Die Medici

Familienporträts aus den Uffizien in Florenz

 


Die Arroganz der Macht führte nicht nur zu eisigem Gesichtsausdruck, sondern auch zu einer seltsamen Bildkomposition. Maler Justus Sustermans (1597-1681) hatte zunächst nur den toskanischen Großherzog Cosimo II. Medici porträtiert: postum allerdings, aber als zentrale Einzelfigur mit stolz ausgreifendem rechtem Arm. Dann jedoch bekam er den Auftrag, auch noch Cosimos Gemahlin Maria Magdalena von Österreich (1589-1631) und den Sohn Ferdinando II. (1610-1670) mit aufs Bild zu stellen – auch Maria Magdalena, hier in blühendem Alter, war damals seit Jahren tot. Die dynastische Gier des rechts in den Hintergrund gepfriemelten Ferdinando als Auftraggeber, der mit dem Bild seine familiären Machtansprüche bekräftigen wollte, triumphierte hier also über die Kunst der Porträtmalerei - erstaunlich für einen Mann, der ansonsten Kunst und Wissenschaft förderte. 

 

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Fotos auf dieser Seite: Kurpfälzisches Museum Heidelberg/Ausstellungskatalog "I Volti del Potere", Galleria degli Uffizi

 

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16-10-2005

Zwischen Auftrumpfen und Verletzlichkeit

Zwanzig Porträts der Medici aus den Uffizien in Florenz sind zu Gast in Heidelberg

 

Von Christel Heybrock 

 

Sie alle würden Stoff bieten für ganze Romane, jeder einzelne von ihnen. An ihren Gesichtern, ihren Posen, ihren Gewändern kann man sich kaum satt sehen, so fremd erscheinen sie uns heute und doch so nah in ihrer Arroganz, ihrer Würde und Verletzlichkeit. Die Uffizien in Florenz schickten zwanzig Porträts von Mitgliedern der Medici-Dynastie für eine Ausstellung ins Kurpfälzische Museum Heidelberg – vor drei Jahren war die Schau in größerem Umfang bereits in Italien und später auch in USA zu sehen, aber als der Kontakt mit Heidelberg zustande kam, war den Wissenschaftlern in Florenz sofort klar, dass die Medici eine Verbindung in die Kurpfalz hatten: Die letzte der berühmten Familie, Anna Maria Luisa, war mit Kurfürst Jan Wellem verheiratet (Johann Wilhelm von der Pfalz), und das in Düsseldorf residierende, kinderlose Paar hat sich nicht nur mehrmals auf dem Heidelberger Schloss, sondern auch in Schwetzingen aufgehalten, wo die Kurfürstin im Schloss wohnte (ihr Familienwappen ist dort noch zu sehen), wenn Jan Wellem auf der Jagd war.

 


Die letzte Medici: Anna Maria Luisa (1663-1743), kinderlos verheiratet mit Kurfürst Jan Wellem von der Pfalz. Das Gemälde von Antonio Franchi stamt aus der Zeit um 1690/1691

 

Um mit Anna Maria Luisa zu beginnen: Ihr Porträt, gemalt von Antonio Franchi (1638-1709), zeigt eine schöne, stille junge Frau mit großen dunklen Augen und etwas länglichem Gesicht, umrahmt von dunklen Locken, die teilweise auf Schulter und Décolleté fallen. Ihr Blick ist direkt auf den Betrachter gerichtet, der als köstliche Nebensache das von Spitzen gesäumte Seidenkleid mit dem herrlich gebauschten Ärmel, den Riesenrubin auf der Brust und die Perlen-Agraffe auf der Schulter wahrnimmt. Das Bild entstand um 1690/91 – Anna Maria Luisa (1663-1743) wurde 1691 mit dem Kurfürsten verheiratet, nachdem sie eine schwierige Kindheit gehabt hatte (sie war die Tochter Cosimos III. Medici und der Marguérite Louise d’Orléans). Dass die legendären Kunstschätze und Paläste der Medici heute im Besitz der Toskana und der Stadt Florenz sind, ist Anna Maria Luisa zu verdanken: Nach Jan Wellems Tod kehrte sie 1717 nach Florenz zurück und erarbeitete einen Familienvertrag, der verhinderte, dass die Reichtümer in alle Welt verstreut wurden.

