Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Die Gemälde

 


Ausstellungs-Signet und Katalog-Cover der Mannheimer Schau "Meisterhaft", mit der die Reiss-Engelhorn-Museen erstmals ihren Gemäldebestand öffentlich machen. Bei dem Blumenmotiv handelt es sich um ein virtuos gemaltes "Stillleben mit Schnecke" des Holländers Jacob Woutersz Vosmaer (1584-1641), entstanden um 1620. Das Gemälde wurde 1975 erworben.

 

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Fotosammlung Gernsheim

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27-08-2011

Update 05-09-2011

 

Blick in eine Schatzkammer

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen erstmals mit einer repräsentativen Auswahl ihres Gemäldebestandes

 

Von Christel Heybrock

 

Sie wachsen und wachsen. Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (rem)enthalten ein „Museum Weltkulturen“, ein Museum zur Stadtgeschichte, eine Grafiksammlung, eine Theatersammlung, das Forum Internationale Photographie (FIP), eine Kostümsammlung, eine Uhrensammlung, ein Naturkundemuseum, eine Musikinstrumentensammlung, das Museum Schillerhaus, etliche Forschungsinstitute ... man verliert allmählich den Überblick. Dass die rem auch Gemälde besitzen, wusste und konnte man „immer schon“ sehen, zumindest im 2007 komplett restaurierten Zeughaus waren viele Bilder ausgestellt, meist Porträts bedeutender Persönlichkeiten aus Mannheims Geschichte. Dass die rem aber einen richtig großen Bestand von rund 600 Gemälden haben, das wusste die Öffentlichkeit bisher nicht, schließlich ist für die Bildende Kunst eigentlich die Städtische Kunsthalle zuständig.

 


"Plünderung eines Dorfes" von Philips Wouverman (1619-1668), entstanden um 1650. Es ist das einzige Bild aus der einst im Mannheimer Schloss untergebrachten kurfürstlichen Sammlung von Carl Theodor, das sich bis heute in Mannheim befindet.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

In der Kunsthalle aber haben Bilder und Skulpturen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts ihr Zuhause, alle Schätze älteren Datums schienen Mannheim, die einstige Residenz der pfälzischen Kurfürsten, mit dem Umzug des Hofes nach München im Jahr 1778 verlassen zu haben. Das haben sie auch – bis auf ein einziges Bild, das zufällig, aber höchst beziehungsreich „Die Plünderung eines Dorfes“ von Philips Wouverman (1619-1668) darstellt. Dass trotz dieser Kulturkatastrophe, die für München jedoch den Grundstock der Alten Pinakothek legte, in Mannheim inzwischen wieder 600 Bilder von musealer Qualität (meist im Depot) vorhanden sind, entdeckte wahrscheinlich erst Hans-Jürgen Buderer, einst rechte Hand von Mannheims Kunsthallendirektor Manfred Fath, später Pressechef der Reiss-Engelhorn-Museen und inzwischen Direktor der Abteilung Kunst- und Kulturgeschichte der rem. Bei der Durchsicht des Depots nach seinem Amtsantritt kam er offenbar aus dem Staunen nicht heraus und sagte sich, dass diese Schätze unbedingt an die Öffentlichkeit müssten.

 

Und da sind sie nun, ein gutes Sechstel der gesamten Bildersammlung, nach und nach sollen in der Zukunft auch die anderen Werke gezeigt werden – in jeweils passenden kulturhistorischen Zusammenhängen. Bevor die erste repräsentative Auswahl des rem-Gemäldebestandes aber ausgestellt werden konnte, waren umfangreiche Restaurierungsarbeiten nötig – von den 131 Bildern mussten mehr als 50 gereinigt, gesichert und restauriert werden, so dass man beim Rundgang durchaus einen Eindruck von Frische und Opulenz bekommt. Dabei sind etliche Werke gar nicht mal das, was in einem Museum von Weltrang als erste Sahne gelten würde, sondern die Kollektion spiegelt zum Teil deutlich die Geschichte ihrer Entstehung, nämlich das Sammlungsverhalten von Adel und Großbürgertum zwischen Renaissance und frühem 19. Jahrhundert, wobei mit rund 40 Malern ein unübersehbarer Schwerpunkt auf den Landschaften und Genreszenen der Niederländer des 17. Jahrhunderts liegt.

 


Kurfürst Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg ("Jan Wellem") und seine Gemahlin Anna Maria Luise de' Medici. Das Bild wurde 1708 von Jan Frans van Douven (1656-1727) gemalt und kam nach dem Tod des Kurfürsten durch Anna Maria Luisa nach Florenz, wo es sich heute im Vasari-Korridor der Uffizien befindet. Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen besitzen zwei Einzelporträts des Kurfürstenpaares von Jan Frans van Douven - im Vergleich zu dem prunkvoll auftrumpfenden Doppelbildnis sind die Mannheimer Einzelbildnisse etwas zurückhaltender, frischer und natürlicher.
Foto: 
Museum Kunstpalast Düsseldorf

 

