Ludwigsburger Porzellan

Die Sammlung Reinhard Jansen

 

 

Das Titelmotiv des Bildbandes "Glanz des Rokoko. Ludwigsburger Porzellan aus der Sammlung Jansen" in der Arnoldschen Verlagsanstalt Stuttgart. Das Foto zeigt ein Detail der "Gärtnergruppe" von Johann Christoph Haselmeyer um 1765
Foto: Marion Mennicken/Rheinisches Bildarchiv (Copyright)

 

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11-11-2008

Götter, Damen, Kavaliere – süße Spiele aus Porzellan

Die Ludwigsburger Manufaktur in der Sammlung Reinhard Jansen

 

Von Christel Heybrock

 

Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728-1793) war das, was wir heute unter einem Lebemann verstehen. Dass seine Porzellanmanufaktur als letzte der großen Hersteller des weißen Goldes im 18. Jahrhundert gegründet wurde, muss ihn mächtig gewurmt haben. Überall in Europa war das Geheimnis der Porzellanherstellung durch teilweise geflohene Kundige gelöst worden (auf der Albrechtsburg in Sachsen, wo 1708 die erste deutsche Produktion startete, wurden die Porzellanmeister wie Gefangene gehalten). Im Gegensatz dazu hatte Carl Eugen zwar mehrfach Konzessionen vergeben, aber die Sache klappte einfach nicht. Erst am 5. April 1758, ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Manufaktur in Meißen und immer noch drei Jahre nach Carl Theodors Einrichtung im pfälzischen Frankenthal, konnte Württembergs Herrscher seine „Herzoglich ächte Porcellain Fabrique“ zu Ludwigsburg etablieren und damit seiner luxuriösen Hofhaltung ein weiteres Glanzlicht aufsetzen.

 

Schon in den ersten zehn Jahren erlebte die Manufaktur eine Blüte, die mit Konkurrenten aus anderen Fürstentümern locker mithalten konnte, und dass der Herzog der Manufaktur bis an sein Lebensende zubuttern musste, dürfte ihn wenig gestört haben. Es war ein Glücksgriff, dass der erste Direktor in Ludwigsburg, Joseph Jakob Ringler (1730-1804), bereits andernorts Erfahrungen gesammelt und beispielsweise die Manufakturen in Höchst, Straßburg und Nymphenburg mit aufgebaut hatte. Und Ringler holte die besten Modelleure, Bossierer und Maler heran, darunter Gottlieb Friedrich Riedel (1724-1784), der aus Meißen kam und bekannt war für seine Landschaften, Putten, Vögel und Blumen. Dass die Manufaktur – nach etlichen Brüchen und Schließungen – ausgerechnet im 250. Jahr ihrer Gründung endgültig aufgeben musste und im August 2008 Konkurs anmeldete, stimmt einen doch recht traurig, aber aus Ludwigsburgs großer Zeit im Rokoko haben sich etliche Preziosen erhalten, und die wurden im Jubiläumsjahr im Kölner Museum für Angewandte Kunst in einer Sonderschau ausgestellt.

 

Der wohl ehrgeizigste Sammler von Ludwigsburger Porzellan und Kenner überhaupt von Porzellan des 18. Jahrhunderts ist Dr. Reinhard Jansen, der seit seinem 17. Lebensjahr dieser Faszination nachgeht. Von den 150 Exponaten, die er im Sommer 2008 in Köln zeigte, war etwa ein Drittel noch nie ausgestellt. In dem umfangreichen Katalogbuch der Arnoldschen Verlagsanstalt Stuttgart, das alle Schätze aus der Sammlung Jansen vorstellt, ist es Jansen und seiner Herausgeberin Patricia Brattig sogar gelungen, etliche Stücke, deren Künstler bislang nicht bekannt waren, eindeutig zuzuschreiben sowie Ordnung in das System der Ludwigsburger Porzellanmarken zu bringen. Dass der Band mit seinem prachtvollen Bildmaterial zudem eine Augenweide abgibt, auf der man sich immer wieder genüsslich ergeht, kommt natürlich hinzu – war das ein Jahrhundert! Was für eine Lust am Sehen, am Spielen, an Liebeleien und an kostbaren Dingen! Wie wundervoll, dass wir das alles heute genießen können, ohne für die Annehmlichkeiten eines Feudalherrn mit Leben und Gesundheit zahlen zu müssen!

