Christiane Rapp

 


Cover des kleinen Ausstellungskatalogs der Galerie Günther Zulauf in Freinsheim (2002). Das Titelfoto zeigt eine von Christiane Rapps "Paarfiguren" aus dem Jahr 2001.

 

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Die Fotos auf dieser Seite entstammen dem erwähnten Katalog (Reproduktion mit freundlicher Genehmigung der Galerie Zulauf, Freinsheim)

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2003/ Update 10-10-2009

Nackt, verletzlich und voll Anmut

Die Terrakotta-Torsi der Bildhauerin Christiane Rapp

 

Von Christel Heybrock

 

Kopflose Körper – der Torso ist ein uraltes, seit der Antike überkommenes Thema für Bildhauer, zeitlos und unerschütterlich aktuell. Dass ausgerechnet eine Frau es ist, die den Körper der Frau in klassisch schönen, subtil variierten Proportionen gestaltet, das ist mittlerweile nichts Außergewöhnliches mehr, setzen sich Frauen in der Gegenwartskunst doch immer wieder höchst phantasievoll mit ihrem eigenen Geschlecht auseinander. Den Mut, das Selbstvertrauen und die Hartnäckigkeit, die man zudem haben muss, um einen eigenen Weg zu gehen, das alles hat sie längst bewiesen, die 1961 in Kandel geborene Bildhauerin Christiane Luise Rapp. 1995 richtete sie ihr Atelier in einer ehemaligen Steinschleiferei in der Edelsteinstadt Idar-Oberstein ein - die zwischenzeitliche Geburt zweier Söhne konnte sie in der künstlerischen Zielstrebigkeit nicht stoppen. Vielleicht hat es ihr anfangs ja auch Beachtung eingetragen, dass sie ausgerechnet in Rheinland-Pfalz lebt und arbeitet, einem Bundesland, das lange ziemlich mager mit bildender Kunst versorgt war.

 

Christiane Rapp studierte sechs Jahre bei Wilhelm Loth an der Karlsruher Akademie. Womöglich übernahm sie unbewusst von ihm die Erkenntnis, dass der Körper der Frau für einen Bildhauer stets von fundamentaler Bedeutung ist. Die Frau – das ist „der“ Körper schlechthin, dieses Wissen reicht bei manchen Bildhauern sogar in die Geometrie hinein: Kugel, Kubus und Pyramide, aber auch das Spiel mit konkaven und konvexen Formen, mit Last und Leichtigkeit, im Frauenkörper ist das alles von Natur aus schon drin. Was Wilhelm Loths manische Fixierung an fast abstrakte Buchten und Wölbungen, Rillen und Wülste betrifft, so findet man die bei Christiane Rapp allerdings nicht, und auch nicht das technoide Material Aluminium oder Stahl.

 

Sie benutzt Terrakotta, was man auf den ersten Blick nicht erkennt, was aber ihren Plastiken einen spürbaren Hauch von organischem Leben – und zugleich den Anflug von weit zurück liegender Vergangenheit verleiht, schließlich assoziiert man mit Terrakotta vor allem archäologische Fundstücke aus der Antike. Eine eigenwillige Oberflächenbehandlung noch vor dem Brand erweckt bei ihr zunächst mehr den Eindruck von Steinfiguren: Christiane Rapp reibt ihre Plastiken mit Steinmehlen ein und poliert sie mit Speckstein, so dass sie einen feinen Seidenglanz bekommen, eine tastbar weiche, zarte „Haut“, die freilich durch die vielen Brüche und Kerben ihre allzu glatte Perfektion verliert.

 


Ein Körper in Balance, erkennbar weiblich, aber nah am abstrakten Zeichen: "Kokon" von 1998.

 

Eine Widersprüchlichkeit, die voller Leben ist. Überhaupt bewältigt die Künstlerin in ihren Figuren ganz fundamentale Gegensätze. Um beim Material zu bleiben: Sie sind eben nicht aus dem Stein gehauen, sondern im Gegenteil mit den Fingern modelliert, sind nicht Ergebnisse eines Wegnehmens, sondern eines spontanen Hinzufügens, Plastiken eben im Gegensatz zu Skulpturen. Und auch der Eindruck der Vollplastik täuscht; manchen Torsi kann man in die Öffnung schauen: innen sind sie oft hohl, wie es sich für Terrakotta gehört. Ein Widerspruch ist auch die saftige, pralle Körperlichkeit und ihre gleichzeitige Störung. Kerben und Schnitte, die ungeglätteten Spuren des Auftragens und Aufschichtens der Tonlagen werden noch gesteigert durch deutliche Abdrucke von Schnüren, so als hätten Fesseln sich ins Fleisch geschnitten. Dabei entsteht zwar der Eindruck sowohl von Verletzlichkeit des Lebens als auch von Zerstörungen, wie die Zeit sie bei Zeugnissen vergangener Kulturen anrichtet - aber niemals von ästhetisierter Gewalt.

