Waldemar Ottos Zyklus "Mensch und Maß"


Mit dieser zur Hälfte bemalten Bronze begann der Zyklus: Die Halbfigur mit der Messlatte hat den Titel "M + M I"


"M + M XVIII" - der Mensch blickt durch einen Metallrahmen nach draußen, wo die Welt scheinbar nach seinen Proportionen geordnet ist.


"M + M XIX": Der Mensch und seine Messlatten - die eine steht quer zur Figur, die andere zeigt mit der Schmalseite darauf. Wer legt hier Maß an wen an? Wird der Mensch gemessen oder misst er seine Umgebung?


Sehschlitze in Kopfhöhe: die Figur erfasst die Außenwelt aus einer Perspektive, die von den Proportionen ihres Körpers festgelegt wird ("M + M XI").

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Waldemar Otto (Copyright)

 

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Waldemar Ottos Zyklus "Figur mit Gewand"

 

11-11-2003

Nachdenken über ganz normale Verhältnisse

Bildhauer Waldemar Otto mit einem Werkzyklus zum Thema „Mensch und Maß“

 

Von Christel Heybrock 

 

Meist haben sie ein eine nette Rundung um die Leibesmitte. In die weichen Kurven ihrer metallenen Körper wurden gelegentlich ein Beinansatz, Hosenbund und Kragen eingeritzt, und auch die Köpfe lassen (nicht immer) Nase, Kinn und einen Querritz als Mund erkennen, dazu zwei winzige Punkte, aus denen sie gucken. Wollte man ihren derart reduzierten Gesichtsausdruck beurteilen, könnte man fast vermuten, dass sie irgendwie ratlos sind. Wer - sie? Die Figuren, die den Menschen bedeuten, uns alle, so wie der Bildhauer Waldemar Otto uns sieht in unserer Beziehung zu Raum und Umgebung in seinem Werkzyklus „Mensch und Maß“. Es sind 32 Figuren in verschiedener Größe, meist kleine Formate, nur einige wenige lebensgroß. Entstanden ist die Serie zwischen 1997 und 1999, und gezeigt wurden Teile daraus in Chile, in der Galerie Cohrs-Zirus in Worpswede (wo Waldemar Otto auch lebt) und zuletzt 2003 in der Mannheimer Galerie Ursula Keller.

 

Otto, 1929 im polnischen Petrikau geboren, ist einer der wichtigsten figürlichen Bildhauer der Gegenwart. Zwischen inhaltlicher Bedeutung, die bis zum Erzählerischen und zum Symbol gehen kann, und der Erkundung reiner Formvarianten erstreckt sich das Feld, das er dem menschlichen Körper einräumt. Seine „Torsi“ mit den feinsten Nuancen von Drehungen und Posen, bei denen er aber nicht nur auf den Kopf, sondern völlig auch auf das Spiel von Armen und Beinen verzichtet, sind neben den auf Wachsbasis entstandenen Hohlkörpern wohl einer Abstraktion am nächsten – der Mensch, reduziert auf den schwierigsten Anspruch, den ein Bildhauer sich selber setzen kann. Dem stehen andererseits richtige kleine Szenen entgegen, die Geschichten enthalten können, humoristisch und ironisch mitunter gar, aber stets von einer grundsätzlichen und existenziellen Bedeutung wie etwa die Bronze „Alte Frau im Sessel“ (1973) oder „Adam isst die Frucht“ (1981) oder die Figuren zwischen Wänden. Oft wird da leise und unaufdringlich eine ganze Reihe von Assoziationen im Betrachter geweckt, die ihm sein eigenes Leben nachträglich bewusster machen.

 

Mit der kleinen Serie „Mensch und Maß“ geht es einem ähnlich. Charakteristisch für Otto ist ja ohnehin, dass der menschliche Körper stets im Kontext mit seiner Umgebung gesehen wird (sogar in der äußersten Reduktion der „Torsi“ lässt sich das zumindest ahnen), und genau diese Beziehung macht er bei „M + M“, wie er den Zyklus selber nennt, wieder zum Thema. „M + M I“ beispielsweise ist die Demonstration einer Teilung. Wie bei allen Figuren der Serie ist der Mensch auch hier eine Halbfigur aus Kopf und Torso, die in einem Sockel oder einer Sockelplatte feststeckt. Sockelplatte und Figur bilden einen präzisen rechten Winkel, teilen also den Raum bereits in einem bestimmten Maß. Die Hälfte der Sockelplatte ist weiß bemalt, und diese Farbbahn zieht sich auch über linke Hälfte der Figur, so als gäbe es eine Licht- oder Schattenbahn, die Horizontale und Vertikale miteinander verbindet. Die Nummer I streckt dazu noch einen Arm aus und hält eine Messlatte – das Thema der Messlatte tritt mehrmals im Zyklus auf, so in der Nummer XIV, einem armlosen Torso, der auf einen metallenen Zentimeterstab vor seiner Nase guckt (Otto ersetzte die Latte später durch einen runden Metallstab ohne Maßeinteilung). Fehlt der Nummer XIV jeglicher Zugriff auf „ihr Maß“, so strecken XVII und XX wieder einen Arm zum „Maßstab“ aus, die eine Figur (XVII) aus einer molligen Körperfülle heraus in einer etwas zögernden Geste, die andere, schlanker im Duktus, anscheinend energisch und prüfend.

