Kunsthalle Mannheim
unter Ulrike Lorenz (seit 2009)


Kostbarkeit aus dem Depot: Franz von Stucks "Frauenkopf". Das zuvor nie gezeigte Ölbild auf Holz diente der neuen Mannheimer Museumschefin Ulrike Lorenz als Signet ihrer ersten Bestandsausstellung "Schau-Stücke".
Foto: Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

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"Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos von Manfred Rinderspacher auf dieser Seite.

Der Altbau der Mannheimer Kunsthalle, 1907 von Jugendstil-Architekt Hermann Billing errichtet, ist von Mitte Januar 2010 bis Mai 2012 geschlossen wegen Renovierung. Der 1983 eröffnete Neubau (Architekt Hans Mitzlaff) bleibt für Ausstellungen in dieser Zeit geöffnet (ausgenommen vom 1. bis 26. März und 21. Juni bis 15. Juli 2010).

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05-05-2009
Update 19-05-2010

Mit Ruhe, Klarheit, Leidenschaft

Mannheims neue Kunsthallenchefin Ulrike Lorenz packte mit ihrer Ausstellung „Schau-Stücke“ 2009 als erstes die ältere Abteilung an

 

 


Ulrike Lorenz, Mannheims neue Kunsthallen-Direktorin, seit Januar 2009 im Amt.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Ulrike Lorenz wurde im Mai 2010 in den Vorstand des Deutschen Museumsbundes e.V. gewählt. Sie vertritt dort den Fachbereich der Kunstmuseen. Der Deutsche Museumsbund wurde 1917 als Sparten übergreifender Interessensverband aller Museen und ihrer Mitarbeiter gegründet.

 

 

Von Christel Heybrock

 

In dem schmalen Persönchen brennt ein großes Feuer. Die neue Direktorin der Mannheimer Kunsthalle, Nachfolgerin des unseligen Museumschefs Rolf Lauter, ist das reinste Energiebündel, und ihre Leidenschaft ist die Kunst. 1963 in Gera geboren (wo sie mehr als zehn Jahre Museumschefin war, bevor sie zur Ostdeutschen Galerie Regensburg ging), hat sie in Leipzig studiert: Kunstwissenschaft und Archäologie (mit Promotion an der Bauhaus-Universität Weimar). Sie ist also eine ganz normale Kunsthistorikerin – fast, denn verstaubtes Schubladendenken ist ihr ganz fremd, der Reichtum der Kunstgeschichte scheint ihr im Gegenteil eine unerschöpfliche Fülle persönlicher Erfahrungen vermittelt zu haben, sinnlicher Erfahrungen, die sie nicht mehr missen kann.

 

Seit Januar 2009 im Amt (nachdem Rolf Lauter im Oktober 2007 seiner Position enthoben wurde und Inge Herold seither das Haus kommissarisch leitete), hat Ulrike Lorenz sich mit Feuereifer in die Arbeit gestürzt. Natürlich will sie alles umkrempeln, den 1983 errichteten Neubau abreißen lassen, und jetzt hat sie erst mal eine Sanierung des 1907 errichteten Jugendstil-Altbaus von Hermann Billing angeordnet. Bevor es damit im Jahr 2010 losgeht, zeigt sie den Mannheimern noch einmal, was ein Museum und was ein respektabler Bestand an Malerei und Skulpturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist. Man atmet auf, denn genau das hat man hier seit Rolf Lauters Amtsantritt völlig vermisst. Statt nämlich mit einer dringend nötigen Neuordnung der Altbaubestände zu beginnen, widmete sich Lauter rücksichtslos der (zweifelhaften) Erweiterung der Sammlung in die jüngste Gegenwart – Rücksichtslosigkeit der Kunst gegenüber kann man Ulrike Lorenz wirklich nicht vorwerfen.

