Li Hui

"Transition"

 


Aus 13.120 Laserpunkten und zwei Nebelmaschinen dampft rotes Licht und macht aus einem Autowrack ein magisch schönes Objekt. Der chinesische Künstler Li Hui (rechts im Bild) nannte diese Installation im Mannheimer Kunstverein "Transition" - Verwandlung - vom Schrecken zur Poesie.

 

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Bilder auf dieser Seite: Manfred Rinderspacher (Copyright) mit freundlicher Genehmigung

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14-03-2010
Updated 05-08-2010

Schönheit und Schrecken

Li Huis Installation „Transition“ 2010  im Mannheimer Kunstverein

 

Von Christel Heybrock

 

Toll, dass Martin Stather, künstlerischer Leiter des Mannheimer Kunstvereins, die erste Einzelausstellung eines chinesischen Künstlers außerhalb Ostasiens ausgerechnet ins Rhein-Neckar-Dreieck geholt hat: Li Hui, 1977 in Peking geboren und dort lebend, hat seine Werke bisher zwar in seiner Heimat und in Korea gezeigt, aber nicht in Europa, und nun gleich das: Der sieben Meter hohe Ausstellungsraum im Mannheimer Kunstvereinspavillon ist leer und dunkel bis auf ein dampfendes, rot leuchtendes Autowrack. „Transition“ heißt die Installation aus Laserlicht und Autoteilen, die wie auf einem Katafalk aufgebahrt und nur noch von Gurten zusammen gehalten werden. Rotes Laserlicht strömt von der Decke herab und steigt zugleich aus unzähligen Bohrlöchern der zerstörten Karosserie empor – der tödliche Crash (und die Bearbeitung durch den Künstler, der unter anderem auch die Lackierung entfernte) hat das Fahrzeug zwar seiner ursprünglichen Funktion beraubt, aber zugleich ein magisches Objekt aus ihm gemacht, das auf geheimnisvolle Weise zu atmen und zu leben scheint. Der poetische Anblick wird noch verstärkt durch die gleichmäßigen, sanften Tonfolgen mongolischer Gesänge.

 

Was soll man davon halten? Geht es um eine Poesie des Todes und der Zerstörung? So wenig „chinesisch“ Li Huis Installation anmutet, so fremd ist sie dem abendländischen Betrachter im Kern dann doch. Was man sieht, ist ein Ergebnis tödlichen Schreckens, ohne dass Schrecken spürbar würde. Der dampfende Atem des Autowracks suggeriert die ruhige Gefahrlosigkeit einer anderen, mythischen Welt, in der es keinen Tod und keinen Schmerz gibt, sondern nur eine wunderbar pulsierende Harmonie. Machen wir Abendländer einen Denkfehler, indem wir Schönheit und Schrecken strikt auseinander halten? Wenn wir geradezu eine Frage der Ethik darin sehen, dass Schrecken und Schönheit nicht austauschbar, nicht verwechselbar sein dürfen? Wenn wir uns weigern, einen tödlichen Autounfall von spirituell-ästhetischem Standpunkt zu betrachten? Könnte man dann nicht auch die blanke Schönheit einer nuklearen Explosion bewundern? Man könnte – so lange weder Autounfälle noch atomare Pilzwolken von dafür verantwortlichen Menschen ausgelöst und andere dadurch getötet würden.

 

 

Natürlich kommen die beeindruckendsten Kunstwerke mitunter durch Zerstörung zustande, man denke nur an Günther Ueckers Nagelbilder, bei denen freilich nur Holz zerbarst und keine Menschenleben gefährdet wurden. Die Unfallszenen im Werk Andy Warhols sind von einer so nüchternen Kälte, dass sie allein dadurch schon erschrecken, und wenn Martin Stather an Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ von 1819 erinnert oder Edouard Manets „Erschießung Kaiser Maximilians“ (1868) als Beispiel aus der Kunstgeschichte zitiert, dann ging es dort um die Vergegenwärtigung, nicht um die Umkehrung realer Katastrophen. In die Kategorie anklagender Dokumentationen kann man auch Goyas Radierzyklus „Desastres de la Guerra“ (1810-1813) oder, noch früher, die grauenvollen Stiche Jacques Callots aus dem Dreißigjährigen Krieg einordnen.

 

Sie alle sind nicht vergleichbar mit Li Huis „Transition“, mit dem Übergang, der Verwandlung vom Schrecken zur Poesie. In der chinesischen Philosophie sei, so erklärte Li Hui an anderer Stelle einmal, die „Wandlung von etwas Negativem in etwas Positives fest verwurzelt“. Wenn in „Transition“ ein zerstörter Gegenstand zum Symbol von Harmonie wird, findet eine dramatische Gegensätzlichkeit in einem Kunstwerk zum Gleichgewicht. In der Mentalität westlicher und östlicher Betrachter liegt dagegen eine Diskrepanz, die nicht unbedingt schon überbrückt ist. Die willige Gedankenlosigkeit, mit der man als europäischer Betrachter die Schönheit dieses Kunstwerks genießt, fordert zur selbstkritischen Reflektion heraus und macht einen stutzig angesichts der eigenen Rezeption. Man steht in diesem leeren schwarzen Raum und fühlt sich förmlich beglückt von dem rot dampfenden Atem eines Gegenstands, der fast zu leben scheint. Kein Schmerz, kein Tod, kein Schrecken, das war vorher, man achtet kaum noch darauf. Der Verstand tritt all zu gerne in den Hintergrund und schweigt.

 

Ach ja, diese ewig gespaltenen Westmenschen und ihr Problembewusstsein ...

 

Übrigens: Wer sich über die praktische Umsetzung von Li Huis "Transition"-Konzept informieren möchte, ist mit einem schmalen Katalogheftchen des Kunstvereins gut bedient. Aus einer Fotostrecke geht der Arbeitsablauf hervor, vom Modell des Mannheimer Ausstellungsraumes über die Suche nach einem Unfallwagen auf einem chinesischen Schrottplatz (das Wrack ist ein Beijing Jeep 2007) bis hin zu dessen Ausschlachten, Durchlöchern (für die 13.120 Laserlichter sowie zwei Nebelmaschinen) und Bandagieren. Das Wrack wurde per Schiff auf die weite Reise geschickt und schließlich in Mannheim eingerichtet. In China sei das Auto, so der amerikanische Kunstpublizist Charles Merewether, das Symbol individueller Freiheit wie auch der Gefahren modernen Lebens. Das klingt banal, bedeutet in der chinesischen Gesellschaft aber eine Revolution, die das Riesenreich von innen her umkrempelt. Freiheit und Individualität sind in der chinesischen Kultur radikal neue Begriffe - auch das Land selbst ist in "Transition" ... mit bisher unabsehbaren Folgen.

 

Info:
Li Hui: „Transition“, Mannheimer Kunstverein, Augustaanlage 58, vom 7. Februar bis 4. April 2010, Dienstag bis Sonntag 12-17 Uhr, Katalogheft 5 Euro, mit Texten von Martin Stather und Charles Merewether, www.mannheimer-kunstverein.de

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