Wolf Magin (1927-2009)

 

 


 

Wolf Magin in seiner Mannheimer Wohnung inmitten seiner Bilder im Jahr 2007. Foto oben: Links auf der Heizung ein Bild aus der "Strandläufer"-Serie, darunter eine "Spiegelung", rechts oben an der Wand eine Nachtszene. Foto unten: Strandläufer- und Nachtbilder an den Wänden.
Die beiden Fotos von Manfred Rinderspacher (Copyright) werden hier erstmals veröffentlicht - "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung

 

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Magin.html

 

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28-05-2009/ Update 07-04-2010

Im Strom der sichtbaren, flüchtigen Dinge

Der Grafiker Wolf Magin (1927-2009) hinterlässt ein umfangreiches malerisches Werk

 

Von Christel Heybrock

 


Ein charakteristisches Plakat von Wolf Magin, Auftraggeber war die SPD-Pfalz 1965. Der strenge Stil der "Experimenta litera" ist hier noch nicht zu ahnen, Magin äußerte in solchen Auftragsplakaten vielmehr eine heitere Alltagsnähe. Die Abbildung stammt aus seinem Bildband "Plakate 1958 bis 1988" (mit freundlicher Genehmigung von Nachlassverwalterin Dr. Helga Barth).

 

 

International bekannt wurde er mit Plakatentwürfen, die ihm etliche Ausstellungen und Ehrungen einbrachten. In Mannheim hat Wolf Magin als langjähriger Dozent für Grafikdesign an der Freien Akademie, später an der Fachhochschule für Gestaltung Generationen begabter junger Leute ausgebildet. 1969 entwickelte er eine eigene Schrift aus breiten und parallel laufenden schmalen Linien, die „Black Line“, mit der er auf 39 Serigraphien verzwickte Variationen ausprobierte: Diese „Experimenta litera“ waren 1975 in Ludwigshafen erstmals ausgestellt und in einem Katalog publiziert worden. Wolf Magin – der Name war fast ein Synonym für effektive grafische Gestaltung, für perfekt ausgewogene, plakative Hingucker.

 


Eines der frühen "Objekt"-Bilder Wolf Magins von 1998. Kopfkissen, Herrenhut mit Brille, ein rotes Damendessous und zwei ausgedrückte Zigaretten deuten auf eine höchst intime Situation, ohne dass Personen sichtbar sind. Das Foto wurde dem Band "Wolf Magin -Malerei 1991-1998" entnommen

 

Dieser Mann überraschte alle, die ihn kannten, als er im Jahr 1990 plötzlich zu malen begann und nach seiner Pensionierung damit gar nicht mehr aufhören wollte. Waren seine Themen anfangs harmlose Blütenknospen, führte er 1998 der Öffentlichkeit ganz andere Dinge vor ... da ging es geheimnisvoll erotisch zu, hochhackige Damenschuhe und Dessous lagen auf dem Boden, daneben Sektgläser, ein Hut, alles zum klassischen Stillleben arrangiert, Bilder, hinter denen sich heiße Geschichten verbargen, und die setzten sich in weiß konturierten Gesichtern, Händen und Körpern in blaugrauem Dunkel fort. Aus dem Fernsehen, so stellte sich heraus, hatte Magin diese Motive, sie waren einfach vom Bildschirm abfotografiert und mit Pinsel und Farbe auf Leinwand übertragen worden. Szenen, herausgelöst aus einem Handlungsfluss, ein wenig steif sah das zunächst noch aus, aber trotzdem lebendig, auf andere Art voller Leben als die Filmszenen auf der Mattscheibe.

 

Magin wusste: wer seinen eigenen Stil finden will, muss vor allem viel malen! Man braucht Übung, man muss mit Farben wie im Schlaf umgehen können, um aus ihnen (und aus sich selber) herauszuholen, worauf es einem ankommt. Und er malte wie besessen, 1997 hatte er es bereits auf 800 Bilder gebracht. Bis zu seinem plötzlichen Tod am 15. Mai 2009 hat er sicherlich weit über 1000 Gemälde geschaffen; in seiner Wohnung im vierten Stock der Mannheimer Rathenaustraße gab es ein ganzes Zimmer, das Rahmen an Rahmen mit Bildern vollgestellt war, ganz abgesehen von weiteren Werken in den eigentlichen Wohnräumen dort, und in einem Interview bekannte er einmal, in seinem nahe gelegenen Atelier (in das er wohl nur die engsten Freunde hineinließ) sähe es noch ganz anders aus.

