Collagen von Kike:

"Verrutscht - verlaufen - verloren"

 


Die Titel-Collage zu Kikes Themenkomplex "Verrutscht - verlaufen - verloren": Die Sardinen streben in die Dose hinein, denn das Meer ist da drinnen.

 

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Fotos auf dieser Seite: Kike (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

 

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14-10-2009

Update 17-07-2013

Unmögliche Zustände

„Verrutscht, verlaufen, verloren“ – Collagen von Kike bezweifeln die Ordnung der Welt

 

Von Christel Heybrock

 

Es ist vielleicht doch etwas mehr als nur der Ausdruck schräger Phantasie, wenn ein so repräsentatives Gebäude wie der Mannheimer Wasserturm sich plötzlich mitten im Meer wiederfindet. Jeder, der mal in Mannheim war oder gar dort lebt, erkennt den Wasserturm auf einen Blick, und Collagenkünstlerin Kike hatte das imposante Bauwerk bereits zum 400-jährigen Stadtjubiläum 2007 gehörig aufs Korn genommen. Nun also steht er, kopiert in einen idyllischen Sonnenuntergang, in einem Gewässer, das nicht mal am Horizont zu enden scheint, und eigentlich ist es eine Art Heimtücke: Nicht nur der Betrachter, sondern auch der arme Turm werden hier reingelegt, erinnert der Anblick doch an utopisch schöne Ansichten romantischer Malerei (wohingegen der Turm in Mannheims ganz realer City alles andere als romantisch anmutet), während zugleich die Bezeichnung „Wasser-Turm“ nicht auf dessen Inneres, sondern auf seinen äußeren Standort bezogen wird.

 

Mit solch doppeldeutigen Assoziationen kitzelt Künstlerin Kike die grauen Gehirnzellen ihrer Betrachter und fordert sie auf, sich mal eine andere Weltordnung als die der banalen menschlichen Alltagsperspektive vorzustellen. Bei ihr geraten die Dinge (und nicht nur die) dauernd in irgendwelche Zustände, die nicht sein können, nicht sein dürfen, wie zum Beispiel, mal wieder, der Wasserturm hilflos zwischen die Bäume im Wald. Er hat sich offenbar verlaufen und findet nicht mehr nachhause - „Verlaufen“ heißt das Blatt denn auch und kündigt damit einen ganzen Themenkomplex an, den die Künstlerin für leider nur kurze Zeit im Mannheimer Augenladen ausstellte: „Verrutscht, verlaufen, verloren“, das ganze Spektrum von Kikes irritierender Sicht auf Mensch und Ding war hier ausgebreitet.

 

Doch, einmal muss er noch sein, der unvermeidliche Wasserturm. Erinnern Sie sich an Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle zu Rom, an „Die Erschaffung Adams“? An die ausgestreckte Hand Gottvaters, der den Adam ins Leben entlässt, und an dessen ebenso ausgestreckte Hand, die sich von Adams Schöpfer löst? Ja, also Kike schnippelte die ohnehin einander nicht mehr berührenden Hände auseinander und klebte – den Wasserturm dazwischen, auf den nun Gottvater und Adam gleichermaßen verweisen: „Der Kompromiss“ (2007). Ist das nun despektierlich in Bezug auf den Wasserturm? Steht da nicht ein leiser Zweifel im Hintergrund, dass die großartige Stadt Mannheim womöglich doch nicht der Nabel der Welt sein könnte?

 


Lakonischer Titel: "30. Mai". Die Weissagung der Zeugen Jehovas, dass am 30.Mai 1955 der "Weltuntergang" stattfinden würde, hat Künstlerin Kike mehr als ein halbes Jahrhundert später zu dieser rätselhaften Collage inspiriert. Da geht tatsächlich die "Welt", nämlich unser schöner blauer Planet, am Horizont eines anderen Himmelskörpers unter wie eine rote Abendsonne.

