Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Sakrale Skulpturen


Glanzstück der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen: der "Rother Altar" aus der Werkstatt von Niklaus Weckmann (nachweisbar zwischen 1481 und 1528)

 

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03-08-2012

Von Glanz und Glauben

Sakrale Kunstschätze in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen

 

Von Christel Heybrock

 

Nein, groß ist der Bestand nicht, und auch die wissenschaftliche Aufarbeitung in Form eines Bestandskatalogs liegt noch in der Zukunft. Das konnte aber Hans-Jürgen Buderer, Direktor der Abteilung Kunst- und Kulturgeschichte der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, nicht von einer Neupräsentation der „Sakralen Kunstschätze“ abhalten, und vielleicht ist eben die feine kleine Dauerausstellung im Erdgeschoss des Zeughauses ein Anlass, dass Kunstwissenschaftler sich intensiver damit beschäftigen. Denn die Qualität der Stücke ist mitunter hinreißend und lohnt die Auseinandersetzung. Wie Buderer vor der Presse bekannt gab, ist damit eben mal ein Drittel der sakralen Skulpturenbestände zu sehen – ein weiteres Drittel müsste restauriert werden, worüber die Mitarbeiter zur Zeit noch diskutieren, und das letzte Drittel ist offenbar in so beklagenswertem Erhaltungszustand, dass nicht mal mehr eine Restaurierung lohnen würde: So etwas kostet ja auch immer eine Menge Geld.

 

Wer den neu eingerichteten Ausstellungsraum betritt, sieht sich einem Glanzstück gegenüber, dem Rother Altar aus der Werkstatt des Ulmer Bildschnitzers Niklaus Weckmann, dessen Schaffen nachweisbar ist zwischen 1481 und 1528. Der 1513 entstandene Altar, von dem nur noch der Mittelteil und die Predella (diese leider ohne den ursprünglichen Skulpturenschmuck) erhalten sind, gehört zu Weckmanns Hauptwerken aus der mittleren Schaffensphase – wobei nicht mehr nachvollziehbar ist, was von des Meisters eigener Hand und was aus der Werkstatt stammt. Weckmann, sicherlich einer der produktivsten spätgotischen Bildschnitzer(betriebe), war lange in Vergessenheit geraten.

 

So hat der Mannheimer Altar denn auch eine Geschichte hinter sich: Bis ins 19. Jahrhundert befand er sich in der Pfarrkirche zu Sauldorf (im südlichen Baden-Württemberg) und wurde in die kleine Kapelle im Dorf Roth weiter gereicht, als die Sauldorfer Kirche renoviert werden musste. Roth ist inzwischen in den Ort Sauldorf eingemeindet, aber als der Altar 1909 von Roth ans Mannheimer Reiß-Museum verkauft wurde, war wohl niemand ganz klar, welch ein Schatz damit erneut seinen Standort wechselte. Erst durch eine Ausstellung des Württembergischen Landesmuseums von 1993 wurde Niklaus Weckmann wiederentdeckt – der Passionszyklus, der sich heute dort befindet, wirkt durch seine Lebensnähe und die geniale, eng gedrängte Raumaufteilung noch immer atemberaubend.

 


Die Heiligen des Rother Altars: In der Mitte die Madonna mit dem Jesuskind, über deren Haupt zwei Engel mit der Himmelskrone schweben. Rechts neben der Madonna die heilige Barbara mit einem Kelch, über dem eine Hostie schwebt (der Legende nach brachte ihr ein Engel den religiösen Trost in den Kerker, in den sie vom eigenen Vater wegen ihres Glaubens eingesperrt worden war). Links neben der Madonna die heilige Katharina, die in einer Hand ein Buch und in der anderen als Zeichen ihres Märtyrertums ein Schwert hält (es ist nicht erhalten). Dezent angedeutet wird auch das Fragment eines Rades zu ihren Füßen, denn die Legende sagt, die fromme Jungfrau habe wegen ihres Glaubens gerädert werden sollen, aber ein Engel habe das Folterwerkzeug zerstört. Ganz außen links der heilige Sebastian, römischer Soldat unter Kaiser Diocletian, der wegen seines Bekenntnisses zum christlichen Glauben mit Pfeilen getötet werden sollte, aber überlebte und im Jahr 288 schließlich erschlagen wurde. Ganz rechts außen Johannes der Täufer mit dem Lamm als Zeichen dafür, dass er Jesus frühzeitig als "Mann Gottes" erkannt hatte.