 

Seine Arbeitsmethode blieb die gleiche: Mit der Fotokamera machte er sich auf Motivsuche, und gemalt wurde anschließend nach der suggestiven Dreidimensionalität der Bilder im Diabetrachter (nicht etwa mithilfe eines Projektors, sondern nur mit einem winzigen „Gucker“ in der Hand). Zwei Dinge sind es, die den Betrachter von Magins Bildern nachhaltig berühren – zum einen die Wahl der in ganzen Serien angelegten Motive, und zum andern die wachsende Meisterschaft, die immer überzeugendere Authentizität. Kompositorisch dürfte der gewiefte Grafiker keine Probleme gehabt haben, das Jahrzehnte lang praktizierte Ausbalancieren von Farben, Flächen und Linien kam Magins Malerei sicher zugute. Was er sich erarbeiten musste, war der Verzicht auf die Linie zugunsten der Farbe, war das Gewebe einander überlagernder Farbschichten, kurz, es war der Umgang mit Farben als einem quasi lebendigen, atmenden Material.

 

 

Titelansichten von zwei Mappen mit Magins Themen. Magin entwickelte für jedes Cover seiner eigenen Editionen eine passende Schrift. Die "Wegweiser"-Mappe, die etliche Verkehrsschilder mit teilweise absurden behördlichen Anweisungen, aber auch sehr zarte, aus nebligem Dunst auftauchende Zeichen enthält, bekam eine leichte, von feinen Unterbrechungen bestimmte Schrift. Die "unterwegs"-Mappe dagegen mit Szenen vom Frankfurter Flughafen erinnert mit den von Querlinien unterbrochenen Typen an die elektronischen Abfahrtstafeln in den Abfertigungshallen.

 

 

Und das ist ihm unverwechselbar gelungen – mit Themen, die auf den ersten Blick nichts Diffuses haben, sondern dem Alltag und den sichtbaren Dingen des Lebens entstammen. Gerade die aber erweisen sich bei Magin als Urbilder des Vergänglichen, Flüchtigen, Unhaltbaren und Unaufhaltsamen. Erst mit dem Pinsel und den feinen, nebligen Übergängen zwischen Gegenstand und Atmosphäre, erst mit dem Erscheinen von Mensch und Ding aus dem Schleier der Luft heraus fand Magin zu Aussagen, die ihm in der Grafik unmöglich gewesen wären. Er probierte das mit Motiven aus dem Wald, mit Spiegelungen an Gebäuden, Autofenstern, auf Pfützen, nassen Böden und Gewässern in der Landschaft. Eine Werkgruppe beschäftigt sich mit Verkehrszeichen und Wegweisern, eine andere, die er wegen ihrer unerschöpflichen Reize niemals hätte zu Ende bringen wollen, mit menschenleeren nächtlichen Straßen. Magin war dabei kein Maler toter Dinge, sondern immer auch fasziniert von Menschen und ihren Bewegungen. Der Mensch tritt bei ihm auf als „Strandläufer“, als Flug- oder Bahnreisender. Niemals hätte Magin Menschen in statischen Gruppen posieren lassen, im Gegenteil, Menschen sind bei ihm stets Passanten, Vorbeigehende, die einander in zufälligen Gruppierungen überschneiden, Reisende, die von irgendwoher kommen und zu unbekannten Zielen unterwegs sind, mit dem Koffer auf einer Rolltreppe oder am Bahngleis: Individuen auf ihrer Lebensreise, erfasst in Sekundenbruchteilen aus einem unaufhaltsamen Fließen heraus.

 


"Strandläufer", Menschen in zufälligen, sekundenlangen Gruppierungen, so flüchtig wie ihre Schatten. Immer wieder bannte Magin Augenblicke der Vergänglichkeit auf seine Leinwände. Das Foto zeigt das Cover seiner selbst edierten Mappe.

 

Anstelle von Katalogen, zu denen seine Galeristen sich offenbar nie durchringen konnten, publizierte Magin seine Bilder selber in Mappen, die er streng nach Themen ordnete (und 1999 in einem Bildband mit einem Text des Heidelberger Kunsthistorikers Anselm Riedl). Jede Mappe enthält zwischen 12 und 16 Bildtafeln, eine kurze Vita und einen Text, von Kunsthistorikern und Museumsleuten verfasst, in deutscher und englischer Version. Was ihm unerlässlich schien, war die Gestaltung dieser Mappen, die alle dasselbe Format haben, für deren Cover er aber jeweils eine eigene, penibel ausgetüftelte Titelschrift entwarf. Mit Schrift war Magin unerbittlich – er sah noch die winzigsten Schludrigkeiten auf Druckwerken wie Einladungskarten oder Zeitungstiteln und konnte sich kopfschüttelnd darüber erregen. Nein, so sollten seine Mappen nicht aussehen, und noch auf einer der letzten, die er nicht mehr selbst herausgeben konnte, wählte er ein Titelbild, das fast leer schien, damit er eine besonders leichte, aus dünnen parallelen Linien gestaltete Schrift darauf setzen konnte: Thema sind Wolken und Horizonte, ist, wie er es nannte,  „die Weite des Himmels“. Zusammen mit der Mappe "Ankunft/Abfahrt" mit Szenen aus dem Mannheimer Hauptbahnhof ist die Mappe "Horizonte" im September 2009 postum erschienen.