Die Entstehung des heutigen rem-Gemäldebestandes ist übrigens kompliziert genug, wie sich im Katalogbeitrag von Andreas Krock nachlesen lässt, dem wissenschaftlichen Sammlungsleiter von Gemälde, Grafik und Skulpturen. Der Kunstsinn der pfälzischen Kurfürsten brach sich nach den Heidelberger Verwüstungen wieder Bahn mit Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716), den die Düsseldorfer heute noch zärtlich „Jan Wellem“ nennen und der mit Anna Maria Luisa, der letzten Vertreterin der fürstlichen Linie der Medici-Dynastie verheiratet war (eine andere Medici-Linie existiert heute noch). Die Ehe blieb kinderlos und Anna Maria Luisa zog nach dem Tod ihres Mannes zurück in die Heimat, wo sie ihre eigenen Kunstschätze der Stadt Florenz vermachte. Die in Düsseldorf angesammelten Preziosen jedoch, deren Rang man heute noch in München bewundern kann, kamen nach und nach in Mannheim an, wo nach Jan Wellems unerwartetem Tod 1716 sein jüngerer Bruder Carl Philipp (1661-1742) die Macht übernahm und den Bau des riesigen Residenzschlosses begann. Wieso eigentlich Düsseldorf, wieso gerade Mannheim und dann auch noch München? Schließlich war doch das Heidelberger Schloss die Residenz der pfälzischen Herrscher?

 

Das Heidelberger Schloss hatte in den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts dermaßen gelitten, dass es als Residenz in einer neuen Zeit nicht mehr hergerichtet werden konnte. Den ersten Knacks hatte der große Bau am Berghang oberhalb der Stadt erhalten, als 1622 die Truppen Tillys angriffen. 1633 waren es dann die Schweden, die Schloss und Bevölkerung attackierten. Die schrecklichsten Zerstörungen aber kamen 1693 auf das Konto des französischen Militärs im Rahmen des von Ludwig XIV. angezettelten Pfälzischen Erbfolgekrieges. Jan Wellem, der Stadt und Schloss zunächst hatte schützen können, war nach den Verwüstungen von 1693 gezwungen, die Residenz zu verlegen – und da bot sich Düsseldorf an, das zum Territorium des umfangreichen pfälzischen Flickenteppichs gehörte.

 

Als Carl Philipp 1716 die Kurpfalz übernahm, hatte er sich eigentlich wieder in Heidelberg einrichten wollen, geriet als strammer Katholik aber mit dem unerschrockenen reformierten Kirchenrat aneinander, so dass er schließlich den Heidelbergern entnervt wünschte, es möge Gras auf ihren Straßen wachsen ... Er begann im nahen Mannheim einen weitläufigen neuen Schlossbau, einen der größten in Europa, der im Zuge seiner allmählichen Bewohnbarkeit standesgemäß ausgestattet werden musste, praktischerweise unter anderem mit den Kunstschätzen Jan Wellems in Düsseldorf. Ein erster Gemäldekatalog von 1738 listet laut Andreas Krock immerhin 247 Bilder auf.

 

Carl Philipps entfernter Verwandter Carl Theodor (1724-1799) folgte 1742 auf den kurpfälzischen Thron, und mit ihm und seinem intensiven kulturellen und wissenschaftlichen Engagement begannen Mannheims große Jahrzehnte. Zwischen 1758 und 1771 zog er allein zwölf neue Hofmaler heran, die jährlich eine bestimmte Zahl an Bildern liefern mussten, darüber hinaus erwarb er Kunstwerke aus ganz Europa, wobei sein Geheimer Kabinettsekretär Johann Georg von Stengel und seit 1773 dessen Sohn Stephan von Stengel als Agenten dienten (noch heute wird gemunkelt, der von Carl Theodor in beste Positionen gesetzte Stephan sei eigentlich dessen unehelicher Sohn gewesen). Carl Theodors Gemäldebestand umfasste laut einem Katalog von 1780 rund 1000 Bilder, darunter Spitzenwerke europäischer Malerei wie das berühmte Selbstbildnis von Peter Paul Rubens mit Isabella Brant in der Geißblattlaube, eine „Heilige Familie“ von Martin Schongauer, 25 Porträts von Anthonis van Dyck, 12 Bilder von Jan Brueghel d. Ä., sowie Werke von Raffael, Rembrandt, François Boucher, Esteban Murillo und anderen. Viele blieben zunächst in Mannheim, als Carl Theodor gezwungenermaßen die Residenz 1778 nach München verlegte: Am 30. Dezember 1777 starb der bayerische Kurfürst Max III. Joseph und Carl Theodor war vertragsgemäß sein Nachfolger. Erst in den französischen Revolutionskriegen 1794-1798 wurden die meisten Mannheimer Bilder aus Sicherheitsgründen nach München geholt.

 

Das Ergebnis der napoleonischen Eroberungen war schließlich eine Neuordnung der europäischen Herrschaftsbereiche: 1802 fiel die rechtsrheinische Pfalz und damit auch Heidelberg und Mannheim an das Großherzogtum Baden, und vor der Machtübernahme konnte Carl Theodors Nachfolger in München, Max IV. Joseph von Bayern, gerade noch die Restsammlung aus Mannheim für sich retten. Bis auf die erwähnte „Plünderung eines Dorfes“ von Wouverman befinden sich Mannheims Schätze seither alle in München.

