Kikes Collagen

zum Thema Religion

 


Zwei Raffael-Engel an ungewohntem Ort: statt die "Sixtinische Madonna" zu begleiten (diesem berühmten Gemälde wurden sie entnommen), haben sie es sich in völlig verdreckten Schuhen bequem gemacht. Künstlerin Kike konfrontiert mit dieser Collage die himmlisch entrückte Sphäre mit irdischer Realität - irdisch im niedrigsten Sinn von Acker, Erde und Schlamm. Das kleine Werk ist Teil von Kikes Auseinandersetzung mit religiösen Themen (allerdings nicht Teil der hier besprochenen Ausstellung im Mannheimer Bildungszentrum Sanctclara).

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/KikeReligion.html

 

Fotos auf dieser Seite: Kike (Copyright) mit freundlicher Genehmigung zur Reproduktion

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21-01-2010

Update 24-05-2011

Nachdenken über Himmel, Erde und heilige Dinge

Der Bilderreichtum der Religion in Kikes Collagen-Werk

 

Von Christel Heybrock

 

Die katholische Kirche – vor allem sie – hat ihre Gläubigen (und die es werden sollten) seit Jahrhunderten mit einem unglaublichen Reichtum an Bildeindrücken zu überzeugen, beziehungsweise bei der Stange zu halten versucht. Denn was wir sehen, wird von uns ungefragt erst mal als real empfunden. Kein Wunder, dass eine in Bildern denkende und Zusammenhänge erforschende Künstlerin wie Kike sich immer wieder gezielt mit religiösen Bildinhalten auseinandersetzt. Für eine Ausstellung im Mannheimer Ökumenischen Bildungszentrum Sanctclara entstanden 2009/2010 ganze Motivgruppen, die sich beispielsweise dem Christopherus-Thema, mittelalterlichen Madonnen, Engeln und Heiligen, aber auch dem gefährdeten Planeten Erde und ostasiatischen Buddha-Darstellungen widmeten.

 


Aus der Serie "Wer bin ich?" Die weibliche Rückenfigur erblickt den Tod im Spiegel, aber die Serie enthält auch Spiegelbilder von visionärer Ästhetik oder praller Lebenslust. Kike montierte in den Spiegel hier ein kleines Elfenbeinskelett des Miniaturmalers und Bossierers Joachim Henne(n) von 1680 aus dem Kölner Schnütgenmuseum.

 

Über viele Bildideen kann man als Betrachter lange nachdenken, etwa über die wachsende Serie „Wer bin ich?“ Da benutzte Kike unter anderem das Detail eines spätimpressionistischen Interieurs mit weiblicher Rückenfigur vor einem Spiegel – aber was die Figur im Spiegel erblickt, ist nicht sie selbst, sondern sind in immer neuen Varianten Madonnen aus verschiedenen Kunstepochen zwischen Byzanz, Stefan Lochner, den Brüdern van Eyck und Barock, ein Engel sowie der pralle Akt "Das Pelzchen" von Peter Paul Rubens sind auch darunter. Die Madonnen-Darstellungen haben zunächst etwas Visionäres im traditionellen religiösen Sinn: Der Frau erscheinen die frommen Figuren als unerwartete, übernatürliche Offenbarung, so wie sich Maria angeblich der Bernadette in Lourdes offenbart hat. Das eigentlich unspektakuläre Motiv des Spiegels lässt bei Kike jedoch eine ganz andere, eher unfromme Deutung zu. Erfährt die Spiegelbetrachterin mit den Madonnenfiguren womöglich nicht die Madonna, sondern eher sich selbst? Sind Aspekte von Hingabe, Sanftmut, Schönheit und wundersamer Kraft vielleicht nur in der Person der sich im Spiegel suchenden Frau angelegt – sucht und sieht sie hier ihr eigenes inneres Wesen? Ist sie das also in Wirklichkeit alles selber, die Madonna in wechselnden Erscheinungen, die mollige Nackte des Rubens-Bildes eine Wunschvorstellung? Es wäre die Erfahrung einer realen persönlichen Identität statt eines überirdischen Wesens.