 

Atemberaubend ist auch der Mannheimer Altar, der nach einer Restaurierung in goldenem Glanz und zugleich in berückender Lebendigkeit die Muttergottes mit dem Jesuskind in der Mitte präsentiert, rechts und links begleitet von jeweils zwei fast gleich großen Heiligen: Sebastian und Johannes der Täufer stehen ganz außen, innen direkt neben der Madonna befinden sich Katharina und Barbara. Aus der herrlichen Maßwerkschnitzerei am oberen Rand des Altars schweben zwei kleine Engel hervor und halten der Madonna die Himmelskrone übers Haupt. Die prachtvollen Faltenwürfe der Gewänder, das feine Inkarnat der vornehm blassen Gesichter und die selbstbewusste Haltung der Figuren, die sich vor einem kostbar ornamentierten Hintergrund den Gläubigen demonstrativ darbieten – das alles schafft ebenso Distanz wie eine Aura von Wirklichkeit ... auf jeden Fall besitzen die Reiss-Engelhorn-Museen damit ein Meisterwerk.

 


Vortragekreuz aus der Zeit um 1150. Das 32 cm hohe Kreuz ist aus Kupfer mit Goldüberzug und hat vier Bergkristalle an den Balken-Enden.

 

Hans-Jürgen Buderer bemerkte im übrigen, dass die Bestände des Hauses an sakraler Kunst einerseits aus dem Mittelalter und andererseits aus dem 18. Jahrhundert datieren: Es müsse noch eruiert werden, aus welchen sammlungsgeschichtlichen und politischen Zusammenhängen sich diese Tatsache ergebe. Was das Mittelalter betrifft, so ist eine der ältesten Preziosen ein Vortragekreuz aus der Zeit um 1150 aus Kupfer mit Goldüberzug und jeweils einem großen Bergkristall an den Enden. Der Korpus des Gekreuzigten steht noch ganz in der Tradition romanischen Ausdrucks, einer Bildsprache von zurückhaltender, aber elementarer Kraft.

 


Madonna mit Kind, um 1450. Die etwas unterlebensgroße Figur (Höhe 1 m) wurde von einem unbekannten Meister in Olivenholz geschnitzt und mit Blattmetall belegt.

 

Auch die Olivenholz-Skulptur einer sitzenden Madonna mit Kind um 1450 vertritt in ihrer herben, etwas ländlichen Schönheit einen bis auf romanische Konventionen zurück reichenden Typus der „Sedes sapientiae“, der Madonna als Sitz der Weisheit – die Skulptur ist sicherlich nicht völlig auf der Höhe ihrer Zeit, aber von ganz eigener Anmut.

 


Der heilige Rochus lüpft sein Gewand und lässt seine Pestbeule sehen. Die um 1490 entstandene Lindenholz-Skulptur ist 105 cm hoch.

 

Zu den spätmittelalterlichen Holzplastiken gehören auch zwei Neuerwerbungen von 2012: die Heiligen Rochus (um 1490) und Gangolf (um 1480/90), beide aus Lindenholz, der heilige Gangolf wohl gar aus der Werkstatt von Erasmus Grasser (um 1450-1518). Rochus, dessen Leben in einer englischen Ausgabe der „Legenda aurea“ des Jacobus da Voragine (um 1230-1298) ausführlich beschrieben ist (Ausgabe von William Caxton, London 1483), war eine historische Person, gebürtig in Montpellier um 1295 (gestorben 1327). Sohn vermögender Eltern, führte er ein demütiges, gottgefälliges Leben und heilte auf einer Pilgerreise nach Rom zahllose Pestkranke, bis er selbst von der Pest befallen wurde und sich in die Einsamkeit zurückziehen musste. Er gilt als Schutzpatron nicht nur der Kranken, Ärzte und Apotheker, sondern auch der Haustiere, da ihm der Hund eines Edelmannes immer wieder Brot brachte, bis er von der Pest geheilt war. Rochus wird stets mit einem Pestgeschwür am Oberschenkel dargestellt, das er herzeigt, indem er sein Gewand lüpft. Der Mannheimer Rochus, Werk eines unbekannten Künstlers aus dem oberen Neckargebiet, zeigt seine Wunde sehr dezent im Schatten einer Gewandfalte. Sein Gesicht wurde von dem unbekannten Meister bemerkenswert differenziert gestaltet als das eines Leidenden, der aber sein Schicksal mit Disziplin und Gefasstheit trägt. Wie häufig, erscheint Rochus auch in der Mannheimer Darstellung als Pilger mit Hut und (abgebrochenem) Pilgerstab.

