Waldemar Ottos Zyklus "Figur mit Gewand"

 


Figur mit Gewand Nr. XXXII. Die kleine Bronze mit der asymmetrischen Gewandraffung war Blickfang der Waldemar-Otto-Ausstellung bei Galeristin Ursula Keller 2007.

 


"Figur mit Gewand XIII" von 2003. Die Bronze hat eine Höhe von 63 cm und lässt sowohl den Körper als auch das "Gewand" nur eben ahnen.

 


Bildhauer Waldemar Otto zwischen zwei seiner Gewandfiguren. Der aus rund 40 Arbeiten bestehende Zyklus wurde 2005 bei der Galerie Heimeshoff in Essen und 2007 in der Galerie Ursula Keller in Mannheim ausgestellt.

Fotos: Waldemar Otto (Copyright)

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Waldemar Ottos Zyklus "Mensch und Maß"

30-10-2007

Zeigen und Verhüllen
Bildhauer Waldemar Otto mit dem Zyklus „Figur und Gewand“

 Von Christel Heybrock 

 

“Es reizte mich vor allem der Gegensatz von voluminösen, schwellenden Körperformen und straff gezogenen Faltenwürfen“, bekannte Waldemar Otto, als Teile seines Zyklus „Figur und Gewand“ im Jahr 2005 erstmals ausgestellt wurden (in der Galerie Heimeshoff, Essen). Die Bronzen in meist kleinen und mittleren Formaten zwischen 18 und 65 cm Höhe gefielen der Mannheimer Galeristin Ursula Keller so ausnehmend gut, dass sie 2007 ebenfalls eine Auswahl aus dem Zyklus zeigte, dem sich in Mannheim noch eine lebensgroße, die Galerieräume anmutig dominierende Bronze hinzu gesellt („Figur mit Gewand XXXVI“, 159 cm). Insgesamt besteht der Zyklus offenbar aus rund vierzig Stücken, die aber noch nie komplett gezeigt wurden.

 

„Der Anstoß kam von einem Sammler meiner Skulpturen“, erläuterte Waldemar Otto im Jahr 2005. „Ob ich denn nicht mal wieder eine bekleidete Figur machen könne, wie ‚Mann im November’ oder ‚Alte Frau im Sessel’ – vielleicht auch nur eine Figur mit Tuch. Obwohl ich für diese Anregung ganz und gar nicht dankbar war, ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Im Dezember 1998 kam schließlich die Inspiration, indem Otto eine Zeichnung auf eine Wachsplatte gemacht und diese etwas gewölbt hatte: „... schon entstand ein kleines Relief und ich war von der Idee gefangen, die mich letztlich zu der ganzen Werkgruppe von Figuren mit Gewand führte.“ Galeristin Ursula Keller fügte noch hinzu, Otto sei zu der asymmetrischen Raffung der Gewänder, die in dem Zyklus zahlreich variiert wird, durch eine Reise auf die Insel Elba angeregt worden, wo die Frauen ähnlich mit ihren Tüchern umgingen.

 

Tatsächlich wird der Zyklus „Figur mit Gewand“ von weiblichen Figuren dominiert, was nicht verwundert. Zum einen zeigt der weibliche Körper unter Stoff eine weit eindrucksvollere Plastizität als der männliche, zum andern gehört das Spiel von Zeigen und Verhüllen seit Urzeiten zur weiblichen Mentalität – und Waldemar Otto ist ein Meister der Beobachtung, der formenden Fingerarbeit, der Körperpräsenz in allen denkbaren (meist sehr verhaltenen) Posen und der feinsten, mitunter kaum mehr sichtbaren Nuancen. Betrachtern sei empfohlen, beim Hinsehen die Hände mit einzusetzen: Erst mit den Fingern lassen sich subtile Wölbungen, Buchten, Spannungsbereiche zwischen konkaven und konvexen Partien überhaupt wahrnehmen. Normalerweise empfindet man an weiblichen Figuren vor allem Hals, Busen, Taille und Po als relativ aufregend. Auch bei Otto sind das natürlich Blickfänge trotz aller Herbheit und Dezenz der Gestaltung. Aber Wahrnehmungsschwierigkeiten hat man in der Tat bei unauffälligen Partien, die man unwillkürlich mit dem Blick übergeht. Und genau hier sind berückende, kaum merkliche Feinheiten und Schwingungen zu ertasten, die Ottos Figuren erst lebendig machen.

