Kurpfälzisches Museum Heidelberg
Das Silberservice der Kurfürstin


Blick auf die festlich gedeckte Tafel im Heidelberger Palais Morass, dem Domizil des Kurpfälzischen Museums. Das Silberservice der Kurfürstin Elisabeth Augusta wurde mithilfe der Kulturstiftung der Länder im Jahr 2002 erworben - ein Ensemble von einzigartiger Vollständigkeit.


Elisabeth Augusta am Spinett, gemalt von Johann Heinrich Tischbein. Die Kurfürstin war in jungen Jahren eine Schönheit und litt nur unter Kinderlosigkeit. Das Bild ist im Besitz des Kurpfälzischen Museums.

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August 2002/ Update 14-10-2009

Prunkstück aus fürstlichen Zeiten

Das Kurpfälzische Museum Heidelberg erwarb das Silberservice der Kurfürstin Elisabeth Augusta

 

Von Christel Heybrock

 

Die Tafel ist festlich gedeckt, aber betreten darf man den Raum nicht. Hineinschauen darf man hinter einer Glaswand – es ist fast so wie im Ancien Régime, als das Volk dem Herrscher mitunter beim Speisen zuschauen durfte. Mehr als eine Million Euro wurden aufgebracht, um den jüngsten Schatz des Heidelberger Kurpfälzischen Museums aus dem internationalen Auktionshandel (bei Sotheby’s) zu erwerben, und die Kulturstiftung der  Länder, die in so spektakulären Fällen tatkräftig mithilft, war nicht der einzige Sponsor. Es geht um das Tafelsilber der Kurfürstin Elisabeth Augusta (1721-1794), ein einzigartiges Ensemble aus 72 Teilen, das aus Privatbesitz auf den Markt kam und allein an Materialgewicht mehr als 60 Kilo auf die Waage bringt.

 

Update14-10-2009: Im Frühjahr 2009 tauchten auf einer Auktion in London noch zwei silberne Speiseglocken aus dem Service auf, die über das Heidelberger Auktionshaus Mike Metz für das Museum gesichert werden konnten. Die zugehörigen Platten befanden sich bereits im Museum, und die Erwerbung erfolgte schließlich über den Heidelberger Unternehmer Bernd Müller, der die Glocken dem Haus als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte. Seit Oktober 2009 sind sie Teil des Ausstellungs-Ensembles. Mike Metz bemüht sich seither laut einer Pressemeldung auch noch um den Erwerb des zugehörigen Bestecks.

 

Manch einer fragt sich wohl, ob in heutigen demokratischen Zeiten, in denen es vielen Menschen erneut an allen Ecken und Enden fehlt,  ein solcher Ankauf  „nötig“ war. Er war es! Gehörte das Silberservice, das in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts in Straßburg entstand, einst der Kurfürstin als persönlicher und von ihr in Auftrag gegebener Besitz, so gehört es heute uns allen – es ist Teil unserer Geschichte und Kultur und überdies das einzige vollständig erhaltene Silberensemble der ehemaligen Mannheimer Residenz. Auch von den  Straßburger Meistern, die damals an den Höfen Europas berühmt waren und deren Kunst in alle Welt verstreut wurde, hat sich aus dem 18. Jahrhundert nur dieses eine geschlossene Tafelensemble erhalten.

 

Verbunden mit der prunkvollen Zierde ist eine sehr menschliche Geschichte, eigentlich eine Tragödie. Am 17. Januar 1742 hatte Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz (1724-1799) seine Kusine Elisabeth Augusta von Pfalz-Sulzbach geheiratet. Die Ehe war oberflächlich gesehen keineswegs unglücklich, das Paar verstand sich nach außen, wenn auch die lebenslustige Elisabeth Augusta die vielen intellektuellen Interessen ihres Gatten nicht teilte. Die Harmonie jedoch wurde überschattet von Kinderlosigkeit. Nach 19 Jahren des Wartens und Hoffens, der Badereisen, Wallfahrten und Gelübde kündigte sich endlich der vom ganzen Land ersehnte Erbe an. Die Kurfürstin war 40, als sie am 28./29. August 1761 in Schwetzingen niederkam, drei Wochen nachdem der Kurfürst zusammen mit seinem Astronom Christian Mayer im Schlosspark das seltene Ereignis eines Venus-Transits beobachtet hatte - womöglich war der Transit schon ein böses Omen gewesen? Dass weniger die Gestirne als vielmehr unfähige Ärzte schuld an dem Desaster waren, zu dem diese Geburt letztlich wurde, wollte damals so recht niemand sagen. Offenbar hatten die Mediziner nie und nimmer mit Komplikationen gerechnet – aber während der blanken Katastrophe, die sich da ereignete, wäre Elisabeth Augusta beinahe verblutet und das Kind, mit der Zange ans Licht geholt, musste elend ersticken.

 

Und das Unglück setzte sich fatal fort. Es dauerte Monate, bis sich Elisabeth Augusta erholt hatte, und die Ärzte verboten danach jeden intimen Kontakt, da eine zweite Schwangerschaft die Mutter das Leben gekostet hätte. Carl Theodor, wohl ohnehin bereits nicht gänzlich ohne Enttäuschungen, konnte für sich selbst diese Lebensperspektive nicht akzeptieren; der Riss, der fortan durch die Ehe ging, war nicht mehr zu heilen. Maria Josefa Seyfert (1748-1771), eine junge Tänzerin vom Mannheimer Nationaltheater, bescherte ihm schließlich für wenige Jahre das kinderreiche Familienleben, das er offenbar stets ersehnt hatte, während sich Elisabeth Augusta, immer neuen Kränkungen ausgesetzt, schließlich von ihm und aus Mannheim zurückzog.