 


Der heilige Gangolf mit einem Falken und Stab (1480/90). Der wundertätige Heilige hatte der Legende nach Pech in der Ehe und wurde vom Liebhaber seiner Frau ermordet. Die 82,5 cm große Lindenholzskulptur stammt womöglich aus der Werkstatt des berühmten Bildschnitzers Erasmus Grasser.

 

Weniger bekannt als der von den Katholiken weithin verehrte Rochus ist Gangolf, um den sich eine folkloristisch heftig ausgeschmückte Legende rankt. Er soll ein Ritter König Pippins aus dem 8. Jahrhundert gewesen sein. Auf einer seiner Fahrten erwarb er ein Grundstück mit einer Quelle, die nach dem Kauf versiegte, aber sich plötzlich als wundertätig herausstellte, nachdem der gottgefällige Gangolf seinen Stock hineingestoßen und sie wieder zum Sprudeln gebracht hatte. In der Folge hatte Ritter Gangolf allerdings eine Menge Pech, was man auch als göttliche Prüfung interpretieren kann. Jedenfalls scheint seine Frau ihn (ausgerechnet) mit einem Priester betrogen zu haben. Als ihm die Untreue seiner Frau berichtet wurde und sie das Vergehen leugnete, zwang er die Eheliebste, ihre Hand ins Quellwasser zu tauchen: und siehe da, die Hand wurde völlig verbrannt! Der wenig rachsüchtige Gangolf verbannte den bösen Priester außer Landes und führte eine Trennung von Tisch und Bett hinsichtlich seiner Frau durch, aber die unersättliche Dame rief den Liebhaber heimlich zurück, und der ermordete den armen Gangolf, um mit dessen Frau durchzubrennen. Am Grab des Ermordeten fanden darauf hin Wunder statt, wozu sich von fern die Ehebrecherin spöttisch äußerte, Gangolf werde eben so wenig Wunder vollbringen wie ihr Hintern Lieder singen könne. Darauf ereilte sie eine schreckliche Strafe: Jeden Freitag, am Todestag des als Märtyrer gestorbenen Gatten, musste sie bei jedem Wort entsetzlich furzen. In Bamberg werden übrigens Gangolfs Reliquien aufbewahrt.

 

Der Heilige wird meist als Ritter mit Lanze und Schwert, mitunter auch mit einem Falken dargestellt. Auch in der Mannheimer Fassung trägt er den Falken auf der rechten Hand, was sicherlich seinen edlen Ritterstand mit andeutet. Ansonsten wirkt Gangolf hier wenig kriegerisch, sondern ausgesprochen sanft und freundlich. Auch Schwert und Lanze sind beim Mannheimer Gangolf nicht zu sehen, offenbar hält er einen Wander- oder Falkenstock in der linken Hand. Künstlerisch bemerkenswert ist vor allem die Gestaltung seines roten Mantels mit dem prachtvollen Faltenwurf.

 


Ganz dezent wird angedeutet, dass die Madonna auf einer Mondsichel steht. Das Werk aus der Zeit um 1520 beeindruckt vor allem durch seine Eleganz und den lebensecht motivierten Faltenwurf.
Foto oben:
Paddy/Wikimedia commons

 

Die Mondsichelmadonna noch einmal im Detail und aus der Nähe (unten). Das nackte Jesuskind zappelt ziemlich realistisch auf dem Arm seiner Mutter.
Foto: Jean Christen (rem)

 

 

Für den weit verbreiteten Typus der Mondsichelmadonna befinden sich in den rem gleich zwei Beispiele: das ältere stammt aus der Zeit um 1520, das jüngere entstand um 1720/30. In beiden Fällen ist der Künstler unbekannt, aber es lässt sich eben hier der fundamentale Wandel im religiösen wie im künstlerischen Ausdruck beobachten. Beide Künstler deuten eher zurückhaltend an, dass die Madonna auf einer Mondsichel steht. Das Bildmotiv wird zurückgeführt auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes (12,1), wo die Rede ist von einer Frau, „mit der Sonne bekleidet“ und dem Mond zu ihren Füßen. Ein Drache schickt sich an, das Kind, das die Frau eben zur Welt gebracht hat, zu fressen, worauf hin Engel mit dem Drachen kämpfen. Das apokalyptische Weib wurde später umgedeutet und mit der Gottesgebärerin Maria identifiziert. Häufig steht die Madonna also nicht nur auf der Mondsichel, sondern zusätzlich auf einem furchterregend sich windenden Drachen, womit dokumentiert wird, dass Maria sowohl das Böse als auch die Vergänglichkeit in Gestalt des Mondes überwindet, der immer wieder ab- und zunimmt. Die kosmisch-poetischen Assoziationen, die dieser Bildtyp heute im Betrachter hervorruft, entsprechen also nicht der ursprünglichen Bedeutung – aber falsch sind sie auch nicht.

