Der Bildhauer Klaus Horstmann-Czech


Nasskalter, nebliger Oktobertag 2009 - fast mitten im Wald liegt die Jugendstilvilla in Heidelberg, wo der Bildhauer Klaus Horstmann-Czech lebt und arbeitet - wenn er nicht gerade in Carrara ist. Das Foto zeigt den Meister unten in der halb geöffneten Tür seines (Keller-)Ateliers, umgeben von Utensilien, die darauf hindeuten, dass er bei schönem Wetter auch draußen arbeiten kann.

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Die Farbfotos auf dieser Seite stammen von Manfred Rinderspacher (Copyright) und sind größten Teils Erstveröffentlichungen. "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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10-11-2009
Update 08-06-2013

Der Meister des Marmors, der Kuben und Kugeln

Bildhauer Klaus Horstmann-Czech setzt ein uraltes Formenrepertoire fort

 

Von Christel Heybrock

 

Nichts ist so schön und so berührend wie das Einfache. Das wusste man in einigen Epochen der antiken Kulturgeschichte, das erkannte man in der deutschen Klassik und im Klassizismus, und das sehen wir heute wieder im Lebenswerk von bildenden Künstlern, die sich (oft mühsam genug) behaupten gegen den Strom bizarrer, schriller Verrücktheiten einer Szene, die sich förmlich zerreißt in ihrer Sucht nach vermeintlich neuen, nie da gewesenen und neurotisch verkrampften Schöpfungen. Das Einfache kann nicht „neu“ sein; geht man zurück auf die Urformen (nicht nur) der bildenden Kunst, findet man Kategorien, in denen Originalität um jeden Preis nicht mehr zählt – stattdessen zählen Statik, Proportionen, Gelassenheit und Selbstgewissheit.

 

Es zählen die Formen, die von einem nach Abbildern gierenden Publikum als „abstrakt“ und unverständlich gefürchtet werden: Quadrate und Würfel, Kreise und Kugeln und deren unglaublich vielfältige Varianten. In der Malerei sind die abstrakten, im Grunde „konkreten“ (weil nicht mehr abbildenden) Künstler zugleich mit den Urformen auch auf die leuchtenden Grundfarben Rot – Gelb – Blau gestoßen, was ihren Bildern eine unvergleichliche Kraft verleiht. In der Skulptur spielt das Material eine fundamentale Rolle. Ein Würfel aus poliertem Metall sieht völlig anders aus als eine in den gleichen Maßen gezimmerte Kiste aus rohen Holzbrettern, eine Kugel aus Watte vermittelt andere Wahrnehmungen als eine aus Stein, und mit Stein, vor allem Marmor, kennt er sich aus, der in Heidelberg lebende Bildhauer Klaus Horstmann-Czech.

 

Geboren 1943 im böhmischen Usti nad Labem (Aussig/Elbe), kam er mit fünf Jahren nach Heidelberg und begann eine Grafikerausbildung, die er seit 1965 in Berlin fortsetzte. Irgendetwas muss ihn gedrängt haben, dass Reklame und Schaufenstergestaltung kein Lebensinhalt sein konnten, aber die Annäherung an die „freie“ Kunst bestand zunächst darin, dass Horstmann-Czech 1969 in Berlin die „modern art galerie“ gründete und 1970 zu den Mitgründern der Berliner Kunstmesse gehörte. Sein Engagement als Galerist, zu dessen Programm die Gruppe Zero, amerikanische Hard-Edge-Vertreter oder der italienische Avantgardekünstler Agostino Bonalumi gehörten,  erlitt bösen Schiffbruch, als er das Pech hatte, gefälschte Grafiken von Richard Lindner in die Hand zu bekommen. Er musste bereits verkaufte Blätter zurück erwerben und blieb nicht nur auf einem finanziellen, sondern vor allem auf einem beträchtlichen Imageschaden sitzen: Nach nur vier Jahren war er gezwungen, seine zuvor preisgekrönte Galerie zu schließen.

 


Cover der Buchpublikation in der Heidelberger Edition Braus 2008 (Info siehe unten). Der Band erschien anlässlich der Ausstellung zu Horstmann-Czechs 65. Geburtstag in der Heidelberger Galerie Sacksofsky. Das Titelfoto zeigt eines von Horstmann-Czechs Hauptwerken, die Marmorgruppe "Dialog mit der Zeit" (2008). Auf einem Sockel aus weißem, fein geäderten Carrara-Marmor sind (von links)das Fragment eines Kubus mit eingeschriebenem Kreisschnitt, einer von Horstmann-Czechs atemberaubend spitzen Kegeln, eine Säule, eine seiner "Lichtscheiben" und erneut ein Kubusfragment angebracht. Die Gruppe umfasst inhaltlich sowohl eine Erinnerung an die Antike als auch überzeitlich gegenwärtige Motive.