 


Bildnis einer lesenden Frau von Peter Paul Rubens (1577-1640) und seinem Mitarbeiter Jan Boeckhorst (1604-1668). Das Gemälde gehörte einst dem Mannheimer Hofmaler Anton von Klein und wurde 1810 für das Mannheimer Schloss vom badischen Großherzog Carl Friedrich erworben. Restaurierungsarbeiten ergaben, dass das Bild ursprünglich nur Kopf und Brust der Dargestellten zeigte und das Detail mit dem Buch später angestückt wurde (Bruchlinien sind noch quer über das untere Fünftel sowie seitlich sichtbar). Röntgenuntersuchungen ließen zudem erkennen, dass die Dame anfangs ganz anders gekleidet war und dass nachträglich Farbretuschen angebracht wurden.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)


Aber auch der neue Herrscher, der badische Großherzog Carl Friedrich, bewies aristokratische Kunstansprüche: Er wollte das Mannheimer Schloss als Zweitresidenz nach Karlsruhe standesgemäß herrichten und mit Kunstwerken ausstatten. Da kam es ihm 1803 gerade recht, dass Giuseppe Graf Lucchesi-Palli, ein sizilianischer Diplomat, der unter anderem in Wien und Stuttgart tätig war, soeben in Karlsruhe weilte und die von seinem Vater geerbte Bildersammlung los werden wollte. Es handelte sich um 256 Gemälde eher zweitrangiger Qualität, aber mit einem großen Anteil schöner Niederländer, wie sie seinerzeit auch Carl Theodor schon geschätzt hatte. 1810 konnte der Großherzog zusätzlich noch die nachgelassene Kunstsammlung von Carl Theodors einstigem Hofmaler Anton von Klein (1746-1810) erwerben – 21 Bilder vor allem italienischer Künstler, aber auch das von Peter Paul Rubens und seinem Mitarbeiter Jan Boeckhorst gemalte Bild einer „Lesenden Frau“ gehörte dazu; es hatte zuvor wohl der Familie Stengel gehört, was einmal mehr den Kunstsinn und die Selbstansprüche des Adels rund um den pfälzischen Hof dokumentiert.

 

Zum ebenso wechselvollen wie komplizierten Schicksal des heutigen Mannheimer Bilderbestandes gehört, dass die großherzoglichen Gemälde 1922 der Stadt überlassen, aber 1936 die Schlossbestände neu geordnet wurden, mit einem fatalen Ergebnis: Nur 80 Bilder blieben in Mannheim, 241 wanderten ab in die Kunsthalle Karlsruhe (9 Bilder gingen an die Mannheimer Kunsthalle). Wegen der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg wurden die Mannheimer Bilder 1943/44 ausgelagert. Der Kern des heutigen Bestandes setzt sich aus 80 Werken der Lucchesi-Palli-Erwerbung und des Anton-von-Klein-Nachlasses zusammen. Der Mannheimer Altertumsverein erwarb schon im 19. Jahrhundert wesentliche Stücke, und durch geschickte Ankäufe, Mäzene und Schenkungen von Bürgern konnte die zweimal empfindlich dezimierte Kollektion wieder auf heute mehr als 600 Bilder anwachsen. Ein Nachteil jedoch ist nur schwer und durch langwierige Bemühungen auszubügeln: Mit der Geschichte Mannheims und der Kurpfalz haben viele Werke kaum etwas zu tun, die einstigen Hofkünstler Carl Theodors sind nur unzulänglich vertreten, was umso schmerzlicher ist, als deren Wand- und Deckengemälde im Schloss auch meist durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verloren gingen.

 


"Heilige Familie" von Giovanni Antonio Pellegrini (1675-1741). Das dem venezianischen Maler zugeschriebene Werk entstand um 1720 und ist charakteristisch für seinen duftigen, gleichsam pulsierenden Pinselauftrag. Seine Deckengemäkde im Mannheimer Schloss sind nicht erhalten.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

So ist von dem Venezianer Giovanni Antonio Pellegrini (1675-1741), der an Europas Fürstenhöfen zu Hause war und bereits 1713 für Jan Wellem Wandgemälde in Schloss Bensberg ausgeführt hatte, nur ein einziges Werk im rem-Bestand, und das ist noch dazu nicht gesichert, sondern wird ihm nur aufgrund von Stilvergleichen zugeschrieben. Pellegrinis duftiger, lebendiger Pinselauftrag und seine delikate, von zarten, hellen Farben dominierte Palette bezauberte seinerzeit auch Carl Philipp, in dessen Auftrag er vier Deckengemälde im Mannheimer Schloss schuf – alle wurden im Krieg zerstört. Seiner Schwägerin, der berühmten Pastellmalerin Rosalba Carriera (17675-1757), beschrieb Pellegrini in einem Brief den herzlichen Empfang des Kurfürstenpaares, als er 1736 in Mannheim eintraf. Auch seine „Heilige Familie“ im Bestand der rem vermittelt einen Eindruck seiner feinen, atmenden Malweise. Schmerzlich nur, dass seine Bilder sich sonst in Stuttgart, Venedig oder im Louvre befinden, nicht aber in Mannheim.

 

Der einzige außer Pellegrini noch vertretene Italiener ist ausgerechnet Giuseppe Maria Crespi (1665-1747) mit einem unbestritten originalen „Drehleierspieler“ aus der einstigen Kollektion des Grafen Lucchesi-Palli. Den etwas bizarren Bologneser Maler verbindet mit Mannheim wirklich rein gar nichts, und ob ein Pendant-Gemälde in Karlsruhe mit dem Titel „Der Postmann“ tatsächlich 1803 zunächst nach Mannheim kam, müsse noch geprüft werden, heißt es im Katalog.

