Collagen von Kike:

"Verrutscht - verlaufen - verloren"

 


Die Titel-Collage zu Kikes Themenkomplex "Verrutscht - verlaufen - verloren": Die Sardinen streben in die Dose hinein, denn das Meer ist da drinnen.


Fotos auf dieser Seite: Kike (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

 

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14-10-2009

Unmögliche Zustände

„Verrutscht, verlaufen, verloren“ – Collagen von Kike bezweifeln die Ordnung der Welt

 

Von Christel Heybrock

 

Es ist vielleicht doch etwas mehr als nur der Ausdruck schräger Phantasie, wenn ein so repräsentatives Gebäude wie der Mannheimer Wasserturm sich plötzlich mitten im Meer wiederfindet. Jeder, der mal in Mannheim war oder gar dort lebt, erkennt den Wasserturm auf einen Blick, und Collagenkünstlerin Kike hatte das imposante Bauwerk bereits zum 400-jährigen Stadtjubiläum 2007 gehörig aufs Korn genommen. Nun also steht er, kopiert in einen idyllischen Sonnenuntergang, in einem Gewässer, das nicht mal am Horizont zu enden scheint, und eigentlich ist es eine Art Heimtücke: Nicht nur der Betrachter, sondern auch der arme Turm werden hier reingelegt, erinnert der Anblick doch an utopisch schöne Ansichten romantischer Malerei (wohingegen der Turm in Mannheims ganz realer City alles andere als romantisch anmutet), während zugleich die Bezeichnung „Wasser-Turm“ nicht auf dessen Inneres, sondern auf seinen äußeren Standort bezogen wird.

 

Mit solch doppeldeutigen Assoziationen kitzelt Künstlerin Kike die grauen Gehirnzellen ihrer Betrachter und fordert sie auf, sich mal eine andere Weltordnung als die der banalen menschlichen Alltagsperspektive vorzustellen. Bei ihr geraten die Dinge (und nicht nur die) dauernd in irgendwelche Zustände, die nicht sein können, nicht sein dürfen, wie zum Beispiel, mal wieder, der Wasserturm hilflos zwischen die Bäume im Wald. Er hat sich offenbar verlaufen und findet nicht mehr nachhause - „Verlaufen“ heißt das Blatt denn auch und kündigt damit einen ganzen Themenkomplex an, den die Künstlerin für leider nur kurze Zeit im Mannheimer Augenladen ausstellte: „Verrutscht, verlaufen, verloren“, das ganze Spektrum von Kikes irritierender Sicht auf Mensch und Ding war hier ausgebreitet.

 

Doch, einmal muss er noch sein, der unvermeidliche Wasserturm. Erinnern Sie sich an Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle zu Rom, an „Die Erschaffung Adams“? An die ausgestreckte Hand Gottvaters, der den Adam ins Leben entlässt, und an dessen ebenso ausgestreckte Hand, die sich von Adams Schöpfer löst? Ja, also Kike schnippelte die ohnehin einander nicht mehr berührenden Hände auseinander und klebte – den Wasserturm dazwischen, auf den nun Gottvater und Adam gleichermaßen verweisen: „Der Kompromiss“ (2007). Ist das nun despektierlich in Bezug auf den Wasserturm? Steht da nicht ein leiser Zweifel im Hintergrund, dass die großartige Stadt Mannheim womöglich doch nicht der Nabel der Welt sein könnte?

 


Lakonischer Titel: "30. Mai". Die Weissagung der Zeugen Jehovas, dass am 30.Mai 1955 der "Weltuntergang" stattfinden würde, hat Künstlerin Kike mehr als ein halbes Jahrhundert später zu dieser rätselhaften Collage inspiriert. Da geht tatsächlich die "Welt", nämlich unser schöner blauer Planet, am Horizont eines anderen Himmelskörpers unter wie eine rote Abendsonne.

 

Religiöse Vorstellungen nehmen in Kikes Werk keine ganz geringe Rolle ein, und man kann sich schon denken, dass die nicht nur spirituell ist. Wie sie in einer E-Mail ankündigte, zeigt sie im Januar/Februar 2010 Collagen, auf denen „Engel und Heilige ... auf Abwege, bzw. in irdische Gefilde“ geraten, „so dass sich z.B. Maria im Kinosaal wiederfindet, Christopherusdarstellungen ins Weibliche mutieren und christliche und buddhistische Ikonographien miteinander in Berührung kommen. Hintergrund sind dabei meine eigenen Bemühungen, die verschiedenen spirituellen Strömungen in mir zu integrieren.“ Vielleicht gelingt das ja mit der nötigen Respektlosigkeit. Aber das Blatt „30. Mai“, an dem 1955 laut Weissagung der Zeugen Jehovas wieder einmal der Weltuntergang hätte stattfinden sollen, zeigt die Erde als untergehendes Gestirn mit Strahlenreflexbahn überm Horizont eines toten anderen Himmelskörpers. Ähm, wer steht da eigentlich und guckt zu, wie die Erde unterm Horizont verschwindet? Und wo, Herrgottnochmal, steht dieser Zugucker? Und wieso ist die Welt hier offensichtlich größer als die Erde? Drehen sich womöglich doch andere Planeten um unseren gottgeschaffenen Lebensraum herum und Galilei hat sich geirrt?  Sehr merkwürdig, das alles.

