Jahresschau 2001 bei Peter Plöderl


Als Brosche wie als Collier-Anhänger lässt sich dieses Ensemble aus drei ägyptischen Skarabäen, einem Rubin und einem blaugrünen Opal tragen. Die Dreiteilung der Skarabäus-Querleiste griff Plöderl in senkrechter Variante bei dem Opal wieder auf, dessen Längsform von zwei tropfenförmigen Goldelementen begleitet wird. Was zusätzlich für Lebendigkeit sorgt, sind ein ovaler und ein dreieckiger Diamant rechts und links neben den Skarabäen - der runde Stein in hellbrauner Naturfärbung, der eckige champagnerfarben. 


Collier-Anhänger mit ägyptischen Skarabäen, von denen drei mit der gravierten Bauchseite zu sehen sind. Plöderl fasste die kleinen Fundstücke in Gelbgold und besetzte die Aufhängerschlaufe, einen Querring sowie den Buckelrücken eines Käfers mit kleinen Diamanten. 


Einen Brief in babylonischer Keilschrift fasste Plöderl in Gelbgold, setzte einen Opal quer darunter sowie  ein ägyptisches Siegel aus Steatit und schloss das Ganze unten mit einer Halbkreisscheibe ab, auf der Diamanten in natürlichen Rosenholztönen geheimnisvoll flackern.


Wie eine Reliquie stellte Plöderl das unscheinbare Holzfragment einer Uräus-Schlange in eine Goldnische, schmückte es mit Goldkügelchen, die seine Form betonen, und fügte einen unwirklich blau schimmernden Tropfen-Opal an. Die Uräusschlange, an der sich hier noch Reste altägyptischer Vergoldung befinden, war einst Herrschaftssymbol der Pharaonen und wurde über der Stirn getragen. Die Neuschöpfung ist als Anhänger an einem Collier gedacht.

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Fotos mit freundlicher Genehmigung von Peter Plöderl

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16-10-2001

Götter, Steine und Korallen

Das Werk des Schmuckkünstlers Peter Plöderl in Mannheim

 

Von Christel Heybrock 

 

Schmuckdesign hat in den letzten drei Jahrzehnten einen Aufschwung genommen, wie er seit Jugendstil und Art Deco nicht mehr zu verzeichnen war. Zeitweise schienen sich dabei die skurrilsten und verkrampftesten Formideen zu überschlagen: Je radikaler die Zier sich von den Bedingungen des menschlichen Körpers entfernte, je "untragbarer" sie wurde, desto höher schätzten die Designer offenbar ihre eigene Gestaltungspotenz ein. Die Form war alles, der Körper hatte sich nach ihr zu richten - nicht etwa umgekehrt. Ob die spitz in den Raum ragenden Stangen, mit denen sich Damen Haupt und Decolleté verschönern sollten, auf Partys tatsächlich vorgeführt wurden und den (erwünschten?) Effekt hatten, dass niemand mehr sich den holden Wesen nähern konnte - es entzieht sich der Kenntnis.

 

Zu solchen neurotischen Formgebern gehört der Mannheimer Schmuckkünstler Peter Plöderl gewiss nicht. Aber auch von den Schrecken konventioneller Schmuckauffassung ist er weit entfernt. Den eisigen Glanz lupenreiner weißer Diamanten, womöglich noch in gefühlloser Reihung und protzig auf Weißgold gesetzt - so etwas sucht man bei ihm vergeblich. Zwischen den ewig gleichen Auslagen "normaler" Juweliere und dem Blick in Plöderls Vitrinen liegen Welten, und was man Steinen alles entlocken kann, was alles eigentlich in ihnen verborgen ist, das lernt man bei ihm verblüfft und mit Staunen. Nicht makellose Perfektion ist es, die er in seinen Materialien sucht, sondern vielmehr unverwechselbarer Charakter, die Wachstumskräfte von Korallen und Muscheln, die Einmaligkeit der physikalischen Prozesse, in denen Diamanten, Opale, Rubine, Turmaline und andere Herrlichkeiten entstanden. Dass Steine Individuen sind, von denen nicht zwei sich gleichen, dass man Perlen und Korallen ansehen sollte, wie biologische Organismen sie wachsen ließen und dass Gold und Silber nicht einfach als Fassung herhalten müssen, sondern sich in Form und Farbe anpassen können, das ist bei ihm stets aufregend zu verfolgen. Und noch ein viertes Element kommt hinzu: kleine antike Fundstücke oder alte Objekte von Stammeskunst, die Plöderl meist bei Streifzügen in Pariser archäologischen Galerien entdeckt - in Paris hat er wiederholt seine Arbeiten auch ausgestellt.

 

Einfühlsam kombiniert, ergeben alle diese Bestandteile schließlich "Schmuck" von ungeahnter Lebendigkeit. Manche Stücke wirken trotz ihrer Kostbarkeit dem Betrachter auf Anhieb vertraut und zutiefst verwandt - nichts hält einen hier in der autoritären Distanz, mit der man in der Branche sonst rechnen muss, selbst die mitunter fast schmerzhafte Schönheit der Dinge fordert keinen Abstand, sondern im Gegenteil Nähe, fordert Auseinandersetzung, weckt Fragen nach dem Wie, Woher, Was.