 

Die ältere der beiden Mannheimer Mondsichelmadonnen verkörpert den eleganten, spätgotischen Typ der lieblich-keuschen jungen Mutter, die das lebhaft auf ihrem Arm hampelnde, nackte Jesuskind festhält und zugleich den Gläubigen darbietet. Haltung und Ausdruck der Mutter-Kind-Gruppe faszinieren mit ihrer Mischung aus sensibler Lebensnähe und repräsentativer Distanz. Eine Herrlichkeit ist wieder einmal die souveräne Bearbeitung des Gewandes, dessen großer, weicher Faltenwurf durch die Geste der Madonna motiviert wird, indem sich ein langer Überwurf durch einen angewinkelten Arm mit der hervorlugenden Hand bauscht. Was spätmittelalterlichen Künstlern immer wieder genial gelingt, ist die Harmonie zweier Unvereinbarkeiten – es geht an die Gläubigen stets die ambivalente, aber völlig überzeugende Versicherung, dass die Heiligen einerseits leibhaftige Menschen waren/sind, aber andererseits die unberührbare Welt des Himmels vertreten.

 

Nach dem Zusammenbruch eines verlässlichen Weltbildes in der Renaissance, nach Bauernkriegen, Reformation und dem von religiösen Spannungen ausgelösten Dreißigjährigen Krieg, musste die katholische Kirche zum Gegenschlag ausholen, und das tat sie bis tief ins 18. Jahrhundert hinein mit Vehemenz. Das politische Schicksal der Kurpfalz selbst wurde von den Zerreißproben zwischen Protestantismus und Katholizismus geprägt, lieferte doch der glanzvoll auf dem Heidelberger Schloss residierende Kurfürst Friedrich V., später als „Winterkönig“ verhöhnt, mit seinem protestantischen Ehrgeiz das auslösende Moment für den verheerenden Krieg, der zwischen 1618 und 1648 Millionen Menschen in Europa das Leben kostete. Wie tief der Riss durch die Kurpfalz und das Geschlecht der herrschenden Wittelsbacher ging: Friedrichs Nachfolger im 18. Jahrhundert waren katholisch und versuchten die Region dementsprechend neu zu prägen. Die Errichtung des riesigen Mannheimer Barockschlosses wurde von Kurfürst Carl Philipp 1720 in Angriff genommen, nachdem er sich mit dem reformierten Kirchenrat in Heidelberg überworfen hatte. Man muss vielleicht nicht allzu lange überlegen, wie es zu der Häufung von Mannheimer sakralen Sammlungsbeständen im 18. Jahrhundert kommt – sie dokumentieren ein politisches Programm intensiver Rekatholisierung, das mit umso mehr Nachdruck betrieben wurde, als der Konsens einer einheitlichen Kirche verloren gegangen war.

 


Maria Immaculata - die Unbefleckte Empfängnis, Sandsteinskulptur eines unbekannten Meisters um 1720/30 (Höhe 141 cm). Den Blick gen Himmel gerichtet und von Englein fast getragen, steht Maria nicht nur auf einer Mondsichel, sondern auch noch auf einem scheußlichen Drachen - sie ist Siegerin über das Böse und die Vergänglichkeit.