 

Es sind ganz feine Varianten, die der Zyklus durchspielt. Die menschliche Figur in Beziehung zu Stab, Metallfläche, Sockel, Gitter oder Rahmen – das ist schon alles an Formen, aber aus den Maßen von Höhen, Breiten und Tiefen wird eine fundamentale Ambivalenz des Menschen deutlich: Wer definiert hier wen? Bestimmt der Mensch die Ausmaße seiner Umwelt oder setzen eben die dem Menschen Grenzen? Was wäre außerhalb seiner eigenen Proportionen? Kann der Mensch jemals etwas denken, was nicht mehr in die Proportionen, in die konkreten Ausmaße seiner Existenz hineinpasst? Es ist nicht vorstellbar, und doch strebt er genau diese Selbstüberschreitung immer wieder an. So leise, mitunter harmlos drollig die Figuren mit ihren eingeritzten Hosenbündchen und Beinansätzen unterm Bäuchlein auf den ersten Blick auch wirken, sie lösen doch ziemlich tiefgehende Fragen im Betrachter aus. Fragen nach dem, was ist. Fragen, ob sich nicht die Wirklichkeit, so wie wir sie erfahren, nur als Spiel von Verhältnissen darstellt, von denen wir bereits geprägt sind, während wir uns noch als Macher fühlen.

 

Da sind zwei Figuren, die sich einem Rahmen gegenüber befinden. Ein erneut rundlicher Torso mit Beinansatz steht in seiner Sockelplatte und guckt durch einen Rechteckrahmen, der sich am Ende der Platte erhebt und etwas größer ist als er selber („M + M XVIII“). Im andern Fall steckt eine schmale Büste mit gelängtem Kopf in ihrer Platte und blickt durch einen ganz ähnlichen Rahmen (XXIV). Unwillkürlich denkt man sich Wände und eine Decke dazu, um aus den beiden Höhenausdehnungen (der Figur und dem Rahmen) und der flachen Platte durch eine dritte Dimension einen Raum zu imaginieren. Was ist das für ein Rahmen, der die Figur  jeweils in einem bestimmten Verhältnis übersteigt, der sie aber betont? Ein Fenster? Eine Tür? Und wodurch wird der Abstand definiert, in dem sich der Rahmen vor den Figuren erhebt, denn sie stehen ja nicht direkt in der Rahmung, sondern davor? In welcher Beziehung befindet sich die Höhenausdehnung zu den Ausmaßen in der Horizontalen? (Welche Rolle spielte bereits die erwähnte Messlatte für die Proportionen der Figur, die sie in der Hand hält?)

 

Man könnte das selber ausmessen und würde, nein, nicht auf mathematische Präzision, sondern auf lebendige Varianten von Ausdehnungen stoßen, die sich auf einander beziehen. „Die Proportionen mach’ ich eigentlich nach Gefühl“, sagt Waldemar Otto selber dazu. “Ich habe manchmal später nachgemessen und war ganz erstaunt, als sich beispielsweise Verhältnisse von eins zu drei oder von zwei zu drei herausstellten!“ Verhältnisse und Beziehungen – auf diese Begriffe könnte man den Zyklus zurückführen. Ein ewiges Wechselspiel, ein ständig aus sich selbst sich erneuerndes Miteinander von Ausdehnungen und Begrenzungen. Ist der Mensch sein eigenes Maß? Unterwirft er alles, was ihm begegnet, den Ausdehnungen seines Körpers und spielt sich letztlich auch sein Denken „im Rahmen“ seiner Abmessungen ab? Was tun wir uns an, wenn wir maßlos sind? Und warum ist es für uns so schwer, ja vielleicht unmöglich, das „Unermessliche“ zu denken?

 

Der leere Rahmen, durch den die Nummern XVIII und XXIV gucken, suggeriert den Blick des Menschen aus sich selbst heraus, in eine nicht definierte Weite. Otto hat in dem Zyklus aber auch eine unüberwindliche Enge und Begrenzung formuliert, denn einige Torsi stehen einer hoch aufgerichteten Metallplatte gegenüber, einer geschlossenen Fläche, wiederum größer als sie selbst, die nur von ein paar Schlitzen durchbrochen ist. In „M + M V“ steckt der Mensch in einem kubischen Metallsockel und blickt auf ein in diese Metallplatte geschlitztes Kreuz vor seinem Gesicht. Das Kreuz deutet die Proportionen seines Kopfes an, es „bezeichnet“ ihn. Bei der Nummer XI ist es eine ganze Reihe von untereinander angebrachten Querschlitzen in der Metallplatte, die in Kopfhöhe des Torsos, aber wieder in einigem horizontalen Abstand zu ihm, den „Durchblick“ ermöglichen würden. Fast könnte man die beiden Metallplatten als Zeichen der menschlichen Figur an sich auffassen. Stünde man vor ihnen, ohne jeweils den Torso dahinter zu ahnen, man würde die undeutliche Assoziation einer Figur nicht los: Längsdehnung mit Betonung im oberen Viertel. Die Schlitze als stilisierte Augen. Materie, die da oben, und nur da oben durchlässig ist... Die auf anderes verweist, ohne ihre Begrenzung aufgeben zu können. Das Nachdenken über Waldemar Ottos nette kleine ratlose Figuren führt ins Uferlose, ohne dass man sich doch lösen könnte von ihren begrenzten Ausmaßen, von ihrer konkreten Erscheinung. Eine Erfahrung, die man bei ihm nicht zum ersten Mal macht...

 

Info:

Galerie Ursula Keller, Mannheim, Rheindammstraße 50, vom 6. September bis 12. Oktober 2003, Tel. 0621-8283821, www.galeriekeller.de

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