Die Wiener Porzellan-Manufaktur von

Claudius Innocentius du Paquier (1718-1744)

 


Drei Bände und einer schöner als der andere: Hier das Cover von Band I, der Geschichte und Stil der Wiener Porzellan-Manufaktur des Unternehmers Claudius Innocentius Du Paquier behandelt.

 


Band II der Publikation (alle Bände sind in weißes Leinen gebunden und werden in einem purpurfarbenen Schmuckschuber angeboten). Band II enthält wissenschaftliche Texte über das kulturelle Umfeld und die Nachwirkungen der Manufaktur. Dabei kam ein anschauliches Bild des Lebens im kaiserlichen Wien zustande.

 


Band III enthält die Sammlungsgeschichte, naturwissenschaftliche Untersuchungen zum Porzellanmaterial von Du Paquier sowie Tabellen, Karten, Register, Bibliographie und eine CD-Rom mit Quellentexten. Auf allen drei Bänden (hier die englischsprachige Ausgabe) sind Bildmotive der barocken Porzellanmaler zu sehen.

 

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Fotos auf dieser Seite: Arnoldsche Verlagsanstalt Stuttgart (Joseph Coscia, Jr.) Copyright

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29-01-2010

Fasziniert von Phantasie und Luxus

„Fired By Passion“, Alt-Wiener Porzellan in einer dreibändigen Prachtausgabe der Arnoldschen Verlagsanstalt Stuttgart

 

Von Christel Heybrock

 

Es gibt seltene Glücksfälle, in denen über Ozeane und sogar über Jahrhunderte hinweg Menschen und Dinge zusammenfinden zu einem Projekt, bei dem einfach alles stimmt. So etwas ist nun in Stuttgart einerseits und in Chicago andererseits passiert, wobei die Arnoldsche Verlagsanstalt hüben und das Sammlerehepaar Melinda und Paul Sullivan drüben auf ein stolzes Gemeinschaftswerk blicken können, in dem das kaiserliche Wien vor rund 300 Jahren eine Rolle spielt: Die drei Bände „Fired By Passion“ (gebrannt aus Leidenschaft) dürften Lesern und Betrachtern beider Kontinente das Herz höher schlagen lassen – und auch dem längst Verstorbenen, dem die atemberaubend schöne Edition gilt, wäre sie Höhepunkt seines kreativen Lebens gewesen. Wie schade, dass er sie um Jahrhunderte verpasst hat!

 

Es geht um barockes Porzellan aus Wien und dessen Initiator Claudius Innocentius Du Paquier. Barock? Und Porzellan? Europäisches Porzellan gibt es doch erst seit 1708 in Meißen, als Böttger das Geheimnis des Hartporzellans entdeckte. Spielt in die Produktion der Meißner Manufaktur (Gründung 1710) nicht schon eher das Rokoko hinein mit seinen zärtlichen Schnörkeln und schmusenden Liebespaaren? Ja, aber: Die Wiener Manufaktur von Du Paquier, gegründet 1718, war erst die zweite überhaupt auf dem europäischen Kontinent, und sie war weder einem fürstlichen Herrscher unterworfen (wie Meißen oder später Ludwigsburg) noch hatte sie stilbildende Selbstansprüche. Die Du-Paquier-Manufaktur konnte sich zwar eines kaiserlichen Privilegs und allerhöchsten Schutzes erfreuen, aber der Ehrgeiz ihres Schöpfers zielte nur auf eines: Es sollten die phantasievollsten Kreationen eine größtmögliche Bandbreite an Interessenten erreichen – luxuriöse Wunderwerke für Fürstenhöfe ebenso wie muntere Gebrauchsgegenstände für einigermaßen betuchte Bürger. Dem mutigen Firmengründer, seines Zeichens eigentlich kaiserlicher „Hofkriegsratsagent“ und damit in leitender Verwaltungsfunktion des Militärwesens, ist der Wurf gelungen. Allerdings um den Preis, dass sein Unternehmen pausenlos verschuldet war, 1744 an Kaiserin Maria Theresia verkauft werden musste (die auch den riesigen Schuldenberg übernahm) und dass der an seiner Leidenschaft finanziell gescheiterte Pionier wenige Jahre später (1751) in einem Hospital für verarmte Bürger starb.

