellen Wege im Kopf, mit denen wir uns Bilder erschließen. So harmlos der Begriff auf den ersten Blick erscheint, so spannungsreich ist er tatsächlich – und so einfach diese Bilder aussehen, so unerfassbar ist das, was sie andeuten.

 

Info:

- „Sehwege“, neue Bilder von Bernhard Sandfort, Augenladen, 68165 Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29, vom 23. November bis 21. Dezember 2007, Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, Tel. 0621-406729.

- "Sehwege 2",  Malerei der Jahre 2006-2009 von Bernhard Sandfort, Augenladen, 68165 Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29,  vom 20. November bis 18. Dezember 2009, Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr.

- "Sehwege 3", Malerei 2006 bis 2010, Augenladen, 68165 Mannheim, vom 26. November bis 16. Dezember 2010,

 www.bernhardsandfort.de

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