Collagen-Künstlerin Kike,

inspiriert vom Mannheimer Stadtjubiläum 2007

 

Der Mannheimer Wasserturm, federleicht in den Wolken schwebend - Detail einer Kike-Collage auf der Ausstellungs-Einladung.

 

Reproduktion der Fotos auf dieser Seite mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

 

Künstlerin Kike, wie sie leibt und lebt.  Foto: Privat

 

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04-08-2007

Frechdachs mit Witz und Fantasie

Collagenkünstlerin Kike ließ sich zum 400jährigen Bestehen Mannheims allerhand Respektlosigkeiten einfallen

 

Von Christel Heybrock 

 

Jaja, die Wahrzeichen! Was den Kölnern der Dom, ist ein Stück rheinaufwärts in Mannheim zwar etwas kleiner, wird aber ebenso hoch und heilig gehalten: der Wasserturm. Es gibt in Mannheim zwar mehrere durchaus ansehnliche Wassertürme, aber nur einen, von dem jeder weiß: das ist er! Der Wasserturm mit Wassergöttin Amphitrite oben drauf, gelegen am Rand einer Jugendstil-Parkanlage in der Innenstadt gegenüber der Fußgängerzone. Zwar wurde im Jahr 2007 nicht dieses mit steinernen Girlanden verzierte Bauwerk 400 Jahre alt (der Turm stammt von 1889), wohl aber die Stadt selbst, die sich etwas zögerlich feierte.

 

Und wer feierte da mit? Die Künstlerin Kike natürlich, und zwar auf ihre Art. Verheiratet mit dem konstruktivistischen Maler Bernhard Sandfort, folgt Kike freilich ganz anderen Impulsen als er; im Gegensatz zu seinen Bildschöpfungen sind die ihren alles andere als abstrakt. In ihrem widerborstigen Köpfchen entstehen schon beim Durchblättern von Zeitschriften und Werbeprospekten die unheiligsten Verdrehungen und Verhohnepiepelungen, und da einem in Mannheim der Wasserturm nicht nur als machtvoller dreidimensionaler Koloss in natura, sondern auch permanent zweidimensional auf Fotos, Postkarten, Postern undsoweiter begegnet, lag es nahe, dass Kike den Wasserturm ins Zentrum ihrer Mannheim-Geburtstags-Ausstellung rückte. Die amüsierte und beglückte mit 45 Exponaten die erstaunten Besucher in Bernhard Sandforts Produzentengalerie, dem Augenladen, wo außer dem Wasserturm noch etliche andere Mannheimer Heiligtümer an den Wänden durchdekliniert wurden.

 

"Der Wasserturm hasste das" - aber immerhin baumelt er vor einem Abendhimmel von Caspar David Friedrich, indem Kike die Reproduktion eines Gemäldes aus der Mannheimer Kunsthalle zweckentfremdete.


Aber bleiben wir ruhig erst mal beim Turm. Das Blatt mit dem Titel „Erster richtiger Wasserturm“ zeigt ein Gebilde, das eher einem Aquarium ähnelt mit einem Turm aus Wellen, in denen muntere Fischlein schwimmen. Hat sie hier das Wasser allzu wörtlich genommen, spielt Kike beim „Italientraum in Mannheim“ mit einem anderen berühmten Turm, nämlich dem Schiefen Turm von Pisa – wie wär’s, wenn auch Mannheims Wahrzeichen sich mal italienisch in die Diagonale legte? Ziemlich kafkaesk im Gegensatz dazu das Blatt „Herein!“: da steht doch tatsächlich der Wasserturm schräg in der Tür, als käme er zu Besuch. Mannheims Wahrzeichen gewinnt unter Kikes Scheren- und Klebekünsten mal fast menschliche Eigenschaften, mal wird es degradiert. „Als der Wasserturm sich als Gartenzwerg versuchte“ – fatal, welche Ähnlichkeit der monumentale Rundbau unversehens mit einer zipfelmützigen Schrebergartendekoration bekommt... Und das gute Stück gar wie einen nassen Socken auf die Wäscheleine zu hängen („Der Wasserturm hasste das“)! Speziell zu diesem Blatt kann nicht verschwiegen werden, dass Kike sich nicht nur banaler Werbefotos und touristischer Bilderreize bedient, sondern auch die edle Kunstgeschichte plündert wie einen Gemischtwarenladen. Der Wasserturm mitsamt den Jugendstilleuchten rund um seinen Sockel, auf der Leine baumelnd, nein, es war ihr nicht genug, er baumelt vor einem unglaublich stimmungsvollen Sonnenuntergangshimmel mit zart violett angehauchten Federwölkchen, und das ist nicht irgendein Himmel, sondern das 1824 entstandene Gemälde „Abend“ von Caspar David Friedrich aus der Mannheimer Kunsthalle.

