Mona Lisa

 


Das berühmteste Gemälde der Welt - Leonardos Porträt der "Mona Lisa" im Pariser Louvre.
Foto:
Wikimedia Commons

 

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Das Mona-Lisa-Porträt im Forschungslabor des Louvre

 

10-08-2010

Das Rätsel um Mona Lisa: Wer war die Dame?

Zeigt das berühmteste Porträt der Welt wirklich die Ehefrau des Florentiner Seidenhändlers Francesco del Giocondo?

 

Von Christel Heybrock

 

Des Rätsels Lösung hat die Signatur „D 7620 qt. INC“ und entstammt einer Druckerpresse in Bologna aus dem Jahr 1477: eine Cicero-Ausgabe in der Heidelberger Universitätsbibliothek. Ein Florentiner Kanzleibeamter namens Agostino da Terranova Vespucci (Vertrauter von Niccoló Macchiavelli und wahrscheinlich mit Leonardo da Vinci persönlich bekannt) hat die „Epistolae ad familiares“ (Briefe an die Freunde) des großen römischen Redners nicht nur besonders aufmerksam gelesen, sondern über Jahre buchstäblich studiert. An der Stelle nämlich, an der Cicero über den legendären griechischen Maler Apelles und dessen Venus-Gemälde schrieb, kam Vespucci der Vergleich mit seinem eigenen berühmten Zeitgenossen Leonardo in den Sinn. Hatte Cicero konstatiert, dass Apelles Kopf und Brust der Liebesgöttin besonders sorgfältig ausgearbeitet habe im Gegensatz zum Rest des Bildes, so notierte Vespucci 1503 an den Seitenrand, dass doch gegenwärtig Leonardo es ganz ähnlich mache in seinen Bildern der Lisa del Giocondo, der Heiligen Anna Selbdritt und wohl auch des zukünftigen Wandgemäldes in der Sala del Gran Consiglio des Palazzo Vecchio: „Apelles pictor. Ita Leonardus Vincius facit in omnibus suis picturis, ut enim caput Lise del Giocondo et Anne matris virginis. Videbimus quid faciet de aula magni consilii, de qua re convenit iam cum vexillo 1503 8bris.“

 


Eine Randnotiz und ihre Folgen: links die Textstelle in den Cicero-Briefen, in denen der römische Redner sich beschwert, seine Ärzte machten es just wie der legendäre griechische Maler Apelles, der zwar Kopf und Brust der Venus feinstens ausgearbeitet, sich aber um den Rest des Körpers nicht gekümmert habe. Ciceros späterer Leser Agostino Vespucci war offenbar weit entfernt von historischem Mitleid - er notierte rechts an den Rand, dass Leonardo es zur Zeit ebenso mache wie vor Jahrhunderten der Apelles und nannte als Beispiel unter anderem Leonardos Porträt der "Lise del Giocondo".
Foto: Universitäts-Bibliothek Heidelberg

 

Die berühmte Mona Lisa wird durch diese wenigen handschriftlichen Zeilen nachweislich mit der dritten Ehefrau des Florentiner Seidenhändlers und Politikers Francesco del Giocondo (1460-1539) identifiziert. Entdeckt hat die unscheinbare Randnotiz der Heidelberger Wissenschaftler Dr. Armin Schlechter, der 2005 eine Inkunabelausstellung der Universitätsbibliothek vorbereitete und dabei den Cicero-Band katalogisierte. Im Ausstellungskatalog wies er auch auf seine Entdeckung hin – aber bis solche Dinge eine breitere Öffentlichkeit erreichen, dauert es manchmal. 2007 publizierte der Baden-Württembergische Staatsanzeiger Verlag die Entdeckung noch einmal in dem Zeitschriftenheft „Handschriften des Mittelalters“ im Rahmen eines Beitrags von Armin Schlechter über handschriftliche Glossen und Marginalien in Druckwerken, und 2008 analysierte Dr.Veit Probst, Direktor der Heidelberger Universitätsbibliothek, in einem brillanten 50-seitigen Essay die Beziehungen zwischen Vespucci, Leonardo und Macchiavelli, um die fundamentale Bedeutung von Schlechters Entdeckung zu untermauern.

