Franz Marc (1880-1916)

- seine Rezeption in der NS-Zeit

 


Franz Marcs "Gelbe Kuh" von 1911 (Guggenheim Museum New York). Mit solchen Bildern wurde der Maler vor dem Ersten Weltkrieg berühmt.
Foto:
Mark Harden

 

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20-05-2007

Ein Maler im Zerrspiegel politischen Wahns

„Franz Marc –‚entartet’, aber deutsch“, ein AICA-Bändchen von Isgard Kracht

 

Von Christel Heybrock

 

Dass die “Kulturpolitik” in Deutschlands finsterem “Dritten Reich” alles andere als kunstfreundlich war und dass fast alle bedeutenden Künstler mit Arbeitsverboten und anderen Schikanen in ihrer Existenz bedroht wurden – das weiß heute jeder. Weniger bekannt sind die jeweils individuellen Details, aber auch in dieser Hinsicht gibt es wohl keine Künstlerpersönlichkeit, deren Schicksal nicht betroffen machen würde. Ein ganz besonderer Fall ist Franz Marc, der Maler der roten Rehe und blauen Pferde, der bereits 1916 mit 37 Jahren im Ersten Weltkrieg fiel. Wie so einer noch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod ins Visier der Nazis kommen konnte?

 

Es lag ausgerechnet an seiner großen Popularität: In breiten Kreisen des Bürgertums liebte man seine poetischen Bilder und die zunehmende Radikalität, mit der sie schließlich zur Abstraktion vorgestoßen waren. Man bewunderte die Zielstrebigkeit seines Ringens um Wahrheit in der Kunst, die Selbstlosigkeit seiner Suche nach Vergeistigung ... und war zugleich begeistert, wie „deutsch“ der Mann gewesen war. Er hatte als Soldat sein Leben fürs Vaterland geopfert; in seinen Briefen aus dem Feld hatte er sich in jeder Hinsicht als tadellos erwiesen, bei allem Mut und männlichen Kampfeswillen auch als liebenswürdiger, empfindsamer Mensch. Und eben den Menschen Franz Marc verehrte man als ebenso vorbildlich wie den Maler, wobei speziell das „Deutschtum“ all dieser Pauschaltugenden heute eher komisch anmutet. Was kann man im Zeitalter der Globalisierung damit noch anfangen, was ist das: deutsch?

 

Damals scheint man es - mangels Wahrnehmung anderer ebenso tugendhafter Nationen - gewusst zu haben, und das Dilemma mit Franz Marc begann, als Museumsleute, Zeitungsredakteure und Öffentlichkeit 1936 mit seinem 20. Todestag konfrontiert waren. Wie damit umgehen? Die Journalistin Isgard Kracht, Expertin für die Rezeption von Ernst Barlach, Franz Marc und Emil Nolde in NS-Deutschland, hat in einem 40-Seiten-Bändchen des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA detailliert zusammengestellt, wie sich Franz Marc damals vom allseits bewunderten Genie in erstaunlich kurzer Zeit zum heißen Eisen und anschließend zum Tabu entwickelte. Die deutsche Sektion der AICA legt damit zum wiederholten Mal eine Untersuchung über die Kunstrezeption in der NS-Zeit vor.

 


Franz Marcs "Turm der blauen Pferde", einst im Besitz der Berliner Nationalgalerie, wurde vermutlich 1945 zerstört.
Foto:
Zeno

 

Wie das so ist in Diktaturen: Repressalien können niemals alles zum Schweigen bringen, was endlich schweigen soll. Eberhard Hanfstaengl, Direktor der Berliner Nationalgalerie, in der Marcs seit 1945 verschollenes Meisterwerk „Turm der blauen Pferde“ hing, traute sich nicht, dem ach so deutschen Maler eine Gedächtnisschau auszurichten, er befürchtete eine „nicht erfreuliche Polemik“, sprich öffentliche Unruhen. Die Kestner-Gesellschaft in Hannover sowie die Berliner Galerien Nierendorf und von der Heyde hatten mehr Mut und konnten mit ihrer Schau tatsächlich Besucherströme anlocken. Fatal war nur, dass die Presse darauf sowie auf den Gedenktag selbst reagieren musste und erneut die ideologische Auseinandersetzung um expressionistische Avantgarde-Kunst entfachte – man denke, Marc war ja nicht einmal beim Expressionismus geblieben, sondern hatte in den späten Bildern noch ganz andere Grenzen überschritten! 