 


Eines der Meisterstücke der Manufaktur, ein unbemalter Elefant als Weingefäß, 23 cm hoch und 46,3 cm lang (Sammlung Sullivan). Das kostbare Nass konnte aus dem Rüssel gepumpt werden. Nur zwei Elefanten der Manufaktur sind erhalten - außer diesem gibt es noch ein sehr barock ausgestattetes Tier im Rahmen eines prunkvollen Tafelaufsatzes in St.Petersburg.

 

Von der Person des wagemutigen Du Paquier ist wenig überliefert außer dass er in Trier geboren wurde (nicht einmal das Geburtsdatum ist bekannt). Auch Dokumente über den Firmenbetrieb sind Mangelware. Was von der Epoche geblieben ist, sind herrliche Porzellanschöpfungen voll origineller Formen und einem erstaunlichen Farbenreichtum, Schöpfungen, die zwar nach dem Ende der Manufaktur zunächst als altmodisch galten (da hatten dann Rocaille-Ornamente und niedliche Liebespärchen die Oberhand gewonnen), die aber inzwischen weltweit von Liebhabern und Museen gesammelt werden. Die fast 500 Katalognummern der dreibändigen Prachtausgabe sind heute in mehr als 30 internationalen Museen und Privatsammlungen verstreut – nicht zu vergessen das eingangs erwähnte passionierte Sammlerpaar Melinda und Paul Sullivan aus Chicago, denen die aufwändige Edition zu verdanken ist.

 

Beide ohnehin kunstliebend und aus kunstliebenden Elternhäusern stammend, stießen sie in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Bekanntschaft mit einer Kuratorin des Art Institute of Chicago auf Du-Paquier-Porzellan und waren sofort begeistert von dessen „Unmittelbarkeit und Fröhlichkeit“ und von der „ornamentalen Ausgelassenheit“, wie Melinda Sullivan bekennt. Seit 1995 bauen die Sullivans eine Du-Paquier-Sammlung auf, was man schon beim ersten Blättern in den gewichtigen drei Bänden versteht: Unmöglich, von diesen Stücken je genug zu haben! Und weil die Sullivans nicht nur betucht, sondern auch anspruchsvoll genug sind, gründeten sie 2004 die „Melinda and Paul Sullivan Foundation for the Decorative Arts“, eine Stiftung, die von Beginn an kein anderes Ziel als eben die vorliegende Buchausgabe hatte, damit dem verblichenen Entrepreneur und seinem gar nicht verblichenen Porzellan endlich die angemessene Wertschätzung eingeräumt würde.

 

Dass die Sullivans ausgerechnet der Stuttgarter Arnoldschen Verlagsanstalt das Vertrauen einer solchen Edition zuerkannten, darf getrost als dickes Kompliment gelten und bestätigt das Ansehen, das die Arnoldsche Art Publishers international genießen. Aber um ein solches, wohl auf lange Zeit unüberbietbares Standardwerk ins Leben zu rufen, bedurfte es auch eines Teams von Fachwissenschaftlern, die alle von der Sullivan-Stiftung engagiert und in einen straffen Fünfjahresplan eingebunden wurden. Die beiden wissenschaftlichen Herausgeberinnen Meredith Chilton aus Kanada und die in Wien lebende Claudia Lehner-Jobst trafen sich unter Vorsitz der Sullivans regelmäßig mit acht weiteren Kollegen zu Vorträgen, Symposien und zum Austausch neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, so dass nicht nur die Manufaktur eines Porzellanfabrikanten zu postumem Leben erweckt wurde, sondern auch ein Überblick über die höfische Kultur einer ganzen Epoche zustande kam.  USA-Reisende und -Ansässige sollten zudem nicht den Besuch einer Ausstellung im Metropolitan Museum New York versäumen, der die opulenten drei Bände als Begleitbuch dienen: „Imperial Privilege: Vienna Porcelain of Du Paquier, 1718-44“ (22. September 2009 bis 21. März 2010).