 

Es sieht fast so aus, als hätten Historiker, Kunstexperten und andere bedeutende Persönlichkeiten erst zu diesem Zeitpunkt gemerkt, dass Schlechter einen Jahrhunderte alten Zweifel ausgeräumt hatte: Seit nämlich Giorgio Vasari (1511-1574), Biograf bedeutender Renaissance-Künstler und selber Hofmaler der Medici, in seinen 1550 erstmals erschienenen Künstler-Viten über Leonardo notiert hatte, der habe zwischen 1503 und 1506 die Lisa del Giocondo porträtiert – seither fragt sich die Wissenschaft: Hatte Vasari recht? Der Mann gilt mit seinen verständigen, mitunter hymnischen Kollegen-Biografien zwar als Urvater der Kunstgeschichte, aber nicht alles, was er schrieb, entspricht auch den Tatsachen. Der Wahrheitsgehalt so mancher Vasari-Anekdote schwand bei Überprüfung dahin wie Schnee an der Sonne, und Leonardo selbst hat keine Silbe darüber hinterlassen, wen er mit der Mona Lisa gemalt hat. Mit der winzigen Notierung Vespuccis in der bewussten Cicero-Ausgabe liegt ein Beweis vor, der fast ein halbes Jahrhundert älter ist als die Überlieferung Vasaris, und man sollte meinen, dass damit das Mona-Lisa-Problem aus der Welt geschafft sei.

 

Doch es scheint, als wollte sich so mancher Zeitgenosse seine Zweifel einfach nicht nehmen lassen. Der italienische Historiker Roberto Zapperi jedenfalls, getrieben offenbar von dem Drang, seine Kollegen von der Kunstwissenschaft den Umgang mit historischen Dokumenten zu lehren, knöpfte sich in seinem Buch „Abschied von Mona Lisa“ ein schon bislang angezweifeltes Zeitzeugnis vor und rankte eine abenteuerliche Geschichte darum herum. Es geht bei ihm um eine Aussage Leonardos, die im Reisetagebuch von Antonio de Beatis überliefert ist, Sekretär des Kardinals Luigi d’Aragona. Der Kardinal und sein Sekretär besuchten den 67-jährigen Maler 1517 in Frankreich, wo Leonardo seit kurzer Zeit in Diensten seines Bewunderers König Franz I. stand. Leonardo zeigte der Delegation aus Italien offenbar drei Bilder, die er unfertig aus der Heimat mitgebracht hatte, darunter, so die Formulierung im Tagebuch von Beatis, das Porträt einer „gewissen Florentiner Frau im Auftrag des verstorbenen Giuliano de’ Medici“, für den Leonardo während seiner Zeit in Rom gearbeitet hatte. Giuliano war ein notorischer Weiberheld, und insofern liegt der Schluss nahe, die Mona Lisa könnte identisch sein mit Giulianos Mätresse Pacifica Brandani – wenn man nicht einfach berücksichtigt, dass Beatis bei der Begegnung mit Leonardo etwas missverstanden oder vergessen haben könnte oder aber dass Leonardo bewusst eine falsche Fährte legte.

 

Zapperi aber macht aus der undeutlichen Bemerkung ein kompliziertes Drama, in dem auch ein unehelicher Sohn Giuliano die Medicis eine Rolle spielt: Giuliano habe das Porträt von dessen Mutter (war es nun Pacifia oder noch eine andere Schönheit) in Auftrag gegeben, um den Jungen, dem die leibliche Mutter fehlte, sozusagen mit einer Mutter-Imago zu trösten, und Leonardo habe den Auftrag im Gedenken an die Abwesenheit seiner eigenen Mutter angenommen. Erstaunlich, was Historiker alles in Äußerungen hineingeheimnissen, wenn sie nüchterne Fakten nicht wahrhaben können. Die Vespucci-Notiz in der Heidelberger Cicero-Ausgabe erwähne ja nur auf einen „Kopf“; bei dem wahren Porträt der Lisa del Giocondo müsse es sich also um ein ganz anderes Werk Leonardos handeln – so Zapperis angestrengte Verdrehung.