 

Neu zugeschrieben werden konnten vor allem Werke des Modelleurs Franz Joseph Ess (1735-1796), der bisher weitgehend unbekannt war, dessen charakteristischer Stil sich aber jetzt im Vergleich mit internationalen Museumsbeständen identifizieren ließ. Ein Bossierer dieses Namens ist in den Archivalien der Manufaktur aufgeführt: Er wurde am 20. Januar 1760 mit einem Gehalt von „24 fl“(orins) (= Gulden) eingestellt und bekam bereits drei Monate später eine Gehaltserhöhung. Ess war nachweislich bis 1763 in Ludwigsburg tätig und soll zuvor in Höchst, später in Nymphenburg gearbeitet haben und in München gestorben sein. Das speziell ihm gewidmete Kapitel im Katalogbuch ist auch ein Anstoß für weitere Nachforschungen über den Meister, der unter anderem eine niedliche „Vier Jahreszeiten“-Gruppe mit Kinderfiguren schuf, eine Serie mit „stehenden Göttern“, Tänzerpaare, Damen in Reifröcken und Pärchen Arm in Arm aus schönen Frauen und liebenswürdigen Kavalieren.

 

Dass als Hauptkennzeichen der Ess-Figuren das Aneinanderkleben von Mittel- und Ringfinger gilt, mutet etwas banal an und hat vielleicht einfach technische Gründe. Bedeutender scheinen stilistische Merkmale wie die anatomisch etwas verrenkte Körperhaltung etwa aus der Serie der nackten „Stehenden Götter“, von denen der grimmig dreinschauende Jupiter (Sammlung Jansen) sowie Merkur und Venus (Kunstgewerbemuseum Berlin) abgebildet werden. Alle stehen mit abgeknicktem Hohlkreuz, Bauchansatz und in den Raum greifenden Unterarmen da – offensichtlich waren antike Darstellungen kein direktes Vorbild für diese Körperauffassung, sondern die nach heutiger Auffassung ziemlich unsportlichen, von Schnürkorsetts (planchettes) deformierten Körper der Zeitgenossen.

 

Stehende Götternackedeis gehörten aber offensichtlich zum Figurenkanon der Zeit, denn es gibt eine ähnliche Serie von Johann Wilhelm Götz (1732-1762) aus derselben Zeit (um 1760). Sowohl die Ess-, als auch die Götz-Götterserie scheint nicht vollständig bekannt zu sein, Jansen rechnet damit, dass mit der Zeit aus beiden Zyklen noch weitere Exemplare auftauchen. Bei Götz jedoch fasziniert das anatomische Wissen um einen klassischen Körper und dessen Gesten und Posen. Der Gott Vulkan hebt seinen Schmiedehammer in halber Drehung wie aus einem Bewegungsfluss heraus, während die feine, schöne Leda ihr süßes Köpfchen und die ausgestreckte Hand dem Schwan zuwendet, in dessen Gestalt sich der Mythologie zufolge Göttervater Zeus persönlich der Schönen nähert. Herkules dagegen mit Bart und auftrumpfender Geste – nun ja, heute würden wir ihn vielleicht doch mal ins Fitnessstudio schicken, damit seine Beine und schmächtigen Arme etwas Volumen gewinnen. Sportliche Betätigung gehörte damals nicht zu den höfischen Unternehmungen, und von der Jagd allein wurde die Muskulatur nicht entwickelt.

 

Ebenso wie die Götterfiguren gehörten die vier Jahreszeiten zu den unerlässlichen Allegorien des Rokoko. Dass Ess sich dazu pausbäckige Kinder als Vertreter von Frühling, Sommer, Herbst und Winter einfallen ließ, bedeutete eine Steigerung von rustikaler Putzigkeit; Kinder wurden als drollige kleine Erwachsene aufgefasst und waren insofern ein beliebtes Motiv auch auf der Bühne. Götz freilich griff das Thema repräsentativ und hoch virtuos auf: Jede Jahreszeit wird bei ihm von einem Pärchen repräsentiert, das auf einer von abenteuerlich sich emporschwingenden Rocaille-Ornamenten bekrönten Bank sitzt. Alle vier Szenen lassen sich zu einem Kreis nebeneinanderschieben und ergeben einen geschlossenen Tafelaufsatz von bezaubernder Rundumsicht. Beim „Frühling“ legt die lecker decolletierte Dame ihrem Galan zärtlich den Arm um den Nacken, während dieser nach der Rose an ihrem Ausschnitt greift. Beim „Sommer“ hält die süße Schnitterin die kleine Sichel in der einen Hand, während sie mit der andern wohl doch eher halbherzig den zudringlichen Liebhaber abwehrt. Auch das „Herbst“-Pärchen agiert in einem munteren, natürlichen Bewegungsfluss – die Schale mit Trauben auf dem Boden steht zwischen dem stürmischen jungen Mann und seiner wohl noch nicht Liebsten, die erschrocken zurückweicht ... sicher nicht für immer. Und der „Winter“ zeigt ein musizierendes, leidlich warm gekleidetes Paar (das Decolleté der jungen Dame scheint Garant einer Lungenentzündung), das immerhin ein glühendes Kohlebecken bei sich hat, während die Dame einen sicherlich wärmenden Hund in ihrem Schoß vielsagend streichelt. Ach, wie war sie doch in Ordnung damals, die Welt der Liebe!