 

In Oggersheim, heute Stadtteil von Ludwigshafen, das damals noch nicht existierte, begründete sie eine eigene Hofhaltung, deren Aufwand ihr über die Enttäuschungen und die schwere Krise hinweg helfen sollte und wohl auch half. Ihr Vater hatte dort bereits ein Schloss errichten lassen, das der 1767 gestorbene Pfalzgraf Friedrich Michael von Zweibrücken durch den französischen Baumeister Nicolas de Pigage ausgebaut hatte. Elisabeth Augusta bediente sich nun der Kunst des Bildhauers und Architekten Peter Anton Verschaffelt, um ihr Domizil im Spätrokoko, im Louis-Seize-Stil auszustatten. Sowohl Pigage als auch Verschaffelt standen ohnehin in kurfürstlichen Diensten und waren führend an Bau und Ausstattung des Mannheimer Residenzschlosses beteiligt. Es heißt, es sei in Oggersheim (wo zu der Zeit übrigens Friedrich Schiller an „Kabale und Liebe“ schrieb) zeitweise prunkvoller zugegangen als in der kurfürstlichen Sommerresidenz Schwetzingen, und in Oggersheim blieb die Kurfürstin auch, als der Mannheimer Hof 1778 nach München verlegt wurde.

 

Elisabeth Augusta verbrachte noch mehr als anderthalb glückliche Jahrzehnte, bevor 1794 alles zusammenbrach, ihr geliebtes Schloss, ihr Leben und ein ganzes Zeitalter. Am 6. September 1793 weilten noch König Friedrich Wilhelm II. von Preussen und Herzog Carl August von Zweibrücken bei ihr zu Besuch. Die Zeiten waren seit dem Umsturz in Frankreich unruhig, ja gefährlich geworden; der Herzog von Zweibrücken war ein halbes Jahr zuvor von Carlsberg geflohen und mit knapper Not der Gefangennahme entgangen, sein Schloss, kaum fertig gestellt, war von französischen Revolutionstruppen wenige Wochen vor seinem Besuch in Oggersheim verbrannt worden, und nun rückten auch in der Pfalz die Revolutionstruppen vor. Elisabeth Augusta, 72-jährig, hatte ihre Schätze bereits packen lassen und wurde nun selbst zur Flucht gezwungen. Im Schloss zu Weinheim fand sie ein neues Domizil, wo sie, von Alter und Aufregungen geschwächt,  am 17. August 1794 starb. Die französischen Truppen hatten Anfang 1794 Oggersheim erreicht, sie plünderten das verlassene Schloss und brannten es nieder. Das Silberservice aber hatte die Kurfürstin vor ihrem Tod noch im Testament einer Nichte vermacht, in deren Familie es dann weiter vererbt wurde.

 

Im Gegensatz dazu nutzte Carl Theodor, der seine ungeliebte Frau um sechs schwierige Jahre überlebte, seine Silberbestände für die Kriegskasse. Bis 1799, seinem Todesjahr, ließ er nach und nach das gesamte pfälzische Silber von Mannheim nach München kommen, um es dort einzuschmelzen und im Kampf gegen die Franzosen zu verwenden. In der Münchner Silberkammer befinden sich aus den einstigen Mannheimer Beständen gerade noch zwei Leuchter, eine Fischplatte und zwei Kannen - umso kostbarer ist heute das vollständig erhaltene Ensemble seiner Frau.

 

Wer Elisabeth Augustas Tafelschatz erblickt, ist womöglich verblüfft über seine klaren, vergleichsweise schmucklosen Formen. Die Lust des Rokoko an anmutigen Dekorformen, an nicht enden wollenden asymmetrischen Schnörkeln, Zipfeln und gegenläufigen feinen Schwüngen, sie scheint hier sehr zurückgenommen und auf klassische Einfachheit reduziert. Das Zwölf-Personen-Service, im Schloss-Inventar von 1769 bereits beschrieben, geht auf Entwürfe des Straßburger Meisters Jean Henri Oertel zurück, der höchst gelungen Stilelemente von Louis Quinze mit einem neuen Stil, dem an der Antike orientierten Gout Grec (= griechischer Geschmack), kombinierte. Dieser „Style Transition“ (Übergangsstil) erscheint in Tellern mit sehr zurückhaltenden Schmuckrändern, in einer sanft und keineswegs ausladend geschweiften Terrine, die eine stilisierte exotische Frucht als Deckelknauf trägt, ferner in einer aufwändig gearbeiteten Rosenwasserkanne mit großem, flachem Becken (zur duftenden Händewäsche bei Tisch), die das Entzücken der Kenner bildet, und schließlich in den unaufdringlichen Kartuschen mit dem Namenszug der Fürstin.

 

Ein Einzelteil aus dem Tafelsilber Elisabeth Augustas

 

Das Service wurde bei festlichen Ereignissen wie Geburts- und Namenstagen und den jährlichen Feiern des Elisabethordens aufgedeckt. Es ist kostbares Relikt aus einer Zeit, aus einer Gesellschaft, die uns heute sehr fern scheinen und die doch mehr Spuren in unserem Bewusstsein hinterlassen haben, als wir uns gelegentlich klarmachen. Wer in den bezaubernden, liebevoll ausgestatteten Raumfluchten des Palais Morass im Heidelberger Museum auf das Tafelzimmer stößt, wird sich unversehens zurückträumen in jenes Jahrhundert, in dem die raue Wirklichkeit zu blanker Anmut verfeinert wurde und die Kunst einer anheimelnden, bergenden Umgebung die Menschen, die es sich leisten konnten, zu schützen vorgab vor dem bedrohlichen Gären einer neuen Epoche.

 

Info:

Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, www.museum-heidelberg.de

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