Armin Müller-Stahl


Ein Beispiel der Porträtmalerei des Schauspielers Armin Müller-Stahl, der zum Jahresende 2007/2008 in Mannheim und Potsdam ausstellte. Das abgebildete Werk war in der Mannheimer Kunsthalle zu sehen und stellt den Komponisten Antonin Dvorak (1841-1904) dar. Charakteristisch für Müller-Stahls Bildniskunst sind die dunklen Hintergründe, aus denen schemenhaft verwischte Gesichter hervortreten: Es sind Erinnerungsbildnisse, in denen sich die künstlerische Substanz der Porträtierten zeigt - ihre Lebensrealität kann und soll aus der Vergangenheit nicht mehr rekonstruiert werden. Das abgebildete Werk wurde der Mannheimer Kunsthalle leihweise vom Kunsthaus Lübeck zur Verfügung gestellt, wo das bildkünstlerische Oeuvre Müller-Stahls betreut wird. 

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Alle Fotos auf dieser Seite: Manfred Rinderspacher ("Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion)

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01-02-2008

Ein Strom von Ereignissen, ein Ort, ein Leben

Bilder und die Brockhaus-Gouachen von Armin Müller-Stahl in der Kunsthalle Mannheim

 

Von Christel Heybrock

 

Ein gefeierter Star. Einer, der Menschen kennt. Ein Schauspieler, der seine Figuren von innen heraus versteht und sie in sich selbst entwickelt, freilich nicht ohne kritische Distanz. Seit Jahrzehnten, so hat Armin Müller-Stahl bekannt, malt er, um zusätzlich zu Film, Theater, Fernsehen noch eine andere Wirklichkeit, eine andere Bestätigung für sich zu entdecken. Seit wenigen Jahren erst erfährt auch die Öffentlichkeit etwas davon und reibt sich verwundert die Augen. Nein, hier ist kein Schauspieler, der zur Entspannung halt auch malt, sondern einer, der malend das untersucht, was ihn auch sonst umtreibt: Charaktere, Schicksale, Konflikte, Lebensgeschichten – Dramen eben. Und wenn es einerseits die Bühnenbretter sind, die die Welt bedeuten, dann sind es bei Müller-Stahl andererseits eben auch Papier und Leinwände: „Das Malen ist gut für meine Seele“, sagte er in einem Interview mit dem Brockhaus-Verlag, „alles, was durch unser Auge kommt, berührt die Seele.“

 

Als er 2004 im Heidelberger Kunstverein seine lithographierten Zeichnungen zu Goethes „Urfaust“ ausstellte, hätte man Illustrationen erwarten können, aber diese Blätter waren alles andere als das, sie stellten ein schwierig zu „lesendes“, gezeichnetes Eindringen dar in ein Dickicht aus Schrecken, Verlangen, Heimtücke und Scheitern. Goethes Drama breitete sich vor den Augen aus als undurchdringliches Gewebe von Opfer und Verbrechen, konkrete Zusammenhänge waren in ihrer furchtbaren Konsequenz oft nur noch zu ahnen und nicht mehr rational zu erkennen – umso intensiver beim Betrachter das assoziative Mitfühlen. Hineingezogen in die Unausweichlichkeit existenzieller Konflikte, war man unversehens zu einer anstrengenden, erschöpfenden „Mitarbeit“ gezwungen, die schließlich auch eigene verhedderte Lebenslinien bewusst machte.