 

Aber auch für Leute, die mit altem Porzellan und Sammlerfreuden nichts am Hut haben, dürften die 12 Kilo Leselust im Schmuckschuber ein fürstliches Vergnügen sein, schließlich sorgten Layouter und vor allem Fotograf Joseph Coscia jr. für eine Herrlichkeit, die man nur ungern aus den Händen legt. Die immer anschaulichen und mühelos lesbaren Texte, wie sie Wissenschaftlern im allgemeinen nicht unbedingt gegeben sind, werden begleitet von einer mehr als üppigen Ausstattung mit Farbfotos, die sich nicht nur über komplette Seiten, sondern oft auch über mehrere Aufklappseiten ziehen. Ganz zu schweigen von der Freude, dass einzelne Motive der Porzellanbemalungen mitunter in isolierter Streuung auftauchen und das Auge dann erst ihre stupende Qualität wahrnimmt: Blüten, Insekten, Vögel und Putten – Du Paquiers Porzellanmaler, deren Namen fast nie mit Sicherheit festgestellt werden konnten, scheinen mit ebensolcher Lust am Werk gewesen zu sein, wie man sie heute beim Blättern und Anschauen selber empfindet.

 


Gerippter Schokoladenbecher, um 1725, aus dem Gardiner Museum in Toronto. In ihrer Einfachheit mutet die Form fast modern an, wären nicht die apart verzierten Henkel.

 

Barock? Wer den Begriff mit lastender Schwere und rätselhaften Herrscher-Emblemen verbindet, lernt hier eine epochale Vitalität, Farbenfreude und sinnliche Leichtigkeit kennen, die überraschend oft hochmodern daherkommen. Gefäße wie der gerippte Suppen- oder Schokoladenbecher, entstanden um 1725 und heute im Gardiner Museum Toronto (Katalog-Nr. 90), muten in ihrer raffiniert einfachen Zylinderform und dem flachen Deckel eher wie ein Produkt des 20. Jahrhunderts an, lediglich die auffälligen Henkel und der hochgezogene Rand des Untertellers  deuten auf die Formbedürfnisse einer anderen Zeit. Kannelierte Wände bei Tassen und Bechern sind in der Du-Paquier-Manufaktur sehr selten, bei einer Trembleuse aus dem selben Jahr tauchen sie noch einmal auf.

 


Fürstliche Herrlichkeit: vergoldetes Trembleusen-Ensemble aus Tablett, Schokoladenbecher und Wasserglas (1735-1740). Wiener Goldschmiede erarbeiteten die filigranen Halterungen für die Gefäße, damit die Damen im Bett frühstücken konnten, ohne etwas zu verschütten. Das Ensemble ist im Besitz des Metropolitan Museums New York

 

Überhaupt diese Trembleusen – warum gibt es sie heute nicht mehr!? Dass (vor allem) Damen ihre Tassen oder Becher in ein feines kleines Gerüst auf dem Unterteller einstellen konnten, damit sie beim Frühstück im Bett oder auf der Empfangsliege den Kaffee oder die Schokolade nicht verschütteten, das war nicht nur eine praktische, sondern auch eine höchst elegante Idee. Jedenfalls gelangen der Manufaktur großartige Lösungen jener mit dem Unterteller verbundenen, genau an die Tassenform angepassten „Galerien“, die meist zärtlich durchbrochen, mit Goldrand versehen und passend zu Tasse und Becher bemalt waren. Mitunter hatte der Unterteller sogar eine ovale Form, damit der Dame noch süßes Gebäck serviert werden konnte. Und in ganz aufwändiger Ausführung gab es die Montierungen in Gold oder Silber: Wiener Goldschmiede verpassten einem Ensemble aus Schokoladenbecher, Wasserglas und Tablett einen Goldgitter-Überzug auf den gestuften Deckelhäubchen und arbeiteten die Trembleuse-Galerie nebst den apart ornamentierten Henkeln als traumhaft schönen Aufsatz. Das Ensemble, entstanden 1735-1740, befindet sich heute im Metropolitan Museum New York. Eine ähnliche Kostbarkeit aus Becher und goldenem Präsentierteller ging wahrscheinlich 1735 als Geschenk an den Zarenhof:  Sie ist noch immer eines der Glanzstücke der Eremitage in St. Petersburg.