 

Vor diesem Hintergrund muss auch die jüngere Mannheimer Mondsichelmadonna gesehen werden, eine großartige, fast lebensgroße Sandsteinplastik: Da ist alles in Bewegung, in jeder Gewandfalte steckt ein mitreißender religiöser Appell, und Maria ist nicht mehr von dieser Welt, sondern scheint, vom Sturm des Geistes getragen, gen Himmel abzuheben. Hier geht es nicht mehr in erster Linie um Maria als Mutter Jesu, sondern um die „Immaculata“, die „Unbefleckte Empfängnis“, was sich nicht darauf bezieht, dass Maria das Jesuskind ohne Sünde empfangen habe, sondern darauf, dass Marias Mutter Anna ihre Tochter „rein“ empfangen habe, dass also Maria bereits im Mutterleib frei von der Erbsünde gewesen sei. Die Diskussion um den sündenfreien Status Mariae zieht sich durch Jahrhunderte, und nachdem bereits im 9. Jahrhundert das Fest der Zeugung Marias begangen wurde, erklärte endlich Papst Pius IX. 1854 die „Unbefleckte Empfängnis“ zum Dogma. Das Fest „Mariae Empfängnis“ war aber für Katholiken durch Papst Clemens XI. bereits 1708 verbindlich geworden (begangen wird es am 8. Dezember).

 

Die Mannheimer „Immaculata“ hat folgerichtig das hübsche Köpfchen gen Himmel gehoben und in zierlich-demütiger Geste eine Hand auf die keusche Brust gelegt. Derweil zappelt nicht das Jesuskind auf ihrem Arm, sondern pausbäckige Englein drängeln sich unter ihren schweren Gewandfalten hervor und scheinen die von Gott Auserwählte fast schon zum Schweben zu bringen. Stünden nicht ihre in Sandalen nackten Füße auf Mond und Drachen, man könnte fast annehmen, die spätere Himmelfahrt Mariens sei hier vorweg genommen oder zumindest bereits angedeutet. Die Aufforderung an die Gläubigen ist klar: Einer solchen Szene kann man nicht reserviert gegenüber stehen, sie erfasst Herz und Seele wie in einem Sog, und genau das soll ja auch erreicht werden – nicht mehr denken, nur noch glauben!

 


Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes nach dem Schwarzwälder Bildschnitzer Matthias Faller. Die 62,5 cm hohe Gruppe wurde von einem unbekannten Meister aus Holz mit einer Kupferlegierung geschaffen. Unter anderem durch den Verzicht auf die bei Faller übliche süßliche Farbigkeit wirkt die Adaption eindringlicher und intimer.

 

Die Mannheimer Sakralskulpturen des 18. Jahrhunderts zeichnen sich nicht von ungefähr durch tiefe Eindringlichkeit und psychologische Sensibilität aus. Bereits eine kleine Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes ist von einer bewegenden Delikatesse und zugleich ohne aufdringliches Pathos. Ein kleiner Totenkopf auf dem angedeuteten Kreuzeshügel mahnt den Betrachter zugleich an die eigene Sterblichkeit. Die Gruppe stammt von einem unbekannten Bildschnitzer aus dem Breisgau als Adaption einer Arbeit des Schwarzwälder Bildschnitzers Matthias Faller (1707-1791). Bereits 1736 hatte Faller ein ähnliches Ensemble für die ehemalige Klosterkirche Mariae Himmelfahrt in St. Märgen geschaffen – im Gegensatz zu der Mannheimer Kreuzigungsgruppe ist das Werk Fallers aber von dramatischer Gestik und süßlicher Farbigkeit.

 


Der heilige Nepomuk von Paul Egell. Der fromme Mann ist völlig versunken in den Anblick des großen Kruzifixes - eine ebenso meditative wie symbolische Szene, denn Johannes Nepomuk (um 1350-1393) opferte sein Leben im politischen Zwiespalt zwischen weltlicher und kirchlicher Macht. Egell schuf die 156 cm große Sandsteinskulptur um 1748/50 für das Mannheimer Jesuitenkolleg, das 1901 abgerissen wurde.

 

Da können sich die Werke von Kurfürst Carl Theodors Hofbildhauer Paul Egell (1691-1752) schon eher sehen lassen. Egell hat nicht nur an Schloss und Jesuitenkirche in Mannheim, sondern auch in der Region bedeutende Spuren hinterlassen. Seine Heiligenskulpturen vom 1901 abgerissenen Mannheimer Jesuitenkolleg, das als langgestreckter Bau die Jesuitenkirche mit dem Schloss verband und damals der Verlängerung einer Straßenachse im Weg war, befinden sich heute in den Reiss-Engelhorn-Museen, wenn auch nicht in der Schatzkammer. Zu diesen unerhört feinen, sensiblen Sandsteinplastiken gehört beispielsweise der Heilige Nepomuk mit einem großen Kruzifix, in dessen Anblick er bis zur Selbstaufgabe versunken ist. Womöglich sahen sich Katholiken und speziell die Jesuiten im 18. Jahrhundert in einer ähnlichen politischen Situation wie seinerzeit der böhmische Priester Johann Nepomuk (um 1350 – 1393), der im Machtkampf zwischen Kirche und König gefoltert und in der Moldau ertränkt wurde. Gerade in Zeiten der Gegenreformation gehörte Nepomuk zu den populärsten Figuren des Katholizismus; 1729 wurde er endlich heilig gesprochen – für die Mannheimer Jesuiten war die zeitliche Nähe wohl ein Grund mehr, rund 20 Jahre später sein Standbild in Auftrag zu geben.

