Magdalena Jetelová
"Landscape of Transformation"

 
Magdalena Jetelová beim Aufbau ihrer Installation "Landscape of Tranformation" 2010 in der Kunsthalle Mannheim

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Jetelova-LandscapeMannheim.html

Fotos auf dieser Seite: Copyright 2010 Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

Sitemap
Übersicht Bildende Kunst

25-07-2010
Update 07-08-2010

Schwankende Orte, verblassende Werte

Magdalena Jetelovás Installation „Landscape of Transformation“ 2010 in der Kunsthalle Mannheim

 

Von Christel Heybrock

 

Fünf Stationen über die Menschenrechte. Fünf Orte, an denen man die Erfahrung macht, dass es keine Gewissheiten, keine Verlässlichkeit gibt und dass die in 30 Artikeln verfasste „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ weit entfernt ist von der Selbstverständlichkeit einer zivilisierten Gesellschaft – sie entpuppt sich vielmehr als Abstraktion.

 

Die tschechische Künstlerin Magdalena Jetelová richtete 2010 im gesamten Untergeschoss des Mitzlaff-Baus der Mannheimer Kunsthalle auf 800 Quadratmetern einen Parcours ein, den sie als „Landscape of Transformation“ bezeichnete und der mit einer „Landschaft“ wenig, vielleicht nur in einem sarkastischen Sinn zu tun hat. „Landscape“ kann auch den Zustand eines Areals bedeuten, das sich nicht auf geografische Flächen beschränkt, es gibt auch im Deutschen schließlich politische und soziale „Landschaften“ im übertragenen Sinn.

 

Erster Raum: Schriftzeilen mit Informationen über Menschenrechtsverletzungen laufen permanent schräg über die Wände. Versucht man, den fragmentarischen Texten zu folgen, scheint der Boden unter den Füßen zu schwanken.

 

Erster Raum:

Der langgestreckte, riesige Saal ist leer und in bläuliches Schwarzlicht getaucht. Leuchtende Schriftzeilen ziehen sich unablässig diagonal über die Längs- und über die kurze Querwand, scheinen in verschiedener Größe aufeinander zuzulaufen und entziehen sich einem lesbaren Zusammenhang. Textfetzen mit kühlen, sachlich notierten Folter-Ungeheuerlichkeiten aus den Mitteilungen der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International driften auf diese Weise vor dem Besucher dahin – wer den schrägen Zeilen zu folgen versucht, empfindet bald den Raum als kippend und seine eigene Balance als attackiert, und dies nicht nur der bruchstückhaften Inhalte wegen.

 

Zweiter Raum:

Das kleine Kabinett ist leer, aber mit Kinderstimmen erfüllt, die aus einer Tonanlage in zwei Deckenbalken dringen. Man sollte hier nicht einfach weitergehen, sondern mal ein paar Minuten hinhören: Mannheimer Grundschulkinder lesen mühsam und stockend Amnesty-Texte, offensichtlich ohne sie zu verstehen und indem sie immer mal durch einen strengen Lehrer unterbrochen werden. Der Gegensatz zwischen dem Inhalt der Texte und ihrer Sinnentleerung in Form des Nichtverstehens ist eklatant. Man muss sich fragen, ob eine erwachsene und potentiell verständnisfähige Öffentlichkeit denn mit den Menschenrechten und ihrer permanenten, weltweiten Verletzung anders umgeht: Der Amnesty-Jahresbericht wird in den Nachrichtenmedien gewöhnlich eben mal kurz angetippt, bevor es schon weiter geht mit Sport, Wetter und der allgegenwärtigen Werbung. Nehmen wir als erwachsene Leser/Zuhörer/Fernsehzuschauer von diesen Inhalten mehr wahr als die Kinder? Blockieren wir nicht in infantiler Verweigerung unser Gehirn, obwohl wir doch anders könnten?

 

Dritter Raum: Dreißig Stapel Papier mit den dreißig Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Auch dieser Raum leuchtet bläulich im Schwarzlicht und lässt die Texte geheimnisvoll strahlen. Sobald man mit einem bedruckten Blatt den Raum verlässt, erlischt der Text darauf.

 

Dritter Raum:

In dem schmalen Durchgang herrscht wieder Schwarzlicht. Auf dem Boden dreißig meterhohe Papierstapel mit den dreißig Artikeln der 1948 formulierten Erklärung der Menschenrechte: Beispielsweise Artikel drei – „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Auf jedem Stapel leuchten die Menschenrechte in gleißender Helligkeit wie eine unwirkliche Offenbarung. Die Besucher sind aufgefordert, zu lesen und einzelne Blätter mitzunehmen.

