Kike und die Bildende Kunst


Schneiden, Kleben, Kombinieren - Collagenkünstlerin Kike im Atelier. Eine ganze Themengruppe ihrer unerschöpflichen Ideen setzt sich mit den Hinterlassenschaften großer Künstler vergangener Zeiten auseinander. Unter dem Titel  „Kunstgeschichten“ ist 2012 im Mannheimer Augenladen eine Auswahl zu sehen.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Kike-Kunst.html

Soweit nicht anders angegeben, stammen die Fotos auf dieser Seite von Manfred Rinderspacher (Copyright), der die Künstlerin im März 2012 in ihrem Mannheimer Atelier besuchte. "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Erlaubnis zur Reproduktion.

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Von Christel Heybrock

Leonardo da Vinci, Caspar David Friedrich, Lucas Cranach - Namen, die wir als gebildete Menschen mit Verehrung aussprechen. Na ja. Man kann vielleicht nicht von jedem verlangen, davor auf die Knie zu gehen, und die in Mannheim lebende Collagenkünstlerin Kike hat nicht eben einen ausgeprägten Hang zur Demut. Ohne jeden Respekt nimmt sie vielmehr die Werke großer Meister auseinander und nutzt daraus Details für ihre eigenen Ideen. Die Ergebnisse sind verblüffend, zum Teil komisch, zum Teil verrückt, manchmal machen sie nachdenklich, immer aber sieht man etwas ganz Neues, das ebenso verwirrend wie passend erscheint.

 

Hier nur ein Beispiel: "It's Teatime". Die Dame mit der Teeschale stammt (ohne Teeschale) eigentlich von dem klassizistischen Maler Christian Gottlieb Schick (1776-1812), der "Wilhelmine von Cotta" im Jahr 1802 auf die Leinwand bannte. Das Original in der Stuttgarter Staatsgalerie sieht so aus (
Foto unten aus der Web Gallery of Art):


Nicht alle Motive, die Kike zusammenklebt, sind gleich identifizierbar. Die Teeschale stammt wahrscheinlich aus der Werbung - aber woher nahm sie den Troddelvorhang? Und ein Fenster ist das auch nicht im Hintergrund, sondern der Rest eines Mondrian-Gemäldes? Kike ist keine Kunsthistorikerin, sondern war im Hauptberuf Psychotherapeutin. Wenn sie Bilder sieht, scheint es nicht nur einen, sondern gleich etliche Kicks im Kopf bei ihr zu geben, und dabei spielt es keine Rolle, ob sie von großen Meistern ausgelöst werden, von Werbefotos, Kunstdruckkalendern oder eigenen Fotografien. Insofern kann sie oft auch gar nicht sagen, welcher Maler ihr da gerade in die Hände, beziehungsweise in die Schere geriet. Da kann schon mal eine reizende junge Dame von Claude Monet auf einem Teller Nudelsuppe landen, eine Madonna mit Jesuskind von Stefan Lochner im rotsamtenen Kinosessel oder eine große blaue Weihnachtskugel zwischen den "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich - es passt alles überraschend harmonisch und zugleich irrwitzig zusammen.

Kike ist seit 1978 mit dem konstruktivistischen Maler Bernhard Sandfort verheiratet, und natürlich wird auch der nicht verschont, eines seiner Streifen-Quadrat-Bilder wurde beispielsweise zum Gitter in einer Mauerlücke. Dass die muntere Künstlerin ein seinerzeit revolutionäres Werk von Lucio Fontana auf sehr spezielle Weise bearbeitete, wird niemand mehr erstaunen: Sie klebte mitfühlend ein Heftpflaster über eines seiner Lochbilder. Ähnlich wie bei der oben reproduzierten Collage der Dame mit Teeschale kombiniert Kike mitunter mehrere Motive verschiedener großer Vorgänger. Warum nur, hat sie sich vielleicht gefragt, muss bei der Bronzeplastik der "Tänzerin" von Georg Kolbe der Arm so waagrecht ausgestreckt in die Luft ragen? Das kann man doch nutzen? Klar - der Arm ist ideal, um eine weiche Uhr von Salvador Dali drüber zu hängen! Besonders eindrucksvoll die Kombination von Caspar David Friedrichs "Eismeer" mit dem berühmten Tischbein-Porträt "Goethe in der Campagna" aus dem Frankfurter Städel-Museum: Bei Kike sitzt der Dichterfürst lässig auf eisigem Untergrund statt auf einem antiken Tempelrest:


Kombination aus Goethe-Porträt und romantischem Seestück. "Coole Männer braucht das Land" titelte Kike sarkastisch. Wie immer bei ihr wirkt die Szene ebenso irrational wie schlüssig. Die beiden Bilder, die sie benutzte, sehen im Original so aus:


Das schreckliche "Eismeer" (1823-1824) von Caspar David Friedrich (1774-1840) aus der Hamburger Kunsthalle ...(Foto: Wikimedia Commons)


... und das 1787 in Rom gemalte Porträt "Goethe in der Campagna" von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), das den jungen Goethe inmitten antiker Fragmente auf der Italienreise zeigt. Auf die Idee, die beiden herzlich verschiedenen Gemälde zu verbinden, muss man kommen... (Foto: Wikimedia Commons)