 


Sechseck-Grundriss, sparsam bemalt - auch diese Kanne mutet fast modern an. Dass sie knapp 300 Jahre alt ist (1725-1730 entstanden), lässt sich nur der barocken Bauchung, dem Maskengesicht als Tülle und dem springenden Panther als Henkel entnehmen. Die Kanne bildet sozusagen den Prototyp einer Fülle ähnlicher Stücke mit sehr unterschiedlichen Dekoren. Sie ist im Besitz des Österreichischen Museums fürAngewandte Kunst (MAK).

 

Da wir eben von Henkeln reden: Die Manufaktur tat sich hervor durch eine Fülle von Henkel-, Deckel- und Tüllenformen, nichts war standardisiert, die Künstler durften ihrer Phantasie offenbar freien Lauf lassen. Es gab  eckige, runde, bizarr ornamentale Henkel oder – besonders beliebt – Henkel in Tierformen, wobei sich Fische, Eidechsen oder springende Panther am häufigsten hervortun. Bei Kaffeekannen der Jahre 1725 bis 1730 taucht der Panther-Henkel in verschiedenen Varianten auf, wobei die Tülle stets die Form eines grotesken Maskengesichts (Maskaron) hat und die Deckelknäufe zwischen rundem Knöpfchen, Pyramide, chinesischen Figürchen und einem winzigen Huhn wechseln. Diese Kannen sind in der Bemalung dann schon sehr „barock“ und mit Bildszenen fast zugedeckt. Das Ausgangsmodell allerdings, fein gebaucht auf sechseckigem Grundriss, mutet in seiner sparsamen, die Sechseck-Grate nachvollziehenden blauen Bemalung wieder sehr geschmackvoll und fast modern an. Apropos modern: Eine behäbig gebauchte Teekanne der Zeit um 1720-1725 im Museum für angewandte Kunst Wien (MAK) hatte bereits einen porzellanenen Siebeinsatz – vor fast 300 Jahren war man alles andere als praxisfern in Alltagsdingen.

 

Nicht weniger apart wurde die Sechseckform bei einigen Teekannen mit festem, sich überm Deckel bogenförmig wölbenden Henkel eingesetzt. Bei einem rein weißen Exemplar im Art Institute Chicago entspringt der Henkel dem Maul eines fischartigen Fabeltiers und endet auf der gegenüberliegenden Kannenseite als tierschnäbelige Tülle. Die sechs senkrechten Wände der Kanne sind mit Relieffiguren und Pflaumenblüten dekoriert, auf den ebenfalls sechseckigen Kastendeckeln des in mehreren Varianten ausgearbeiteten Modells sitzen Tierfigürchen als Knauf, im Fall der weißen Teekanne ist es eine kleine Eule mit gespreizten Flügeln, bei einem bemalten Exemplar (Privatsammlung Triest) ist es ein Fröschlein. 

 


Bezaubernd bemaltes Deckelgefäß mit drei Rechteckstegen auf dem Deckel. Das knapp 19 cm hohe Stück ist ein Tabakstopf (Sammlung Sullivan), der mit einem Schloss vor Begehrlichkeiten gesichert werden konnte: Durch die drei Stege ließ sich ein Porzellanriegel ziehen, wobei die beiden äußeren Stege aus Öffnungen im Deckel hervorstehen und auch der Riegel an einem Ende eine Öffnung für ein Metallschloss hatte.