 

Schade auch, dass von Philipp Hieronymus Brinckmann (1709-1760) zwar sechs lauschige Landschaftsbilder vorhanden sind, aber alles kleine Kabinettformate, wie sie seinerzeit sehr begehrt waren, aber heute von der Bedeutung Brinckmanns am kurpfälzischen Hof kaum noch etwas ahnen lassen. Von ihm sind immerhin noch die Erdteilfresken in den Gewölbezwickeln der Mannheimer Jesuitenkirche erhalten und Teile der Deckengestaltung im Bibliothekskabinett der Kurfürstin Elisabeth Auguste, aber der 1733 von Carl Philipp zum Hofmaler ernannte Künstler hat auch im Mannheimer Schloss gearbeitet (nicht erhalten) und war unter Carl Theodor Theatermaler sowie seit 1757 Direktor des Malereikabinetts und Mitglied des Geheimen Rats. Von den sechs heute im rem-Bestand vorhandenen Bildern wurden drei erst 1939, 1941 und 1956 erworben, eines kam 1909 als Geschenk an den Altertumsverein. Ausgerechnet das Frankfurter Städel und die Eremitage in St. Petersburg besitzen Brinckmann-Gemälde – und noch ist er (auch mit seiner virtuosen Grafik) im Kunsthandel vertreten, so dass für Mannheim noch nicht alle Chancen dahin sind.

 


Eines der meisterhaften Stillleben von Jan Wellems Hofmalerin Rachel Ruysch (1664-1750). Das abgebildete Werk entstand 1711 und wurde wahrscheinlich bereits 1712 von Jan Wellem an seinen Schwiegervater Cosimo III. de' Medici nach Florenz geschickt. Es befindet sich seit 1753 in den Uffizien (Rembrandt-Saal). Die Reiss-Engelhorn-Museen besitzen ein Früchtestillleben mit ganz ähnlichen Komponenten (Pfirische, Trauben, Vogelnest, Eidechse), aber als Hochformat angelegt. Offenbar ist das Mannheimer Bild auch bereits 1708 entstanden.
Foto:
Uffizien Florenz

 

Zum Löwenanteil der Niederländer in der rem-Gemäldesammlung muss man übrigens Rachel Ruysch (1664-1750) zählen, deren Stillleben an Europas Fürstenhöfen begehrt waren und heute zu den Schmuckstücken in Wien, Florenz und Brüssel gehören – beim Anblick des einen, einzigen Beispiels im rem-Bestand versteht man warum. Die Samthaut der Pfirsiche, der Glanz von Melonen, Maiskolben, Trauben – man möchte sie aus dem Bild heraus klauben, so verlockend liegen sie, aus dunklem Hintergrund hervortretend, vor dem Auge. Die Vergänglichkeit der Pracht und zugleich die ganze Fülle der Natur deutete die Malerin zusätzlich an mit einem Mäuschen, einer Eidechse, einem herabgefallenen Vogelnest. Rachel Ruysch war eine ungewöhnliche Person. Geboren in Amsterdam, wo sie schließlich mit 86 Jahren auch starb, war sie bereits mit 15 ins Atelier des Stilllebenmalers Willem van Aelst eingetreten und ließ sich von ihrer Arbeit auch nicht abhalten durch eine erst im Alter von 30 Jahren geschlossene Ehe mit einem Malerkollegen, mit dem sie 10 Kinder bekam (sechs starben früh). Jan Wellem zog sie 1708 als Hofmalerin nach Düsseldorf; als der Kurfürst 1716 starb, kehrte sie nach Amsterdam zurück. Offenbar kamen mehrere ihrer Meisterwerke über Jan Wellems Gemahlin Anna Maria Luisa de’ Medici nach Florenz.

 


Kurfürst Carl Theodor (1724-1799), gemalt von Anna Dorothea Therbusch 1763. Das unkonventionelle, fast schon persönliche Porträt ist eines der schönsten von Carl Theodor überhaupt.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

Im 17./18. Jahrhundert drangen mehrere Frauen in die vorderste Linie der Malerei vor, auch dafür besitzen die rem mit Anna Dorothea Therbusch (1721-1782) einen weiteren Beleg. Die gebürtige Berlinerin, die aus polnischem Adel stammte, war eine unkonventionelle, liebenswürdige Porträtistin. Ihr Bildnis von Kurfürst Carl Theodor ist eines der schönsten überhaupt – jenseits von absolutistischem Gehabe und imposanter Inszenierung, obwohl der Kurfürst in vollem Ornat als Halbfigur präsentiert wird: Über seinem Mantel aus rotem Samt liegt ein üppiger Hermelinumhang und über diesem wiederum die Kette des Hubertus-Ritterordens, des Hausordens der Wittelsbacher. Dem Hofprotokoll entsprach sicher nicht, dass die Hand des Kurfürsten den Ordensstern halb verdeckt und ein aus dem Ärmel hervorquellendes Spitzengeriesel mehr Aufmerksamkeit beansprucht. Am wenigsten der Hofetikette gemäß aber ist die frontale Haltung des Herrschers, seine gleichsam einladende, zuvorkommende Geste und der zutiefst menschliche, eindringliche Blick. Der Betrachter steht ihm gleichsam von Person zu Person gegenüber, Respekt und Hochachtung werden ihm abgefordert durch den Anblick eines Mannes von Charakter, nicht eines Machthabers.