 

Sie ist begeistert von der „Komplexität der Sammlung“ (mit der ihr Vorgänger nichts anfangen konnte) und freute sich noch auf der Pressekonferenz über unerwartete Entdeckungen, die in den Depots schlummerten. Dabei muss man ihr zugestehen, dass sie keine Angst hat vor Werken, die ein Museumsmensch noch zwanzig Jahre zuvor in die Rubrik „Kitsch“ eingeordnet hätte. Auch Rolf Lauter holte solche Stücke schon mal aus der Versenkung, mit scheußlichen Folgen für das Renommee der Sammlung – Ulrike Lorenz geht so behutsam mit umstrittenen Dingen um, integriert sie so geschickt in ein hochkarätiges Umfeld ... dass man sie nicht nur überrascht akzeptieren kann, sondern ganz neue Zusammenhänge entdeckt. Sie ist eine erfahrene und höchst einfühlsame Fachfrau, was die Präsentierung von Kunstwerken betrifft, mehr noch, sie platziert Kunst ebenso spontan wie leise nach übergreifenden Verwandtschaften.

 

Das fängt schon im marmornen Treppenhaus des Altbaus an. Dort platzierte sie in den Nischen die Büsten von Architekt Billing und den bisherigen Sammlungsleitern, angefangen von Fritz Wichert über Gustav Hartlaub, Walter Passarge (Büste des Mannheimer Bildhauers Gerd Dehof 1959) und Heinz Fuchs bis zu Manfred Fath. Fath allerdings taucht in einem Vitrinchen als winzige weiße Ganzfigur auf: bezaubernde und sehr ähnliche Gips-/Epoxidharz-Figur der 1957 geborenen Bildhauerin Karin Sander (Entstehungsjahr 2002). Und auch Heinz Fuchs (1917-2001) prangt unterm Glassturz – wer den eigenwilligen Museumsleiter noch kannte, weiß, dass er hier einen Knüller vor Augen hat, denn Fuchs porträtierte sich selber. Der Mann hätte mühelos einen Künstler abgegeben, er war ein flotter Zeichner und zwischen Malerei der Romantik und den Plastiken Wilhelm Lehmbrucks so sehr sein hauseigener Restaurator, dass spätere Generationen Mühe haben werden, die Handschrift der Künstler von der des Museumschefs zu unterscheiden. Und was das Selbstporträt des Meisters betrifft – es ist eine luftig aus Drahtlinien gebogene Profilansicht, bei der weder der charakteristische Schnurrbart noch die unnachahmliche Fuchssche Selbstironie fehlt.

 


Das einzige Ölbild Caspar David Friedrichs in der Mannheimer Kunsthalle: "Abend" aus dem Jahr 1824, im Grunde eine Wolkenstudie mit nur schwach angedeutetem Standort auf der Erde. Das Porträt von Caspar David Friedrich im Atelier, gemalt von dessen Freund Friedrich Georg Kersting, hängte Ulrike Lorenz direkt daneben.
Foto: Kunsthalle Mannheim

 

Die eigentliche Schausammlung lässt Ulrike Lorenz mit der Romantik beginnen, und dass sie mit zwei Bildern des Mannheimers Carl Kuntz (1770-1830) ihre erste Begegnung mit dem andernorts Vergessenen beschwört, lässt auf eine Einzelausstellung dieses Malers hoffen – irgendwann, wenn Zeit und Geld es erlauben. Immerhin war Kuntz großherzoglicher Galeriedirektor, und sein Nachlass aus 114 Bildern und sechs Grafikmappen bildete den Grundstock der städtischen Sammlung. Hingerissen von Friedrich Georg Kerstings versunkenem Porträt „Caspar David Friedrich im Atelier“ aus dem Jahr 1819 (es handelt sich um eine eigenhändige Replik des Kersting-Ölbilds in der Hamburger Kunsthalle) platzierte Ulrike Lorenz es in der Mitte eines kleinen, durch eine Stellwand abgegrenzten Kabinetts mit Friedrichs eigener Landschaft „Abend“ (1824) direkt daneben. Der sinnvolle Einsatz von Stellwänden, wie er hier die schwierige Länge des Saals gliedert und eine ermüdende Reihung von Bildern an den (noch kalkweißen) Wänden verhindert, auch das ist eine Kunst, die Ulrike Lorenz intuitiv beherrscht, und während der Besucher sich aus dem Romantik-Kabinett herausdreht, stößt er unweigerlich auf einen nie gezeigten Leckerbissen: die meisterhafte Studie einer Hand von Wilhelm Leibl, 1877 als Vorarbeit zu einem Porträt entstanden. Leiser Besucherwunsch: dass die Kunsthalle sich diese Leihgabe aus Privatbesitz irgendwann sichern kann ...