 

Dazu passt die ernüchternde Feststellung, die man auf den zweiten Blick angesichts einer anderen, nämlich der großformatigen Arbeit „Das Lächeln der Maria“ machen muss. Wieder setzte Kike eines dieser wunderbar sanften, runden Madonnengesichter Stefan Lochners ein – aber sie kombinierte das heilige Antlitz zur Hälfte mit einer Darstellung Marilyn Monroes. Die beiden Gesichtshälften könnten durch das, was sie repräsentieren, verschiedener nicht sein, aber sie fügen sich fast selbstverständlich zu einer faszinierenden Gesamtheit. Die Wange bei Marilyn ist etwas röter, der weiche Mund geschminkt und entspannt geöffnet ... und aus den nur halb geöffneten Augen, die man bei Lochner als züchtig, bei Marilyn als erotisch empfindet, dringt ein fast identischer, verhangener Schlafzimmerblick. Was für eine Verwandtschaft! Was für eine Entlarvung hinüber und herüber!

 


Konrad Witz malte den heiligen Christopherus mit dem Jesuskind um 1435 - das Bild aus dem Kunstmuseum Basel ist nicht zuletzt berühmt wegen der subtilen optischen Brechung im Wasser und der realistischen Ringwellen. Kike setzte dem Heiligen kühn ein rosiges Madonnengesicht auf: es sind schließlich die Frauen, die sich normalerweise mit den Kindern abschleppen!

 

Im Vergleich zu der raffinierten, fast schon heimtückischen Kombination von Lochner und Marilyn Monroe kommt einem Kikes „Christophera“-Serie beinahe simpel vor. Der heilige Christopherus, der das immer schwerer werdende Jesuskind durchs Wasser ans andere Ufer trägt, ist uns vor allem durch die berühmten Gemälde von Konrad Witz (Kunstmuseum Basel) und Dierick Bouts (Alte Pinakothek München) aus dem 15. Jahrhundert geläufig. Gemälde, die von Kike verwendet wurden, indem sie das Gesicht des Mannes durch das von Frauen ersetzte. „Christophera 1“ trägt gar ein modernes Foto, während „Christophera 2“ einem Botticelli-Gemälde entnommen wurde; die meisten Gesichter der Frauen entstammen Werken der Kunstgeschichte. Trotz dieser historischen Bezüge aber hat die Bedeutung sich bei Kike wieder einmal grundlegend vom Numinosen hin zur Realität geändert, denn die Mütter tragen offensichtlich nichts anderes als die Bürde ihrer eigenen Kinder. Durch den einfachen Austausch der Gesichter gewinnt das Thema nicht nur eine allgemein verständliche Bedeutung jenseits christlicher Legenden, sondern weist auch auf eine die Menschheit umspannende Lebensbedingung hin: Wo wären wir alle, wenn es keine Mütter gäbe? Auf Christopherus kann, die Katholiken mögen den Standpunkt verzeihen, die Menschheit notfalls verzichten.

 

Engel haben die Künstlerin so häufig beschäftigt wie die Madonna. Der „Engel im Gestrüpp“, der auf dem Planeten Erde schlummernde Engel („Schlafen Engel?“)waren bereits in Kikes Schau „Verrutscht, Verlaufen, Verloren“ 2009 zu sehen. In sanctclara kommt noch eine weitere Darstellung der Serie hinzu: „Arme Erde“: Wie eine Basisleiste im schwarzen Weltall liegt der Ausschnitt eines toten Himmelskörpers vorm Betrachter, darüber schwebt die blau gebänderte Erde. Ein trauernder kleiner Engel hockt auf ihr wie auf einem Ball, der im Nichts hängt. Der Betrachter nimmt dabei die Position eines Außenstehenden ein, der sich auf dem toten Himmelskörper befindet und den Blick zur fernen, gefährdeten Erde schweifen lässt; der kleine Engel hat die traditionelle Rolle eines Himmelsboten weit hinter sich gelassen (wo soll hier der Himmel sein?), er ist nur Zeichen dafür, dass die Erde sich nicht mehr retten lässt. - Sehr poetisch und rätselhaft dagegen das Blatt „Geht er oder kommt er?“ Da ließ Kike aus dem geschlossenen Portal einer romanischen Kathedrale einen herrlich gefiederten Engelsflügel hervorblitzen. Ganz ohne überirdische Eindrücke geht es eben doch nicht immer: Sie sind quer durch die Kunstgeschichte so überwältigend schön und verführerisch!