 


"Schlafen Engel?" Auf seinem Wolkenbett benutzt der Engel unsere schöne blaue Erde als Kopfkissen. Jetzt wissen wir endlich, wie es zugeht da oben im Weltraum.

 

Bei der kleinen Serie „Gestrüpp“ finden sich zwischen kahlem Geäst nicht nur Lippenstift, Brille und ein weiblicher Rückenakt, sondern auch ein lächelnder Engel aus Stein. Der marschiert auf einem schräg nach oben führenden Ast zielstrebig gen Himmel. Irgendwie kommt einem die Frage, warum er nicht fliegt, statt so mühsam empor zu klettern. Vielleicht ist er zu schwer, weil er aus Stein ist? Und auf einem anderen Blatt ruht ein Engel selig schlummernd im All auf einem blau gemusterten Kissen, das sich erneut als unsere schöne alte Erde herausstellt: „Schlafen Engel?“ Da sollte man vielleicht mal die frommen Experten fragen: Schlafen sie, und wenn ja: worauf?

 

Es sind nicht Kikes einzige interplanetare Scherze. Da gibt es auch die Kiketypie mit dem Papagei, der mit den Krallen eine kleine orangerote Kugel umklammert. „Bitte nicht untergehen“ heißt das Blatt, und auf den zweiten Blick erkennt man – die kleine Kugel ist ein Foto der untergehenden Sonne. (Übrigens: Kiketypien sind eigenhändige Kopien von Kikes Original-Collagen.) Tja, wir Menschen sollten uns nicht zuviel einbilden auf unsere vermeintliche Größe. Womöglich könnten wir sogar in unseren eigenen tollen Schöpfungen untergehen. Jedenfalls wird man schon etwas nachdenklich angesichts eines Frühstücksstilllebens mit Flaschen und einer Schale Milch, in der außer einem Brötchen auch eine Menge kleiner Krümel schwimmen: Menschen sind das, die einem offensichtlichen Badevergnügen nachgehen. „Wie kommt Ihr dahin?“ fragt der Titel.

 

Solche Diskrepanzen hinsichtlich von Proportionen, die „normalerweise“ anders herum funktionieren, und solche verstörenden Anwesenheiten an unpassenden Orten gehören einfach zu Kikes Repertoire, so beispielsweise auch bei dem „Tempelfisch“ (2009). Da ist eine schöne klassizistische Kuppelrotunde mit Säulen zu sehen, zwischen denen ein riesiger Goldfisch herumschwimmt, als wäre es seine gewohnte Wasserpflanzen-Umgebung. Und schließlich das Blatt, das dem ganzen Themenkomplex den Titel gab: „Verrutscht, verlaufen, verloren“ zeigt eine halb geöffnete Dose Sardinen – nur, die Fischlein drängen von außen heran und streben in die Dose hinein, weil nämlich drinnen das Meer seine Schaumkronen aufwirft.

 

Kein Wunder, dass man irgendwann auch einen etwas traurig dreinblickenden Elefanten im Zuschauerraum eines Kinos erblickt. Der Elefant sitzt da ganz alleine – Titel: „Wann kommt der Urwaldfilm?“ Der Mensch, im Alltag jeglicher Abenteuer beraubt, ergötzt sich an Abenteuerfilmen. Liebeshungrige Ehefrauen, im Alltag geplagt von emotional verkümmerten, egozentrischen Gatten, leben ihre Gefühle wenigstens in Liebesfilmen aus. Warum also soll der Elefant, aus seinem Lebensraum herausgerissen, nicht mal einen Urwaldfilm sehen? Wo ist denn eigentlich dieser schlimme Ort, an dem nichts richtig zusammenpasst? Sind es Kikes Collagen? Oder ist es am Ende die Wirklichkeit?

 

Info:

„Verrutscht – verlaufen – verloren“ Collagen von Kike, Augenladen Mannheim, Heinrich-Lanz-Straße 29, vom 18. bis 25. September 2009. Auch nach Ende der Ausstellung können die Werke noch über den Augenladen gesehen und gegebenenfalls erworben werden: Tel. 0621-406729.
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