 


Der heilige Nepomuk, geschaffen in Lindenholz um 1770/80 von einem unbekannten Bildschnitzer. Die fein gearbeitete, aber eher konventionelle Auffassung des Themas kann es mit der Darstellung von Paul Egell nicht aufnehmen. Mit einer Höhe von nur 36 cm ist die Figur freilich auch vom Format weniger bedeutend.

 

In der rem-Schatzkammer befindet sich noch eine weitere Nepomuk-Darstellung von 1770/80 von einem unbekannten Künstler. Es handelt sich um eine Statuette aus Lindenholz, die den Heiligen ebenfalls mit dem großen Kreuz zeigt, aber in ganz anderer Pose, nämlich nicht mit gesenktem Kopf,  sondern aufrecht in leicht diagonaler Haltung mit einem angedeuteten Blick nach oben. Aus dem Vergleich wird deutlich, wie sehr sich Egell um eine individuelle Interpretation dieser Figur bemühte – seine Darstellung geht in ihrer psychischen Intensität weit über Konventionen hinaus.

 


Der heilige Franziskus Regis, eigentlich Jean François Régis (1597-1640). Paul Egell schuf mit der lebensgroßen Lindenholzskulptur (177 cm) erneut ein Werk von persönlicher, an den Zeitgeschmack wenig angepassten Auffassung.

 

Eine weitere Skulptur Egells, nunmehr in der Schatzkammer aufgestellt, zeigt lebensgroß den Heiligen Johannes Franziskus Regis aus Lindenholz mit Resten einer originalen Silberfassung. Es handelt sich um die einzige bisher bekannte Darstellung des Heiligen von künstlerischem Rang. Die Entstehung dieser Skulptur zwischen 1735 und 1740 fällt unmittelbar in die Zeit der Heiligsprechung 1737 durch Papst Clemens XII., dürfte also in direktem Zusammenhang damit stehen. Überraschend, dass der stilistische Ausdruck so gar nichts von der eingängigen Eleganz des Rokoko hat, sondern den Heiligen in einer Geste vorwärts preschenden Tatendranges vorführt, mit zerzaustem Haar, breitbeinigem Stand und Armbewegungen, die nur scheinbar dem Kanon frommer Posen entsprechen, im Grunde aber umgedeutet sind in ungebändigte Energie. Auch dass der Mann den Blick gesenkt hält, ist nur vordergründig Zeichen religiöser Demut – eher entsteht der Eindruck, dass hier jemand unbeirrt seinen Weg sucht.

 

Egells Darstellung ist erneut eigenwillig und unkonventionell; der historischen Person von Jean François Régis (1597-1640) kommt sie in gewisser Weise erstaunlich nahe. Régis, Sohn einer wohlhabenden Familie aus dem Landadel, mit 31 Jahren zum Priester geweiht und Jesuit, widmete sich vor allem den Bauern und unterprivilegierten sozialen Schichten im Languedoc und in benachbarten Regionen Südfrankreichs. Mit unermüdlicher Energie und gegen allen Widerstand und Hass aus den eigenen Reihen setzte er sich für Prostituierte, Kranke und Pestopfer ein, sammelte Spenden und versuchte tatkräftig, den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Mit knapp 44 Jahren starb er in einem kleinen Dorf an Erschöpfung und Lungenentzündung. Régis gilt den Katholiken heute als Vorbild unbeirrbaren Glaubens. Dass er wohl auch ein Vorbild an praktischer Empathie war – Nächstenliebe heißt das in religiöser Definition  - lässt sich vor Egells Skulptur nachvollziehen, und vielleicht ist es für heutige Betrachter eher vorteilhaft, dass die feierliche, Distanz stiftende Silberfassung nur noch in Resten erhalten ist.

 

Info:

Neupräsentation „Sakrale Kunstschätze – Ausdruck des Glaubens“ im Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, C 5, täglich außer Montag 11-18 Uhr, www.rem-mannheim.de
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