 

Dennoch stellten die großen Berichte zum 20. Todestag offenbar leidlich angemessene Würdigungen dar, mancherorts nahmen die Journalisten gar die Gelegenheit wahr, der politisch suspekten modernen Kunst behutsam das Wort zu reden und zu verteidigen, was sich vielleicht ja noch verteidigen ließ. Andere Blätter legten das Gewicht auf Marcs eher unverfängliches Frühwerk, aber der Chefkritiker des Völkischen Beobachters, Robert Scholz, brachte die Sache auf den Punkt: Franz Marc war ein Problem! Als Mensch und heldenhafter Soldat schien er vorbildlich, als Künstler war er offensichtlich einen Irrweg gegangen.

 

Indessen wurde eine Franz-Marc-Monographie von Alois Schardt bald nach ihrem Erscheinen von der Gestapo beschlagnahmt. Schardt hatte auch die Eröffnungsrede der Gedächtnisschau in Berlin halten sollen und wurde noch während der Veranstaltung von der Gestapo mit Redeverbot belegt, die Ausstellung musste zeitweise schließen – kein Wort darüber in der Presse. Ein Jahr später war es dann so weit - die Schandausstellung „Entartete Kunst“ machte der Öffentlichkeit endgültig klar, dass der geliebte Maler nunmehr zu den Ungeliebten und zu denen zu gehören habe, die „das Fronterlebnis und den Frontsoldaten“ verhöhnt hätten, da er Teil jenes „grauenhaften ... Kulturzerfalls“ der modernen Kunst gewesen sei. Ausgerechnet Marcs ehemalige Regimentskameraden jedoch leisteten sich noch öffentliche Empörung und setzten durch, dass der „Turm der blauen Pferde“ aus der Schau entfernt wurde – ein Vorfall, der einzig von dem Kritiker Carl Linfert in der Frankfurter Zeitung publik gemacht wurde.

 

Trotz aller Repressalien scheint nach den Erkenntnissen von Isgard Kracht die Beziehung von Presse und Öffentlichkeit zu Franz Marc während der Nazi-Diktatur nicht eindeutig gewesen zu sein und stets eine Tendenz bestanden zu haben, Verbote zu unterlaufen. So sollte zwar 1938 eine vorsichtige Ausgabe der „Briefe aus dem Feld“ erscheinen, die verboten wurde, als die Druckfahnen zur Genehmigung eingereicht waren. Aber drei Jahre später, als es galt, deutsches Heldentum an der Front durch glanzvolle Vorbilder zu fördern, konnte der Berliner Rembrandt-Verlag die Briefe herausbringen, freilich mit einem Klappentext, in dem Franz Marc das zweifelhafte Verdienst bescheinigt wurde, er habe in seinen letzten Jahren seine „ganze Schöpferkraft“ eingesetzt, „dem furchtbaren Blut- und Lebensverlust der Völker Sinn und Bedeutung zu geben“.

 


"Tierschicksale" von Franz Marc (1913, Kunstmuseum Basel) - eine Kunst kristalliner Formenverdichtung und Vergeistigung galt in der Nazizeit als "grauenhafter Kulturzerfall". (Das Bild ist auf der rechten Seite schwer beschädigt.)
Foto: Zeno

 

Derart lächerlich verzerrte Anpreisungen stehen in einer Reihe mit dem Pressematerial des Zeitschriftendienstes, der 1941 die Redaktionen auf den nunmehr 25. Todestag Franz Marcs aufmerksam machte: Man möge auf Abbildungen, ja sogar auf die Erwähnung der Bilder verzichten und sich statt dessen auf die aktuelle Briefausgabe beziehen. Schließlich sei Marc „den Heldentod vor Verdun“ gestorben und aus seinen Briefen spreche „aufrechter Charakter und sein Glaube an Deutschland“. Die Ermahnung freilich habe, so Isgard Kracht, kaum eine Redaktion befolgt. Einige Blätter nutzten die Gelegenheit zu neuerlicher ideologischer Verdammung der Bilder, andere wagten mutige Würdigungen von Marcs Lebenswerk. Einen Höhepunkt verqueren Denkens erreichte der Rezensent der Kölnischen Zeitung, Paul Appel, der angesichts der Brief-Edition das „herrliche Todesbewusstsein“ des Künstlers rühmte und ihm schließlich ein zärtliches „guter, lieber, deutscher Franz Marc!“ nachrief.

