Julius Meier-Graefe (1867-1935)

Biograf Vincent van Goghs

 

 

Kunstschriftsteller und Van-Gogh-Biograf Julius Meier-Graefe auf einem Porträt von Lovis Corinth 1912-1914. Für den Mythos van Goghs als eines verkannten, halb wahnsinnigen Genies ist vor allem Meier-Graefe verantwortlich - nicht ganz uneigennützig und vor allem entgegen den historischen Tatsachen, wie Autor Stefan Koldehoff 2002 recherchierte. Das Gemälde ist im Besitz des Musée d'Orsay in Paris.
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03-03-2003

Update 22-08-2010

Schrecklich, dieser Mythos vom Künstler

Stefan Koldehoff  stößt den berühmten van-Gogh-Biografen Julius Meier-Graefe vom Sockel

 

Von Christel Heybrock

 

Der Wahrheit und nur der ist die Wissenschaft und natürlich jeder seriöse Publizist verpflichtet. Wer will schon seine Leser täuschen, noch dazu in Dingen, die sie ja nicht selber nachprüfen können? Nur, leider, ist die Wahrheit mitunter so langweilig und banal, dass keiner sie lesen will, und Erfolg hat man womöglich gar keinen damit. Der Kunstkritiker Stefan Koldehoff ließ sich davon nicht anfechten und nahm in einer kleinen Schrift den berühmten und wohl immer noch populären Kunstpublizisten Julius Meier-Graefe (1867-1935) auseinander. Dessen flotter Schreibe war es vor allem zu verdanken, dass sich bei einem breiten Publikum in Deutschland die zuvor geschmähten französischen Impressionisten und das Malergenie Vincent van Gogh durchsetzen konnten. Alles gelogen, sagt Koldehoff heute, Meier-Graefe hat, zumindest was van Gogh betrifft, schamlos einen Mythos aufgebaut, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. In seiner Schrift „Meier-Graefes van Gogh“, erschienen als Band 12 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, die bei der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA erscheint, räumt Koldehoff nach peniblen Recherchen gründlich auf.

 

Nicht, dass er dem Maler van Gogh nun am Zeuge flicken würde. Dessen Rang ist und bleibt unbestritten. Es geht nur um eine Menge Details, die zur Legendenbildung beigetragen haben. Und die ist, wie Koldehoff natürlich nicht verschweigt, außer Meier-Graefe auch noch der geschickt taktierenden Nachlassverwalterin Johanna van Gogh-Bonger (1862-1925) zu verdanken, der Witwe von Vincents Bruder Theo. Johanna Bonger von der einen, Meier-Graefe von der andern Seite erreichten, dass Vincent van Gogh noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten zu einem der populärsten Künstler überhaupt wurde, auch wenn sich gegen Museumsankäufe damals immer noch nationalistische deutsche Stimmen erhoben. Bereits „in jener Zeit entsteht das für viele bis heute gültige Bild vom Künstler zwischen unverstandenem Genie und schicksalhaftem Wahnsinn“, betont Koldehoff, der sich grundsätzlich schon an Meier-Graefes ekstatischem Schreibstil stört. Die freie und freilich sehr subjektive Identifikation Meier-Graefes mit van Gogh, dessen künstlerisches Selbstverständnis, dessen Getriebenheit er zu vermitteln suchte, scheint dem eher rational veranlagten Koldehoff zutiefst verdächtig.

 

Während nämlich der Maler selber in seinen Briefen an den Bruder Theo stets klug und kritisch seine künstlerische Position analysiert habe, erscheine van Gogh bei Meier-Graefe als bewusstlos mit dem Pinsel Rasender, dessen Leidenschaft schon das Genie ausmachte, das in die banale Welt nicht habe passen wollen. Van Gogh ein tragisch Unverstandener? Blödsinn, sagt Koldehoff sinngemäß. In seiner Pariser Zeit war er gut integriert in die postimpressionistische Künstlerszene, und noch 1889 im Hospital zu Arles wurde er beispielsweise von seinem Kollegen Paul Signac besucht. Als van Gogh im Juli 1890 starb, habe die Familie 37 Kondolenzschreiben aus aller Welt erhalten – allein daraus müsse bereits der Grad an Bekanntheit und Wertschätzung hervorgehen, den van Gogh zu Lebzeiten genossen habe.