 

Religiöse Vorstellungen nehmen in Kikes Werk keine ganz geringe Rolle ein, und man kann sich schon denken, dass die nicht nur spirituell ist. Wie sie in einer E-Mail ankündigte, zeigt sie im Januar/Februar 2010 Collagen, auf denen „Engel und Heilige ... auf Abwege, bzw. in irdische Gefilde“ geraten, „so dass sich z.B. Maria im Kinosaal wiederfindet, Christopherusdarstellungen ins Weibliche mutieren und christliche und buddhistische Ikonographien miteinander in Berührung kommen. Hintergrund sind dabei meine eigenen Bemühungen, die verschiedenen spirituellen Strömungen in mir zu integrieren.“ Vielleicht gelingt das ja mit der nötigen Respektlosigkeit. Aber das Blatt „30. Mai“, an dem 1955 laut Weissagung der Zeugen Jehovas wieder einmal der Weltuntergang hätte stattfinden sollen, zeigt die Erde als untergehendes Gestirn mit Strahlenreflexbahn überm Horizont eines toten anderen Himmelskörpers. Ähm, wer steht da eigentlich und guckt zu, wie die Erde unterm Horizont verschwindet? Und wo, Herrgottnochmal, steht dieser Zugucker? Und wieso ist die Welt hier offensichtlich größer als die Erde? Drehen sich womöglich doch andere Planeten um unseren gottgeschaffenen Lebensraum herum und Galilei hat sich geirrt?  Sehr merkwürdig, das alles.

 


"Schlafen Engel?" Auf seinem Wolkenbett benutzt der Engel unsere schöne blaue Erde als Kopfkissen. Jetzt wissen wir endlich, wie es zugeht da oben im Weltraum.

 

Bei der kleinen Serie „Gestrüpp“ finden sich zwischen kahlem Geäst nicht nur Lippenstift, Brille und ein weiblicher Rückenakt, sondern auch ein lächelnder Engel aus Stein. Der marschiert auf einem schräg nach oben führenden Ast zielstrebig gen Himmel. Irgendwie kommt einem die Frage, warum er nicht fliegt, statt so mühsam empor zu klettern. Vielleicht ist er zu schwer, weil er aus Stein ist? Und auf einem anderen Blatt ruht ein Engel selig schlummernd im All auf einem blau gemusterten Kissen, das sich erneut als unsere schöne alte Erde herausstellt: „Schlafen Engel?“ Da sollte man vielleicht mal die frommen Experten fragen: Schlafen sie, und wenn ja: worauf?

 

Es sind nicht Kikes einzige interplanetare Scherze. Da gibt es auch die Kiketypie mit dem Papagei, der mit den Krallen eine kleine orangerote Kugel umklammert. „Bitte nicht untergehen“ heißt das Blatt, und auf den zweiten Blick erkennt man – die kleine Kugel ist ein Foto der untergehenden Sonne. (Übrigens: Kiketypien sind eigenhändige Kopien von Kikes Original-Collagen.) Tja, wir Menschen sollten uns nicht zuviel einbilden auf unsere vermeintliche Größe. Womöglich könnten wir sogar in unseren eigenen tollen Schöpfungen untergehen. Jedenfalls wird man schon etwas nachdenklich angesichts eines Frühstücksstilllebens mit Flaschen und einer Schale Milch, in der außer einem Brötchen auch eine Menge kleiner Krümel schwimmen: Menschen sind das, die einem offensichtlichen Badevergnügen nachgehen. „Wie kommt Ihr dahin?“ fragt der Titel.

 

Solche Diskrepanzen hinsichtlich von Proportionen, die „normalerweise“ anders herum funktionieren, und solche verstörenden Anwesenheiten an unpassenden Orten gehören einfach zu Kikes Repertoire, so beispielsweise auch bei dem „Tempelfisch“ (2009). Da ist eine schöne klassizistische Kuppelrotunde mit Säulen zu sehen, zwischen denen ein riesiger Goldfisch herumschwimmt, als wäre es seine gewohnte Wasserpflanzen-Umgebung. Und schließlich das Blatt, das dem ganzen Themenkomplex den Titel gab: „Verrutscht, verlaufen, verloren“ zeigt eine halb geöffnete Dose Sardinen – nur, die Fischlein drängen von außen heran und streben in die Dose hinein, weil nämlich drinnen das Meer seine Schaumkronen aufwirft.

 

Kein Wunder, dass man irgendwann auch einen etwas traurig dreinblickenden Elefanten im Zuschauerraum eines Kinos erblickt. Der Elefant sitzt da ganz alleine – Titel: „Wann kommt der Urwaldfilm?“ Der Mensch, im Alltag jeglicher Abenteuer beraubt, ergötzt sich an Abenteuerfilmen. Liebeshungrige Ehefrauen, im Alltag geplagt von emotional verkümmerten, egozentrischen Gatten, leben ihre Gefühle wenigstens in Liebesfilmen aus. Warum also soll der Elefant, aus seinem Lebensraum herausgerissen, nicht mal einen Urwaldfilm sehen? Wo ist denn eigentlich dieser schlimme Ort, an dem nichts richtig zusammenpasst? Sind es Kikes Collagen? Oder ist es am Ende die Wirklichkeit?

