Jaume Plensa


Der spanische Künstler Jaume Plensa 1997 in der Mannheimer Kunsthalle vor seinem Werk "La Riva di Acheronte" (1995). Die Wanderausstellung, die damals nach Barcelona, Paris und Malmö in Mannheim Station machte, bedeutete den Durchbruch für den damals wenig bekannten Künstler. Zugleich ist das Pressefoto von Manfred Rinderspacher eines der wenigen Porträts, die es von dem zurückhaltenden Künstler gibt. Die Schrift auf der von innen beleuchteten Polyesterwand ist ein Zitat aus Dantes "Inferno" und beschwört das "Ufer des Acheron", eines der fünf Flüsse der Unterwelt, über den die Toten in den Hades gelangten.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright) - "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Erlaubnis zur Reproduktion

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20-11-2005
Update 09-06-2012

Der Körper, das Wort und das Licht

Der Katalane Jaume Plensa und seine Ausstellungen in Duisburg und Mannheim 2005

 

Von Christel Heybrock 

 

Wo ist der Zugang? Wie kann man da eindringen? Es ist völlig irritierend, dass die Arbeiten des 1955 in Barcelona geborenen Jaume Plensa auf den ersten Blick so leicht, offen, transparent sind: Da ist beispielsweise ein Vorhang aus Buchstaben, die an Schnüren untereinander hängen. Oder ein rundum offener Rahmen aus Lichtröhren mit einer Couch im Zentrum. Oder diese durchsichtige Figur eines Hockenden, auf dem Wörter stehen, 72 Wörter, verteilt über den ganzen Körper. Was bedeutet das alles, das Licht, die Wörter, die Schnüre, der Raum? Wie kann man verstehen?

 

Der damalige Mannheimer Kunsthallen-Direktor Manfred Fath hatte 1997 eine Ausstellung von Jaume Plensa nach Deutschland geholt, die zuvor in Barcelona, Paris und Malmö zu sehen gewesen war – Mannheim war der einzige deutsche Ausstellungsort und die Wanderschau der internationale Durchbruch für den Künstler. Im Jahr 2005, quasi zu Plensas 50. Geburtstag, taten sich Christoph Brockhaus vom Lehmbruck Museum Duisburg und der neue Mannheimer Kunsthallen-Direktor Rolf Lauter zusammen zu einer erneuten Plensa-Schau in jeweils ihren eigenen Räumen und Bezügen. Was in Mannheim leider isoliert in einzelnen Kabinetten und ohne Dialog mit den (ohnehin damals rudimentären) Sammlungsbeständen inszeniert wurde, gab in Duisburg offenbar ein spannungsreiches Wechselspiel ab – einerseits zwischen Plensas Installationen untereinander und andererseits mit den Skulpturen der Sammlung, etwa den ausdrucksstarken Werken Wilhelm Lehmbrucks. Und dass Lauter damals zwar erstmals eine Schau in der Kunsthalle veranstaltete, die überhaupt einen Bezug zum bisherigen Sammlungskonzept hatte, dass er aber eben diese Verbindung gar nicht thematisierte, das war für den Besucher leider nicht besonders inspirierend: Mäzen Heinrich Vetter hatte aus der Schau von 1997 den Ankauf von Plensas Werk „Islas/Islands“ ermöglicht, einer Installation aus Leuchttäfelchen mit den Namen großer Künstler. Das Werk wurde wie die meisten anderen Bestände im Kunsthallen-Neubau von Lauter praktisch bei Amtsantritt entfernt und erst viel später wieder eingerichtet.

 

Im Gegensatz zu Duisburg standen Plensas Arbeiten in der Mannheimer Kunsthalle also seltsam kühl und beziehungslos da, was den Zugang zu ihnen nicht erleichterte, aber ein weiteres Symptom für die höchst problematische Beziehung von Museumschef Rolf Lauter zu der ihm anvertrauten Sammlung darstellte. Aber so leicht der Zugang für den Betrachter auch immer gemacht werden könnte - Nachdenken muss man schon selber bei Jaume Plensas Werken. Der schwierige Katalane erwies sich längst als einer der substanziellsten Künstler der Gegenwart. Hin und wieder blitzen im Kopf des Betrachters Assoziationen auf, und gemeinsam mit Verständnishilfen im Katalog konnte man sich in der Mannheimer Schau 2005 den hermetischen Botschaften zumindest nähern. Inzwischen ist Plensa in Europa vielfältig im öffentlichen Raum präsent, von der Bundesgartenschau in Koblenz 2011 über die Beteiligung an den alle zwei Jahre veranstalteten "Blickachsen"-Schauen in den historischen Parkanlagen von Bad Homburg v.d.H. bis hin zu der "Conversation à Nice" mit sieben Leuchtskulpturen auf 9 Meter hohen Masten auf der Place Masséna in Nizza. Überall hat Plensa mit eindrucksvollen Zeichen in eine bislang unformulierte Tiefe menschlicher Existenz gezielt.

