Meissener Porzellan -

Die Sammlung Marouf

 


Cover des Bildbandes über die Porzellan-Sammlung von Said und Roswitha Marouf bei der Arnoldschen Verlagsanstalt Stuttgart. Der Band wird hier besprochen. Das Cover-Foto zeigt das Hauptmotiv einer Chinoiserie-Szene des Porzellanmalers Johann Gregorius Höroldt (1696-1775) auf einer kostbaren Kanne der Manufaktur Meissen (um 1728): Ein Würdenträger wird auf einer Sänfte getragen, während sich darunter eine Ente und ein Hund angiften.

 

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Fotos auf dieser Seite: Arnoldsche Verlagsanstalt Stuttgart

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12-01-2011

Kostbares Bilderbuch für zwei mysteriöse Sammlerseelen

„Passion for Meissen“, Said und Roswitha Marouf mit einem Bestandskatalog ihrer Porzellan-Kollektion

 

Von Christel Heybrock

 

Manchmal geht es ja wirklich ganz vertrackt zu im Leben. Da wird vor den Augen bilderdurstiger Betrachter alles, aber auch alles ausgebreitet, was eine Sache hergibt – und das offenbar nur, um dahinter ein einziges großes Rätsel zu verbergen. So geht es einem unversehens mit einem Prachtband der Arnoldschen Verlagsanstalt. Der Stuttgarter Spezialist für weltweit begehrte Kunstbuch-Herrlichkeiten hat ja mehrere Titel über Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts im Programm und brachte nun auch (zum Abschluss des 300jährigen Jubiläums der Manufaktur Meissen im Jahr 2010) in der bewährten, bibliophilen Ausstattung einen Bestandskatalog der Meissen-Sammlung von Said und Roswitha Marouf heraus: zweisprachig Deutsch/Englisch, wie es sich für einen international präsenten Verlag gehört, eingeleitet und (wenn auch ziemlich knapp) wissenschaftlich beschrieben von Dr. Ulrich Pietsch, dem Direktor der Porzellansammlung der Kunstsammlungen Dresden, sowie üppigst bebildert mit unglaublich liebevollen, detailversessenen Farbfotos von Christian Mitko (München).

 

Das muss man sich mal vorstellen: 192 Sammlungsstücke nicht nur von oben und unten, von rechts und links großformatig präsentiert, sondern von auch von außen und innen, jede noch so kleine Bildszene auf den Tassen, Kannen und Terrinen separat vergrößert, jeder Deckelknauf, jede Kannentülle, sofern extravagant genug, in eine Art riesenhafter Zugänglichkeit gebracht. Man guckt und guckt, allmählich fast besoffen von der Pracht der Bilder, der Chinoiserie- und Jagdszenen, der klitzekleinen, hier fast monumentalen Hafenansichten, der Blüten, Vögel und Insekten und des güldenen Laub- und Bandelwerks auf den Rändern der edlen Geschirre. Sofern man selber Meissener Porzellan sammelt, ist der Band nicht nur eine Luxusgala für die Augen, sondern natürlich auch eine Quelle an Informationen. Was aber ist mit den Betrachtern, die keine Meissen-Sammler oder –Experten sind, sondern es vielleicht werden wollen, indem sie hier einer Verführung erliegen?

 


Ehefrau Roswitha habe "Toleranz und Geduld" gebraucht, während Gatte Said Marouf unter anderem diesem Kaffee- und Teeservice mit Hafenszenen auf der Spur war, heißt es in dem Bildband. Das um 1722-1725 entstandene Ensemble wurde wahrscheinlich von Johann George Heintze (geb. 1706/1707 in Meissen) bemalt, der in HöroldtsTeam als Spezialist von Seestücken galt.

 


Hier noch einmal die Teekanne aus dem obigen Service - im Detail sind die Feinheiten der Malerei und die Ausstattung mit Goldrändern und einer Goldmaske am Tüllenansatz erst richtig erkennbar.

