Leonardo da Vinci
"Mona Lisa"


Das Cover des "Mona Lisa"-Bandes bei Schirmer/Mosel

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Wer war Mona Lisa - ein gelöstes Rätsel

28-06-2006

Das Bild einer Frau als stummes Vermächtnis

Leonardos „Mona Lisa“ im Labor moderner Wissenschaftler – nachzulesen bei Schirmer/Mosel

 

Von Christel Heybrock 

 

Gibt es ein berühmteres Gemälde als Leonardo da Vincis “Mona Lisa”? Sie ist schlechthin eine Ikone abendländischer Malerei. Jeder kennt sie, auch wenn es nur durch Reproduktionen ist, und jeder – liebt sie? Wohl eher nicht, aber wer mag das zugeben? Wer sich plötzlich im Pariser Louvre ihr gegenüber befindet, kämpft erst mal mit Enttäuschung: Dieses eben 80 auf knapp 55 Zentimeter große Bild, dieses gelblich-braune, düstere Porträt, das soll einen faszinieren? Na ja, das Lächeln, von dem man nicht weiß, wo es eigentlich sitzt, in den Augen oder um den Mund herum – dieses Lächeln hat schon was, aber reicht das, um davor in die Knie zu gehen?

 


Leonardos "Mona Lisa" - nach mehr als 500 Jahren etwas ramponiert, aber immer noch eine Ikone abendländischer Malerei.
Foto: C2RMF/E. Lambert (Copyright) - courtesy Schirmer/Mosel

 

Mit dieser etwas ratlosen Einstellung ist der Besucher nicht allein. Niemand weiß besser als die Restauratoren, dass die „Mona Lisa“ nach mehr als 500 Jahren (Leonardo begann das Auftragswerk um 1503/1504 und beendete es nie ganz) mit ihrer ursprünglichen Farbenfrische nicht mehr aufwarten kann. Besonders Blau- und Rottöne haben sich verändert, und über allem liegen Firnisschichten, die nicht nur vergilbt und besonders am Kleid der Figur fast lichtundurchlässig geworden sind, sondern sich stellenweise auch gelöst und mit darunter liegendem, bei früheren Auffrischungsversuchen eingefangenem Staub vermischt haben. Die weiche Harzschicht „beeinträchtigt die Betrachtung des Werkes erheblich und verunklärt seine Lesbarkeit“, geben die Fachleute unumwunden zu. Aber sie meinen auch, diese „Patina“ sei Teil der Faszination des Bildes (dazu muss man wohl Fachmann sein) und warnen davor, den Firnis abzutragen: Die „Mona Lisa“ sei zwar in erstaunlich gutem Erhaltungszustand, aber altersbedingt hätten sich bestimmte Pigmente unterm Firnis verändert und eine Freilegung könne zur Katastrophe führen.

 

All diese Überlegungen und noch viele mehr sind nachzulesen in einem großformatigen Bildband des Schirmer/Mosel Verlags, der seine aus mittlerweile sieben Titeln bestehende Leonardo-Ausgabe damit fortsetzt und krönt – ein Band zum genussvollen Blättern und Gucken ist es aber nicht geworden, sondern eher schwierige, an Experten gerichtete Kost und damit ein beachtliches verlegerisches Risiko trotz der höchst einfühlsamen Ausstattung, wie man sie bei diesem Verlag stets findet. Wer sich als Laie durchbeißt, wird aber auch ohne das Verstehen aller wissenschaftlicher Details dieses Bild besser kennen lernen als jemals vorher, er wird lernen, es in seiner überragenden Bedeutung einzuschätzen, und zwar nicht durch philosophische Deutungen und kunsthistorische Interpretation, sondern durch nüchterne Messergebnisse moderner Hightech-Anlagen.