 

Spitzweg, Hans Thoma, Menzel und Böcklin folgen auf der einen Saalwand, Anselm Feuerbach und Hans von Marées auf der anderen. Auch Feuerbach war mit seiner lokalen Beziehung (1829 in Speyer geboren, wer weiß das schon?) eine Entdeckung für Ulrike Lorenz, und mit ihm tat sie, was bereits Lauter machte: Sie ließ die beiden saftig kitschigen „Kinder“bilder, die im Grunde die nun wirklich nicht mehr fortsetzbare Tradition der Putten noch einmal heraufbeschwören, nicht im Depot, sondern hängte sie in die Schausammlung. Und siehe da, was einem bei Lauter denn doch einen gelinden Schauder über den Rücken jagte, bei der neuen Chefin akzeptiert man die herum hampelnden Nackedeis, denn sie begleiten rechts und links den pathetischen „Hafis vor der Schenke“, lockern die Szenerie etwas auf und deuten zugleich den kunsthistorischen Bodensatz an, von dem aus Feuerbach seinen eigenen Stil entwickelte.

 

 


Anselm Feuerbachs "Medea" (links) sowie auf der rechten Seite ein Porträt Arnold Böcklins ("Frau M. Codmann", 1889) und der prachtvolle "Kopf eines alten Juden" von Adolph von Menzel (1856) - im Raum konfrontiert mit einer Gruppe Kleinplastiken vergessener Größen: Die nackte Kauernde in der Mitte ist ein "Frühling" des einst hoch geschätzten Monumentalbildhauers Peter Breuer, die verzwickte Kampfgruppe rechts stellt "Theseus und Minotaurus" von Antoine-Louis Barye dar. Die beiden Skulpturen gehören zu einer vierteiligen Gruppe nie ausgestellter Arbeiten, die Ulrike Lorenz als verblüffendes Beispiel für die stilistische Spannweite des 19. Jahrhunderts heranholte.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Mit Kitsch oder dem, was Puristen dafür halten, kann Ulrike Lorenz einmalig gut umgehen, sie hat eine Art, verschmähte Dinge ernst zu nehmen und zugleich in ungewohnten Zusammenhängen zu versachlichen. In der Saalmitte zwischen Feuerbach und Thoma  beispielsweise stellte sie eine kleine Skulpturengruppe zusammen; auch deren Bestandteile blieben bislang den Besuchern mit Recht verborgen. Die Namen Antoine-Louis Barye (1796-1875), Peter Breuer (1856-1930), Johannes Hoffart (1851-1921) und Emil Otto Richter (1867-?) findet man zwar im Thieme-Becker Künstlerlexikon, aber in keinem Katalog der Kunsthalle. Von Barye, einem ebenso renommierten wie vergessenen französischen Bildhauer, entdeckte Ulrike Lorenz eine „Theseus und Minotaurus“-Gruppe (1843), der einst berühmte und von Kaiser Wilhelm I. geehrte Kolossalbildhauer Breuer ist mit einem anmutigen „Frühling“ vertreten (1889),  und Richter steht mit der Kleinplastik „Dem Sieger“ voll im Trend wilhelminischer Kunstauffassung. Mit Hoffart jedoch hat es eine besondere Bewandtnis: Der Mann wurde nicht nur in Mannheim geboren, sondern hat hier auch deutliche Spuren hinterlassen – die Amphitrite, die den Wasserturm krönt, Skulpturen an der Chorwand der Christuskirche, eine Bronzebüste von Oberbürgermeister Otto Beck auf dem Mannheimer Hauptfriedhof, sie  alle  stammen von ihm, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wer also nach dem Besuch in der Kunsthalle ein wenig insistiert, kann nachträglich richtige Entdeckungen machen. Die vier Kleinplastiken aus dem Depot sind so geschickt und inspirierend mit der Malerei der Epoche in Beziehung gesetzt, dass man sie als Bereicherung gar nicht mehr entbehren möchte. Und als unverzichtbar empfand die Museumsfrau auch einen kostbar und aufwändig gerahmten „Frauenkopf“ von Jugendstilmaler Franz von Stuck (Foto oben). Das Bild passte leider nirgends mehr hin und prangt nun als Solitär überm Eingang zum Impressionistensaal.

