Christiane Löhr


Einen Teppich aus Löwenzahnblüten fügte die Künstlerin Christiane Löhr 2005 zusammen - auf einer Kantenlänge von 3,70 x 1,60 Meter! In unglaublicher Feinarbeit ordnet sie organische Fundstücke aus der Natur zu geometrischen Formen und gibt ihnen damit einen unwiderstehlichen, fremden Zauber.

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Fotos auf dieser Seite: Christiane Löhr (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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06-10-2005/ Update 15-05-2010

Mit Gräsern, Samen, Pferdehaar

Künstlerin Christiane Löhr arbeitet mit den feinen, flüchtigen Fundstücken aus der Natur

 

Von Christel Heybrock

 

Wann hatten Sie zuletzt eine richtige Pusteblume in der Hand? Lange her – wahrscheinlich als Kind? Und wenn im Sommer das Gras blüht, kommen Sie wohl auch nicht auf die Idee, eine dieser Ähren mal abzupflücken und genauer anzusehen? Da ist die 1965 in Wiesbaden geborene Christiane Löhr freilich ganz anders gestrickt. Mit ihren wundersam feinen, fragilen Kunstwerken direkt aus der Natur hat sie etliche Preise und Stipendien errungen, und wer 2005 die Gelegenheit wahrnahm, ihre Arbeiten im Kunstverein Ludwigshafen und im Studio des Heidelberger Kunstvereins zu sehen, hat weder diese zarten Stücke noch die Schönheit der Grashalme je vergessen. Man nähert sich Christiane Löhrs Arbeiten und den meist achtlos übersehenen Formen der Natur mit einer Ehrfurcht und Behutsamkeit, die man an sich selber kaum kennt, und fragt sich, wie viel Power eine Frau heutzutage haben muss, um sich dermaßen gegen den Trend der Zeit zu stemmen: Leise zu sein statt laut und schrill. Einfühlsam statt draufgängerisch. Konzentriert und womöglich langsam zu arbeiten, statt oberflächlich herumzuklotzen.

 

Irgendwie wird man ins Herz getroffen von der Zartheit, mit der Christiane Löhr selber ihre Fundstücke bewertet und zusammenstellt; es scheint nichts zu geben, was sie nicht mit tiefem Ernst anerkennt und in ihr Leben integriert. Kletten und Distelfrüchte, getrocknete Efeusamen, sogar Hunde- und einzelne Pferdehaare werden unter ihren Händen zu fragilen Wunderwerken, vor denen man kaum zu atmen wagt. Dabei zwingt sie kein einziges Samenkörnchen, kein einziges Hälmchen in einen Zusammenhang, der ihm widerspräche, im Gegenteil, sie macht einem die schöpferische Energie der Natur eigentlich erst bewusst und lässt um die banalsten Dinge eine Aura wie aus einer andern Welt entstehen.

 


Aus Kletten legte Christiane Löhr dieses Quadrat zusammen - so lange man nicht hinfasst, hält es und bezaubert durch die Wiederholung der Naturformen, die zugleich eine unerschöpfliche Variation darstellt: Keine Klette ist mit einer anderen identisch ("Kleine Klettenmatte", entstanden 2002, Maße 10 x 11 cm).

 

Ist dies ihr Geheimnis, dass sie die weißen Bollen von Löwenzahn-Flugsamen, die Hakenkugeln von Kletten oder die Vielfalt von Gras-Arten in kleine Gruppen zusammenfasst und dabei geometrische Grundrisse oder architektonische Formen berücksichtigt?  Ist dies der winzige, aber entscheidende Kick, der die bisher missachteten Fundstücke in unserem Kopf aufleuchten lässt – dass Gewachsenes mit größtem Respekt einer formalen Konstruktion zugeführt wird? Resultiert aus diesem Spannungsfeld, das man zunächst gar nicht wahrnimmt, die verblüffende Intensität, mit der sich die Dinge plötzlich behaupten? Je länger man hinsieht, desto weniger kann man daran zweifeln.

