Fabrizio Plessi


Fabrizio Plessi vor seinen "Water Circles" im Ludwigshafener Hack-Museum



"Arco Liquido" (flüssiger Bogen, 1981). Ein Neonschlauch von fast 2 Meter Höhe ruht als leuchtende Arkade auf zwei Monitoren, die den Lichtreflex auf einer schwappenden Wasserfläche wiedergeben - ein ebenso poetischer wie bedrohlich absurder Anblick.


"Armadio Bianco" (weißer Schrank, 1990). Das fast 5 Meter lange Werk mit feuchten, verwrungenen weißen Tüchern in den "Schrankfächern" erinnert an ein Waschhaus in Bombay, das Plessi auf einer Reise sah. Auf acht Monitoren im Sockel strömt ein virtueller Fluss, der blau auf den Fußboden reflektiert. Die Basis des riesigen "Schranks" wie des menschlichen Tuns scheint auf dem Fluss zu schwimmen.

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Fotos: Stadt Ludwigshafen (Joachim Werkmeister, 2) und Oscar da Riz

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02-02-2007

Wasser – das Rätsel des Lebens

Fabrizio Plessis „Digitale Inseln“ in Ludwigshafen, Höhepunkt und Abschied für Museumsdirektor Richard W. Gassen

 

Von Christel Heybrock

 

Spärliche Beleuchtung. Schwarze Wände. Alle paar Sekunden Rauschen, Plätschern, Tosen aus der Nähe, aus der Entfernung. Die Geräusche und die Szenerien, von denen sie kommen, muss man sich erschließen in zwanzig Kabinetten, die je eine Installation von Fabrizio Plessi bergen, dem Magier und Poeten unter den Videokünstlern – aber so will er ja nicht definiert werden: Auch von Michelangelo, so Plessi, rede niemand als einem „Marmorkünstler“, obwohl der doch in Marmor gearbeitet habe. Videoaufnahmen seien folgerichtig für ihn, Plessi, nur ein Mittel, nicht das Ziel.

 

Plessi im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, zwanzig große Arbeiten aus den zwanzig Jahren zwischen 1970 und 1990, die „Archetypen des Plessischen Oeuvres“, wie Museumsdirektor Richard W. Gassen sagt. Selten wohl hat eine Ausstellung dem Chef des Hauses derart am Herzen gelegen, hat ihn persönlich so intensiv beansprucht. Dass sie nun so perfekt präsentiert wurde, ist eher Standard hier, wenn auch der technische Aufwand ungleich höher war als sonst. Aber dass Gassen mit diesem Unternehmen, das sicher einen, vielleicht den Höhepunkt seiner Arbeit bedeutet, zugleich seine Abschiedsvorstellung geben muss – damit hat er wohl selbst nicht gerechnet. Die Folgen eines Schlaganfalls zwingen ihn jedoch, das Haus zum 1. April 2007 zu verlassen: Vielleicht soll man ja wirklich gehen, wenn es am schönsten ist...

 

Plessi, der Poet des Lichts und des Wassers. Dass er in Venedig seine Wahlheimat hat, konnte gar nicht anders sein. Aber wie soll man arbeiten als Künstler mit derart flüchtigen Materialien? Wie kann man sie festhalten und formen, das Licht, das Wasser? Plessi fand sehr moderne Möglichkeiten dafür – elektronische Medien, integriert in einfache, archaische Zusammenhänge, teilweise inspiriert durch Reisen in ferne Länder: Eisenkonstruktionen, Stroh, Holz, textile Stoffe, in einem Fall sogar ergänzt durch Gartenschaufeln („Bronx“ 1985).

 

Bei Plessi berühren sich die Extreme, lassen polare Gegensätze ihre Grenzen verschwimmen und stoßen im Kopf des Betrachters Erkenntnisse an, die nicht zu Ende gedacht werden können. Nicht nur die übliche Sicherheit der Wahrnehmung gerät aus dem Lot, sondern auch die Gedanken, die aus dem Gesehenen folgen, schwingen wie angestoßene Tongabeln. Da ist die frühe Installation „Mare Orizzontale“ (horizontales Meer) von 1976 noch vergleichsweise eindeutig. Ein Eisenbalken von 3,50 Meter Länge trägt wie eine statische Waage (schon wieder so eine Unmöglichkeit) je einen Monitor an den Enden, der eine steht hochkant, der andere gekippt auf der Spitze. Auf beiden Bildschirmen, die in Eisenboxen eingebaut sind, brandet das Meer an den Strand mit lautem, rhythmischem Donnern. Das Meer rechts scheint ganz in Ordnung, es ist in seinem hochrechteckigen Eisenkasten wie ein gerahmtes, lebendiges Bild, unglaublich anrührend in seiner Gegensätzlichkeit aus ewigem Anbranden und festem Gehäuse. Dem Meer links jedoch mag man nicht trauen, obwohl die Erfahrung einem ins Ohr flüstert, es sei nicht anders als eben Wasser, das sich überall auf dieser Erde zur Brandung aufwirft, wenn es auf Land trifft. Aber der Kasten, in dem es das tut, schwebt schräg auf einer Spitze. Wieso ist das Meer trotzdem horizontal? Irrt man sich beim Hinsehen, steht man richtig, müsste man nicht auch die Horizontale verlassen und den Körper kippen, um die Wahrnehmung zu korrigieren? Und wenn nun das Meer wirklich als unverbrüchliche Horizontlinie im schrägen Kasten herandrängt, sich zurückzieht, herandrängt, gischtet und brüllt – ist es am Ende nur dort eingefangen und droht unten herauszulaufen?