 

Mit 31 Jahren hieß es, noch einmal ganz neu anzufangen, und vielleicht war das existenzgefährdende Missgeschick langfristig eher der Glücksfall seines Lebens. Horstmann-Czech ging nach Italien, lernte Italienisch und besuchte drei Monate lang eine Bildhauerklasse in Perugia. Das Ergebnis war eine perfekte Marmorkugel, aber die scheint ihm nur die Gewissheit gegeben zu haben, dass es auf diesem Weg mit ihm weitergehen konnte. 1975 war er zurück in Berlin: in der Bildhauerklasse von Bernhard Heiliger an der Kunsthochschule. Heiliger, bei dem er anfangs Aktzeichnen und –modellieren lernte, um ein Gefühl für Proportionen und Volumina zu bekommen, war für Horstmann-Czech eine grundsätzliche Erfahrung, die ihn sich selbst finden ließ, aber es dauerte dann doch noch ein rundes Jahrzehnt, bis er Souveränität beim Umgang mit Materialien und dann endgültig Boden unter die Füße bekam. Kugel und Kubus spielten aber stets die zentrale Rolle, und auch die frühen Arbeiten noch während des Heiliger-Studiums zeigten, dass man mit Horstmann-Czech würde rechnen müssen. Von ruhiger Schönheit ist beispielsweise die dunkle, weiß geäderte Marmorkugel, die in einem offenen, verchromten Eisenkubus ruht – zwei Formen, die einander in Frage stellen und zugleich bestätigen („Kugel mit Kubus“, 1975).

 

Aber Horstmann-Czech brachte Bewegung in die Urformen. Berühmt wurde seine „Durchlaufende Kugel in drei Phasen“, die er in Gips und Polyesterlaminat (1977), später in Aluminium (1991) erarbeitete: In der jeweils dreiteiligen Bodenarbeit schickt sich eine Kugel an, unter eine scheinbar weiche, an einen Teppich erinnernde Fläche zu rollen; in der Mittelphase beult sie das Flächenmaterial aus, unter dem sie komplett verschwunden ist, und zum Schluss ist sie wieder hervorgerollt. Mit dieser Arbeit oder auch den Aluminiumstelen der „Durchdringenden Kugel in drei Phasen“ (1977/78) trug Horstmann-Czech wesentlich zu den erweiterten Wahrnehmungsmechanismen der damaligen Avantgarde bei.

 


Horstmann-Czech im Planungsbüro beim Ausprobieren einer neuen Schlaufenform.

 

Mit Heidelberg, der Stadt seiner Kindheit, ist er übrigens bis heute verbunden – provinziell ist man nicht an einem Ort, sondern nur im Kopf, und provinziell war er ohnehin noch nie. Als er 1978 den Wettbewerb für einen Brunnen in der Fußgängerzone gewonnen hatte („Flower“ aus kreisförmig angeordneten Bronze-Elementen, zwischen denen Wasser hervorsprudelt), schlug der damalige Oberbürgermeister Reinhold Zundel dem Bildhauer vor, sein Atelier von Berlin doch in die Neckarstadt zu verlegen. In einem ländlichen, aber von Künstlern immer wieder hoch geschätzten kleinen Stadtteil, dem Kohlhof, gab es eine Jugendstilvilla, in der in den fünfziger Jahren der Komponist Wolfgang Fortner einen Kreis avantgardistischer Musiker um sich geschart hatte. Da Horstmann-Czech aber im selben Jahr seine Arbeit in Carrara begann, wo alle seine Großplastiken aus Marmor entstehen, dauerte der Umzug bis 1985: Seither bewohnt der Meister das Haus Kohlhof Nr. 9, wo er über drei Etagen verfügt – zum Wohnen in der Mitte, zum Planen im Stockwerk darüber, im Keller schließlich zum Werken mit schweren Maschinen, Steinblöcken und Hebekran. Fast mitten im Wald: niemand wird hier von Lärm und Staubwolken gestört, und bei schönem Wetter kann Horstmann-Czech sogar draußen arbeiten.

 


Der Meister im Atelierkeller am Hebekran. Steinskulpturen sind schwer, auch wenn sie bei Horstmann-Czech leicht und elegant anmuten. Im Vordergrund die schwarze Skulptur "Luna II".