 

Nicht alle Medici haben sich so porträtieren lassen, so leise und eindringlich und mit solchem Selbstvertrauen in ihr Gesicht, ihre Person. Nicht alle erfreuten sich auch eines so langen, ruhigen Lebens. Maria de Medici (1573-1642), selbst künstlerisch begabt, heiratete 1600 den französischen König Heinrich IV., dem sie eine, wie es heißt, „unermessliche“, jedenfalls Schulden tilgende Mitgift einbrachte und ein nicht eben pflegeleichtes Temperament – Maria war jähzornig, machtgierig und intrigant, und man konnte derartige Persönlichkeits-Defizite damals auch ungehemmt ausleben, so lange man nur in der richtigen sozialen Position war. Welch ein Aufsehen ihre Heirat seinerzeit erregte, ist heute noch dem großartigen Gemäldezyklus von Peter Paul Rubens im Pariser Louvre zu entnehmen. In Heidelberg gibt es freilich „nur“ ein Porträt der Königin von Franz Pourbus dem Jüngeren (1569-1622), angefertigt um 1611-1613, in den ersten Jahren nach ihrer Krönung (1610) also, und als Königin posiert sie auch wirklich.

 


Maria de Medici im Kröningsornat, gemalt um 1611-1613 von Franz Pourbus d.J. Das dunkelblaue, schwere Santkleid ist mit kostbaren Spitzen besetzt sowie mit Lilien und Perlen bestickt. Ein Hermelin-Umhang lässt die ohnehin nicht eben schlanke Königin noch fülliger erscheinen.

 

Ein Charakterporträt hatte Maria bei Pourbus gewiss nicht bestellt, sondern ein Gemälde, das Machtansprüche festigen sollte (in diese Kategorie fallen die meisten Medici-Porträts). Ein ebenso frisches wie kaltes und listiges Gesicht blickt den Betrachter aus einem duftigen Spitzenkragen heraus an. Das dunkelblaue, mit Lilien bestickte Samtkleid wird über Armen und Rücken von einer Hermelin-Draperie überfangen, die die Figur zwar noch imposanter, aber auch fülliger macht. Maria war bereits mit 35 (in diesem Alter stellt das Porträt sie dar) recht matronenhaft, und zusammen mit ihrem Vermögen führte das zu dem Spitznamen „la grosse banquière“ (die fette Bankerin), einer Bezeichnung, die ihr ausgerechnet von der Mätresse ihres Gatten verliehen worden war. Kleid und Krone auf dem Pourbus-Porträt sind mit unerhörten Perlen besetzt, von denen allerdings vermutet wird, dass sie nicht alle echt waren. Maria erwies sich zwar als wahre Spezialistin, was die Kenntnis von Perlen, Juwelen und kostbaren Stoffen betrifft, aber als Kleiderbesatz wurden oft auch Imitationen benutzt. Dem Königspaar waren sechs Kinder, jedoch kein glückliches Ende beschieden: Der beim Volk überaus beliebte Henri IV kam bereits 1610, einen Tag nach Marias Krönung, bei einem Attentat ums Leben. Maria setzte sich zwar als Regentin ihres Sohnes, des späteren Louis XIII, durch und brachte zwei ihrer Töchter durch Heirat an den spanischen und englischen Königshof, aber 1632 musste sie nach etlichen Intrigen sowie Auseinandersetzungen mit Minister Richelieu schließlich Frankreich verlassen. Ihr gesamtes Vermögen wurde konfisziert: Maria starb zehn Jahre später verarmt in Köln im Haus des mit ihr befreundeten Malers Peter Paul Rubens.

 

Eine charakteristische Kuriosität gibt Justus Sustermans’ Porträt des Cosimo II. Medici ab (siehe Foto oben). Der toskanische Großherzog Cosimo (1590-1621), mit 31 Jahren gestorben, war offenbar fast zwanzig Jahre tot, als das Bild entstand. Restaurierungen ergaben, dass zunächst er allein in Prunkrüstung und seidenen Pluderhosen porträtiert wurde, was den Bildaufbau mit seiner flächendeckenden Geste auch plausibel macht. Der bedauernswerte Maler wurde dann jedoch gezwungen, Cosimos Gemahlin Maria Magdalena von Österreich (1589-1631) und den Sohn Ferdinando II. (1610-1670) mit aufs Bild zu quetschen – auch die in ihrer Lebensblüte an kostbaren Perlen fingernde Maria Magdalena, nach dem frühen Ableben des Gatten toskanische Regentin bis zur Volljährigkeit des Sohnes, war damals schon lange Jahre tot. Es scheint, dass Ferdinando als Auftraggeber mit dem Gemälde die Kontinuität von Machtansprüchen dokumentieren wollte. Immerhin gehörte er aber zu den aufgeklärten Herrschern seiner Zeit, förderte Künste und Wissenschaften (unter anderem Galileo Galilei und den Maler Pietro da Cortona) und versuchte den Niedergang der Toskana aufzuhalten.

 


Francesco Medici (1594-1614), Sohn von Ferdinando I., gemalt 1597 im Alter von drei Jahren von Tiberio Titi (1573-1627).