 

Nicht nur hinsichtlich der Formen (beispielsweise gibt es Zuckerdosen mit liegenden Löwen und Terrinen mit sitzenden Halbfiguren als Deckelknauf), sondern vor allem in der Bemalung sprüht Du-Paquier-Porzellan vor Lebenslust und sinnlicher Fülle. Das Standardmuster, unendlich abgewandelt, ist das sogenannte Laub- und Bandelwerk, eine überaus dekorative, feine Gitterstruktur, die sich einerseits höchst sparsam anwenden lässt, um Formen zu betonen, andererseits aber auch üppig und fast „bodendeckend“ in Kombination mit Goldelementen oder Blüten. Im Rokoko wich dieses Muster schließlich den bekannten bizarren Muschelfornen, die es bei Du Paquier noch nicht gibt. Beispiele für die geschickte Verwendung des Laub- und Bandelwerks sind der reich dekorierte Untersatz für eine kleine Terrine in der Sammlung Sullivan und ein herrlicher Punschtopf mit Wellenrand und Wellenbauchung: Das Bandelwerk betont jede einzelne Welle, ohne sich aufdringlich in den Vordergrund zu spielen.

 

Häufig kamen die Porzellanmaler auch ganz ohne diese Struktur aus und überzogen Teller, Platten und Gefäße mit „chinesischen“ oder mythologischen Figuren, mit Jagdszenen, üppigen Blüten, Früchten oder Insekten. Ein eben mal 7 cm hoher Becher aus einem Trembleusen-Ensemble (MAK Wien) fasziniert nicht nur mit einer klassisch einfachen, klaren Form und einem aus Quadrat und Kreisfragmenten komponierten Henkel, sondern auch mit seiner Bemalung: Auf weißem Grund schweben ein bunter Schmetterling, ein kleiner Blütenzweig, zwei Marienkäfer und eine Heuschrecke. Eine in der Form ähnlich einfache, klassische Terrinenschüssel mit Henkeln  (um 1735, Victoria and Albert Museum London) trägt herrliche Rosen, Levkojen und Windenblüten, aber auch ein Mäuschen und eine smaragdfarbene, prächtige Eidechse. Bemalungen finden sich oft sogar innen und auf den Unterseiten der Gefäße.

 


Bezauberndes Suppentöpfchen für eine Person: Die Olioterrine (1735, im Besitz einer Privatsammlung) wurde mit Rosen und Levkojen bemalt, den Deckelknauf bildet eine Artischocke, die Henkel sind Delfine mit geöffnetem Maul. Paquier-Porzellan zeichnete sich nicht nur durch feine Bemalungen, sondern auch durch eine Fülle an Deckel- und Henkelformen aus.

Die Manufaktur hat relativ wenig freiplastische Figuren hervorgebracht, wie sie im Rokoko als Tafel- und Kaminaufsätze beliebt wurden. Dafür tobte sich der Einfallsreichtum der Modelleure immer wieder bei praktischen Gefäßen aus. Da sind beispielsweise die Oliotöpfchen, kleine Terrinen für heiße Suppen und Eintöpfe gerade mal für jeweils eine Person. Die Bezeichnung „Olio“ hat nichts mit „Öl“ zu tun, sondern kommt von „Olla potrida“-Eintöpfen, und die häufig mit einem Deckel versehenen Gefäße lassen im heutigen Betrachter durchaus heftigen Neid entstehen: Warum haben wir so was nicht mehr? Eine Olioterrine von 1735 fasziniert mit bezaubernd üppigem Rosen- und Levkojen-Schmuck, den stufig gewölbten Deckel ziert eine stilisierte Artischocke, und die beiden Henkel werden von Delfinen mit geöffnetem Maul gebildet. Das Modell wurde in verschiedenen Bemalungsvarianten wiederholt, eine davon wieder mit einer Eidechse auf dem Deckel. Andere Olioterrinen sind mit Engeln, Schäferszenen oder Vögeln in einer Landschaft bemalt. Manche Modelle wurden offenbar von der Form japanischer Räuchergefäße inspiriert und haben aparte rechteckige Henkel, oft sind es diese Töpfchen, die auf Tierfüßen stehen. Überhaupt die Terrinen von Du Paquier! Eine hat innen zwei kleine, fest montierte Siebeinsätze wohl für Kräutergewürze, die vorm Servieren entfernt wurden. Bei anderen Terrinen lässt sich der Deckel umgedreht als kleine Schale benutzen, so bei einer Wöchnerinnen-Terrine, in der man Müttern nach der Entbindung stärkende Süppchen servierte.   