 

Vierter Raum: Plötzlich ein ohrenbetäubendes Knattern wie von Schüssen, indem man sich nähert. Zwischen einer nackten Glühbirne und einem Metallstab an der Wand zuckt eine gewaltige Energieentladung.

 

Vierter Raum:

Er entspricht in der Architektur des Hauses dem kleinen Raum mit den Kinderstimmen. Auch dieser vierte Raum ist leer. Indem man sich in ihm voran bewegt, verblasst die Schrift auf den mitgenommenen Blättern – die Menschenrechte existieren nur noch im eigenen Kopf, in der Erinnerung, sie bieten keinen verlässlichen Anhaltspunkt mehr. Und plötzlich fährt man zusammen vor Schreck: Auf der Stirnwand zuckt unter entsetzlichem Geknatter ein greller Blitz zwischen einer nackten, herabbaumelnden Glühbirne und einem harmlosen Stift in der Mauer. Im ersten Moment glaubt man an einen Schuss, man assoziiert Gewalt, Blut, Explosion, Attentat. Aber natürlich darf ein Museum kein Ort physischer Verletzungen sein. Magdalena Jetelová brachte für die gesamte „Landscape“ ausgebuffte Elektronikspezialisten mit – in diesem Raum installierte einer der Fachleute hinter der Wand eine Tesla-Spule, bei der es zu solchen (wenig gefährlichen und in genügender Höhe platzierten) Energieentladungen kommt.

 

Fünfter Raum: Die Spiegelwände zittern, sobald man sich nähert, das eigene Bild wird unscharf. Nur die Textzeilen auf den bebenden Spiegeln bleiben klar lesbar - sie formulieren den Verlust von Sicherheiten und Orientierung.

 

Fünfter Raum:

In der Architektur der Hauses entspricht er mit seinen Maßen dem ersten Raum mit den diagonal fließenden Schriftzeilen im Schwarzlicht. Aber der fünfte Raum ist verstellt mit Spiegelwänden, die zu zittern und zu vibrieren beginnen, wenn man sich ihnen nähert. Nur die kurzen Sätze, die in Augenhöhe auf ihnen zu lesen sind, bleiben klar und deutlich: „Sprengkraft des Zeitstillstands“ – „Geographie der Erinnerungen“ – „Unergründlichkeit des Selbstverständlichen“ – Unverbindlichkeit des Rückwegs“ – „Koordinaten der Orientierungslosigkeit“ – „Permanente Unbeständigkeit“ heißt es da. Was so unverwischt vor Augen bleibt zwischen all den verwischten Spiegelungen des eigenen Anblicks, sind Formulierungen fundamentaler Unsicherheit und zerstörter Gewissheit. Menschenrechte? Das Recht womöglich auf eine überschaubare, belastbare Lebensgrundlage? Kann man vergessen. Man verliert sich hier ja fast selbst.

 

Und wer hinter die Spiegelwand geht, die vorm Treppenaufgang zum Vetter-Forum angebracht wurde, betritt, wenn man so will, den sechsten Raum der „Landscape of Transformation“. Auf der Spiegelfläche steht in großen schwarzen Lettern: „Vergessen zu leben“ – und das steht in Spiegelschrift auf der weißen Wand, die der Spiegel zurückwirft.

 

Man kann die gesamte Installation als ästhetisches, als sinnliches Erlebnis genießen. Wer freilich darüber hinaus auch noch mitdenken will, entdeckt bald eine Zustandsbeschreibung der globalen Gegenwart darin. Die 1946 geborene Magdalena Jetelová hat selbst fundamentale existenzielle Unsicherheiten erfahren: Nach politisch schwierigen Jahren in ihrer Heimat kam sie 1985 in die Bundesrepublik und erregte hier Aufsehen mit riesigen archaischen Stühlen, Tischen, Toren und Treppen – absurden Alltagsgegenständen, die das scheinbar Vertraute in etwas verwandelten, was das Leben ihrer Benutzer unmöglich gemacht hätte. Schon damals scheint das ihr Thema gewesen zu sein: dass Dinge aus den Fugen geraten. Zumindest die Mitarbeiter des Mannheimer Landesmuseums für Technik und Arbeit (heute „Technoseum“) hat das offenbar dermaßen irritiert, dass sie 1989 ein Projekt verhinderten, mit dem das Museum ein unvergessliches Signet erhalten hätte: Ein 18 Meter hoher, schiefer Holzstuhl sollte an der Fassade angebracht werden. Die „Kunst am Bau“ wurde vehement abgelehnt, heute ziert eine rote Allerweltsplastik von Mark di Suvero eine Empore am äußeren Treppenaufgang.