 

Plöderl-Objekte können durchaus für sich selber bestehen, ohne dass sie getragen werden. Sieht man sich jemals satt an einer tulpenförmig weißen, halb opalisierten Muschel, der ein altägyptisches Fundstück mit drei winzigen Götter-Figuren beigegeben wurde? Das Objekt, bei dem die Opalhaut der Muschel in allen Farben schimmert und weitere Steine in verschiedenen Grüntönen die Farbe des ägyptischen Fundstücks variieren, stellt viel mehr als eine Brosche oder einen ungewöhnlichen Anhänger dar (tragbar sind übrigens beide Möglichkeiten, denn auf funktionelle Flexibilität wird großer Wert gelegt). Im Grunde setzt Plöderl vielmehr die Schatzkunst des Mittelalters fort, denn seine Schöpfungen sind erfüllt von Spiritualität. Man muss diesen Aspekt jedoch nicht zwangsläufig nachvollziehen. Selbst die aufwendigsten Stücke wie beispielsweise ein Collier aus rund dreißig (etliche Zentimeter langen und unregelmäßig gewachsenen) Astkorallen wirken am Körper einer Trägerin niemals deplaziert oder gewaltsam, sondern stets natürlich. Die Spannweite zwischen verborgenem Mythos und der Einfachheit der Natur - und auch die potentielle Trägerin ist ja als biologischer Organismus ein Stück Natur - macht Plöderls Kunst so faszinierend. Seine Arbeiten oszillieren zwischen versunkenen Mythen, kulturhistorischen Reminiszenzen, den physikalischen Gesetzen der Kristallbildung und organischen Strukturen.

 

Selbst der Blick in den Kosmos ist da möglich: Eines der jüngsten Stücke stellt einen offenen goldenen Armreif mit Skarabäus dar. Auf der nach außen zu tragenden Bauchseite des ägyptischen Glücks- und Schutzkäfers ist ein Skorpion eingraviert – Plöderl inspirierte diese Jahrtausende alte, außerordentlich feine Gravur zu einer Fortsetzung auf dem Goldreif selber. Dort ritzte er das Sternbild des Skorpions ein, dessen „Arme“ nun den alten Skarabäus umfassen und dessen Lichtpunkte als winzige Diamanten ins Gold eingelassen wurden. Das Ganze ist von berückend einfacher, edler Struktur, nicht um einen Millimeter überfrachtet, nicht um eine Nuance zu sparsam, eine Komposition von k1assischer Ausgewogenheit, aber auch von ungeheurer geistiger Spannweite. Der alte Skarabäus und das Sternbild mit den kleinen Diamanten, sie überbrücken nicht nur Jahrtausende, sondern auch kosmische Räume, sie erinnern an enorme physikalische Kräfte (Diamanten entstehen in 80 Kilometer Erdtiefe bei sehr hohen Drücken und Temperaturen von bis zu 1300 Grad und werden durch vulkanische Eruptionen an die Erdoberfläche geschleudert – ganz zu schweigen von den gewaltigen Entstehungsprozessen der Sterne) und sie holen all diese Aspekte, die in unserem Bewusstsein anklingen, in die Gegenwart, in den Augenblick des Hinsehens und die Stunden, in denen der Armreif getragen wird. Der konventionelle, oberflächliche Begriff von „Schmuck“ erweist sich bei Plöderl, der so viel tiefer greift, als zivilisatorische Fehlentwicklung; auch darüber kann man bei ihm lange nachdenken.

 

Jedes Jahr im Oktober zeigt er für zwei Wochen seine schönsten neuen Stücke. Stets beweist er dabei verblüffendes Präsentationsgenie. Waren seine Kostbarkeiten einmal auf afrikanischen Fetischen und Tierschädeln arrangiert, so hatte er ein anderes Mal ein altes Handschriftenkonvolut aus einem aufgelösten französischen Archiv entdeckt, kalligraphische Notate, die ihn später noch zu collagenartigen Wandbildern anregten, denn ein paar Wochen im Jahr, wenn er Urlaub macht, gibt Plöderl die Schmuckgestaltung auf und wird zum Maler. Bei der Präsentation der Jahresschauen spielen seine Bilder stets auch eine, freilich nie aufdringliche Rolle. Eisenstücke, Orchideen, verwitterte Dachschindeln aus Holz: das Ambiente setzt immer auch Aspekte fort, die in den Schmuckarbeiten selbst enthalten sind. Alte Götter scheinen da wieder zu erwachen. Den nicht mehr verstandenen, entwürdigten Figuren gibt er mit dem Schimmer von Steinen, Perlen und Korallen eine geheimnisvolle, fast sakrale Aura zurück. Man kann sie deutlich spüren - man kann, man muss es nicht. Wer keinen Sinn für diese Tiefe hat, ist ein wenig zu bedauern, wird sich hier aber niemals als fehl am Platz empfinden: Die strahlende Schönheit von Plöderls Schöpfungen ist immer überzeugend.

 

Info:

Atelier Peter Plöderl, Jahresschau zum Thema Skarabäen bis 24. Oktober 2001, Friedrichsplatz 6, 68165 Mannheim, Tel. 0621-151679, geöffnet während der Ausstellung Montag 14-18 Uhr, Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Samstag 10-14 Uhr.

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