 


Rodins ihrer Nacktheit sich schämende "Eva" wird vor Edouard Manets berühmtem Bild "Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko" fast zu einer Trauernden. Das schwarze Relief rechts an der Wand gehört zu Rodins "Höllentor"-Thematik.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Auch den bekam Ulrike Lorenz ganz neu in den Griff. Dass Edouard Manets Riesenbild „Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko“ an einer Seiten- statt an der Stirnwand hängt, soll, so hört man, mit der Feuchtigkeit der Mauer zusammenhängen, der man das konservatorisch höchst prekäre Gemälde nicht aussetzen will. Die Museumschefin lockerte den Raum erneut durch Skulpturen auf, die das Auge in Beziehung setzt zur Malerei. So erhebt sich vor Manets Erschießungsszene die große „Eva“ von Auguste Rodin fast wie eine Trauernde, während eine Ecke von Daumiers skurriler Kleinplastik „Ratapoil“ akzentuiert wird, das andere Ende des Saals von je einer Plastik Constantin Meuniers (1831-1905) und Medardo Rossos (1858-1928). Gerade die beiden Letzteren deuten die stilistische Spannweite an, die sich durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in der Malerei zieht. Von Corot, Courbet und Delacroix, die noch zwischen Klassik und Realismus angesiedelt sind, ist es ein erstaunlich kurzer Weg zu Monet, Pissarro, Sisley und Cézanne. Meuniers glatte, idealisierende Büste steht in programmatischem Kontrast zu Rossos kühner, radikaler Formauflösung – und wem gerade die doch ziemlich fremd vorkommt, wird sich freuen über zwei Blumenstillleben von Auguste Renoir und van Gogh: Dessen „Rosen und Sonnenblumen“ fühlen sich in direkter Nachbarschaft zu Renoirs „Pfingstrosen“ sichtlich wohl, die beiden Bilder ergänzen und steigern einander ... man erinnert sich, wie sie früher in anderer Nachbarschaft ihren Glanz entbehrten.

 


Variation des klassischen Aktmotivs: das 1910 entstandene Ölbild "Nach dem Bade" von Lovis Corinth, Glanzlicht im kleinen Corinth-Saal der Kunsthalle
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Was in jedem Saal Ulrike Lorenz’ Anordnung charakterisiert, ist nicht nur die Intuition, mit der sie unaufdringlich Verwandtschaften zwischen Kunstwerken hervorhebt, sondern vor allem die Klarheit und Ruhe, die sie jedem einzelnen Werk gönnt. Es muss ihr schwer gefallen sein, die Wände nicht dichter voll zu hängen, sondern den Bildern lieber Luft und Raum zu lassen – im Grunde liebt sie wohl auch die, die sie im Depot ließ, und wer weiß, was sie nach der Renovierung später noch alles hervorholt. Einen ganzen kleinen Saal widmete sie Lovis Corinth: Figuren, Landschaften, links und rechts neben dem Eingang zum nächsten Saal je ein Blumenstillleben. Zwanglose Symmetrie, Gewichte, die einander auspendeln, Aufforderungen an die Augen, sich immer wieder auf neue Erfahrungen einzulassen, Feinheiten wahrzunehmen, schrille Töne sind weit weg, Corinths etwas gespenstischer „Apostel Paulus“ blieb im Depot.