 

Barbara Auer, Ausstellungskuratorin und Geschäftsführerin des Kunstvereins Ludwigshafen (sie konfrontierte Christiane Löhrs Arbeiten in einer faszinierenden Doppelausstellung mit den Arbeiten der Fotografin Sonja Braas), berichtete von ihrem ersten, etwas verzweifelten Kontakt mit einem Werk Christiane Löhrs. Es ist einige Jahre her, und damals sollte unter anderem ein Klettenobjekt ausgestellt werden – aneinander haftende Kletten ergaben die Form eines stilisierten Gefäßes, und Barbara Auer, fachgerecht wie gewohnt, wollte es mit weißen Handschuhen in Position legen... Kunstwerk und Handschuhe haben schließlich doch noch den Versuch überstanden, und die Formen sind bei Christiane Löhr inzwischen immer einfacher und radikaler geworden, aber der Umgang mit ihren zarten Objekten ist immer noch heikel. Am besten richtet sie alles selbst ein.

 


"Kleine Kuppel" nannte Christiane Löhr dieses 2008 entstandene Gewölbe aus trockenen Halmen. Eine ähnliche Arbeit war 2005 im Ludwigshafener Kunstverein zu sehen. Das kleine Werk ist eben mal 10,5 cm hoch auf einer Kantenlänge von 8 cm.

 

Für den Aufbau der Ludwigshafener Schau im Zentrum einer 500-Quadratmeter-Halle entwarf sie einen niedrigen weißen Sockel von sechs mal neun Metern und fertigte einen Plan an, wo und wie dort welche Hälmchen und Samen gruppiert werden sollten – es waren gerade mal 16 kleine Gruppen, und gerade weil sie scheinbar verloren auf der riesigen weißen Fläche standen, guckte man mit größter Konzentration hin. Da waren kleine Wälder aus Grasähren, Halm neben Halm auf quadratischem Grundriss gesteckt, wobei das Quadrat als strenge geometrische Form zunächst völlig unterging in der wie hingehauchten, duftigen Auflösung der Samenblättchen und winzigen Früchte. Wenn man es sich freilich bewusst macht, entpuppt sich das Quadrat als die einzig mögliche Ordnungsstruktur für ein solches Ensemble: Wild in die Gegend platziert, würde es jeden Zusammenhalt, jede Überzeugungskraft verlieren.

 


Ein "Gelber Würfel" aus trockenen Pflanzenstängeln, 2005 entstanden und zu sehen in der Ludwigshafener Ausstellung (Maße 12 x 11 x 11 cm).

 

Und das verhielt sich ähnlich mit einer gerade mal 17 Zentimeter hohen Arkade aus Grasstängeln, die sich unterm Gewicht ihrer Ähren ganz natürlich einander zuneigen und eine „Bogenform“ ergeben. Denkt man sich selbst hinein in diesen Raum unter den spelzigen Samen, wird man an gotische Wölbungen erinnert. Andere Gruppierungen ergeben Würfel, Kegel („Kleiner Turm“ aus Efeusamen), Kuppeln oder gar einen „Kleinen Tempel“, und in Heidelberg hing ein federleichtes, schneeweißes Kugelgewölle aus Löwenzahnflugsamen an der Wand, aufgefangen in einem hauchfeinen Haarnetz.

 


Von unendlicher Zartheit ist dieser federleichte "Samenbeutel" (2009) aus Distelsamen, aufgefangen in einem Haarnetz, das am Stahlstift an der Wand hängt (30 x 24 x 16 cm). Eine ähnliche Arbeit war 2005 im Heidelberger Kunstverein zu sehen. Christiane Löhr verleiht mitunter mit solchen Objekten auch Innenräumen ungewohnte Akzente.