 

 

Diese Leser bleiben seltsam leer zurück. Die fragen sich zunächst mal: Said und Roswitha Marouf, muss man die kennen? Wer sind diese Leute? Dazu gibt Ulrich Pietsch in seiner Einleitung den äußerst sparsamen Hinweis, Said Marouf habe zuvor antike Uhren, historische Automobile sowie Rennwagen gesammelt, sozusagen als Einübung in die Welt ästhetischer Formgebung, und sei dann auf Meissener Porzellan gestoßen. Nun kann ja immer mal aus einem Sammler-Saulus ein Paulus werden, aber stutzig wird man über dem Hinweis, Ehefrau Roswitha habe Saids mehrjährige Porzellan-Passion mit „Geduld und Toleranz“ gestützt. Muss man denn wirklich tolerant sein, wenn man 192 Stück edles Porzellan aus dem 18. Jahrhundert ins Haus bekommt? Oder verbirgt diese Bemerkung die Tatsache, jene Roswitha sei im Grunde eine eher verschweigenswerte Kunstbanausin?

 

Hat der womöglich bedauernswerte Said, der sechs Jahre lang eifrig seine zerbrechlichen Raritäten zusammen trug (nämlich von 2004 bis 2010),  damit plötzlich wieder aufgehört, weil Roswithas Geduld am Ende war? Hat er selber die Lust verloren? Oder warum ist die hochkarätige Sammlung, wie Ulrich Pietsch feststellt, mit 192 Katalognummern definitiv abgeschlossen, so dass der Bestand veröffentlicht werden konnte? Kann einer, der von „Passion for Meissen“ getrieben wird, damit einfach aufhören, bevor sein Lebensende gekommen ist? Die Frage erneuert sich, wer diese Maroufs denn sind.

 

Sehr fragmentarische Ergebnisse liefert eine Suche im Internet. Hier ist auf einer Webseite von 2004 dokumentiert, dass die Maroufs 2003 eine Familienstiftung (family trust) unbekannten Inhalts gründeten. Aber im Dezember 2010 gehörten sie immerhin zu den Sponsoren eines Weihnachtsfestivals mit Parade, indem sie irgendwie den Weihnachtsmann und seine Helfer unterstützten. Das Großereignis fand in La Jolla statt, dem Nobelstadtteil von San Diego in Kalifornien. La Jolla hat zahlreiche Prominente beherbergt, darunter Filmstars wie Gregory Peck, Raquel Welch und Cliff Robertson. Auch Krimiautor Raymond Chandler lebte hier 13 Jahre lang bis zu seinem Tod 1959. Man kann also davon ausgehen, dass die Maroufs, wenn sie in La Jolla den Weihnachtsmann und seine Parade mit finanzierten, auch selber dort leben.

 


Kauffahrtei- und Hafenszenen auf einem gerade mal 14,5 cm hohen Terrinchen mit apartem Doppelhenkel. Der vergoldete Deckelknauf wurde in Form einer Astgabel gestaltet, und auch sonst wurde an Gold nicht gespart: Auch die Bildszenen in den Reserven auf Wand und Deckel sind aufwändig mit Gold gerahmt. Wer das gute Stück aus der Zeit um 1738 modellierte und bemalte, ist der Beschreibung von Ulrich Pietsch leider nicht zu entnehmen. 

 

Über die Personen der beiden Sammler ist vorläufig nicht viel mehr zu ermitteln. Bleibt die Frage nach dem Charakter und dem Ziel der ja als komplett definierten Sammlung selber, aber auch da steckt die Antwort im Ungefähren fest. 192 Katalognummern – wer nun voraussetzt, damit ließe sich ein klug ausgewählter, repräsentativer Überblick über die Produktion der Manufaktur Augusts des Starken und seines Sohnes realisieren, muss bei den Maroufs ziemlich umdenken. Über die Hälfte der Sammlung besteht aus Tassen, Bechern, Kummen und Koppchen mit oder ohne die entsprechenden Unterteller. Das ist zwar großartig hinsichtlich der jeweils opulenten Bemalung, formal aber doch recht gleichförmig. Wer frühes Meissener Porzellan an der Sammlung Marouf messen würde, müsste den Formgebern auf der Meissener Albrechtsburg Fantasielosigkeit vorwerfen.