 

Seither sind etliche Plastiken für den öffentlichen Raum in Heidelberg (und andernorts) entstanden. Für ein Projekt im Außenbereich der Stadtbücherei (Poststraße 15) wurden lange Zeit Sponsoren gesucht. 2013 endlich war es soweit, Heidelberg bekam eine drei Meter hohe Granit-Version der „Hommage an Goethe“, die Horstmann-Czech 1991 für die Goethestadt Weimar schuf. Er nahm dabei ein Werk auf, das Goethe selbst dort 1777 in seinem Garten platzierte und „Stein des guten Glücks“ nannte: es besteht aus einem Steinkubus, auf dem eine Steinkugel liegt; das Glück äußerte sich also bereits für Goethe in der ebenso sinnvollen wie einfachen Zusammenfügung der beiden stereometrischen Basisformen. Horstmann-Czech jedoch schnitt bei seinem Werk „Hommage an Goethe“ den Kubus schräg in zwei Teile, einen größeren und einen kleineren, und legte die Kugel dazwischen, so dass ein Element von Balance in die ursprüngliche Statik kommt und die Kugel davon rollen würde, wenn sie nicht zwischen den Steinblöcken gehalten würde. Die „Hommage an Goethe“ erarbeitete er in diversen Größen und Materialien, darunter auch in kleinen Formaten – Horstmann-Czech gehört zu den Bildhauern, deren Werke sowohl monumental als auch im Zentimeterbereich wirken.

 


Der Künstler an der Schleifmaschine im Atelierkeller. Überall hat sich feiner Steinstaub niedergelassen - die Arbeit an Steinskulpturen ist allein physisch schon anstrengend und fordernd. Den Ergebnissen sieht man es nicht an.

 

Eine Balance, eine Irritation, einen Anstoß zum Überprüfen der eigenen Wahrnehmung vermittelt seine Kunst immer wieder. Da sind die wunderbaren Handschmeichler-„Kissen“ aus Marmor (1991), prall und schwellend oder eher flach, aber stets im harten Stein eine Weichheit suggerierend, als könnte man sie zusammenpressen. Da sind mehrteilige Objekte, bei denen ein Marmor-Zylinder in der Kehle eines Marmorsockels ruht, als habe er eine weiche Unterlage eingedrückt („Kleines Raummotiv IV“, 1991). Die kleine Skulptur „Stromboli“ (1992) besteht aus einer schwarzen Marmorkugel und einem Lavastein, verbunden durch ein schmales Kupferband – der Betrachter assoziiert sofort die Drücke im Erdinnern, die Marmor entstehen lassen, er assoziiert Vulkanausbrüche und Erzminen, noch dazu wird ihm der Unterschied zwischen menschlichem Artefakt und „rohem“ Naturobjekt vor Augen geführt, und alles ist zusammengefasst in der überwältigend simplen Verwandtschaft zweier durch einen Metallstreifen verbundenen Rundformen.

 

Es sind immer wieder Prozesse, Handlungsverläufe, die Horstmann-Czechs Kunst suggeriert, und damit ist die Spannung zwischen dem herauf beschworenen, aber eigentlich unsichtbaren Hintergrundsgeschehen und der Greifbarkeit des harten Steins oder Metalls ein zentraler Teil seiner künstlerischen Aussage. Von frappierender Schönheit und Einfachheit beispielsweise die „Gemelli“ (1995), eine Serie von Doppelkugeln aus verschiedenen Marmorsorten (dem dunklen, lebhaft geäderten Portoro, dem zartgrauen Bardiglio oder rosafarbenem Portugallo). Der Umgang allein mit dem Material wäre schon ästhetisch genug, aber die „Zwillinge“ scheinen aus zwei schräg übereinander gestülpten Hohlkugeln zu bestehen, die im Begriff sind, sich voneinander zu trennen. Ein im Grunde organischer Vorgang wird hier beschworen, als bestünde die in sich verschobene Steinkugel aus zwei geheimnisvollen, ineinander steckenden Lebewesen.

 


Der Künstler in seiner Ausstellung im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum im Jahr 2000 mit der Skulptur "Carosello I" aus Bardiglio-Marmor und Edelstahl. Der Materialkontrast zwischen dem polierten Stahl und dem hellgrau geäderten Marmor suggeriert eine sausende Kreisbewegung - ein Karussell eben.