 

Was in der Ausstellung besonders berührt, sind etliche Kinderbildnisse, wie etwa das 1597 von Tiberio Titi gemalte Porträt des kleinen Francesco Medici (1594-1614), viertes Kind von Ferdinando I. Medici und der Cristina von Lothringen. Der Kleine, hier im Alter von drei Jahren, war für eine kirchliche Laufbahn bestimmt und wurde mit neunzehn Jahren zum General ernannt. Auf einer Pilgerfahrt nach Loreto starb er jedoch bereits im Jahr darauf an einer Typhusinfektion. Das Kinderbildnis vereint auf merkwürdige Art den Ausdruck jungenhaften Draufgängertums und naiven Selbstbewusstseins mit einer Pose von Herrschaftsansprüchen, wie sie offenbar den Medici jeweils in frühester Jugend anerzogen wurde. Beispiele dafür gibt es in der Ausstellung noch mehr, und als heutiger Betrachter sagt man sich verblüfft, dass Kindheit offenbar eine soziale Erfindung der nicht mehr feudalistischen, sondern bürgerlichen Gesellschaft, also des 19. Jahrhunderts ist – ebenso wie der Gedanke persönlicher Selbstbestimmung überhaupt.

 


Der Vater des kleinen Francesco, Kardinal und Großherzog Ferdinando I. (1549-1609), porträtiert 1588 von einem Florentiner Maler aus dem Umkreis von Alessandro Allori.

 

Wer in den Biografien der Medici blättert, steht oft ratlos vor der Tatsache, wie nah beieinander brutales, ja skrupellos kriminelles Verhalten und politische, soziale und kulturelle Weitsicht lagen. Ferdinando I. beispielsweise war 1563, im Alter von 14 Jahren,  mit der Kardinalswürde ausgezeichnet worden (hatte aber nie das entsprechende Sakrament erhalten). 1587 starb sein Bruder Francesco I., Großherzog der Toskana, und Ferdinando übernahm seine Nachfolge. Wissenschaftliche Untersuchungen im Jahr 2006 ergaben, dass Francesco I. offensichtlich mit Arsen vergiftet worden war, höchstwahrscheinlich von eben seinem Bruder Ferdinando. Hat der den Älteren beseitigt, um das Herzogtum von einem moralisch haltlosen Despoten zu befreien? Ferdinandos Herrschaft erwies sich nämlich als segensreich und konstruktiv ... ein Mord aber ist ein Mord. Ferdinando heiratete 1589 eine Enkelin der berühmt-berüchtigten Caterina de Medici, nachdem ihm 1588 der weltliche Stand wieder bewilligt worden war - das Porträt aus dem Allori-Umkreis, im selben Jahr entstanden, scheint also eine Art Abschiedsvorstellung aus dem geistlichen Amt zu dokumentieren. Besonderes Augenmerk verdient dabei ein Detail, nämlich die Krone des Großherzogtums, die neben Ferdinando auf dem Tisch unterm Fenster liegt. Das kostbare Utensil war 1577-1583 speziell für den ermordeten Francesco angefertigt worden; für Ferdinando bedeutete sie die Zukunft, die bereits im Jahr zuvor begonnen hatte.

 


Kardinal Leopoldo de Medici (1617-1675), porträtiert um 1670 von Giovanni Battista Gaulli, genannt Il Baciccio.

 

Dass viele Medici eine sehr persönliche Verantwortung übernahmen für den Wirkungskreis, in den sie hineingestellt wurden, kann man nicht hoch genug bewerten. Kardinal Leopoldo (1617-1675) beispielsweise war sicher nicht von dynastischen Zwängen bewogen worden, zusammen mit seinem Bruder Ferdinando II. (zu sehen auf dem missglückten Dreipersonenporträt von Sustermans oben auf dieser Seite) die Wissenschaftsakademie Cimento zu gründen und damit (als erste europäische Akademie überhaupt) die Lehren des Aristoteles in Frage zu stellen. Leopoldo selbst war umfassend gebildet, sammelte Kunstwerke, schrieb Verse und Komödien. Man musste schon von sehr unabhängigem Geist sein, sich im Alter so schonungslos porträtieren zu lassen, wie er es tat: Giovanni Battista Gaulli (genannt Baciccio) bannte ihn fünf Jahre vor seinem Tod als kranken, rotäugigen und herzlich ungeschönten Kirchenmann auf die Leinwand, in einer fast flüchtigen Geste den Kardinalshut haltend. Als Kunstwerk jedoch ist das Porträt von feiner, sensibler Frische und atmender Lebendigkeit. Dem kunstsinnigen Leopoldo dürfte bewusst gewesen sein, dass die Wirkung großer Bilder mitunter länger anhält als die einer sterblichen Person.

 

Info:

„Die Medici – Porträts einer Dynastie“ aus den Uffizien in Florenz, Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, vom 25. September bis 20. November 2005, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr, Katalog in Italienisch als Übernahme aus der Schau „I Volti del Potere“ (Gesichter der Macht) in Florenz 2002, Preis 28 Euro. www.museum-heidelberg.de

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