Bildhauer Dieter Lahme


Dieter Lahme, der Mann, der das "Lebenskreuz" (ursprünglich"Babykreuz") erfand - und andere variable plastische Formen.

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Fotos auf dieser Seite: Dieter Lahme (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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20-09-2004/ Update 08-05-2010

Menschlich, blütenhaft, spirituell – die ideale Form
Bildhauer Dieter Lahme hat Mannheim Ende 2004 verlassen, im Gepäck das „Babykreuz“

Von Christel Heybrock

 

“Hier komm’ ich jetzt nicht mehr weiter”, bekannte er nüchtern. „Und ich hab mich auch gefragt, ob ich hier sterben möchte? Um Gottes willen, nein!“ Bildhauer Dieter Lahme, seit1960 in Mannheim ansässig, verließ nach 44 Jahren zum 1. Dezember 2004 nicht nur die Stadt, sondern die Region, und wer sich die sehr speziellen Ziele und Ergebnisse seiner Kunst vor Augen hielt, fragte sich insgeheim, wie er es hier nur so lange hatte aushalten können. Gebürtig aus Emmerich in Norddeutschland (1938) und aufgewachsen in Kandern im Schwarzwald (wohin es ihn auch nicht eben zurückzog), hatte der Zufall ihn mit einem alten Schulgebäude in Klein Wanzleben zusammengeführt, einem Nest in Sachsen-Anhalt in der Nähe von Magdeburg – und das war Liebe auf den ersten Blick, sowohl was das Nest betraf („ich hab mich hier sofort zuhause gefühlt“) als auch hinsichtlich des zukünftigen Domizils: roter Klinkerbau Anfang 20. Jahrhundert mit viel, viel Platz zum Leben, Arbeiten und Kontakte Pflegen.

 

Die Kontakte nämlich sind ein zentraler Bestandteil von Lahmes Kunst. Wer einzelne Werke mit der üblichen musealen Ehrfurcht zu bewundern bereit ist, kommt nicht weit. Seltsam glatte, simple Formen, schwellend rund mitunter wie pralle Früchte oder Blüten, oder aber eckig, kubisch, an Hausformen erinnernd ... man hat das auf den ersten Blick zu Ende gesehen und fühlt sich ernüchtert, zurückgewiesen von so viel vermeintlicher Anspruchslosigkeit. Tatsächlich – Lahmes Kunst besteht nicht aus „vollkommenen“, in sich abgeschlossenen Einzelwerken, sondern aus der Idee eines offenen sozialen Konzepts. Fertig im traditionellen Sinn will sie bewusst nicht sein, die Rezipienten sollen die Objekte vielmehr selber spielerisch variieren und immer wieder verändern. Anfassen, Auseinandernehmen und anders Zusammensetzen, das ist nicht nur erlaubt, sondern geradezu Voraussetzung des Be-„greifens“. Mit komplizierten Formen, deren Bestandteile hoch spezialisiert nur eine einzige Position in einem festgelegten Zusammenhang einnehmen können, mit solchen Formen geht das nicht. Bei Lahme müssen vielmehr die einzelnen Komponenten sowohl mehrdeutig als auch einfach sein, und bei ihm sind sie noch dazu ausgesprochen knackig, griffig, irgendwie kindlich vertraut und von eben solcher herben Distanz wie erfüllt von menschlicher Wärme.

 

Diese „Plastischen Systeme“, von Lahme seit 1982 meist in handlichen Spielformaten entwickelt, wurden in der Mannheimer Kunsthalle, im Ludwigshafener Hack-Museum und der ganzen Region immer wieder ausgestellt. Auch im öffentlichen Raum hat Lahme eine Menge Spuren hinterlassen. Seit er nach dem Grafikstudium in Basel ins Rhein-Neckar-Dreieck kam, hatte er hier so etwas wie eine kulturelle Heimat, die freilich angesichts der traditionellen Dickfelligkeit des ansässigen Kulturpublikums in Sachen Bildende Kunst wohl nicht einfach gewesen sein dürfte. Hier geht „man“ immer noch eher ins Theater, in die Oper oder ins Konzert als ins Museum, und Lahme, phantasievoll und in mehrfacher Hinsicht begabt, war durchaus nicht der Mann, der sich festlegt und den Blick nur noch geradeaus richtet. Er kam den Mannheimern mit einem Marionettentheater entgegen, drehte Filme, hatte Lehraufträge, machte Musik und widmete dem Thema Kunstvermittlung eine Menge persönlicher Energien. Hat es was genützt? Ist das Publikum zwischen Rhein und Neckar dank Lahmes Aktivitäten aufgeschlossener, neugieriger, spielerischer geworden? Ähm, na ja. Aber ob es da in Klein Wanzleben anders zugeht?