 


"Body of Knowledge" - Körper des Wissens - nannte Plensa diese scheinbar federleichte, luftige Plastik aus weiß lackiertem Edelstahl, die auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität steht. Das 2010 entstandene Werk mit dem seltsamen Muster setzt sich aus den Schriftzeichen von acht verschiedenen Alphabeten zusammen, der durchsichtige Körper ist ein Zeichen für die Fähigkeiten menschlicher Kultur, zugleich aber wohl auch für deren Fragilität. Die fast 8 Meter hohe Skulptur beschreibt ein vorn offenes Halbrund, in dessen Mitte mehrere Lichtquellen im Boden versenkt sind, so dass der Körper im Dunkeln leuchtet.
Foto: Dontworry/Wikimedia Commons

 


Plensas Installation "Conversation à Nice" von 2007. Sieben Leuchtskulpturen auf jeweils 9 Meter hohen Masten scheinen eine übergreifende stumme Konversation auf der Place Masséna in Nizza zu führen. Die Bedeutung des im Körper eingeschlossenen Lichts entspricht bei Plensa einer geistigen Kraft, die über den reinen Intellekt hinausgeht. In Nizza thematisierte er zugleich die sozialen Möglichkeiten des Denkens, die Leuchtkraft von Ideen.
Foto: Chris Bontemps/Wikimedia Commons

 

In der Mannheimer Ausstellung von 2005 war eine rätselhafte, Buddha-artige Figur mit dem Titel „Tattoo V“ von zentraler Bedeutung. Der kräftige, muskulöse Körper eines Mannes meint kein Individuum, sondern vielleicht einen Idealtyp, den entspannten, in Meditationshaltung versunkenen, aber energiegeladenen Menschen. Der Ausdruck des Allgemeingültigen wird verstärkt vom Industriematerial: Der Mann ist aus halb transparentem, weißem Polyesterharz, wie man ihn sich in millionenfacher Ausführung denken kann. Seltsamerweise leuchtet er mittels LED von innen heraus, wobei die  Farben in ruhigen Abständen zwischen Gelb, Rosa und  Grün wechseln – farbiges Licht als Signal, das den umgebenden Raum erleuchtet. Das Merkwürdigste aber sind die 72 Wörter, die in dicken Druckbuchstaben den Körper überziehen wie ein Relief. „Umgänglichkeit“ steht auf einem Oberschenkel, sowie „Anbetung“. Den rechten Oberarm ziert „Gewissenhaftigkeit“, den Unterarm „Beharrlichkeit“, das Gesäß „Philanthropie“. Es gibt auch „Güte“ „Planung“, „Ordnung“, „Willensstärke“, „Humor“ sowie Begriffe, die  außerhalb menschlicher Persönlichkeitsbildung liegen: „Zeit“, „Zahlen“, „Melodie“, „Kausalität“ oder „System“:

 


Jaume Plensas Leuchtfigur "Tattoo V", ein fast monumentales Werk von 2,26 Meter Höhe, das dennoch leicht und spirituell wirkt. Plensas Auffassung vom menschlichen Körper als "Licht" fällt zusammen mit der des "Sprachkörpers" (body of words) - Sprache als archaische menschliche Fähigkeit und als Form geistiger Kommunikation gehört zu Plensas Fundamentalien.
Foto: Walter Neusch (Copyright)

 

Wörter sind ein zentraler Aspekt von Jaume Plensas Kunst. Bereits im Mannheimer Ausstellungskatalog von 1997 finden sich Formulierungen, die in ihrer Intensität an die Sprachverdichtungen eines Lyrikers erinnern: „Augenstürme, Inseln übersät mit Quellen, / leere Kinos, in denen erstaunte Sitze wie gebeugte Knie warten./ Laß das alles und atme./ Fülle deine Brust wie eine Truhe und atme.“ Im Duisburger Katalog 2005 wird er zitiert: „Turns and turns on our crystal body/ Our body tattooed by silence…/ Silence is a body, our body“ und: „freedom is a tattoo”.  Unser Körper, tätowiert vom Schweigen. Aber auch Freiheit ist ein Tattoo – die Bedingungen unserer Existenz prägen sich uns in die Haut. Das Tattoo der Wörter beim knienden Erleuchteten meint nicht nur Beschwörungen, sondern Begriffe, die auch als Inhalt verstanden werden wollen, als Aufzählung der Eigenschaften und Bedingungen, die Menschen zu Menschen machen. Die Summe der 72 „Tattoo“-Wörter beschreibt die conditio humana; ihre Summanden freilich addieren sich in jedem Individuum anders.