 

In den Jahren wurde, wie es vonseiten der Kunsthalle heißt, die Kunst Magdalena Jetelovás immer abstrakter. Abstrakt freilich ist die Erfahrung nicht, dass wir heute weltweit unsere Maßstäbe verlieren – sowohl die Maßstäbe für menschliche Proportionen von Lebensräumen, die in wuchernden Megastädten und vergifteten Industriebrachen verloren gehen, als auch die Maßstäbe humanen Verhaltens. Nicht ohne Grund wirft Amnesty International selbst so zivilisierten Demokratien wie der Bundesrepublik immer wieder Zustände vor, mit denen die Menschenrechte bewusst verletzt werden. Ganz zu schweigen von den vielen Ländern der Erde, in denen Folter und Bedrohung an der Tagesordnung sind. Die Werte der Menschlichkeit scheinen zu verblassen wie die Papiere in Magdalena Jetelovás Installation, Erinnerungen an die Texte bleiben folgenlos. Zwischen schwankenden Wänden erkennen wir uns selbst nicht mehr, wir irren zwischen „Koordinaten der Orientierungslosigkeit“ herum und „vergessen“ zum Schluss „zu leben“. Was Magdalena Jetelová in ihrer „Landscape of Transformation“ formuliert, betrifft uns alle jenseits eines Kunsterlebnisses. Aber die Kunst kann es uns bewusst machen.

 

Der Katalog

 

Magdalena Jetelová, „Landscape of Transformation“, herausgegeben von Ulrike Lorenz, mit Beiträgen von Susanne Altmann, Boris Groys, Thomas Köllhofer und Ulrike Lorenz, Gestaltung von QWER (Michael Gais und Carl-Philipp Kaiser), Wienand Verlag, Köln 2010, Text deutsch-englisch, 164 Seiten, Preis im Museumsshop während der Ausstellung 25 Euro, im Buchhandel 36 Euro, ISBN 978-3-86832-030-5

 

Der Katalog erschien einige Zeit nach der Ausstellungseröffnung und dokumentiert nun alle Räume der Installation.

 

Textautoren:

Museumsdirektorin Ulrike Lorenz äußert sich zum Werk von Magdalena Jetelová und bezieht die mit der Installation thematisierte Umbruchsituation auch auf den gegenwärtigen Status der Mannheimer Kunsthalle, die teilweise wegen einer umfassenden Altbau-Restaurierung geschlossen ist.

Ausstellungskurator Thomas Köllhofer setzt sich detailliert mit allen Räumen der Installation auseinander.

Der Text des tschechischen Autors Boris Groys, eine Erstveröffentlichung, ist ein philosophischer Essay über das Dilemma des europäischen Humanismus, der einerseits universelle Menschenrechte proklamiert, andererseits die Idee des Humanismus aber auf Europa begrenzt sieht. Daraus leitet Groys auch das europäische Verständnis von bildender Kunst ab, das den Humanismus spiegele und zugleich die Perspektive anderer Kulturen ausklammere. Viele Argumente und Schlussfolgerungen des Autors scheinen an den Haaren herbei gezogen und, gemessen an einer differenzierten globalen Wirklichkeit, Produkt einer abstrakten Denkstruktur, die mit dem gegenwärtigen Entwicklungsprozess kultureller und sozialer Begegnungen nichts zu tun hat.

Susanne Altmann stellt Magdalena Jetelovás künstlerische Entwicklung vor, die noch in Prag beginnt und seit ihrer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei 1985 in Deutschland und zunehmend auf globaler Ebene erfolgt. Sie sieht das Werk Jetelovás im Kontext u.a. der Land Art und anderer Strömungen der Gegenwartskunst.

 

Die gelungenste Leistung ist das Gestaltungskonzept von QWER, das Michael Gais offenbar mit der Künstlerin absprach. Gais druckte die Artikel der Menschenrechte in Grau auf das violette Vor- und Nachsatzpapier und setzte die einzelnen Kapitel durch violette Doppelseiten voneinander ab. Das visuelle Ambiente der Schwarzlichträume wird dadurch quasi ins Buch übertragen. Die z.T. ganzseitigen Fotos von Jetelovás Installationen im letzten Teil finden allerdings im Text von Susanne Altmann nur pauschale Erläuterungen. Hier bleiben doch einige Wünsche offen.       hey

 

Info:

Magdalena Jetelová: „Landscape of Transformation“, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, vom 16. Juli bis 10. Oktober 2010, www.kunsthalle-mannheim.de

kostenlose counter