 


Kleiner Nachttopf mit chinesischem Drachen und "Daumenrast": am Henkel sichert ein Frauenköpfchen den Halt und wiederholt sich als kleine Reliefmaske auf der gegenüberliegenden Wand (Museum für Angewandte Kunst Wien). 

 

Nein, bei aller feudalistischen Umständichkeit – unpraktisch in Alltagsdingen war die Epoche nicht. Man denke nur an die niedlichen  Spucknäpfe, an zwei hochherrschaftliche Nachtlichter, deren perforierte Wände entfernt an heutige romantische Teelichte erinnern, an bezaubernde Nachttöpfe (unerlässlich angesichts der Nichtexistenz von Wassertoiletten...). Eine allerdings exotisch anmutende Besonderheit stellt das Bourdalou dar, das ähnlichen Zwecken diente, nun ja. Eines dieser nierenförmigen Henkelgefäße hat als „Daumenrast“ eine elegante kleine Volute (Nachttöpfe hatten auch stets eine Daumenrast auf dem Henkel, denn gefüllt konnten einem diese Hygieneobjekte schon mal aus der Hand gleiten) und ist mit Putto, Äffchen, Eichhörnchen und anderen Annehmlichkeiten bemalt, sogar liebevoll auf dem Innenboden.

 


Gebrauchsobjekt aus einer doch recht fernen Zeit: das Bourdalou, ein Pipitopf für Damen, die sich während endloser Predigten erleichtern mussten. Das gute Stück ist im Besitz einer Privatsammlung.

 

Wozu so ein Bourdalou diente, wollen Sie wissen? Also: Damen nahmen es in die Kirche mit, denn die Predigten scheinen damals Ereignisse wie heute Popkonzerte oder Wagner-Opern gewesen zu sein, jedenfalls ging jeder hin, obwohl sie nicht enden wollten. Bei einer Dauer von rund vier Stunden meldete sich die Blase, und Toiletten, wie gesagt, waren ja nicht da. Uns ahnungslosen Heutigen drängen sich da freilich ein paar Fragen auf: Wie und unter welchen Bedingungen, beziehungsweise welchen Nebenwirkungen hat die zarte Weiblichkeit denn Pipi gemacht? Ging frau dafür in die nächstgelegene  Seitenschiffkapelle, wenigstens das? Oder wurde mitten im endlosen Moralmonolog der Geistlichkeit der eine oder andere Seidenrock gelüpft und das Bourdalou drunter gestellt? Drunter gehalten??? Gab es keine unschönen Plätschergeräusche? Und wer leerte das hübsche Gefäß dann aus? Und wo? Fragen über Fragen. Aber so blöde Gedanken kann sich nur jemand machen, der dann doch aus einer anderen Zeit kommt.

 

Info:

 

- „Fired by Passion“, Barockes Wiener Porzellan der Manufaktur Claudius Innocentius du Paquier (1718-1744), herausgegeben von Meredith Chilton und Claudia Lehner-Jobst, drei Leinenbände im Schmuckschuber, zusammen 1432 Seiten mit über 2000 Farbabbildungen meist von Joseph Coscia jr., Arnoldsche Verlagsanstalt Stuttgart 2009, Preis 199,80 Euro, ISBN 978-3-89790-308-1.

 

- Die Publikation (englische Ausgabe ISBN 978-3-89790-304-3) erscheint anlässlich der Ausstellung „Imperial Privilege: Vienna Porcelain of Du Paquier, 1718-44“, vom 22. September 2009 bis 21. März 2010, Metropolitan Museum of Art, New York, www.metmuseum.org

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