 

Steht man vor solchen gewichtslosen Wunderwerken, würde man in diese Pracht am liebsten mal hineinfassen, hat Christiane Löhr doch bereits ganze „Teppiche“ aus Pusteblumensamen aneinander gefügt. Derart rüde Zugriffe jedoch sind nicht der passende Umgang mit solchen Objekten, und mit ungläubiger Bewunderung konnte man sich damals auch einer „Großen Verspannung“ nähern. Da hatte die Künstlerin einzelne lange Pferdehaare durch senkrecht stehende Nähnadeln durchgezogen und zu einer räumlichen Linienzeichnung verbunden. Die in der Mitte einander sternförmig überschneidenden Linien, die sich zu einem losen Netz fügten, liefen an den Rändern auseinander und endeten jede für sich, weil es leicht geschwungene Haare waren, in langen, schönen Kurven.

 

Die Polarität zwischen Naturform und Geometrie ist aber nicht das einzige Spannungsfeld, in dem Christiane Löhrs Kunst sich abspielt. Von seltsamem Reiz ist ebenso die Tatsache, dass man eigentlich die banalsten Dinge vor Augen hat, wie man sie auf jedem Spaziergang oder im eigenen Garten anfassen und womöglich achtlos wegwerfen würde – während man sie jetzt plötzlich nicht einmal anzutippen wagt. In die zwanglose geometrische Ordnung gebracht, üben Samen, Halme und Haare zwar eine unwiderstehliche taktile Verlockung aus, sie verweigern sich aber zugleich jedem Zugriff. Wer da anfasst, und sei es so zart wie möglich, der zerstört auch schon, und das hat nichts zu tun mit dem generellen Berührungsverbot in einer Kunstausstellung.

 

Waren 2005 in Ludwigshafen die Objekte zu sehen, so wurden in Heidelberg auch „richtige“ Handzeichnungen ausgestellt und es ließ sich verfolgen, dass die beiden Werkgruppen zutiefst verwandt sind und sich aus einer einzigen gemeinsamen Basis speisen. Auch Zeichnungen führen prinzipiell etwas vor Augen, was sich dem Zugriff entzieht und einer anderen Wirklichkeitsebene entspricht. Christiane Löhrs Blätter mit ihren spartanischen Strichen in Ölpastell oder, simpler noch, in Bleistift scheinen Pflanzenrippen, Blattadern oder zarteste Trockenzweige wiederzugeben – die Wachstumsbewegungen von Pflanzen, reduziert auf einige wenige dunkle Linien.

 

Wann haben wir zuletzt eine derartige Einfühlung in die fremden Mechanismen gesehen, mit denen Pflanzen sich ihren Platz erobern, langsam, beharrlich und sanft? Haben wir so etwas, außer nach langem Hinsehen in der Natur, überhaupt schon einmal wahrgenommen? Wie von fern kommt die Erinnerung an einen anderen Großen der Kunstgeschichte, der in verwandtem Geist, wenn auch in ganz anderer Formensprache, den unverstandenen Energien von Pflanzen auf der Spur war – Cézanne. Noch immer, so scheint es, geben unsere Mitgeschöpfe, die lautlosen Chlorophyllspender, uns ihre Rätsel auf. Die Arbeiten von Christiane Löhr machen das erneut bewusst, mit einer Nachdrücklichkeit und einem Zauber, denen man sich nicht entziehen kann. Und wie das so ist mit dem Zauber: Er wirkt nur, wenn wir ihn nicht erreichen können.

 

Infos:

 

- Christiane Löhr: „Im Raum“, Kunstverein Ludwigshafen (gemeinsam mit dem Fotozyklus „Forces“ von Sonja Braas), Bismarckstraße 44-48, vom 16. September bis 6. November 2005, www.kunstverein-ludwigshafen.de

- Christiane Löhr, Objekte und Zeichnungen, Heidelberger Kunstverein, Hauptstraße 97, vom 17. September bis 16. Oktober 2005, www.hdkv.de

Der gemeinsame Katalog erschien unter dem Titel „Der geborgte Raum“ im Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-88423-252-5, Preis 15 Euro, www.wunderhorn.de

 

- Die jüngste Ausstellung von Christiane Löhrs Arbeiten findet in der Villa Panza im norditalienischen Varese statt (Piazza Litta 1, vom 19. Mai bis 5. September 2010).

- http://www.christianeloehr.de/

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