 


Das Babykreuz, Version mit Reißverschluss, entnommen Lahmes Lebenskreuz-Galerie (Nr. 132) im Internet vom 10. März 2008.

 

Aus den Plastischen Systemen, die unter anderem auf der Kleinplastik Triennale in Fellbach, bei Hans van der Grinten im Museum Katharinenhof und bei der Galerie Swetec in Düsseldorf Furore machten, entwickelte sich auf einmal eine Urform, das Kreuz. Nun ist ein Kreuz nichts Besonderes und entsteht zwangsläufig, wenn man Flächen oder Kuben übereinander und nebeneinander legt oder steckt. Aber so kalt geometrisch sind Lahmes Formkörper ja nie, und da war es kein Wunder, dass seine Kreuze schon mal an Blüten, Menschen oder knuddelige Kleinkinder erinnerten. Das „Babykreuz“ war entstanden. Es dauerte bis 2002, bis Lahme realisierte, was er da in die Welt gesetzt hatte. Und nun wurde es systematisch. Das „Babykreuz“, später allgemeiner als "Lebenskreuz" bezeichnet,  bekam eine simple, massenhaft zu vervielfältigende und durch Accessoires doch stets sehr individuell zu verändernde Form, eine Form, die sich noch dazu in Holz, Metall oder Keramik sowie in jeder denkbaren Größe zwischen winzigem Schmuckstück, handlichem Spielzeug und Monument realisieren ließ. Auf seiner Website veröffentlichte Lahme in vollkommener Klarheit und Kommunikationsfreude sogar die Planskizze des Urmodells, und die zeigte einen in vier gleiche Abschnitte geteilten Kreuzstamm, der oben und unten in einer abgerundeten Spitze endet, während die Kreuzarme eben die Abschnitte mit den abgerundeten Spitzen noch einmal wiederholen, einen rechts, einen links. Das ist alles, und es wurde mittlerweile als „Babykreuz“ oder „Lebenskreuz“ sogar patentiert.

 

„Frauen tragen es spontan so“, erläutert Lahme und legt das Kreuz wie ein Baby, mit den Händen  fast zärtlich gestützt, an den Oberkörper. Das Holz ist samtweich poliert wie eine lebendige Haut, der Korpus nach „vorn“ hin gerundet, man muss ihn nicht nur angucken, sondern ordentlich fühlen, eine physische Beziehung zu ihm aufbauen – eine der kulturübergreifenden Urformen der Menschheit erweist sich unversehens als schmusig. Aber natürlich nicht nur das. In Keramik wirkt das Babykreuz ganz anders, farbig, fröhlich, leuchtend, fast ein Gebrauchsgegenstand. Dass Lahme seit 2003 eine enge Beziehung zur Staatlichen Majolika Manufaktur in Karlsruhe hat, kommt dem Babykreuz zugute. Halb Menschlein mit ausgebreiteten Ärmchen, halb Blüte, halb Reminiszenz auch an das Architekturmotiv des mittelalterlichen Dreipasses oder einfach an die Verbindung von Himmel und Erde, Oben und Unten, an Nähe und Weltkreis, an materielle und spirituelle Substanz, deckt das Babykreuz mit seiner simplen Form eine unglaubliche inhaltliche Spannweite ab.

 


Auch im Weltall - hier eine Fotocollage mit dem Landeanflug auf den Mond - sind Babykreuze denkbar. Es gibt eigentlich keine Situation, in der sie nicht denkbar wären.