 


Eines der beiden "Selbstbildnisse mit verbundenem Ohr", die van Gogh 1888/1898 nach seinem Anfall schuf. Aber hat der Maler sich wirklich das Ohr abgeschnitten und anschließend einer Prostituierten überreicht, wie die Legende sagt? Stimmt nicht, betont Herausgeber Walter Vitt im Nachwort zu Stefan Koldehoffs kritischem Bändchen "Meier-Graefes van Gogh". Die Sache mit dem Ohr, das in Wirklichkeit nur angeschnitten, nicht abgeschnitten war, ist eine Zeitungsente von 1888, andernfalls sei, so Vitt, van Gogh auf der Stelle verblutet. Die Legendenbildung über van Gogh scheint also schon zu Lebzeiten des Künstlers angefangen zu haben und nicht erst mit Meier-Graefe, der sie freilich perfektionierte. Das abgebildete Selbstporträt entstand 1889 und ist im Besitz der Courtauld Institute Galleries in London.
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Wikimedia Commons

 

War er dennoch das einsame Genie, das zeitlebens nur ein einziges Bild verkaufen konnte? Stimmt überhaupt nicht, weist Koldehoff mühelos nach. Van Gogh hat zu Lebzeiten etliche Bilder verkauft, wenn auch nicht überwältigend viele.  Hat sich van Gogh, wie Meier-Graefe dramatisierte, wirklich in einem Anfall von Wahnsinn erschossen, weil beim Malen im Freien „die Sonne ihm... alle Haare vom Schädel gebrannt“ habe? Nicht doch, so Koldehoff, als der Arzt Paul-Ferdinand Gachet den Freund auf dem Totenbett zeichnete, habe van Gogh noch deutliche Haare besessen. Eine so akribische Haarspalterei wundert den Leser Koldehoffs nun doch etwas, zumal die obskure Rolle, die gerade Gachet beim Todeskampf van Goghs gespielt zu haben scheint, von ihm mit keiner Silbe erwähnt wird. Andererseits muss man Meier-Graefe wohl nicht nur seines hymnischen Stils wegen distanzierter sehen als bisher, belegt Koldehoff doch fast beiläufig, dass der berühmte Kunstschriftsteller auch finanzielle Vorteile von der selbst inszenierten Heiligenfigur van Gogh genoss: Er besaß Werke des Künstlers und holte beim Verkauf sicher recht schöne Erträge heraus – bis sich im Rahmen eines Fälschungsskandals herausstellte, dass der Kenner Meier-Graefe (wohl unwissentlich) einem Fälscher Echtheitsexpertisen ausgestellt hatte. Den unbefangenen Leser muten solche Dinge erheblich schwer wiegender an als ein unsachlicher Schreibstil.

 

Im übrigen berührt Koldehoffs kritischer Standpunkt einen Kern schriftstellerischer Arbeit. Wenn es gilt, einem Lesepublikum künstlerische Ziele, das Selbstverständnis und die Suche eines Malers nach seinen zutiefst eigenen Ausdrucksweisen zu vermitteln, dann dürfte das nicht in kühlem Behördendeutsch gelingen. Meier-Graefes flammende Sätze mögen aus heutiger Sicht die Grenze zur Peinlichkeit mitunter überschreiten, aber dass sie keine Fakten, sondern Emotionen ausdrücken und eine individuelle Näherung an eine Künstlerpersönlichkeit darstellen statt einer nüchternen Bestandsaufnahme, das wird noch dem unbedarftesten Leser klar sein. Der Mythos vom Künstler – ist er wirklich so schrecklich, ist er tatsächlich nichts als Lüge? Welche Rolle kann Kunst noch spielen, wenn man ihr die Fähigkeit wegdiskutiert, ins Innere von Menschen einzudringen? Sicher lassen sich Meier-Graefe sachliche Fehler nachweisen. Aber war sein Versuch, van Gogh gleichsam von innen zu verstehen, wirklich nichts als ein einziger Fehler? Lässt sich Kunst überhaupt vermitteln, als handle es sich um klar definierbare Fakten?

 

Info:

- Stefan Koldehoff: „Meier-Graefes van Gogh. Wie Fiktionen zu Fakten werden“, Band 12 der Reihe „Schriften zur Kunstkritik“, herausgegeben von Walter Vitt, Köln 2002, 48 Seiten, 9,10 Euro, ISBN 3-936363-05-6, http://aica.de

- Stefan Kolldehoff hat zwei weitere Bücher über Vincent van Gogh geschrieben:

a) „Vincent van Gogh – Mythos und Wirklichkeit“, DuMont Verlag Köln 2003, ISBN 3-8321-7267-X

b) „Vincent van Gogh“, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2003, ISBN 3-499-50620-3.

Die beiden Titel sind zur Zeit vergriffen (Stand 2010).
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