 

Die conditio humana ist sicherlich der große, alles umfassende Anspruch von Plensas Werk, dessen Spannweite zwischen Licht und Tod, Blut und Geist stets Polaritäten evoziert und damit ästhetisch auch irritierend sein kann. „Schön“ im klassischen Sinn sieht der „Tattoo“-Mann ja nicht aus. „Schön“ sind auch die an verwesende Leichenteile erinnernden Arme, Beine, Torsi und Köpfe nicht, die Plensa als Rotwein enthaltende Hohlgläser konzipierte und in Duisburg auf den Boden oder auf Stellbänke legte. Von eindringlicher Poesie dagegen bronzene Händepaare („Jumeaux“, 2001, jeweils von einem Mann und einer Frau), die in Duisburg schützend einen in Öl brennenden Docht hielten.

 

Der Körper als Quelle des Wortes, das seinerseits den Körper schützt und inspiriert: Wie in einem binären System umkreisen einander bei Plensa diese Pole des Menschseins. Der bereits erwähnte Vorhang aus senkrecht angeordneten Buchstaben-Schnüren („Silent Rain“, 2004) zitiert von oben nach unten gelesen die Menschenrechte. Die Besucher konnten sich zwischen den Schnüren frei bewegen, so wie eben diese Wörter ihnen auch im Leben Freiheit garantieren und sie zu den „Bewegungen“ ihrer Existenz animieren. Wie intensiv Plensa den Körper aber gleichzeitig als in sich geschlossenen Kontinent auffasst, ja, als eine „Welt“, als einen kosmischen Körper für sich – das ging aus der Mannheimer Schau wiederum weniger eindeutig hervor als in Duisburg, wo sich Katalogautor Gottlieb Lenz ausführlich damit auseinandersetzte. Plensas „Körper“-Bewusstsein erreicht fast schon esoterisches Geheimwissen: Jeder Mensch sei ein „Ort“, wenn einer stirbt, verlieren wir einen Ort. „The body is geography. A sealed atlas./ Volcanoes of red blood, rivers of white/ sperm, islands full oft ears, severed/ peninsulas, mountains of pale teeth/ that chew continents”, wurde er zitiert.

 

Sprache ist bei Plensa auch anwesend, wenn sie nur aus Fragmenten besteht oder gar nicht sichtbar wird. Die Zerrissenheit eines Landes lässt sich ahnen in dem Werk "Tel Aviv Man", das in Mannheim 2005 außer Katalog zu sehen war und aus einem losen Zusammenhang von Wortfragmenten in blutrotem Licht besteht:

 


"Tel Aviv Man", eine fragmentarische Sitzfigur aus Wortfetzen, Zeichen einer fast zerstörten kulturellen Identität - oder aber der Vielfalt eines Landes, dessen widerstreitende Identitäten nicht zusammen finden.
Foto: Walter Neusch (Copyright) 

 

Dass eine leere Liege in einem leeren Rahmen aus Lichtstreben mit Wörtern und Denken zu tun hat, diesen Anstoß bekommt der Betrachter womöglich erst durch die Assoziation der Couch von Sigmund Freud, auf der die Patienten entspannt ihre Gedanken formulieren konnten. Bei Plensa evoziert auch der Titel "Primary Thoughts" (2001) diese Situation:

 


"Primary Thoughts" - eine Installation aus Edelstahlrahmen mit Neonleuchten und einer weißen Liege in der Mannheimer Ausstellung von 2005. Die Installation wechselte zwischen vier verschiedenen Lichtzuständen von Dunkelblau zu Rot bis hin zu hellerer Beleuchtung. Hinzu kam auch eine akustische Komponente. Unformulierte Wörter im Lichtkäfig? Die Liege als Zeichen einer archaischen Position des Menschen zwischen Geburt, Schlaf und Tod? Zugleich als Zeichen eines kalten Ausgesetztseins? Das Werk ist von einer Ambivalenz und Bedeutungspolarität, die für viele Arbeiten von Jaume Plensa charakteristisch ist.
Foto: Walter Neusch (Copyright)

 