 

Im Oktober 2004 nahmen sich Wissenschaftler des Centre de recherche et de restauration des musées de France (C2RMF) das Bild vor, weil es in eine neue Klimavitrine kommen sollte. Sie wollten wissen, welche Einrichtungen nötig waren, um die „Mona Lisa“ weiterhin optimal und vielleicht besser als zuvor zu schützen. An sieben Tagen wurde das Bild unbemerkt vom Publikumsverkehr untersucht – immer von Montag Abend bis Mittwoch Morgen (der Louvre ist dienstags geschlossen), und die konsequent nichtinvasiven Methoden ersparten der „Mona Lisa“ auch jede noch so winzige Materialentnahme. Seit April 2005 befindet sie sich als das besterforschte Gemälde des Hauses in ihrer neuen Vitrine, permanent überwacht durch einen Sensor in den Aluminiumstreben des Rahmengestells auf der Rückseite, der alle 15 Minuten mögliche Verformungen aufzeichnet.

 

Die nämlich sind ein Hauptproblem des Bildes. Leonardo malte es auf Pappelholz, das nicht radial aus dem Baum geschnitten ist, sondern tangential, so dass die Jahresringe, statt sich konzentrisch um einen Mittelpunkt zu ziehen, als Ellipsen den Kernbereich des Baumes asymmetrisch anlaufen. Das machte das Bild offenbar schon früh druck- und verformungsgefährdet. So ist es durch einen fast 12 Zentimeter langen Riss beschädigt, der sich von der oberen Kante bis auf das Haar der Mona Lisa zieht (gut zu erkennen auf dem großen Foto oben). Der Riss wurde zwar schon früh (im 19. Jahrhundert?) durch zwei Schwalbenschwanz-Keile auf der Rückseite fixiert und dehnt sich nicht weiter aus, er scheint aber auch schon früh entstanden zu sein, womöglich bereits verursacht durch französische Rahmenmacher, die König Franz I. beim Erwerb des Bildes nach Leonardos Tod 1519 heranzog. Sie waren mit den Eigenheiten dieses Plattenschnitts offenbar nicht vertraut und pressten die „Mona Lisa“ in ein zu enges Korsett, in dem temperatur- und feuchtigkeitsbedingte Veränderungen der Platte nicht aufgefangen werden konnten.

 


Das Auge der Mona Lisa - unglaublich fein gemalt, aber von schlimmem Craquelé überzogen.

Foto: C2RMF/E. Lambert (Copyright) - courtesy Schirmer/Mosel

 

Das dichte Craquelé, das bei genauer Betrachtung wie ein Schleier über dem Bild liegt und es dem Sehen entrückt, hat seine Ursache ebenfalls im unsachgemäßen Umgang mit der Holzplatte, die noch nach Jahrhunderten arbeitet: Schon die Herausnahme des Bildes aus der Vitrine im Museumssaal und die Entfernung des Rahmens für die Untersuchungen verursachten Veränderungen der Platte im Millimeterbereich, und die Wölbung des Holzes an einigen Stellen ließ sich gar in Zentimetern messen. Zur Geschichte des Bildes gehören auch ein Diebstahl 1911, der ihm nicht gut tat, und das Attentat eines Geistesgestörten 1956, der mit einem Stein die schützende Glasplatte zertrümmerte und die Malschicht am linken Ellbogen der Mona Lisa bis auf die Grundierung verletzte (auch dieser Defekt ist auf dem Foto oben gut zu erkennen). Seitdem wird das Bild hinter Panzerglas ausgestellt.

 

Was die Wissenschaftler besonders interessierte, war die Frage nach Leonardos Maltechnik, nach dem berühmten „sfumato“, den weichen, linienlosen Übergängen. Eine Vorzeichnung wurde nicht gefunden, nur an wenigen Stellen (beispielsweise an einer Hand) scheint Leonardo sich korrigiert zu haben, ansonsten warf er das Bild sozusagen „freihändig“ auf die weiße Grundierung. In seinem „Traktat über die Malerei“ plädiert er ausdrücklich für die „Verschmelzung der Pinselstriche“ – noch Jahrhunderte nach ihm machen Maler die Erfahrung, dass die Linie eine Abstraktion ist und in der Natur praktisch nicht existiert. Mit der „Mona Lisa“ wollte Leonardo der Wirklichkeit, dem Leben so nah wie möglich kommen, er wollte es buchstäblich aufnehmen damit: Für einen Maler gibt es kein ehrgeizigeres Ziel.