 

Alle Gewandfiguren stehen, was dem Bildhauer ein klassisches Können in Bezug auf Faltenwürfe, Körperhaltung, Gesten und  Balance abverlangte. Alle treten mit einer kompakten, wenig gegliederten Körperlichkeit in Erscheinung – es sind Körper, die sich unter Tuch, Stoff, Gewand verbergen. Was sich hervorwölbt, sind Schultern, Busen, Po, mitunter die Arme, selten die Beine. Oft geht das Verhüllen so weit, dass auch die Hände, die den „Stoff“ raffen, sich darunter abdrücken, also eigentlich verborgen sind. Aus dem Gewand heraus ragt nur der Kopf, und hier übt Otto sein stets faszinierendes Spiel zwischen Plastizität und zweidimensionaler Ritzung: Die Gesichter sind kaum modelliert außer bei Nase und Kinn, nur durch eingeritzte Krakel sind Augen und Mund angedeutet, und speziell bei den Gewandfiguren gibt es mitunter auch einen „Kleidersaum“ am Hals oder eine kaum wahrnehmbare Borte. Auch Faltenwürfe „weiter unten“ oder ein vom Tuch unbedeckter Busen sind manchmal fein geritzt. Die Fantasie des Betrachters wird tüchtig zur Mitarbeit herausgefordert – aber sie steht auch nicht vor einem gänzlich spartanischen Angebot, obwohl das auf den ersten Blick manchmal so aussieht.

 

Wie Otto mit völlig gegenläufigen Formelementen eine unlösbare Spannung und trotzdem klassische Harmonie hervorruft, das ist meisterhaft und verweigert sich jeder sprachlichen Mitteilung. Nach eigener Aussage fesselte ihn beispielsweise die Polarität zwischen Körper und Gewandraffung, zwischen (häufig asymmetrischem) Faltenverlauf und den natürlichen Kurven darunter. Ursula Keller ergänzte die Schau der Gewandfiguren durch einige Torsi – man sollte meinen, dass ein unter Stoff verborgener Körper etwas grundsätzlich anderes sei als ein nackter, kopf- und beinloser Torso, der sich selbst in prägnanten Wölbungen und Mulden vorführt. Bei Otto ist das anders, seine Torsi sind dermaßen zurückgenommen, dermaßen verschleiert in ihren Ausbuchtungen, dass sie mit den Gewandfiguren enger verwandt scheinen als mit jeder anderen Werkgruppe des Bildhauers.

 

Die Körper zeigen sich und sind zugleich verborgen. Sie stehen fühlbar und greifbar im Raum, sind tastbar sogar mit Nuancen, die man fast nicht sieht – aber vereinnahmen oder ergründen kann man sie nicht. So einfach sie auf den ersten Blick aussehen, so rätselhaft entziehen sie sich. Vielleicht hat Waldemar Otto hier der archaischen Dualität zwischen Erscheinung und Verweigerung einen Ausdruck gegeben, einer Dualität, die zum Menschen gehört wie die Gegensätzlichkeit zwischen Körper und Bedeckung. Man kann das in zwei Richtungen weiter denken. Einmal weit zurück in der Evolution: Tiere können sich nicht verbergen, können nicht aus ihrer Haut, ihrem Fell, selbst wenn sie zu Mimikry fähig sind, fehlt ihnen jene Spaltung, die dem Menschen eigen ist. Man kann das Phänomen andererseits weiter denken in die Geschichte der Zivilisation hinein: Was ist Mode anderes als eine den Körper bewusst verändernde und stilisierende Gestaltung? Zwischen diesen beiden Sichtweisen sind Waldemar Ottos Gewandfiguren angesiedelt – ihm geht es um die Grundsätzlichkeit des Sichzeigens und Sichverbergens, um die zutiefst menschliche Sprache des Körpers, der sagt: Hier bin ich, aber ich gehöre mir selbst.

 

Info:

- Heimeshoff Galerie & Kunsthandel Roger Schimanski e.K., Kennedyplatz 5, 45127 Essen, Ausstellung Waldemar Otto, „Figur und Gewand“ vom 18. Februar bis 12. März 2005, www.galerie-heimeshoff.de

- Galerie Ursula Keller, Rheindammstraße 50, 68163 Mannheim, Ausstellung Waldemar Otto, „Figuren mit Gewand“ vom 14. September bis 27. Oktober 2007, www.galeriekeller.de

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