 

Mitunter probiert die Künstlerin recht kühne, trotzdem unaufdringliche Proportionen aus, schwellende Schenkel, feste Pobacken und runder Bauch, steile Brüste mit gehörigen Warzenknöpfen, dabei wird der Leib zwischen Bauch und Busen deutlich gelängt und gedehnt, so dass trotz aller Rundungen nichts behäbig wirkt, es sind eher schlanke, zarte Körper, die sich mit ihren Wölbungen selbstbewusst im Raum behaupten. Diese schöne Balance der Gegensätze, die dem Betrachter erst allmählich bewusst wird, macht die eigentliche Qualität von Christiane Rapps Plastiken aus. Noch einen anderen Gegensatz fand sie inzwischen: den männlichen Torso, den sie gleichsam wie die andere Seite einer Medaille dem weiblichen hinzufügt. Mann und Frau stehen nebeneinander oder leicht voneinander abgewandt, aber stets so aneinander geschmiegt, einer so natürlich dem andern „folgend“, dass die vermeintliche Gruppe eine einzige Figur darstellt: der Mensch in seiner doppelten Erscheinung als „Paarfigur“. Die feine Anmut der Posen, das Wechselspiel zwischen Dominanz und Biegsamkeit, Selbstbewusstsein und Zweisamkeit, Ähnlichkeit und Verschiedenheit – man sieht sich nicht satt daran.

 


Die "Sitzende" aus dem Jahr 1999

 

Aber Christiane Rapp reizt ihr Themenspektrum noch weiter aus. Irgendwann wurde der Kopf für sie interessant, ohne dass sie zum Porträt und zur Erforschung individueller Züge tendiert. Eine Reihe von Büsten mit langen Hälsen und ausladenden Hinterköpfen erinnert vielmehr entfernt an Giacomettis überlängte Figuren, mit denen sie freilich nichts zu tun haben. Und der Pendelschlag in diese Richtung wurde auch gleich wieder abgefangen, indem es beim Torso in eine ganz andere Dimension ging, nämlich fast zur Abstraktion. Im Jahr 2001 entstand ein so eigenwilliges Paar wie die schlangengleich gewundenen Torsi „Kopfüber-kopfunter“, bei dem ein Frauenkörper einmal mit an den Hals gepressten Schenkeln auf dem Po balanciert, das andere Mal in eben dieser Haltung auf dem Kopf steht und den Po in die Höhe reckt. Aus der „Sitzenden“ von 1999 wurde im Jahr 2000 die ebenfalls wurmartig gerundete Figur „Offen“.

 


"Ikarus" (2000), der Mensch zwischen triumphalem Flug und Todessturz.

 

Aber zum Temperament von Christiane Rapp gehört auch ein feines Bewusstsein für Grenzen: Den Torso als gebogenen Zylinder, reduziert auf eine geometrische Figur also, verfolgte sie nicht weiter, sie bleibt stets bei der menschlichen Figur und ließ das Pendel sofort zurückschlagen mit „Ikarus“, einem Flügelwesen, das wie ein Tänzer im Augenblick des Sprungs schräg in der Luft liegt. „Ikarus“ ist ein Werk von erstaunlicher Balance und Mehrdeutigkeit: Stürzt der nackte Himmelsstürmer nun ab oder fliegt er soeben empor? Ist er im Augenblick seines Triumphs oder seines Todes zu sehen? Stellt er das Symbol eines Lebenden dar oder die Erinnerung an einen tragischen Fall aus der Antike? Immer scheint die grundsätzliche menschliche Dimension bei Christiane Rapp von einer Intensität, die auch den Menschen als individuelle Person betrifft.

 

Die weiche Haut, die Risse und Schrunden, die Unvollständigkeit und zugleich Lebensnähe der Figuren – solche Widersprüche halten sich bei Christiane Rapp nicht zuletzt durch eine unnachahmliche Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks die Waage. Eine zarte Ironie, die zugleich Liebenswürdigkeit ist, liegt offenbar in ihrer Auffassung vom Menschen, und das erweist sich auch bei einer ihrer jüngsten Plastiken, dem 2008 entstandenen „Kardinal“ für das Museum im Musenhof in der Neugasse zu Speyer. Es habe sie gereizt, so ein Bericht in der Schwetzinger Zeitung, auch einmal einen „hageren, streng dreinblickenden Kirchenmann mit Mitra“ zu schaffen statt des erotischen Selbstbewusstseins etwa ihrer „Paarfiguren“.

 

Die Galerie Zulauf in Freinsheim betreut Christiane Rapp seit 1991 und hat ihre Arbeiten mehrfach ausgestellt, zuletzt 2008.

 

Info:

Galerie Zulauf, Freinsheim, Gottfried Weber Haus, Katalog von 2002 mit Fotografien von Hartmut Frien und einem Text von Anuschka Koos, Preis 8 Euro, Tel. 06353-3587, www.moderne-kunst.de

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