 


Ein privates Freundschaftsbild scheint auch Anna Dorothea Therbuschs Porträt ihres Künstlerkollegen Peter Anton von Verschaffelt zu sein. Das 1764 entstandene Werk ist als lebendige Momentaufnahme seiner Zeit voraus, es zeigt Verschaffelt wie im spontanen Gespräch mit dem Betrachter.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

Die Künstlerin malte das Porträt Carl Theodors 1763, nachdem sie eben erst, vom Hof Carl Eugens aus Stuttgart kommend, Hofmalerin in Mannheim geworden war. Malerin und Kurfürst stammten aus der gleichen Generation, Anna Dorothea Therbusch war nur rund vier Jahre älter, und beide standen auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Unter den rem-Gemälden befindet sich ein weiteres bemerkenswertes Porträt von ihr, nämlich das des Hofbildhauers Peter Anton von Verschaffelt (1710-1793) aus dem Jahr 1764. Wie mühsam es ist, die immer wieder verlorenen Zeugnisse der Mannheimer Geschichte zu sammeln, beweist die Tatsache, dass das Verschaffelt-Bildnis erst 1951 erworben werden konnte (das Porträt Carl Theodors kam als Geschenk des Prinzregenten Luitpold von Bayern zum 300-jährigen Mannheimer Stadtjubiläum 1907 ins Haus).

 

Verschaffelt, in Gent geboren, war in Paris, Rom und London tätig gewesen, bevor er 1752 von Carl Theodor nach Mannheim geholt wurde. Im Louvre befindet sich eine höchst lebensnahe Marmorbüste Voltaires von ihm, und in der Kurpfalz schuf er nicht nur bedeutende Skulpturen für den Schwetzinger Schlosspark, sondern war auch mit etlichen Bauvorhaben befasst. An der Mannheimer Jesuitenkirche und am Palais Bretzenheim war er beteiligt, das Zeughaus in Mannheim, einer der Standorte der Reiss-Engelhorn-Museen, sowie die Wallfahrtskirche in Ludwigshafen-Oggersheim entstammen seinen Plänen, und als er von Anna Dorothea Therbusch porträtiert wurde, war auch er, wenngleich ein knappes Jahrzehnt älter als sie, auf der Höhe seines Schaffens. Heraus kam ein bezaubernd lebendiges Bild, fast eine Momentaufnahme, als befinde sich Verschaffelt, in Hausmantel und Pelzmütze, am selben Tisch im Gespräch mit dem Betrachter, dem er eben in seinem Skizzenbuch etwas zeigen wollte. In einer spontanen Vierteldrehung wendet er sich dem Betrachter zu, den Mund leicht geöffnet, eine Hand auf der Kante der Skizzenmappe, von der man sich vorstellen kann, dass sie im nächsten Moment aufgeklappt wird, um das Gesprächsthema zu untermauern. Das Bild verströmt eine heitere Gelassenheit und eine in sich ruhende Überzeugung des Künstlers von sich selbst.

 

Wie ungewöhnlich dieses sehr persönliche Bildnis war, lässt ein Vergleich mit einem anderen Verschaffelt-Porträt von Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789) ahnen, der den Hofbildhauer etwa 15 Jahre später auf die Leinwand bannte und damit ein hoch offiziöses Repräsentationswerk schuf. Da sitzt Verschaffelt in dunkelblauer Samtjacke, Brokatweste und dem päpstlichen Christusorden an rotem Seidenband am Tisch und hält den Zeigefinger demonstrativ auf einen Bauplan (vermutlich den des 1778 entstandenen Zeughauses). Sein Gesicht unter der gepflegten Puderperücke ist ernst, verschlossen und von jenem konventionellen Ausdruck wichtiger Persönlichkeiten, wie sie auch aus der Geld- oder Diplomatenbranche kommen könnten. Ohne Zirkel, Bauplan und Zeigefinger hätte ein unbefangener Betrachter den Mann womöglich falsch eingeordnet.

 


Der Hofbildhauer Paul Egell im abenteuerlichen "polnischen Kostüm", um 1735 gemalt von seinem Freund Johann Georg Dathan
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

Ein weiteres Künstlerporträt aus dem rem-Bestand vermittelt eine völlig andere, fast dramatische Persönlichkeit, über deren Privatleben jedoch wenig bekannt ist: Um 1735 malte Johann Georg Dathan (1701-1749) seinen Freund, den Hofbildhauer Paul Egell (1691-1752), Vorgänger von Verschaffelt, der nach Egells Tod nach Mannheim geholt wurde. Egell war 1731 von Kurfürst Carl Philipp nach Mannheim berufen worden. Im Zeughaus befinden sich einige sehr feinsinnige Skulpturen von ihm, er schuf das Giebelrelief an der Schlosskirche und delikate Stuckreliefs im Treppenhaus des Schlosses, die den Zweiten Weltkrieg überstanden. Wie so vieles, was in Mannheim hätte gehalten werden müssen, aber für die Identität der Stadt verloren ging, gerieten auch Egells Arbeiten zum Hochaltar der Marktkirche St. Sebastian in andere Hände: Der Altar wurde 1875 einfach abgebrochen und nach Berlin verkauft – Fragmente befinden sich heute im Berliner Bode-Museum. Egells Porträtist Dathan jedoch, eher als Maler des kurpfälzischen Hofzwerges und Mundschenks Perkeo bekannt, wurde nie in den Rang eines Hofkünstlers gesetzt, war aber mit mehreren kurfürstlichen  Aufträgen befasst. Der oben erwähnte Philipp Hieronymus Brinckmann war sein Schüler, beide stammen aus Speyer.