 

Prozesse können in der Wahrnehmung des Betrachters auch durch Licht hervorgerufen werden. Zu den bewegendsten Arbeiten gehören die „Lichtreliefs“ und die „Lichtscheiben“, letztere aus beiderseits nach innen gewölbten, dicken Marmorscheiben. Im Verlauf von Tageslicht entwickeln die zum Zentrum hin immer durchsichtigeren Objekte eine Immaterialität, die zur Präsenz des Steins in faszinierendem Widerspruch steht – Licht ist nicht materiell, hier regt es die im Grunde starre Materie des Steins zu einer poetischen Sprache an. Bei den „Coni“ (Kegeln) und den „Cubi rotanti“ (rotierenden Würfeln) benutzt Horstmann-Czech unter anderem auch Kristallglas. Der Effekt des „Rotierens“ bei den Würfeln wird durch Verzerrungen der Kanten und Seitenflächen hervorgerufen, was gerade beim Glasmaterial zu einem verwirrenden Netz aus Reflexen führt, das man nie zu Ende schaut. Bei den abenteuerlich spitz zulaufenden Kegeln dagegen hat man Mühe, den eigenen Augen zu trauen: Ist wirklich alles bis zur punktförmigen Spitze aus blauem Bahia-Quarzit, aus schwarzem afrikanischem Granit, aus weißem Carrara-Marmor? Und der Glaskegel ist kein Phantom, sondern feste Materie?

 

Nicht nur Kugel, Kegel und Kubus gehören zum Formenrepertoire, sondern vor allem auch die Ellipse, die ebenso wie die Kugel unbeabsichtigt auch ein kosmisches Symbol ist: Himmelskörper haben aufgrund ihrer Rotation Kugelform, während ihre Umlaufbahnen wegen gravitativer Störungen oft elliptisch sind. Die zur Schlaufe abgewandelte Ellipse „Panta rhei“ deutet bei Horstmann-Czech die Endlosigkeit von Bewegungen und Entwicklungen an, und überhaupt sind Ellipsen in ihrer Form unendlich variantenreich. Das Gesamtwerk Horstmann-Czechs erstreckt sich über die ganze Bedeutungsspanne zwischen Kosmos und einzelnem Körper, worin durchaus auch menschliche Körper eingeschlossen sind, etwa in der stetig fortgeführten Serie der „Köpfe“ oder der kleinen Doppelskulptur „Occhio“ (Auge, 2009), die aus einem Kugelschnitt mit innen aufliegender Ganzkugel besteht, ein Augapfel in seiner Höhle. Details des menschlichen Körpers werden auf ihre geometrischen Grundformen reduziert und gewinnen dadurch eine Dimension des zeitlos Gültigen.

 


Horstmann-Czech noch einmal mit "Luna II" (2006/2007). Der schwarze Marquina-Marmor beschreibt einen innen dreifach gekehlten Halbkreis, wobei in der oberen Kehle eine Vollkugel ruht, Zeichen eines Himmelskörpers (des Mondes) und seiner Sichtbarkeitsphasen. Das Werk ist von genialer Einfachheit und Harmonie.

 

Zwischen der „Occhio“-Arbeit und den Versionen der „Luna“-Arbeiten lassen sich verblüffende Verwandtschaften entdecken. Alle drei bisher entstandenen Varianten („Luna I“ und „Luna II“ aus dunklem, beziehungsweise schwarzem Marmor, „Luna III“ aus weißem Marmor) bestehen aus dem Halb- oder Viertelschnitt einer dickwandigen Hohlkugel, die innen noch einmal in drei Kehlen gestuft ist: In der obersten Kehle liegt eine Kugel. Die Kugel, bei „Occhio“ Zeichen des menschlichen Auges, weckt bei „Luna“ die Assoziation eines Himmelskörpers, und die Kugelkalotte, in der sie ruht, deutet die drei sichtbaren Mondphasen an, zugleich aber auch das Zusammenspiel des Erde-Mond-Systems mit seinen Beziehungen zwischen großem und kleinem Körper. Durch die Prozesshaftigkeit von Horstmann-Czechs Oeuvre werden Details organischen Lebens ebenso wie die Gesetze des Weltraums beschworen, wobei der Betrachter frei entscheiden kann, welcher Bedeutungsebene er jeweils den Vorzug gibt. In diesen Skulpturen gewinnt die Zufälligkeit des Lebens eine grundsätzliche, von der Geometrie geschaffene Harmonie - und die Geometrie ihrerseits eine kosmische Lebendigkeit und Realität jenseits jeder starren Abstraktion.

 

Info:

- „Klaus Horstmann-Czech. Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen und Materialbilder“, mit Texten von Milan Chlumsky, 224 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und einem Oeuvrekatalog, Verlag Edition Braus, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-89904-334-1, Buchhandel im Weltbild Verlag, 39,90 Euro.

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