 

Lucinde und Clitandre aus Molières "L'Amour Médecin", geschaffen um 1760 von Johann Wilhelm Götz nach einer Zeichnung von Francois Boucher.
Foto: Marion Mennicken/ Rheinisches Bildarchiv (Copyright)

 

Der mit nur dreißig Jahren viel zu früh gestorbene, früh vollendete Götz kam natürlich nicht umhin, sich auch der Bühne als Thema seiner Figuren zu widmen – im Theater, im sich Verwandeln, Verkleiden, im Rollenspiel sah das Jahrhundert einen zentralen Aspekt seiner selbst. Für Theaterhistoriker sind noch heute die Porzellanfigürchen der Zeit eine wichtige Quelle, ließen sich doch Gestik und Körperausdruck in Stichen und Zeichnungen nur zweidimensional, also unvollkommen wiedergeben. Reinhard Jansen besitzt von Johann Wilhelm Götz mehrere Einzelfiguren aus der französischen Komödie, sowie das Paar Lucinde und Clitandre aus Molières „L’Amour Médecin“. Dass im Fall der Magd Martine aus Molières „Les Femmes Savantes“ die Figur nach einem Stich geschaffen und Götz die Gestik dieser Szene offenbar missverstand, ist eine Kuriosität, die seiner Kunst keinen Abbruch tut.

 

Der taubstumme Joseph Nees (1730-1778) trat dagegen vor allem mit Tänzern und Tänzerpaaren hervor – hinreißend seine häufig variierte Dreiergruppe mit zwei lorbeergekrönten Tänzern, die einer leichtfüßig dahinfliegenden Tänzerin in ihrer Mitte einen Kranz aufsetzen wollen. Der Herzog liebte das französische Ballett und hatte seit 1758 mit einem sechzigköpfigen Ensemble unter der Leitung keines Geringeren als Jean Georges Noverre eine Compagnie von europäischem Niveau. Kein Wunder, dass die Porzellanmeister von der flüchtigen Kunst so viel wie möglich festhalten mussten; offenbar widmete sich keine deutsche Manufaktur diesem Thema so intensiv wie Ludwigsburg, und von den über 50 Ballettdarstellungen, die hier entstanden, scheint allein Nees zwischen 1759 und 1767 rund die Hälfte gestaltet zu haben, bevor er von 1768-1775 in Zürich arbeitete.

 

Nees wird ein weiteres Kuriosum der Ludwigsburger Manufaktur zugeschrieben: die „Venezianische Messe“, die bis zu ihrem Auftauchen im Kunsthandel 1994 völlig unbekannt war. Bei den Objekten, die aus altem französischem Privatbesitz in den Verkauf kamen, handelt es sich um fünf Jahrmarktsbuden und –stände sowie um etliche Figuren und Figurengruppen – natürlich alle aus Porzellan, wobei die Buden etwa 15,5 cm hoch sind, die Stände 10,5 cm, die Figuren aber nicht größer als knapp unter 7 cm. Die Staatsgalerie Stuttgart besitzt dazu Entwurfszeichnungen von Gottlieb Friedrich Riedel, so dass Nees „nur“ die Ausführung anvertraut war. Die drollige Porzellanmesse war offenbar ein Herzensanliegen des Herzogs, der nach seiner dritten Teilnahme am Karneval in Venedig ein ähnlich buntes Treiben 1767 auf dem Ludwigsburger Marktplatz, ab 1777 auch in Stuttgart veranstalten ließ.