 

Den „Urfaust“-Zyklus von Armin Müller-Stahl konnte man in einer Auswahl zusammen mit ganz anderen Bildern und Gouachen zum Jahresende 2007 noch einmal in der Mannheimer Kunsthalle sehen. Hier freilich stand ein anderes Projekt im Mittelpunkt: einige Gouachen, die Müller-Stahl für eine Sonderedition der Brockhaus-Enzyklopädie gemalt hatte. Er machte es erneut seinen Betrachtern nicht leicht, ließ sich auf den Zusammenhang mit einem Lexikon auch kaum ein (wie wohl der vom Brockhaus-Verlag zwangsläufig in Müller-Stahls Gouachen hinein interpretiert wurde) und fasste in wenigen Szenen zusammen, was man als eine Art Existenzphilosophie des Künstlers bezeichnen könnte: „Menschheitszirkus“ nannte er die kleine Serie, von der schließlich fünf Szenen als Einbandgestaltung des Lexikons übrig blieben. Die gesamte Enzyklopädie besteht aus dreißig Bänden, die zu jeweils sechs auf den fünf drehbaren Etagen eines Designerregals nebeneinander gestellt werden – auf je sechs Buchrücken setzt sich dann übergreifend je eine Müller-Stahl-Szene zusammen.

 

Wer sich die auf  999 Exemplare begrenzte Ausgabe mit diesen Schutzumschlägen leisten kann (Preis knapp 5000 Euro), darf sich natürlich privilegiert fühlen. Als Betrachter hatte man freilich mehr von den Originalgouachen in der Mannheimer Ausstellung. Der kleine Zyklus beginnt mit dem Blatt „Befreiung“ und führt über „Hören“, „Durchschauen“ und „Lesen“ schließlich zu der Tierszene „Paradies“. Abgesehen davon, dass die Blätter überraschend farbig (aber nicht aufdringlich bunt) sind, hat Müller-Stahl auch hier wieder Arbeiten von einer Dichte und Expressivität geschaffen, die jede Menge Rätsel aufgeben und praktisch von jedem Betrachter selbst und anders interpretiert werden können. Die Figuren sind oft kostümiert wie Akteure in der Zirkusarena, auf der Bühne oder auf Bildern alter Meister und dokumentieren damit: In ihnen konzentrieren sich Bedeutungen und Bedingungen menschlicher Existenz.

 

Das Blatt „Befreiung“ beispielsweise besteht aus drei Figuren vor blauem Hintergrund, die in Clowns- und Narrenkostümen stecken, aber alles andere als lustig wirken. Eine leicht in den Hintergrund gerückte Clownsfigur mit rotem Hut und erhobenen Armen wurde von Herwig Guratzsch, dem Leitenden Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf, als Variante einer christlichen Kreuzigungsszene gedeutet, was man aber nicht zwangsläufig nachvollziehen muss. Die beiden Personen im Vordergrund sind Halbfiguren, die mit Zigarette, beziehungsweise einem Glas Wein am Tisch sitzen. Die mittlere Figur, das Gesicht im Profil, sieht dem Clown interessiert zu, während die dritte Person in tiefes Nachdenken versunken vor sich hin schaut und an der Darbietung nicht interessiert scheint. Was ist hier dem Titel zufolge „befreiend“? Der heftig agierende Clown, der sich mit dem Körper als seiner natürlichen Sprache mitteilt und womöglich Schmerzerfahrungen ausdrückt? Die zuschauende Figur? Die nachdenkende mit dem verhangenen Blick? Alle Deutungen sind im Grunde offen – nur dass sich hier etwas abspielt, dass etwas Bewegendes in allen drei Personen vorgeht und damit auch an den Betrachter appelliert, das ist nicht zu leugnen.

 

"Hören", zweite Szene aus Müller-Stahls Einbandgestaltung für die Brockhaus-Enzyklopädie

 