 


Mund und Nase der Mona Lisa, hinter den Rissen der Farbschicht immer noch so fein wie hingehauchtes Leben.
Foto: C2RMF/E. Lambert (Copyright) - courtesy Schirmer/Mosel

 

Die Wissenschaftler fanden daher nicht nur in der Hintergrundslandschaft stufenlose, feinste Farbaufträge, sondern vor allem beim Inkarnat, bei den Hauttönen der Figur, wobei die rosigen Pigmente sich zwar verändert haben. Als meisterhaft aber erweisen sich immer noch just die Partien an Augen und Mund, die mit ihrem nicht zu definierenden „Lächeln“ faszinieren: Die Röntgenfluoreszenz-Analyse ergab, dass Pigmente aus Umbra-Erde, in Walnussöl als Bindemittel gelöst, in nur wenige Mikrometer dicken Schichten aufgetragen sind, sozusagen fast flüssig oder wie hingehauchte Filmlagen. Intensive Schatten sind direkt auf die Grundierung gemalt, helle Hauttöne mit „unendlicher Feinheit verschleiert“. „Leonardo hat die Zartheit des Aquarells auf die Ölmalerei übertragen und dabei die Formen ungemein subtil, unter Vermeidung jeden graphischen Aspekts, gestaltet“, befanden die Fachleute. Es sei eine „Malerei ohne Unebenheiten“, eine Malerei, der sie „außerordentliche Sorgfalt der Ausführung“ bescheinigen, „besonders in der virtuosen Überlagerung hauchdünner, unterschiedlich transparenter und opaker Schichten“.

 

Was heute nicht mehr offensichtlich ist, der Infrarot-Reflektographie aber nicht entging, ist die Tatsache, dass Leonardo Kopf und Körper der Mona Lisa mit einem transparenten, unmerklich flirrenden und vibrierenden Schleier umgab. Es ist ein Effekt unterhalb der Sichtbarkeit, der aber ebenso subtil Wirklichkeit und Leben suggeriert, wie die unglaublich dünnen, unregelmäßigen Lasuren mit ihrem fast inexistenten Pigmentmaterial die Haut an bestimmten Stellen pulsieren lassen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass Leonardo mit diesem Bild sein Meisterstück versuchte. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass er es bis zu seinem Lebensende behielt, offenbar immer wieder herausgefordert von der verzweifelten Erkenntnis, dass die Natur der Malerei stets ein Stück voraus ist.

 

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ein Aspekt, den die Wissenschaftler gar nicht berührten, nämlich dass Mona Lisa den Betrachter ebenso auffordernd wie rätselhaft ansieht. Ihr Blick saugt das Sehen förmlich an und hält einen doch auf Distanz. Leonardo, der seine Erkenntnisse über die Natur und seine Meisterschaft als Maler dem forschenden und erkennenden Sehen verdankte, breitet offenbar vor den Augen der Betrachter aus, was er gefunden und gemeistert hat. Seht hin, sagt dieses Bild. Seht selber! Versucht zu erkennen, was hier verborgen liegt, worin mein Vermächtnis besteht: im Sehen. „Dieses außergewöhnliche Gemälde schafft eine Parallele zwischen dem mit den Naturkräften verbundenen Leben und der menschlichen Seele“, ist das Resümee des Bandes. Dem kann man nur zustimmen.

 

Info:

- Leonardo da Vinci: „Im Herzen der Mona Lisa. Dekodierung eines Meisterwerks“, Verlag Schirmer/Mosel, München 2006, 128 Seiten mit 280 überwiegend farbigen Tafeln, Format 30 x 45 cm, ISBN 3-8296-0233-2, Preis 58 Euro, www.schirmer-mosel.com

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