 

Dathan war ein brillanter Maler, was sein Perkeo-Porträt nur ahnen lässt. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besitzen eine kleinformatige, aber opulente „Allegorie auf die Vermählung von Maria Josepha von Sachsen mit dem Dauphin und späteren König Louis XV 1747“. Auch das Egell-Porträt ist eine souveräne Leistung, ungewöhnlich auf den ersten Blick durch das extravagante „polnische“ Kostüm Egells mit der bebänderten Pelzmütze und dem geöffneten Rock, unter dem die Volants eines ebenfalls tief geöffneten weißen Hemdes hervordringen. Am fesselndsten jedoch das markante Gesicht mit seinem tragisch-trotzigen Ausdruck und den großen dunklen Augen, die millimetergenau am Betrachter vorbeischauen und den Blickkontakt verweigern – derart eigenwillige, von Höhen und Tiefen des Lebens geprägte Züge sind unvergesslich.

 

Die Bildnisse der rem-Gemälde sind nicht zuletzt auch Dokumente von Menschenschicksalen und schwierigen, bewegenden Lebensläufen, was freilich nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. So sieht man wahrscheinlich erst mal vorbei an einem blässlich fahlen, etwas aufgedunsenen Männergesicht, das sich als ziemlich schonungsloses Selbstporträt entpuppt: Heinrich Carl Brandt (1724-1787) war, wie es im Katalog heißt, „als kurfürstlicher Kabinettporträtmaler und damit wichtigster Porträtist der Kurpfalz auf der Höhe seines Ruhmes“. Drei weitere Bilder von ihm sind Teil des rem-Bestandes, das Porträt des kurfürstlichen Kabinettsekretärs Stephan von Stengel (ähnlich repräsentativ wie Tischbeins Verschaffelt-Bildnis), das Porträt der Kurfürstin Elisabeth Auguste (im Alter von 57 Jahren, tief dekolletiert, mit Elisabethenorden, weißen Spitzenkaskaden und rotem, pelzverbrämten Samtmantel, aber mit spießigen Hängebäckchen) sowie - als Kopie nach Tischbein wohl aus Brandts Atelier und nicht ganz aus seiner Hand - das Bildnis Carl Theodors als Musikvirtuose mit Traversflöte und Notenbuch.

 


Von Heinrich Carl Brandt (1724-1787) stammt das bezaubernde Porträt der 12-jährigen Prinzessin Maria Anna von Zweibrücken-Birkenfeld, Nichte von Kurfürstin Elisabeth Auguste, die sich intensiv um die Erziehung der jungen Dame kümmerte. Das Bild, Beispiel für die Brandts meisterhafte Porträtkunst, ist im Besitz des Kurpfälzischen Museums Heidelberg.
Foto:
Kurpfälzisches Museum

 

Brandt war einer der gesuchtesten Porträtisten seiner Zeit und stammte aus Wien, wo er auch ausgebildet wurde. Im Alter von nur 25 Jahren beherrschte er seine Kunst so perfekt, dass er an den kurfürstlichen Hof nach Mainz gerufen wurde, eine Tätigkeit, die er bis zu seiner Berufung nach Mannheim 1766 ausübte, unterbrochen durch einen Paris-Aufenthalt, wo sein Renommee sich fortsetzte, und durch einen frühen Auftrag Carl Theodors, für den er Bilder von van Dyck aus der kurfürstlichen Sammlung kopierte. Die Mannheimer Jahre, in denen er auch Professor an der kurfürstlichen Zeichenakademie und insgesamt hervorragend bezahlt wurde, waren wohl Brandts beste Zeit. Seine Porträts, von denen auch das Kurpfälzische Museum Heidelberg Beispiele besitzt (und von denen einige immer noch im Kunsthandel auftauchen), entstanden stets aus einer Haltung von Repräsentation, genauer Beobachtung und Sinn für zurückhaltenden Glanz – sie verkörperten das, was seine Auftraggeber erwarteten und was die Gesellschaft der Epoche verlangte. Sein Porträt beispielsweise der 12-jährigen Nichte Elisabeth Augustes in Heidelberg (Prinzessin Maria Anna von Zweibrücken-Birkenfeld) vermittelt den ganzen Zauber dieser jungen Person und zugleich ihren Rang in der Adelshierarchie. Brandt verstand es, Menschen einfühlsam als Individuen und zugleich distanziert als Repräsentanten darzustellen, und unter diesem Aspekt ist sein so unscheinbar anmutendes Selbstporträt als ungewöhnlich zu betrachten.