 

Vor dieser Frau ist aber auch wirklich gar nichts sicher. „Der Wasserturm konnte nicht mehr stehen“ – da liegt der Turm erschöpft im Bett, mollig zugedeckt. Auf einem andern Blatt wird man an Don Quichottes vergebliches Weltverbesserungsringen erinnert, indem der arme Wasserturm es mit einer Windmühle aufnehmen soll: „Er wollte es mit einem andern Element versuchen“, tja, das ist ganz im Cervanteschen Sinn ein Zusammenprall zweier fremder Systeme, da passen hehre Eleganz und folkloristisch-banale Windmühlenflügel einfach nicht zusammen. Und wieder eine andere Szene mit nachdrücklichem Schubs an die Fantasie des Betrachters: „Wo ist Friedrichs Platz?“ – der Wasserturm steht auf der Wiese, ein gedeckter Tisch davor, wird sich jener mysteriöse Friedrich denn einfinden und dort speisen? Nee. Es ist nur ein Wortspiel, denn Mannheims Wasserturm erhebt sich am Friedrichsplatz, die Rasenflächen sind in Wirklichkeit etwas entfernt davon, und Tische stehen ganz gewiss nicht darauf, man darf auf der penibel gepflegten Wiese nicht mal picknicken.

 

Pausenlos lockt Kike Assoziationen im Kopf ihrer Betrachter hervor. Die Bilder, die wir da oben gespeichert haben, werden durcheinander gewirbelt, zerschnitten, neu zusammengefügt, bilden neue Geschichten, präsentieren uns neue Perspektiven, spielen mit den visuellen Erfahrungen der Wirklichkeit, reizen zum Lachen, verblüffen durch ihren Einfallsreichtum. Das Planetarium hat plötzlich ein Riesen-Ei auf dem Dach, was zur „Irritation der Sterngucker“ beiträgt. Wer genau hinsieht und sich sowohl im nahen Schwetzingen als auch auf dem Mannheimer Luisenring auskennt, wird feststellen, dass die moderne Mannheimer Moschee hinterm filigranen Gitter der historischen Moschee aus dem Schwetzinger Schlosspark blinkt („Auch Moscheen wandern“). Und wenn „Monsieur C. Urlaub in Mannheim“ macht und einem Teile des Bildes merkwürdig bekannt vorkommen, kann man sicher sein, dass Kike mal wieder die Schätze der Kunstgeschichte zweckentfremdet hat, in diesem Fall ein Gemälde von Gustave Courbet. Kein Wunder, dass auch Claude Monet dran glauben musste, eine seiner sommerlich luftigen Frauengestalten schwebt wundersam überm Rhein („Madame M. macht Urlaub in Mannheim“).

 

Dass auch die Mannheimer Quadrate urlaubsreif sind und einen „Ausflug zum Wasserturm“ machen, liegt angesichts des ironischen „Urlaubsparadieses Mannheim“ ja ziemlich nahe. Aber ähnlich wie der Wasserturm haben auch die Quadrate Kikes Fantasie heftig entzündet. Nicht nur, dass die Mannheimer Innenstadt ja kaum Straßen kennt, sondern als ursprünglich barocke Festungsstadt in mit Buchstaben und Ziffern versehene Quadrate eingeteilt ist (von A bis U) – nein, auch die konsequent quadratischen Bilder ihres Eheliebsten Bernhard Sandfort haben Kike nicht ruhen lassen. Mit „Sandforts Durchbruch“ konnte sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem sie Sandfort-Bildstrukturen auf die Fassade eines Museumsgebäudes klebte – der 1988 entstandene Erweiterungsbau der Reiss-Engelhorn-Museen wurde von Künstler Erwin Bechtold mit einem Fassaden-Durchbruch gestaltet, der die im Haus befindlichen archäologischen Sammlungen thematisierte. Um „Sandforts Durchbruch“ in seiner Doppeldeutigkeit wahrzunehmen, muss man das freilich wissen.

 

Sind Kikes Collagen also nur etwas für Insider und Mannheim-Kenner? Aber nein! Wenn sie in der bewusstseinsprägenden Sprache der Büstenhalter-Industrie ein „Mannheim push up“ ausgerechnet auf den Ruinen von Pieter Brueghels „Babylonischem Turm“ veranstaltet, dann ist das zwar ätzende Satire – aber Kike hat sich im Laufe ihrer Schaffensjahre auch noch ganz anderen Themen gewidmet. Der lauschigen Interieurszene „Junge Frau beim Schein einer Lampe nähend“ von Georg Friedrich Kersting (1785-1847) gab sie einen surrealistischen Kick, indem sie der Näherin einen Eisblock auf den Schoß zauberte – das blauweiß gebauschte Etwas hält man auf den ersten Blick für Stoff. Eine Kunstpostkarte mit Schlitzbild von Lucio Fontana schlitzte Kike entlang einer Fontana-Linie real auf und schob das Foto einer Weihnachtsbaumkugel hinein – solche Sachen schickt sie einem schon mal ganz unbefangen als Kartengruß. Inspiriert von Bildern, findet Kike offenbar ständig neue Bilder, lotet sie permanent überraschende Kombinationen aus, die ihre Betrachter jedes Mal aus der alltäglichen visuellen Bewusstlosigkeit wecken. Was würden Sie denn sagen, wenn die Gehirnwindungen einer schlafenden Dame sich als Wendeltreppenhaus entpuppen oder wenn einer jungen Frau aus dem Make-up-Spiegel eine mollige Renaissance-Schönheit aus dem Museum entgegensieht?

 

Info:

„Mannheimer Wunder“, Collagen von Kike, Augenladen, Heinrich-Lanz-Straße 29, 68165 Mannheim, vom 22. Juni bis 20. Juli 2007, Mittwoch bis Freitag 15-18 Uhr, Tel. 0621-406729.

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