Einfacher das Blatt „Hören“: erneut drei Personen, genauer gesagt drei Köpfe, die über einer gelben Lichtquelle in der Mitte geheimnisvoll auftauchen wie bläulich flackernde Schatten. Die Profilfigur am rechten Rand spielt Flöte, die beiden anderen Köpfe sind Zuhörer, sie alle treten vor dunkelrotem, pulsierenden Hintergrund in Erscheinung, alles scheint in einer atmenden, konzentrierten Bewegtheit, das gelbe Licht kann auch das Kleid der mittleren zuhörenden Figur sein. Der Titel „Hören“ ist womöglich eine Aufforderung an den Betrachter, das Bild über die Dreipersonen-Szene hinaus als sichtbar gemachte Musik zu empfinden, als feines, rhythmisches Klanggewebe, das zugleich in eine alte Epoche zurück verweist: Beim Flötenspieler ist ein Spitzenkragen angedeutet, beim Zuhörer links ein Kopfputz, der an rembrandtsche Turbane denken lässt. Ein Bild als Musik – für Müller-Stahl hat Musik immer eine unendlich wichtige Rolle gespielt, er kam erst nach abgeschlossenem Musikstudium zur Schauspielkunst.

 

In der Person eines Schauspielers müssen sich kritischer Intellekt und Intuition vereinen. Die fast karikaturistische Gouache „Durchschauen: Gut und Böse“ kann bei Müller-Stahl da nicht verwundern. Aus einem blaurotbraunen Dämmer schälen sich zwei partiell helle Gesichter mit wachen, aufmerksamen Augen heraus, beide halten eine Kamera so, dass der Betrachter in die Linse blickt. Es sind offenbar Beobachter, die ein Geschehen nicht nur kritisch verfolgen, sondern auch dokumentieren, um Beweise vorlegen zu können, wem auch immer. Reporter? Pressefotografen? Geheimagenten? Das dem Betrachter Unbekannte, was hier geschieht, wird jedenfalls als Zuwachs kritischen Wissens gespeichert. Der Pressetext des Brockhaus-Verlags interpretierte das Blatt als Hinweis auf lexikalisches Wissen – aber ein Lexikon besteht nicht in erster Linie aus Fotodokumenten.

 

"Lesen", Blatt Nummer vier von Müller-Stahls Brockhaus-Gouachen

 

Dem Textanteil vielleicht eines Nachschlagewerks widmet sich das Blatt „Lesen“: erneut drei Personen, Halbfiguren - in der Mitte in Schattierungen aus hellem Grau und Ocker der im Buch blätternde Leser, zu seinen Seiten je eine in dunklen, verwischten Tönen gehaltene Figur, zuhörend vielleicht. Alle drei jedoch stammen aus einer andern Zeit mit breitkrempigen Hüten und weißen Kragen – man tippt auf 17. Jahrhundert. Lesen als Rollenspiel? Lesen als historische Informationsquelle sicherlich. Was wüssten wir über unsere kulturelle Vergangenheit ohne die Bücher?

 

Und zum Schluss „Paradies“, ein Blatt mit weißer Giraffe, weißem Bär, grünbraunem Nashorn, rosafarbenem Pferd und anderen Tieren, sie alle eingewoben in ein lockeres Netz aus Farbflecken, sie alle von rätselhafter Dichte und Expression, sanft und vital zugleich. Tiere ohne Bezug zu menschlichen Figuren, nicht domestiziert, sondern fremde, in sich selbst ruhende Wesen. Vielleicht, so die Quintessenz dieses Blattes, gehört ja auch das zum Bewusstsein des Menschen: zu lernen, dass nicht ihm allein die Welt gehört und dass er seinen Lebensraum teilen muss, um etwas vom Paradies zu bewahren. Ist es das? Kann sein.

 

Die fünf schwer deutbaren und nur in vagen Assoziationen zu begreifenden Gouachen für das Brockhaus-Lexikon wurden in der Schau der Mannheimer Kunsthalle fast noch übertroffen von einer Reihe Porträts. Müller-Stahl schuf Bildnisse von bedeutenden Personen der Gegenwart und der Kulturgeschichte, indem er zwar auf vorgefundene Bildmotive zurückgriff – aber es entstanden unter seinem Pinsel ganz eigene Interpretationen der jeweiligen Figur. Jedes Mal drang er malend tief ins Wesen der Person ein und lotete aus, was sich an Genie, Vitalität und schicksalhaften Unmöglichkeiten in ihr konzentrierte. Das weit gefächerte, empathische Verstehen eines Schauspielers für andere Menschen äußerte sich hier in Bildern, bei denen Gesichter aus geheimnisvollem Dunkel auftauchen, uns im Innersten berühren und doch dem Blick nie ganz fassbar werden.