 

„Eigentlich“, so bekannte er, „bin ich ein Romantiker.“ Mit den Wolkenbildern, Ansichten aus der Rheinebene wie aus dem Gebirge, hatte er ein Thema gefunden, dessen innerste Substanz unfassbar und eigentlich ortlos ist. Magin gewann ihm einerseits eine blendend helle und andererseits eine von dramatischen Lichteinbrüchen geprägte dunkle Seite ab. Verschwindend und kaum wahrnehmbar an der Unterkante eines Bildes die Silhouette des Mannheimer Großkraftwerks – darüber die Gewalt des von Farben erfüllten, dunklen Himmels. Die Gebirgsbilder, meist in diagonalen Kompositionen angelegt, lassen nicht mehr erkennen, was Schneefelder und was Wolkenschichten sind. Magin selber stellte einmal verblüfft fest, dass die meisten dieser Bilder sich auf den Kopf stellen lassen, ohne ihre Aussage zu ändern. Die „Horizonte“, in feinsten Farblasuren angelegt und mit dem Pinselduktus förmlich Wolkenballungen nachvollziehend, sind menschenleere Näherungen an die Physik der Erdatmosphäre und ihre Schönheit.

 


Eines der charakteristischen Nachtbilder Wolf Magins, vermutlich inspiriert durch parkende Autos am Rand des Mannheimer Luisenparks. Das Bild entstand 1994; das Foto wurde dem Band "Wolf Magin - Malerei 1991-1998" entnommen.

 

Wahrscheinlich hatte Magin mit den Wolkenbildern das Zentrum seiner Malerei getroffen. Was an seinen Motiven verblüfft, ist zudem der selbstverständliche Bezug auf die wenig weltstädtische Umgebung im Rhein-Neckar-Dreieck, wo er sich zuhause fühlte. Seine Reiseszenen lassen sich unschwer auf dem Frankfurter Flughafen oder im Mannheimer Hauptbahnhof festmachen, eine seiner „Spiegelungen“ zeigt die Glasfensterfassade des Dorint-Hotels am Mannheimer Friedrichsring, und die vielen Bilder der Nacht dokumentieren eindeutig Straßenzüge aus der Heidelberger Altstadt oder aus der Mannheimer Oststadt, wo Magin lebte. Es scheint, als hätte er nur ein paar Schritte vor die Tür machen müssen, um seine Motive zu finden – durch seinen Blick wurden sie zu globalen Zeichen. In Magins Bildern ist nichts von Enge, von deutscher Befindlichkeit oder lokaler Beschränkung zu finden. Sie entstanden im Gegenteil aus einem Blick voll Neugier und Offenheit für die Substanz der Realität ... für die Substanz des Flüchtigen und Unaufhaltsamen, das nur zufällig an Orte gebunden ist.


Wolf Magin wurde am 21.September 1927 in Mutterstadt geboren und starb am 15. Mai 2009 in seiner Mannheimer Wohnung.


Infos:
- Die Mappen-Editionen sind über seine Lebensgefährtin Dr. Helga Barth erhältlich (Preis 10 Euro), die auch den umfangreichen Nachlass verwaltet (E-Mail:barthhelga@yahoo.de)
- Der Band "Wolf Magin - Malerei 1991-1998" (137 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen) erschien 1999 mit einem Text des Heidelberger Kunsthistorikers Professor Anselm Riedl, der eine kunsthistorische Einordnung versuchte (deutsch-englisch, Fotos von Tim Magin, Preis 35 Euro). Der Band ist nicht im Buchhandel erhältlich, sondern nur über Dr. Helga Barth: barthhelga@yahoo.de
- Der kleine Bildband "Magin Plakate 1958 bis 1988" erschien anlässlich einer Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle. Im Nachlass ist er über Helga Barth noch für 15 Euro erhältlich.

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