 

Er scheint nicht nur dem Alkohol, sondern auch der Verschwendung und der Damenwelt ausgiebig zugesprochen zu haben, jedenfalls geriet er bei seinen Auftraggebern ziemlich in Verruf. Um Anschuldigungen und Gläubigern in Mannheim zu entgehen, folgte er Carl Theodor Anfang der 1780er Jahre nach München und bekam noch einmal bedeutende Aufträge, bis der Kurfürst ihm endlich die Gunst entzog, offenbar weil man Brandt eine Affäre mit einem 16-jährigen Mädchen unterstellte. Der Maler sah schließlich keinen Ausweg mehr als den Gifttod – sein noch vor der Mannheimer Zeit entstandenes Selbstbildnis ist eine Art Bestandsaufnahme eigener Unzulänglichkeit, auf seltsame Weise „repräsentativ“, nämlich so, wie man ihn wohl von außen sah, und zugleich Dokument einer Person, die wusste, dass sie sich nicht im Griff hatte.

 


Heinrich Carl Brandt: Die Gräfin Heydeck mit ihren Kindern, Erinnerungsbild aus dem Jahr 1785. Die Gräfin, ursprünglich Tänzerin am Mannheimer Theater und Mätresse von Kurfürst Carl Theodor, erscheint als zarte weiße Lichtgestalt, an der Wand im Hintergrund das Porträtmedaillon Carl Theodors, von dem die Kinder stammten. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes war Maria Josepha Seyfert - so der bürgerliche Name der Gräfin - seit fast 15 Jahren tot: Sie war 1771 im Alter von nur 23 Jahren gestorben. Das Bild gehört den rem, ist aber nicht Teil der Ausstellung "Meisterhaft".
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

Auch am Hof hatten Menschen ihre Dramen, und auch das sieht man den Bildern nicht an. Eines von Brandts Werken gehört zwar den rem, ist aber nicht Teil der Ausstellung „Meisterhaft“. Es ist die in Mannheim sehr bekannte und ebenso rührende Ansicht der Gräfin Heydeck mit ihren Kindern, ein Familien-Interieur ohne das männliche Familienoberhaupt: das findet man klitzeklein als Porträtmedaillon an der Zimmerrückwand – es ist Carl Theodor höchstpersönlich. Eine Tänzerin am Mannheimer Nationaltheater, Maria Josepha Seyfert, war wohl die Liebe seines Lebens und die Mutter seiner vier Kinder, die der Kurfürst standesgemäß und liebevoll erziehen ließ, nachdem der einzige mit Elisabeth Auguste gezeugte dynastische Nachkomme am Tag nach einer katastrophal verlaufenen Geburt 1762 gestorben war. Carl Theodor machte die Tänzerin zur Gräfin Heydeck – als er das Bild bei Heinrich Carl Brandt 1785 in München in Auftrag gab, war sie bereits seit fast 15 Jahren tot, es ist ein eher schmerzliches Erinnerungsbild, kein Dokument heiterer Gegenwart.

 


Drei bezaubernde junge Damen beim Musizieren, um 1745 von Hofmaler Jan Philips van der Schlichten auf eine kleine Birnbaumplatte gebannt. Es sind (von links) die Schwestern Maria Anna, Elisabeth Auguste (die als Kurfürstin in der Mitte sitzt) und Franziska Dorothea. Die Lebensschicksale der drei Schönheiten sind dem eleganten Gemälde nicht zu entnehmen - aber hinter den Bildern verbergen sich mitunter Dramen.
Foto: rem/Jean Christen (Copyright)

 

In der Ausstellung vorhanden jedoch ist ein kleines Gruppenbild von Elisabeth Auguste und ihren zwei Schwestern beim Musizieren, entstanden um 1745, in den glücklichen Jahren nach Carl Theodors Regierungsantritt 1742. Die drei jungen Damen, gemalt von Hofkünstler Jan Philips van der Schlichten (1681-1745), sind ein rundherum reizender Anblick in ihren kostbaren dekolletierten Roben, ihrer geschickten Gruppierung und farblichen Delikatesse. Was aus Elisabeth Auguste wurde, ist hier bereits mehrfach angedeutet worden. Ihre ein Jahr jüngere Schwester Maria Anna heiratete am selben Tag wie Elisabeth (17. Januar 1742) in Mannheim den Herzog Clemens Franz de Paula von Bayern (1722-1770). Die jüngste jedoch, Maria Franziska Dorothea von Sulzbach (1724-1794), war mit Pfalzgraf Friedrich Michael von Pfalz-Birkenfeld verlobt, den sie 1746 heiratete. Aus dieser Ehe gingen zwar mehrere Kinder hervor, unter anderem die von Heinrich Carl Brandt so anmutig gemalte Maria Anna von Zweibrücken-Birkenfeld, aber dennoch scheint Franziska nicht ganz ausgelastet gewesen zu sein, weil ihr Mann in kaiserlichen Diensten stand und stets länger abwesend war. Das Pech wollte es, dass sie aus der Liaison mit einem Mannheimer Schauspieler schwanger wurde. Es war ein Hofskandal, den Kurfürstin Elisabeth Auguste, selbst kein Kind von Traurigkeit, nicht duldete: Sie ließ ihre Schwester vom Hof entfernen, Franziska brachte im fernen Straßburg einen Sohn zur Welt und wurde dann ins Kloster gesteckt, was einer Haft gleichkam. Der Skandal bestand dabei nicht etwa in Fransziskas Ehebruch, sondern in ihrer Schwangerschaft durch einen nicht standesgemäßen Liebhaber. Man muss sich das vorstellen: Ausgerechnet ihre Schwester Elisabeth Auguste hatte zeitweise Fransziskas Ehemann als Liebhaber, allerdings ohne unerwünschte Folgen. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1767 durfte Franziska das Kloster verlassen und auf Schloss Sulzbach leben, in der "Provinz" also immer noch.