Dagegen konnte einem das beziehungsreiche Werk “Poet’s Chair” (2002) fast schon humorvoll erscheinen. Es besteht aus einer kugelförmigen Pendelleuchte, die eine Sitzgruppe erhellt, eine hakenförmige weiße Polsterbank mit einem weißen Hocker, von oben ist das ein Polstermöbel-Set in Form eines Fragezeichens. Der Dichter kann sich auf ihm niederlassen. Wird er in seiner Eigenschaft als Mann des Wortes jemals auf etwas anderem ausruhen können als auf einem Fragezeichen? Wird er je auch nur gesicherte Wahrheiten formulieren? Die Kugelleuchte, vielleicht zugleich Zeichen für den „hellen Kopf“ des Dichters, wirft ein helles Licht auf diese „fragwürdige“ Existenz, ohne die die Menschheit  freilich nicht denkbar wäre. Auch die Scheinsicherheit des Lebens aus und mit den Wörtern ist eine der Bedingungen unseres Menschseins, deutet Jaume Plensa immer wieder an.

 


"Poet's Chair", der Stuhl des Dichters, eine nicht ganz bequeme zweiteilige Sitzgelegenheit in Form eines Fragezeichens, über dem eine Pendelleuchte hängt.
Foto: Walter Neusch (Copyright)

 

Irritierend für viele Betrachter ist nicht nur die von ihnen zu leistende Arbeit des Sehens, sondern auch die Tatsache, dass Plensas Werke sich nicht als unverwechselbares "Markenzeichen" rezipieren lassen. Rein formal sind sie von ungewöhnlicher, heterogener Bandbreite und scheinen kaum zueinander zu passen, sowohl was Material als auch was Formate betrifft. Es gibt sehr kleine ebenso wie monumentale Werke, Plensa bedient sich sowohl des menschlichen Körpers als auch der konzeptionellen Idee. Zwar vertritt er mit dem Leuchtkörper und der Bedeutung von Schrift und Sprache in seinem Werk eine Position, die er mit niemand teilt, aber immer wieder geht er weit über diese formalen Zeichen hinaus. So schuf er beispielsweise für das BBC Broadcasting House in London im Jahr 2008 zu Ehren von getöteten Journalisten eine Installation auf dem Dach, bei der auch der Faktor Zeit eine Rolle spielt. Das Werk "Breathing" (Atmen) besteht aus einem Lichtstrahl, der jeweils um 22 Uhr einen Kilometer hoch in den Nachthimmel zielt, just wenn die Sendung "BBC News at Ten" beginnt. Es ist nur Licht - aber ein leuchtender Gedanke, der zugleich ins Herz von Menschen trifft. Andererseits finden Gedanken bei Plensa auch zu sehr massiven Erscheinungen. "The Dream" heißt eine 20 Meter hohe Kopfskulptur aus weißem Dolomit auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlenzeche zwischen Liverpool und Manchester:

 


"The Dream" von 2009 - ein Kopf, der wie ein unfassbarer Traum in der Landschaft steht, man glaubt sich vor einem Wolkengebilde, aber das 20 Meter hohe Werk aus weißem Dolomit wiegt 500 Tonnen. Die Skulptur befindet sich auf dem Gelände der einstigen Kohlenzeche St. Helens zwischen Liverpool und Manchester.
Foto: Tony Grist/Wikimedia Commons

 

Die Verschiedenheit von Formaten, Formen und Material war bereits Thema eines Katalogtextes der Wanderausstellung von 1997. Ein Interview-Partner fragte den Künstler danach, und Plensa versuchte zu erklären: "Seit vielen Jahren ist das 'Wort' Teil meiner Arbeit. Ich benutze es wie ein weiteres Material. Das Eisen, das Harz, das Licht, das Wort, sie alle sind Vehikel, Behälter, mit denen ich einen gemeinsamen Punkt in der Erinnerung suchen kann." Behälter? Der Körper als Behälter des Lichts, das Licht und die Sprache als Vehikel von Bedeutungen. Sie blitzen auf in unserem Kopf, aber sie finden kein Ende, als wären sie nur Teilaspekte unendlicher Möglichkeiten.

 

Info:

- Jaume Plensa, „Glückauf?“, Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, vom 20. Februar bis 15. Mai 2005

- Jaume Plensa, „Is Art Something in Between?“, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, vom 18. September bis 30. Dezember 2005, gemeinsamer Katalog im Verlag Edition Braus, Heidelberg, 96 Seiten, 80 Bilder, ISBN 3-89904-149-6, Preis im Buchhandel 39,90 Euro

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