 

Die Porträts stammten als Leihgaben aus dem Kunsthaus Lübeck, das Müller-Stahls bildkünstlerisches Oeuvre betreut. Da war beispielsweise das Porträt Richard Wagners (2004), Gesicht und Hände fast bis zur Unkenntlichkeit übermalt, eine Person, die wie von Musik überwuchert scheint. Im Gegensatz dazu eine helle, klare Gouache mit dem Kopf Johann Sebastian Bachs (2006), ein Gesicht von Orgelklängen gleichsam umspielt, kraftvoll und offen. Tragisch dagegen Filmregisseur Michelangelo Antonioni (2006) sowie, mit wiederum ganz anderem Ausdruck, Peter Tschaikowski (2005) – sein Gesicht leuchtet in fahlem Weiß, verwischt und expressiv übermalt mit Braun, Grau und Blau. Etwas tief in der Person Verborgenes drückt sich hier aus, eine Feinsinnigkeit zudem, eine Unausweichlichkeit, aber auch das eigene Wissen darum, das im Blick angedeutet wird.

 

 

Müller-Stahls Bildnis der Pianistin Hélène Grimaud, deren Gesicht von glühenden Klanglinien überzogen scheint. 

 

Sehr verschieden davon Norman Mailer (2006), ein Gesicht aus Binnenkonturen, mit Rosa, Grün und Ocker gehöht und einem Ausdruck zugleich von Brutalität und intelligenter Selbstkenntnis. Wunderbar der dirigierende Gabriel Fauré (2005), dessen Gesicht und Arm sich aus dem Dunkel schälen, während ein feiner roter Schatten noch die abgewandte Gesichtsseite der Profilansicht akzentuiert. Der tragisch geendete Revolutionär Che Guevara (2006), ebenfalls eine Profilansicht, wurde mit geschlossenen Augen, bleichem Gesicht und in schwarzgrauen Grundtönen als Toter porträtiert. Von feinster Lebendigkeit die Pianistin Hélène Grimaud (2006), deren Gesicht von gekringelten roten Linien umgeben und überspannt wird, ein Mensch, von rhythmischen Klängen überweht, was für ein angemessenes Bild!

 

Fast zeitgleich mit der Schau in der Mannheimer Kunsthalle waren im Alten Rathaus Potsdam Bilder von Müller-Stahl zu sehen. Der im Keyser Verlag erschienene, schmale Katalog beweist, dass der Maler über die Figurendarstellung hinaus sich auch anderen Themen wie Landschaft, Meer und Stadtansichten widmet. Aber ach, so simpel und rational das klingt, so sehen die Bilder dieses Malers niemals aus. Sie sind immer erfüllt von verborgenen Dramen, von Leidenschaften, Schmerz und elementaren Konflikten. Jedes einzelne Werk scheint einen Strom von Ereignissen zu bergen, jedes einzelne ist ein Ort unbekannter Geschehnisse und Dokument eines Lebens. Es scheint kaum etwas zu geben, was Müller-Stahl nicht auszudrücken imstande waere.

 

Info:

- Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, vom 16. Dezember 2007 bis 13. Januar 2008, www.kunsthalle-mannheim.de

- „Lebenswelten“ von Armin Müller-Stahl, Altes Rathaus, Potsdam Forum am Alten Markt, vom 9. Dezember 2007 bis 3. Februar 2008, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, http://www.potsdam.de, Katalog in der Strauss Edition des Keyser Verlags, ISBN978-3-87405-003-6, Preis 10 Euro.

- Informationen zur Sonderausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie: http://www.brockhaus.de/enzyklopaedie/ams/

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