 


Ein Engel schwebt durchs Haus - auch hier könnte man fragen: "Geht er oder kommt er?" Engel spielen bei Kikes Auseinandersetzung mit Religion und Realität eine große Rolle - letztlich hinterfragt sie mit ihren Collagen beide Instanzen. Das abgebildete Werk entstand 2011.

 

Nachdenkenswert Kikes Auseinandersetzung mit dem Buddhismus. (Das Judentum blieb bei ihr ausgeklammert, aber zum Islam fiel ihr eine richtige Pointe ein: Auf dem Blatt "Clara, was machst Du?!" trägt die Heilige eine kostbare Monstranz in die Moschee ... es ist übrigens der historische Moscheebau im Schwetzinger Schlosspark.) Das „Interreligiöse Experiment 4“ verblüfft mit einem Buddha im stilisierten Wolkenkranz – die von Kike eingefügten munteren Barockengel passen dorthin, als wären sie nirgendwo anders entstanden. Dass Buddha auf einer Wolke herabgestiegen sein soll, um die unwissende Menschheit zu erlösen, liegt nicht nur nah an christlichem Gedankengut, sondern auch an abendländischen Bildvorstellungen. Kein Wunder, dass die Wolkenengel trotz ihrer inhaltlichen Diskrepanz einen  passenden Rahmen für die Identifikationsfigur ostasiatischer Spiritualität abgeben. Insofern mutet auch das von Kike in Buddhas Schoß gelegte Jesuskind überraschenderweise nicht im geringsten unpassend an, vielmehr können diese Arbeiten tatsächlich als die „Wahre Ökumene“ (so Kikes Titel) gelten.

 


"Maria, worauf wartest Du?" heißt diese Arbeit, bei der Kike erneut ein populäres Werk Stefan Lochners einsetzte (die "Madonna im Rosenhag"). Die beiden Hauptpersonen des mittelalterlichen Andachtsbildes finden sich in einem leeren Veranstaltungssaal wieder...

 

Die Titeldarstellung der Schau widmet sich noch einmal einer Lochner-Madonna („Maria, worauf wartest Du?“). Eingehüllt in ihren blauen Mantel, das Jesuskind auf dem Schoß, Madonna und Kind von goldenen Heiligenscheinen, aber nicht von Engeln umrahmt, sitzen beide keineswegs im Rosenhag wie bei Lochner, sondern in einem leeren Veranstaltungssaal zwischen rot gepolsterten Stühlen. Ein Konzertsaal, ein Kinosaal? Sie sitzen da als verirrte Zuschauer, nicht als Hauptpersonen, die eigentlich zwecks Huldigung auf die Bühne gehören. Kostbar und entrückt, sind sie aus der Zeit gefallen. Niemand ist da, um sie wahrzunehmen, und niemand ist da, dem sie sich offenbaren könnten. Schön, aber deplatziert und gänzlich wirkungslos, in einem Wortsinn ohne Wirklichkeit. Könnten sie von neuem Bedeutung erlangen, wenn es ihnen gelänge, als Menschen unter Menschen zu gehen, ohne Lapislazuli-Blau und güldene Himmelskrone? Ach, irgendwie ist sie nicht danach, unsere komplizierte, mit Recht stets kritisch hinterfragte Realität. Es gibt da nichts mehr zum Anbeten. Vielleicht haben Menschen zu gut die Lektion gelernt, sich auf nichts als sich selbst verlassen zu müssen. Insofern dürfte sie noch lange darauf warten, dass der Saal sich irgendwann füllt, die schöne Madonna aus dem 15. Jahrhundert, das herrliche Urbild christlichen Glaubens.

 

Info:

„Aus allen Himmeln gefallen“, Collagen von Kike, Ökumenisches Bildungszentrum Sanctclara, Mannheim, B5,19, vom 11. Januar bis 10. Februar 2010, www.sanctclara.de.
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