 

Es sind Lebensbilder und Dramen, die sich hinter den gemalten Bildern verbergen - und wenn man so will, verbergen sich die Dramen der Natur, ihr ungestümes Werden und Vergehen, auch hinter den zahlreichen Landschaftsansichten mit ihren Bäumen, Gewässern, Felsen und Gehöften, an denen man sich kaum satt sehen kann. Selbst Seestücke, die mit Mannheim nun wirklich nichts verbindet, sind im rem-Bestand vorhanden, der insgesamt eine Zeitspanne von rund drei Jahrhunderten umfasst, von einem Lutherbildnis und mehreren religiösen Werken Lucas Cranachs d. Ä. (1472-1553) bis hin zu einer um 1822 entstandenen Ammersee- Ansicht Wilhelm von Kobells (1766-1853), dem am Münchner Hof geadelten Mitglied der ursprünglich Mannheimer Malerfamilie Kobell. Wie sehr das Engagement der Bürger den Gemäldebestand bereichert hat, zeigen nicht nur die Erwerbungen des Altertumsvereins, sondern auch die jüngsten Dauerleihgaben aus privater Hand, zu denen die sechs Cranach-Gemälde gehören. Als Museumsvertreter hofft man natürlich immer, dass aus einer Dauerleihgabe irgendwann ein dauerhafter Besitz wird, da wäre Cranach schon ein weiteres Glanzlicht in der Sammlung, obwohl auch er ja mit Mannheim und der Kurpfalz nichts zu tun hat.

 

 

Rund drei Jahrhunderte liegen zwischen Lucas Cranachs "Kirschenmadonna" (um 1506, oben) und Wilhelm von Kobells "Bäuerinnen mit Schafen am Ammersee" (um 1822). Die beiden Bilder markieren die Zeit, die vom Gemäldebestand der Reiss-Engelhorn-Museen überspannt wird. Die insgesamt 6 Cranach-Gemälde sind Dauerleihgaben von privater Hand, das kleine Kobell-Bild wurde 1950 aus einem Nachlass erworben - Beispiele für die Chancen, die der Gemäldebestand der rem immer noch durch private Sammler und den Kunstmarkt hat.

Fotos: rem/Jean Christen (Copyright)

 

 

Wie schwierig die Betreuung und wissenschaftliche Bearbeitung der rem-Gemälde sein kann, wird jedoch deutlich aus mehreren durcheinander geratenen Jahreszahlen im Katalog. Da wird als Datum des Umzugs von Carl Theodors Hofhaltung nach München einmal 1788 (falsch), ein anderes Mal 1778 (richtig) genannt. Im Bildtext zu Jan Philips van der Schlichtens Gruppenbildnis von Elisabeth Auguste und ihren Schwestern wird ihr Schwager Herzog Clemens von Bayern einmal mit den Lebensdaten 1700-1761 versehen (fataler Fehler, das sind die Lebensdaten von Fürstbischof Clemens August von Bayern), im selben Text im Absatz daneben wird der Herzog genauer als „Herzog Clemens Franz von Bayern“ bezeichnet und auch mit dem richtigen Geburtsdatum 1722, aber mit dem falschen Todesdatum: 1790 statt 1770. Rachel Ruysch wurde ein Lebensjahr dazu gegeben, indem ihr Geburtsdatum mit 1663 vermerkt wird, während alle anderen Quellen 1664 angeben. Und vollends kurios präsentiert sich „Kurfürst Karl Philipp“ (1661-1742), seines Zeichens Bruder von Jan Wellem und Vorgänger Carl Theodors, angeblich gemalt von einem „unbekannten deutschen Maler um 1800“! Auf Nachfrage bei Sammlungsleiter Andreas Krock die Überraschung: Es sei, mailte Krock zurück, nicht sicher, ob es sich tatsächlich um Carl Philipp handele, es käme auch Carl Theodors Schwager Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken in Frage (eben jener, dem die unglückliche Franziska die bewussten Hörner aufsetzte), und das Bild sei wohl „um 1740“ entstanden. Ja, dann! Der perfekten Malerei und dem etwas arroganten Blick des porträtierten Herrn, der mit Puderperücke und Prunkrüstung seinen Adelsstand repräsentiert, tut das alles ja keinen Abbruch. Es steckt in dem Bestand von über 600 Bildern wohl noch eine Menge Arbeit.

 

Info:

Ausstellung „Meisterhaft – von Cranach d.Ä. bis Kobell“, rem-Gemäldegalerie, Museum Zeughaus, Mannheim, C5, vom 8. Mai 2011 bis 11. Januar 2012 (verlängert bis 29. April 2012), Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, geschlossen 24. und 31. Dezember, Katalog im Verlag Schnell & Steiner, 248 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, ISBN 978-3-7954-2503-6, Preis an der Museumskasse 19,95 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro, www.meisterhaft2011.de
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