 

Es entbehrt vielleicht nicht der Pikanterie, dass die deutsche Übersetzung von Zapperis Buch im selben Verlag C.H. Beck erschien wie die Bücher des Kunsthistorikers Hans Belting, der die Heidelberger Entdeckung in der Cicero-Ausgabe selbstverständlich akzeptiert und Zapperi in einem Beitrag in der FAZ vom 4. März 2010 auseinander nimmt. Und Belting weist auch noch auf etwas anderes hin: Ist es denn wirklich so wichtig, wer das Modell Leonardos war? Gilt der Mythos, der sich um dieses konservatorisch angegriffene Bild rankt, dem Maler oder der Frage, wo das Lächeln der Dame sitzt? „Die Kunsthistoriker haben die Mona Lisa nie geliebt, weil ihr Ruhm gar nicht der Kunst Leonardos galt,“ moniert Belting und verweist auf die Landschaft im Hintergrund, die eine urweltliche Kosmogonie beschwöre.

 

Leonardo hat das in Auftrag gegebene Porträt nie abgeliefert, sondern bis zu seinem Tod behalten. Womöglich fand er es immer noch unfertig. Ohnehin ging der ständig forschende und menschliche Möglichkeiten ausreizende Pionier mit seinen Auftraggebern nicht immer pfleglich um. Anstelle der Frage, wen die Frau auf dieser Holztafel darstellt, sollte man sich lieber fragen, welches Ziel Leonardo selber mit diesem Bild verfolgte. Belting erwähnt in seinem FAZ-Artikel den Leonardo-Kenner André Chastel (1912-1990), der „im Gesicht der Dame den Versuch Leonardos erkannte, das Muskelspiel eines Lächelns durch genaues Studium zu rekonstruieren.“ Es ist nur ein Detail, aber eines, das auf Leonardos Selbstverständnis verweist, auf seinen Drang, die Gesetze der Natur zu erkunden.

 


Der greise Leonardo im Selbstbildnis (?) Die Handzeichnung ist im Besitz der Royal Library in Windsor

 

Die Mona Lisa ist vielleicht nicht nur das Urbild einer Frau, die sich in einer bestimmten Person manifestiert, sondern sie ist vielleicht auch das Bild an sich, das absolute Gemälde – die Beschwörung von Mensch und Kosmos in einer sinnlich wahrnehmbaren Ausführung. Sollte dies das Ziel Leonardos gewesen sein, muss es nicht wundern, wenn das Bild nicht „fertig“ wurde, denn der Kosmos mit seinen allgemeinen und individuellen Erscheinungen ist nicht begreifbar und nicht vermittelbar, das Verstehen seiner Gesetze bleibt eine Utopie, der sich auch ein Leonardo immer nur nähern konnte. Der wahre Mythos, der diesem Bild zugrunde liegt, zielt tiefer als nur nach der Identität einer Person, er betrifft eine Menschheitsfrage, nämlich die, welcher Grad von Erkenntnis überhaupt möglich ist.

 

Infos:

- „Handschriften des Mittelalters. Die großen Bibliotheken in Baden-Württemberg und ihre Schätze“, Magazinheft aus der Reihe „Kulturgeschichte Baden-Württemberg“, Staatsanzeiger Verlag Stuttgart 2007, 120 Seiten, 7,50 Euro, ISBN-10: 3-929981-69-6. Darin S. 20-21 „Vom Hineinschreiben in Bücher. Glossen und Marginalien als Teil der Überlieferung“ von Armin Schlechter

- Veit Probst: „Zur Entstehungsgeschichte der Mona Lisa: Leonardo da Vinci trifft Niccoló Macchiavelli und Agostino Vespucci“, PDF-Text der Universität Heidelberg, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2008/410/

- Roberto Zapperi: „Abschied von Mona Lisa. Das berühmteste Gemälde der Welt wird enträtselt“, aus dem Italienischen von Ingeborg Walter, C.H. Beck Verlag, München 2010, 159 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-59781-7

- Hans Belting: „Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks“, C.H. Beck Verlag, dritte Auflage München 2009, 319 Seiten mit 109 Abbildungen, 29,90 Euro, ISBN 978-3-406-57092-6

- Hans Belting: „Die Analyse eines Lächelns“, FAZ vom 4. März 2010, S. 35

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