 

Wie gespalten die Beziehung zu Marc jedoch insgesamt war, geht aus dem erneuten Verbot der Briefe im Jahr 1944 hervor. Und, wer hätte das gedacht, kaum war das selbst ernannte Tausendjährige Reich in Bombenhagel und Feuersbrünsten untergegangen, meldeten sich in einer neu erwachenden Presse just die alten Kritiker zu Wort, die noch wenige Jahre zuvor Franz Marcs Malerei als tragisches Scheitern definiert hatten. Nun tönten sie laut vom „beispiellosen Zynismus der ‚Kulturpolitik’ des Naziregimes“ und taten so, als hätten sie an der künstlerischen Bedeutung Franz Marcs nie gezweifelt.

 

Was lässt sich aus all diesen Dingen lernen abgesehen von bemerkenswerten historischen Fakten? Isgard Krachts Kritikerkollege Andreas Hüneke, ebenfalls Spezialist auf dem Gebiet Expressionismus und Nazidiktatur, formuliert es im Nachwort des Bändchens so: „Möglicherweise hat freie Kunst eben doch per se einen subversiven Charakter und ihre Verfolgung durch totalitäre Systeme ist keine zufällige Erscheinung, sondern zur Machterhaltung notwendig.“ Dies ist das eine. Das andere lässt sich weniger eindeutig definieren und wird in dem Bändchen auch gar nicht mehr thematisiert, nämlich das Verhältnis zwischen autonomem Kunstwerk und seiner Rezeption ganz allgemein. „Deutsch sein“ galt lange als Wert an sich, der Wahn eines heute kaum mehr nachvollziehbaren „Deutschtums“ war nicht allein von oben diktiert, sondern hatte tief reichende historische Wurzeln. Wäre Franz Marc auch ohne die Kenntnis seiner Kunst, nur aufgrund der Feldbriefe derart vergöttert worden? Oder war die leuchtende, sanfte Schönheit seiner Bilder Wegbereiterin der Rezeption auch bei den Briefen?

 


"Blaues Pferd" (1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München). Welchen Stellenwert hat Franz Marcs sensible Einfühlung in das Wesen von Tieren heute für uns? Betrifft sie noch unsere Auffassung von Leben oder gilt sie uns als ästhetische Nostalgie? Was ist schlimmer für die Rezeption eines Künstlers: Missachtung in einer Diktatur oder Missachtung infolge von Desinteresse?
Foto:
Zeno

 

Welche Bedeutung einem Künstler zugesprochen wird, unterliegt nicht immer objektiven und überzeitlichen Maßstäben, sondern muss in jeder Epoche neu geklärt werden. Die Marc-Rezeption in Nazi-Deutschland ist ein extremer Fall, von Isgard Kracht mit Recht als Missbrauch gebrandmarkt. Aber die Rezeption geht inzwischen weiter und gibt Anlass zu neuen Fragestellungen. Welche Bedeutung hat Franz Marc heute für uns? Für uns Handybenutzer, Jetsetter, Computerfreaks und Zerstörer globaler Lebensräume? Haben die in ihre Tierexistenz versunkenen Rehe, Katzen und Pferde, gemalt mit einer kaum fassbaren Einfühlung und Konzentration, für uns noch einen existenziellen Bezug oder sind sie uneingestanden bereits ästhetische Nostalgie? Irgendwann werden wir uns nämlich messen müssen an unseren eigenen kulturellen Werten und uns (nicht nur angesichts des Migrationshintergrundes breiter Bevölkerungskreise) fragen, ob wir ihnen noch genügen können ...

 

Info:

Isgard Kracht: „Franz Marc – ‚entartet’, aber deutsch“, mit einem Nachwort von Andreas Hüneke, Band 15 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, herausgegeben von Walter Vitt, eine Edition des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA, deutsche Sektion, Köln, im Verlag Steinmeier, Nördlingen 2005, 48 Seiten, 9,10 Euro, ISBN 3-936363-32-3, http://aica.kuk.net/
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