 

Wo ist er denn in diesem (anhand einiger Repliken immerhin bis ins 19. Jahrhundert reichenden) Sammlungsbestand, der plastische Dekor an Gefäßen beispielsweise, der ab der Ära des genialen Bildhauers und Modelleurs Johann Joachim Kändler (1706-1775) den Anspruch der Bemalung noch übertraf? Es gibt eben mal vier Beispiele dafür. Wo sind sie denn, Kändlers galante Liebespaare in ihren Lauben oder beim Musizieren? Es gibt eben mal sechs Beispiele, und nur drei für Kändlers Können in punkto Tierplastiken. Ein leidenschaftlicher Sammler hätte hier doch einfach weiter suchen müssen, aber die Maroufs scheinen ein Faible ausschließlich fürs Geschirr gehabt zu haben. Wenigstens bei Galanteriemodellen bewiesen sie ein wenig Fantasie. Das Jungfernbeinchen als Pfeifenstopfer, es ist zwar für Meissen keine Seltenheit, aber wenigstens aus heutiger Sicht ein bisschen skurril. Ein Garnwickler, eine Nadelbüchse in Form eines Wickelkindes, zwei Fingerhüte, Stockgriffe und immerhin acht Tabaksdöschen vermitteln einen kleinen Eindruck der Lebensrealität im 18. Jahrhundert. Aber selbst mit solchen Raritäten wie einem Likörfässchen, drei Leuchtern und einer Prunkuhr kann eine Sammlung nicht den Anspruch vertreten, auch nur annähernd repräsentativ für Europas erste Porzellanmanufaktur zu sein.

 


Eines der wenigen wirklich originellen Formmodelle der Sammlung Marouf ist dieses ungewöhnliche Likörfässchen von Johann Joachim Kändler, der 1738 das Modell für den aufwändigen Fässchen-Ständer und 1739 das Modell für den auf dem Fass sitzenden Bacchusknaben schuf. Das Fässchen selber ist eher einfach gestaltet, die Unterlage jedoch besteht aus, so Kändler selber, "3 Sauber aus gearbeiteten Schnirkeln", aus drei Voluten nämlich, auf denen zwei fast nackte Damen und ein bärtiger Mann sitzen.

 

Welches Sammlungsziel hat denn den Maroufs sonst vorgeschwebt? Wer das wüsste! Dem anspruchsvollen Bilderbuch, mit dem sie sich selbst eine Art Denkmal setzten, lässt sich nicht entnehmen, warum sie ausgerechnet Meissen sammelten. Vielleicht nur, weil die Stücke so schön bunt und meist wohl auch teuer waren. Da sollte man es als Betrachter wohl einfach beim Betrachten lassen, keine Fragen mehr stellen – und damit rechnen, dass die beiden Sammler irgendwann ihren Vitrinenschrank nebst Inhalt wieder an den Kunstmarkt los werden wollen, weil sie nun andere Schätze horten, vielleicht Renaissancegemälde, Goldschmuck aus Pharaonengräbern oder römische Porträtbüsten. Irgendwas eben, es müssen ja nicht immer alte Autos sein. Der prachtvolle Bildband jedoch, der könnte erst recht nach einer Auflösung dieser Kollektion eine Orientierung für Meissen-Liebhaber sein.

 

Info:

Ulrich Pietsch: „Passion for Meissen. Sammlung Said und Roswitha Marouf“, Arnoldsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2010, 368 Seiten mit 600 Farbabbildungen, Fotografien von Christian Mitko, Text Deutsch/Englisch, Preis 64,80 Euro, ISBN 978-3-89790-334-0, www.arnoldsche.com

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