 

Die Miniaturausführung aus dem Brennofen diente wohl als spielerisches Souvenir, beziehungsweise als originelles Geschenk des Herzogs an den 1770 sein Amt neu antretenden Fürstbischof von Speyer. Ein Inventar von 1804/05 belegt, dass damals das ganze Ensemble noch aus 24 Messeständen und 337 Figuren bestand – da kann also durchaus das eine oder andere Stück noch auftauchen. Bei der „Venezianischen Messe“ treffen sich Wirklichkeit und Spielfreude: Nicht nur die Porzellanausführung enthält (außer den winzigen Vertretern von Berufsständen wie Uhrmacher, Messerschleifer, Glasverkäufer, Apotheker) eine Anzahl maskierter Herrschaften von Stand, sondern auch der Herzog und sein Gefolge pflegten höchstselbst und in der historischen Realität maskiert auf der Messe zu erscheinen. Abgesehen davon scheut die Porzellanmesse aber vor Komik und Satire nicht zurück. Immerhin sehen die schwarz maskierten Herrschaften im Miniformat von etwa 4 cm eher wie verkleidete Hunde aus, und es gibt durchaus satirische Szenen wie die kunstvolle Hochfrisur einer Dame, die der Coiffeur auf einer Leiter balancierend  bewerkstelligen muss.

 

Angeregt durch des Herzogs Italienreisen war natürlich auch die italienische Komödie, die commedia dell’arte, an Carl Eugens Hofe zugegen, und der Wachsbossierer Johann Christoph Haselmeyer, dessen Lebensdaten bisher nicht eruiert werden konnten (in den Ludwigsburger Akten taucht er zwischen 1756 und 1767 auf), glänzte mit einer Serie von Kinder-Akteuren, die mit falschem Bart, Amts- und Harlekinkostümen erwachsene Spieler mimen und mit einstudiertem, wenn nicht andressiertem Gestenkanon das erwachsene Publikum sicherlich entzückten. Von den bisher bekannten sieben Figürchen, die nur zwischen 10,5 und 11 cm groß sind, besitzt Jansen immerhin fünf.

 

Das Gärtnerpaar von Johann Christoph Haselmeyer um 1765 (Detail und Covermotiv des Bildbandes siehe Foto oben).
Foto: Marion Mennicken/ Rheinisches Bildarchiv (Copyright)

 

Doch Haselmeyer hatte sich keineswegs auf dieses Thema spezialisiert, sondern schuf mit seinem Jäger- und Gärtnerpaar zwei Ikonen der Rokoko-Kleinplastik. Die Liebe und das süße Spiel mit ihr - pflegten doch Damen und Herren von Stand sich als ungezwungene Vertreter des Landvolks zu kostümieren und entsprechenden Vergnügungen hinzugeben. Beide Paare sind sich über ihre Gemeinsamkeit voll einig und schmiegen sich vertrauensvoll aneinander. Das sitzende Gärtnerpaar hat Blumenkörbchen, Gießkanne und Schaufel stehen lassen, im Rock des Mädchens geraten die gesammelten Blüten ins Rutschen, weil sie sich völlig versunken in den Arm des Liebhabers schmiegt und ihn hingebungsvoll ansieht ... lange muss er nicht mehr mit einem Blümchen vor ihrer Nase tändeln ... er sieht ja auch furchtbar lieb aus.

 

Das ebenfalls sitzende Jägerpaar ist noch etwas weiter fortgeschritten in seiner Zuneigung und in einer wunderbar lebendigen, zärtlichen Pose verfangen. Der hübsche Jägersmann hat das bereits etwas entblößte Mädchen an sich gezogen, ihre Gesichter schweben voreinander kurz vor einem sicherlich langen Kuss, indes dem Mädchen schon die Bluse von der Schulter und der Rock nach oben von den Beinen gerutscht ist. Hinreißend vor allem die feinen Details, das Geäst des angedeuteten Baumes, vor dem die beiden sitzen, der weiche Fluss der Stoffe, das Spitzenvolant am Jackett des Jägers, die rosigen Gesichter sowie die beiden Hunde, von denen einer eingeschlafen ist – eine Szene voll Natürlichkeit und Begehren.