 

Dafür im nächsten Saal, den deutschen Impressionisten, wieder mal ein mutiger Griff nach einem doch etwas zweifelhaften Werk, das frühere Museumsleiter (außer Rolf Lauter) der Schausammlung nicht zumuten wollten: Max Slevogts knallrote „Parforcereiterin“. Ulrike Lorenz ließ die bedenklich an Salonmalerei grenzende Dame ihren Farbakzent versprühen in einem Raum, in dem zwei Bilder von Max Liebermann, Theodor Alts „Kaktusblüten“ und Carl Schuchs „Gladiolen und Apfelsinen“ eher eine ruhige Grundstimmung verbreiten, es fällt einem also nicht schwer, in diesem Zusammenhang die kecke Reiterin zu akzeptieren.

 


Ein Muss im Expressionisten-Saal: Ernst Barlachs Bronze "Singender Mann". Die Gemälde: links Lyonel Feiningers "Marktkirche in Halle" (1929), rechts Karl Schmidt-Rottluffs "Villa mit Turm" (1912).
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Den langen Saal im Gebäudetrakt gegenüber ließ Ulrike Lorenz ungegliedert, sie setzte nur sparsame Raumakzente mit Plastiken von Ernst Barlach und dem Expressionisten Hermann Scherer. Man kann das bedauern, aber Entdeckungen sind auch hier zu machen. Zwei zuvor nie gesehene Bilder des längst vergessenen Willy Jaeckel (1888-1944) und ein Studienkopf (1911) des nicht einmal bei Thieme-Becker zu findenden Waldemar Rösler (1882-1916) werfen  beim Besucher die Frage auf, was alles an unbekannten Schätzen sich denn noch  in den unergründlichen Depots befindet. Auch im Saal der Neuen Sachlichkeit taucht ein neuer Name auf: Eugen Knaus (1900-1976) mit dem „Bildnis Gelb“ - wer war Eugen Knaus? Wieder mal kein Hinweis bei Thieme-Becker!

 

Eine kühne, feine Idee hatte Ulrike Lorenz aber noch im Saal mit Hodler, Ensor und Geistesverwandten (zusammen gefasst unter dem Thema „Fremdsein in der Welt: Mensch und Moderne“). Mit Lehmbrucks „Stehender weiblicher Figur“ (1910) im Zentrum erhält der Raum eine Erinnerung an das klassische Menschenbild, das hier zugleich in seiner Gefährdung thematisiert wird. In einer Ecke kombinierte Ulrike Lorenz dazu erneut zwei sehr gegensätzliche kleine Skulpturen: einen fast schon abstrakten „Kopf“ von Karl Hartung und einen lustvoll zerklüfteten „Liegenden Akt“ von Jean Fautrier als Hinweis auf die stilistische Spannweite des Themas. Genial aber an der gegenüber liegenden Stirnwand die Konfrontation von Francis Bacons Gemälde „Schreiender Papst“ mit Giacomettis Skulptur „Platz“, dessen extrem gelängte Figuren eine verblüffende Nähe zu Bacons Pinselstrukturen erkennen lassen. Dass Bacons Papstbild den zentralen Aspekt zerstörter menschlicher Identität unter anderem erst durch diese vertikalen, die Figur fast auslöschenden Verwischungen erhält, fällt einem durch die Konfrontation mit Giacometti wie Schuppen von den Augen.

 

Das ist es, was Ulrike Lorenz immer wieder gelingt: Augen öffnen, Lust machen auf bewusstes Sehen und darauf, sich fremden Erfahrungen auszusetzen, auch angesichts vermeintlich bekannter Dinge. Dabei verzichtet sie auf jeden Anflug  bizarrer Oberflächlichkeiten, sondern fordert beim Betrachter die Fähigkeit zu nuancierter Wahrnehmung heraus. Ein Hauch von weiblicher Feinfühligkeit und Intelligenz (nämlich im Wortsinn Erkenntnisfähigkeit) durchzieht den Billing-Altbau, und, Herrgottnochmal, nach all den Lauterschen Missgriffen ist es die reinste Erholung – für die Betrachter, vor allem aber für die Kunst.

 

Info:

„Schau-Stücke. Die Mannheimer Kunstsammlung neu geordnet“, 29. April 2009 bis Februar 2010, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Tel. 0621-293 6408, www.kunsthalle-mannheim.de

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