Natürlich gibt es auch überraschend einfache Ideen in Kikes Werk, zum Beispiel die Sache mit der Cranach-Venus (ebenfalls aus dem Frankfurter Städel). Vielleicht hat das magere nackte Weibchen, das seinen wenig durchtrainierten Körper neckisch mit einem durchsichtigen Schleier umwedelt, der Künstlerin ein bisschen leid getan. Bei Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553) sieht die Dame aus dem Jahr 1532 so aus (Foto Web Gallery of Art): 



Kike fand, dass hier eine kleine Unterstützung angebracht wäre, das arme Mädchen steht ja irgendwie etwas unsicher in der Gegend, ein simpler Bleistift konnte da schon eine Menge ausrichten - fühlt sie sich mit dem etwas verrückten Pfosten nicht gleich viel wohler? Nun ja, nicht unbedingt, immerhin steht ja der Bleistift auf der Spitze und erfordert seinerseits eine gewisse Balance. Nicht von ungefähr nannte Kike ihre Kreation denn auch "Auf den Punkt gebracht".

Ach, die Welt ist kompliziert und unbegreiflich. So hervorragend Kike die Formelemente, die sie aus Gott weiß welchen Zusammenhängen herausschneidet, in ihre eigenen Bildideen integriert - es bleibt die inhaltliche Diskrepanz, die den Betrachter verblüfft, amüsiert und aufweckt. Wir sind es ja alle gewöhnt, in der Realität mit den irrwitzigsten Verhältnissen irgendwie umzugehen, und bei Kike macht es wenigstens Spaß. Nicht selten löst sie aber auch Denkprozesse aus, die man nicht zu Ende führen kann, etwa wenn sie Motive aus der Sakralkunst oder dem Kosmos benutzt. Das kann dann zu solchen Ergebnissen führen: 



Der Herr auf der Leiter (Kike-Titel: "Mal sehen, was die auf der Welt so alles anstellen") wurde dem Heidelberger Manesse-Codex (1305-1340) entnommen, dort handelt es sich um den Minnesänger Graf Kraft von Toggenburg, der den Siegerkranz von einer jungen Schönen hoch oben auf einem Turm entgegen nehmen will. Hier das Original (Ausschnitt, Foto Wikimedia Commons):

Kike hat die Leiter in den Mondboden gestemmt und anstelle der jungen Dame, die den Sieger belohnen wird, unsere Erde gesetzt, die in blauer Unerreichbarkeit in der Schwärze des Weltalls schwebt. Kike verleiht dem empor strebenden Herrn eine quasi spirituelle, übergeordnete Position, ähnlich der eines Engels. Man kann das Blatt aber auch ganz anders auffassen, denn streng festgelegte Bedeutungen sind Kikes Sache ja nicht, es gibt immer bei ihr eine breite Skala möglicher Assoziatonen. Man kann zum Beispiel Graf Kraft, den es tatsächlich gegeben hat (er starb 1339), über die Jahrhunderte hinweg als Symbol der modernen Menschheit auffassen, die ins Weltall strebt und derweil  ihren misshandelten Heimatplaneten zu verlieren droht, denn die Leiter erreicht ja die Erde nicht. Wie dramatisch sich aus dieser Perspektive die Situation darstellen würde, wird aus dem Vergleich mit dem Original deutlich. Dort besteht das Risiko des Lebens aus der Frage, ob ein Sieg errungen werden kann - die Leiter deutet auch nach dem Sangeswettbewerb noch an: einfach war es nicht, aber es ist gelungen! Noch kein Jahrtausend später stellt sich bei Kikes Collage die Frage nach einem existenziellen Risiko global statt individuell und als grundsätzliche Herausforderung statt als gesellschaftliches Kulturereignis.

Eines der Kennzeichen von Kikes Kunst ist übrigens, dass sie das gleiche Motiv mitunter mehrfach und in ganz verschiedenen Zusammenhängen einsetzt. So gibt es Caspar David Friedrichs erschreckendes Eisschollen-Gemälde bei Kike auch noch als Landschaft hinter einem Fenster oder ganz harmlos als Inhalt eines leckeren Eisbechers. Auch das Motiv des Suppentellers hat sie immer wieder verarbeitet, und da ist es kein Wunder, dass auch mal ein wunderschönes altes Segelschiff über die Nudelsuppe fährt - aus welchem Gemälde (Holland? 17. Jahrhundert?) nun just dieses Detail stammt ... vielleicht finden Sie es heraus? Bei dem enormen Fleiß niederländischer Maler des goldenen Zeitalters kommen Hunderte von Bildern mit Schiffsmotiven in Frage:


"Der Seegang lässt zu wünschen übrig" - tja, Nudeln bremsen halt ziemlich.

Info:
Neue Collagen zum Thema „Kunstgeschichten“ sind vom 27. März bis 21. April 2012 im Augenladen zu sehen (Mannheim, Heinrich-Lanz-Str. 29, Eröffnung Freitag, 23. März, 20 Uhr). Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, am letzten Tag auch 19-2 Uhr). E-Mail: Collagen-kike@gmx.de

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