 

Auf derartige Themen, die zum Bildrepertoire des Rokoko gehören, verstanden sich freilich auch andere Ludwigsburger Künstler, vor allem der Obermodellmeister Johann Christian Friedrich Wilhelm Beyer (1725-1806), der zwischen 1761 und 1767 für Carl Eugen tätig und ein vielseitiges Talent war – als Gartenarchitekt ausgebildet, hatte er in Paris auch Architektur und Malerei studiert und war nach herzoglichem Rom-Stipendium seit November 1759 Carl Eugens Hofbildhauer. Auch von Beyer existieren spielerisch lebensnahe Jäger- und Schäferpaare, deren Liebesszenen allerdings etwas distanzierter ausfallen, dafür aber von virtuosen Architektur- und Dekorelementen begleitet werden. Von Beyer stammt auch die berühmte sechsteilige Serie der Musiksoli mit musizierenden Einzelfiguren. Allerdings hat der Meister sich mit komplizierten Körperposen offenbar nicht zurückhalten können, seine Musiker agieren in derart verdrehten Haltungen, dass aus ihren Instrumenten wohl kaum die richtigen Töne gekommen sein können – brillante Kleinplastiken sind das aber allemal.

 

Es wären noch etliche Namen zu erwähnen, denn in Ludwigsburgs Blütezeit zwischen 1760 und 1770 waren zwischen 160 und 180 Künstler fest angestellt, die meisten von ihnen Porzellanmaler. Während die Modellformen immer wieder benutzt werden konnten, mussten Blumen, Landschaften und Allegorien auf jedes Stück per Hand aufgemalt werden. Zu den großen Malern gehört vor allem Gottlieb Friedrich Riedel (1724-1784), dessen 1765 geschaffenes Schuppenmuster für Tafelgeschirre bis in die Gegenwart produziert wurde. Riedel setzte Maßstäbe an aufwändiger Tafelkunst mit dem reichen Blumenschmuck und den Vergoldungen des Giovanelli-Martinelli-Service (1762-1763), mit dem Carl Eugen sich bei Graf Giovanelli für dessen Gastfreundschaft bei seinen Italienreisen bedankte.

 

 

Eines der bezaubernden Ludwigsburger Tabaksdöschen mit vergoldeter Kupferfassung (um 1765). Die romantische Landschaft im aufgeklappten Innendeckel hier unten noch einmal aus der Nähe.
Fotos: Marion Mennicken/ Rheinisches Bildarchiv (Copyright) 

 

 

Womit wir bei den Tafelgeschirren wären, bei denen sich Sammler Reinhard Jansen ebenso wenig zurückhalten konnte wie bei den Figuren – man kann es verstehen. Selbst das martialische „Bataillen-Service“ mit seinen Szenen voll Pulverdampf, flatternden Fahnen und durch Schwerthiebe gefallener Kämpfer auf so harmlosen Dingen wie Kännchen, Tellern, Teedosen und Schälchen, es ist ein aufregendes Wunderwerk, bei dem man immer wieder hinguckt. Ein feiner Zauber jedoch geht von dem „Service mit dem blauen Band-Dekor“ aus; da werden wunderbare, zarte Blüten aller Art durch ein schmales blaues Schleifchenband verbunden, was elegant und zugleich ein wenig rustikal aussieht. Für die meisten Malereien auf den Tafelservicen war offenbar der unermüdliche Riedel zuständig ... wer würde seine Suppe nicht liebend gern beispielsweise von einem Teller mit romantischer Uferszenerie löffeln... Aber auch andere Maler zauberten Rosengirlanden auf Deckelkännchen und Liebespaare auf Schälchen und Tassen. Und wer bekäme je genug von diesen winzigen, innen und außen bemalten Tabaksdöschen! Reise-Necessaires (11 cm groß) mit Stickschere und Handarbeitsgeräten für adlige Damen, Wasserflakons mit Vogeldekor, Kastanienbehälter mit Vögeln als Deckelknauf – nein, die Epoche verstand sich auf die Freuden des Lebens, soweit man dem richtigen sozialen Stand angehörte.

 

In Anbetracht der Lust des Sehens und Blätterns, der man auch als Nichtsammler in diesem Band frönen muss, geraten einem sogar gelegentliche Druckfehler in Vergessenheit. Es gehört sicher zu den sozialen Problemen unserer Zeit, dass ein Verlag von Hochglanzkunstbüchern sich keinen Korrektor mehr leisten mag. Schließlich kann man nicht alles haben.

 

Info:

Patricia Brattig (Hg.): “Glanz des Rokoko. Ludwigsburger Porzellan aus der Sammlung Jansen”, Arnoldsche Verlagsanstalt Stuttgart 2008, 335 Seiten mit über 650 Farbabbildungen, Preis 49,80 Euro, ISBN 978-3-89790-286-2, www.arnoldsche.com

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