 

Natürlich kann man es religiös verstehen – Lahme ist katholisch (seine Frau Rosl evangelisch) und hat die Zusammenarbeit mit kirchlichen Institutionen nie gescheut. Eine Anfrage bei den Bischöfen beider Konfessionen brachte überwältigende Resonanz. Aber „die Darstellung der Passion ist nicht Anliegen“, betont Lahme. Das Kreuz soll, wird es denn überhaupt christlich verstanden, vielmehr ökumenische Ziele wie beispielsweise Versöhnung formulieren. Darüber hinaus ist es in keiner Weise inhaltlich festgelegt. Es kann als Apfel- oder Löffelhalter, als Spieluhr mit integriertem Laufwerk, als Anhänger am Halskettchen oder als variable, witzige Steckfigur fast jede Äußerung menschlichen Spieltriebs mitmachen. Als Basis dient zwar die Holzversion in den Maßen 22,5 x 13,5 x 4,5 cm (in dieser Größe ist es für 250 Euro übrigens auch zu kaufen), im Atelier collagierte Lahme es aber sogar mit Pressefotos aus Zeitungen und Illustrierten, auch mal mit einem Lottoschein, auf dem ja auch Kreuze vorkommen – und damit gewinnt das Baby- oder Lebenskreuz plötzlich auch noch eine surrealistische Dimension.

 


Die Großplastik "Doppelhof" auf der Landesgartenschau in Aschersleben 2010. Die aus Aluminium-Elementen zusammengeschweißte Plastik hat die Maße 145 x 99 x 90 cm und nimmt ein unendlich variables Motiv aus den neunziger Jahren wieder auf: die Hausform in Verbindung mit einem Mauerwinkel. Von unten nach oben betrachtet, erhebt sich hier ein solcher Mauerwinkel auf einem spitzgiebligen Hausdach und trägt seinerseits ein umgedrehtes Haus, das in der Giebelzone wieder von einem Mauerwinkel umgeben wird. In Aschersleben steht die Skulptur zwischen kugelförmig geschnittenen Buchsbäumen in der Nähe des Nord-Eingangs, wodurch sich ein besonders geschützter und visuell anregender Zusammenhang ergibt. 

 

In Hunderten von Versionen fand sich das Babykreuz bereits in der Mannheimer Atelierwohnung; der Umzug nach Klein Wanzleben wurde aber nicht nur deswegen zur aufreibenden Arbeit. Schließlich sollten auch die „Plastischen Systeme“ dort weiter geführt werden, und mit einer Aluminium-Großplastik auf der Landesgartenschau 2010 in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) nahm Lahme sein altes „Doppelhof“-Thema aus den neunziger Jahren wieder auf: miteinander verbundene und zugleich voneinander abgegrenzte Hausformen und Mauerwinkel, die als abstrakte Formen aufgefasst werden können, aber auch an vertraute Schutzräume für den Alltag erinnern. Dass die Betrachter in den neunziger Jahren mit den kleinformatigen Elementen aus gesägtem Eisen spielerisch umgehen und selber eine schier unendliche Fülle von Varianten zusammensetzen konnten, lässt sich zwar bei der Großplastik im Park nicht realisieren, aber es ist nicht verboten, den „Doppelhof“ in Aschersleben zumindest im Kopf auseinander zu nehmen und die Teile anders zu kombinieren.

 

Der Knackpunkt bei Lahmes Architekturmotiven liegt nämlich darin, dass sie zwar immer auf einfache Grundformen reduziert sind, aber sich latent auf lebendige Organismen beziehen, häufig auf den menschlichen Körper – Lahme hat seine künstlerische Entwicklung einst mit Figurendarstellungen begonnen. Auch ein surrealer Witz, ein phantasievolles Ausufern in Richtung banaler Alltagsdinge gehört dazu ... womit nicht zuletzt die Galerie der Baby- oder Lebenskreuze ja reich gesegnet ist. Und dass Lahmes Besucher sich wiederum ihre eigenen Kreuzvarianten austüfteln können, ist selbstverständlich. Auf seiner Webseite können sich neben der Galerie seiner eigenen Schöpfungen die Werke seiner Rezipienten durchaus sehen lassen.

 


Kunst nach Noten - Noch ein Baby- oder Lebenskreuz, dieses Mal musikalisch.

 

Und das "Lebenskreuz" hat zusätzlich zur "Doppelhof"-Großplastik die Landesgartenschau Aschersleben erobert: Im Kirchengarten errichtete Lahme ein "Altarlebenskreuz" nebst einer Ausstellung (ab 13. Mai 2010) seiner Kreuz-Assemblagen der letzten sieben Jahre. Die tollsten "Lebenskreuze" sind da zu sehen, bestückt mit Haarspangen, Nähgarn, Besteckteilen oder Knallfröschen. Das christliche Symbol, verankert im "Hier und Jetzt".

 

Infos:

- http://www.babykreuz.de
- http://www.lebenskreuz.com

- Landesgartenschau Aschersleben bis 10. Oktober 2010.

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