 

Kike, von Journalisten einmal gefragt, wie sie denn nur auf all die schrägen Ideen gekommen sei, hat biografisch-psychologisch ausgeholt und alles mit Kindheitsprägungen - vielleicht nicht erklärt, aber angedeutet. In einer E-Mail schrieb sie dazu:


"Ich bin im Papierkorb meines Vaters groß geworden. Meine Eltern haben sich beim Pharmaziestudium in Breslau kennengelernt und mein Vater hat dort die Apotheke seines Vaters übernommen. Mein Vater kam in französische Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter wurde nach der Flucht mit meinen beiden Brüdern (1942 und 1944 geboren) und 3 alten Frauen (Mutter, Schwiegermutter, Tante) in Norddeutschland einquartiert wie viele Flüchtlinge. Nach Rückkehr meines Vaters kam ich 1948 auf die Welt. Über Kriegsereignisse wurde nicht gesprochen - vielleicht habe ich deshalb einen sprechenden Beruf gewählt. In Visbek, Kreis Vechta, Südoldenburg, Niedersachsen - die schwärzeste katholische Gegend bundesweit, waren die evangelischen Flüchtlinge nicht gern gesehen - und meiner Freundin wurde hinterhergerufen: iiiiii, Du spielst ja mit einer Evangelischen.....

 

Meine Mutter ergriff die Initiative noch ohne ihren Mann, eine Apotheke in Visbek aufzubauen, was dann mein Vater weiter voranbrachte. Wir zogen 1952 in einen Neubau, in dem noch keine Fenster eingesetzt waren. Und in diesem neuen Apothekenhaus hatte mein Vater neben der Offizin sein kleines Büro mit einem großen Schreibtisch, in dessen mittlerer Aussparung für die Beine ich mich gern verkroch und dort die Schätze des Papierkorbs hob wie Briefmarken, Silberpapierchen von Zigarettenschachteln etc. Alle waren so beschäftigt, daß ich unter dem väterlichen Schreibtisch einen ruhigen, aber auch geschützten Erkundungsplatz fand. Und die Schätze aus dem Papierkorb fing ich an zu sammeln.

 

Aber davon abgesehen - diese Welt war eigentlich nicht die richtige Welt, weil die richtige Welt Schlesien und Breslau war. Wie war ich stolz auf meinen Vertriebenenausweis - obwohl in Niedersachsen geboren und groß geworden - den ich wohl noch bis heute irgendwo verwahre. Also es gab eine innere Unklarheit: Wo gehöre ich eigentlich hin? Was ist richtig? Und dieses Suchen nach dem Richtigen oder das Gefühl der Unstimmigkeit ist vielleicht in meine Collagen eingeflossen.

 

Und dann hielt ich mich wie ein Unschuldsengelchen auch etwas im Untergrund im Verkaufsraum der Apotheke auf, spitzte mächtig die Ohren, was denn meine Mutter als Apothekerin so alles mit den Kundinnen besprach - einnässende Kinder, saufende Ehegatten, unfruchtbare Frauen... also letzlich widmete sie sich allen Lebensthemen und machte Psychotherpaie. Und wenn es dann ganz spannend wurde, verschwand meine Mutter mit der Kundin in einem Hinterraum, der hinter ihnen geschlossen wurde, sodaß ich ausgeschlossen war - was meine Phantasie mächtig ankurbelte - was später vielleicht auch meinen Bildern zugute kam.

 

In den letzten Berufsjahren als Hochschulpsychotherapeutin hatte ich das Problem, daß mir zu den geschilderten Fällen sehr schnell zu viel einfiel und ich mich permanent bremsen mußte, was mir leider nicht immer gelang. So bin ich heute froh, daß ich meine inneren Bilder laufen lassen und sie sichtbar machen kann. Wie genau meine psychotherapeutische Arbeit mit meiner künstlerischen Arbeit zusammenhängt, weiß ich auch nicht genau. Aber wenn ich so gern z.B. Spiegelbilder mache, auf denen immer wieder etwas anderes aus dem gespiegelten Bild herausschaut, dann sehe ich darin die vielen Aspekte von mir und anderen, die ich sichtbar mache."

 

 

Info:

„Verrutscht – verlaufen – verloren“ Collagen von Kike, Augenladen Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29, vom 18. bis 25. September 2009. Auch nach Ende der Ausstellung können die Werke noch über den Augenladen gesehen und gegebenenfalls erworben werden: Tel. 0621-406729.
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