 

Es sind auch Fragen nach der Schönheit und Größe des Naturphänomens „Meer“, die man sich damit stellt – denn über alle Zweifel der Wahrnehmung hinweg wirft das Meer in den Eisenkästen seine Wellen auf, lässt sie auslaufen, zieht sich zurück, türmt sich auf, sprüht weiß, läuft aus, unermüdlich, eine ewige Folge wie Einatmen und Ausatmen. Dass Plessi in einem so hoch technisierten Medium wie der Videoaufzeichnung nichts anderes formuliert als eine Naturkraft, als, pauschal gesagt: das Leben – das ist schon erstaunlich. Die Eisenkonstruktionen sind bei ihm der Rahmen, der das Leben hält, und während diese dunklen, geheimnisvollen, mitunter bedrohlichen Gerüste sich wie massige Tempelgerätschaften in den kleinen Kabinetten ausbreiten, dringt das Vibrieren, Atmen und Brausen des Lebens, des Wassers, aus ihnen hervor wie eine überwältigende, aber unfassbare Instanz.

 

Plessi hatte zur Dualität aus Licht und Wasser (der Töne sich oft, die Evidenz noch steigernd, hinzugesellen) seit seinen Anfängen als Aktionskünstler ein intensives Verhältnis. Der Katalog, offensichtlich ein Gemeinschaftswerk zwischen Richard W. Gassen und dem Künstler, weist auf scheinbar absurde Aktionen hin wie Plessis Versuch, Wasser zu zersägen, mit der Zange abzuknipsen oder einen Pflock hineinzutreiben. Von daher rührt noch die Idee der Installation „Bronx“, mit einer Schaufel ins Wasser (hier in die Monitore) zu stechen, als wäre es Erde. Wasser als davon- oder herbeieilendes Element, nie wirklich aufzuhalten, nie eindeutig, zerrinnend wie die Zeit, verschwindend, wiederkehrend wie Sterben und Geborenwerden, gestaltlos und mächtig – eine letztlich spirituelle Substanz, ebenso wie das Licht, dessen Materialität noch unfassbarer ist. Insofern stellt es keinen Missgriff dar, dass Plessi das Wasser in seinen Installationen meist nur elektronisch, also virtuell, anwesend sein lässt. Wasser muss nicht real da sein, wenn man seine Qualitäten heraufbeschwören will.

 

Und plötzlich deutet sich eine historische Kontinuität an, in der Plessi angesiedelt werden könnte. Wie war das noch bei den Barockmalern und den gen Himmel blickenden oder gen Himmel aufsteigenden Heiligen? Wie war das mit den Wolken, die sich, von himmlischem Licht überschüttet, den staunenden Menschen auf der Erde öffneten? Auch dieses Licht, auch diese Kraft blieben „virtuell“, deuteten machtvolle, aber ungreifbare Energien an, sichtbar nur in der Phantasie dieser Bilder, die ihre Inhalte darboten wie auf einer Bühne. Und wie sonst lässt spirituelle Energie sich auch vermitteln? Die Jahrtausende zurückreichenden Ursprünge des Theaters sind kultische, also religiöse Rituale. Von den Evidenz-Erfahrungen alter Kulturen über die Glaubens-Beschwörungen barocker Heiligenbilder bis hin zu Plessi spannt sich ein überraschend kühner, kurzer Bogen: Auch Plessi inszeniert die Kraft von Wasser und Licht wie eine entrückte, von magischer Poesie durchdrungene Erscheinung.

 

In der Tiefe einer Reihe riesiger, nach unten konisch sich verengender Eisenvasen rauscht Wasser, jeweils ins Eisen gezwängt wie ein kreisrundes, blaues Auge. Ein unsichtbarer Stein scheint hineinzufallen, es spritzt, rauscht laut auf, der Wasserspiegel glättet sich wieder, eine der Nachbarvasen stößt Rauschen hervor, dann eine andere, bis die erste wieder ansetzt, jede Sequenz so kurz wie eindrucksvoll („Videoland“ 1987). Ein weißer Lichtkreis schwebt in einem anderen Kabinett auf dem Monitor am Kopfende eines schmalen Stegs. Betritt man den Steg, beginnt der Kreis, Lichtreflex auf einem eisernen Wasserbecken, zu vibrieren und zu verschwimmen wie ein Organismus, der auf den Menschen antwortet („Moving Water“, 1981). Aus dem tempelartigen Dunkel der Ausstellung tauchen die Installationen in den Kabinetten auf wie „Digitale Inseln“, wie Altäre eines Glaubens, den wir nicht bezeichnen können, aber alle in uns tragen – des Glaubens an den Fluss von Zeit und Wasser, an ihre Kraft, die uns hervorgebracht und geprägt hat und die uns einst davontragen wird.

 

Unser Leben ein leuchtender Bogen, eine hohe Arkade aus Licht, rechts und links ruhend auf einem Fundament aus schwankendem Wasser, in dem das Licht sich bricht und zittert („Arco Liquido“, 1981). Man muss vor solchen Eindrücken nicht fragen, was sie „bedeuten“, um sie zu spüren. Sie lassen tief in uns etwas Verschüttetes klingen – das Bewusstsein, Teil dieser Rätsel zu sein, Teil der Natur. Wasser ist Teil unseres Körpers, und wo wären wir ohne das Licht?

 

Info:

Fabrizio Plessi: „Digital Islands 1970 - 1990“, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, Berliner Straße 23, vom 22. Oktober 2006 bis 25. März 2007, Dienstag 12-18 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr, Freitag bis 20 Uhr, Katalog im Kehrer Verlag, Heidelberg, 222 Seiten, an der Museumskasse 15 Euro, www.wilhelm-hack-museum.de

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