Kurpfälzisches Museum Heidelberg
Die Sammlung Posselt


Der gebürtige Heidelberger Caspar Netscher (1636-1684) bannte 1674 diese unbekannte Schöne auf seinen Bildträger (Öl auf Holz). Die junge Dame in der atemberaubenden Atlasrobe sitzt offenbar auf einer reich verzierten, mit Teppich und Draperie verhüllten Steinbank. Das Bild ist eines der Glanzlichter der Sammlung Posselt im Kurpfälzischen Museum Heidelberg.

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Kurpfälzisches Museum Heidelberg:

Die Gemälde 15. - 18. Jahrhundert

Die Handzeichnungen

Das Silberservice der Kurfürstin
Sammlung Zundel - Plakate von Klaus Staeck

 

12-04-2008

Die Köstlichkeit des Bildersammelns

Die Sammlung Posselt im Kurpfälzischen Museum Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Das Kurpfälzische Museum Heidelberg birgt so manche Schätze, die man auf den verschlungenen Wegen durch die kleinen Säle immer neu entdecken muss. Einen ganz großen Schatz hat das Haus mit den (hauptsächlich) Niederländern der Sammlung Posselt –148 Gemälde vom Feinsten, die bereits 1907 in die damaligen Bestände aufgenommen wurden, ein Jahr, bevor das Museum im barocken Palais Morass in der Altstadt überhaupt eröffnet wurde. Porträts, Landschaften, Genreszenen, Stillleben – an den vielen kleinen bis winzigen, aber auch etlichen großformatigen Bildern kann man sich kaum satt sehen, und das liegt seit einiger Zeit nicht zuletzt an ihrer besonderen Präsentation.

 

Rund 150 Bilder, ein solcher Bestand muss erst mal untergebracht werden. Bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts konnte nur ein Teil im sogenannten „Posselt-Zimmer“ gezeigt werden, aber im Stiftungsvertrag hatte sich das Haus auf eine dauerhafte Präsentation aller Stücke verpflichtet, und das war angesichts der Enge der Räume gar nicht so einfach. Mehrmals wurden über die Jahrzehnte hinweg Möglichkeiten der Verteilung und Integration in vorhandene Sammlungsbereiche realisiert, zuletzt sogar mit Vitrinen für die Kabinettbildchen, aber so richtig glücklich scheinen die Museumsleute damit nicht gewesen zu sein. Annette Frese, Leiterin der Gemäldesammlung, hat womöglich im Jahr 2007 die optimale Anordnung gefunden – nachdem sie den Mut hatte, bereits die Bilderbestände des 15. bis 18. Jahrhunderts neu zu ordnen und auf farbigen Wänden unterzubringen.

 

Die Sammlung Posselt bildet nun einen abgeschlossenen Komplex innerhalb dieser Raumfolge und hebt sich durch eine bestimmte Farbgebung sowie eine Hängung hervor, wie sie heute kaum ein Museum wagen würde: Auf geheimnisvoll weinroten Wänden wurden die Posselt-Bilder in thematische Gruppen zusammengefasst und nicht etwa einzeln mit viel Freiraum drum herum nebeneinander gehängt, sondern in geschickter Symmetrie über- und untereinander. Das spart Platz – der natürlich trotzdem nicht ausgereicht hätte ohne eng gestellte Zwischenwände. Was hier nach Notlösung klingt, ergibt vor Ort einen Eindruck, der den Besucher zum Eintauchen in eine ungeahnte Intimität verführt. Die kleinen Kabinette, die sich jeweils durch die engen Stellwände ergeben, bieten stets nur Platz für ein, zwei Personen. Man muss an die kleinen Bilder nah herangehen, um sich ihrer malerischen Feinheiten zu vergewissern, und schon ein, zwei Schritte zurück bieten Distanz genug, um auch die zwanglose Symmetrie der Hängung und die vielen Beziehungen der Bilder untereinander sehr bewusst wahrzunehmen. Beziehungen, wie sie bei der üblichen Platzierung von Gemälden in einem Museum niemals deutlich würden.

 

Beispiel der Hängung von Gemälden in der Sammlung Posselt, einer Abteilung des Kurpfälzischen Museums Heidelberg. Hier eine Wand mit mythologischen Historienbildern, bei denen eine "Allegorie auf den Tod" von Gerard de Lairesse (um 1680, Mitte) flankiert wird von "Amor und Psyche" (ganz links, Hendrik van Limborch, um 1710) und drei Kabinettbildern verschiedener Meister auf der rechten Seite. Die symmetrische Ordnung wird auch hier locker und inspirierend gehandhabt, niemals pedantisch, die Bilder halten einander die Waage. 

 

In Heidelberg betrachtet man nicht einfach schöne Bilder, sondern spürt förmlich die Lust des Sammlers, der das alles ganz für sich allein hatte. Auch dem Besucher teilen sich in dieser Nähe und dicht gedrängten Fülle die Köstlichkeiten des Bildersammelns mit: Nur alle zwei, drei Schritte ein Bild? Nein, man will alles beieinander, über-, neben-, untereinander, so viel eben geht, im Grunde will man immer noch mehr, möchte Bilder, Bilder, so viel die Augen fassen können. Natürlich dürfen die optischen Leckerbissen nicht zu tief und nicht zu hoch hängen, es ist gerade richtig hier, und spätestens nach ein, zwei Kabinetten ist man in einem leichten Rausch. Es passt eben einfach alles zusammen: die bei jedem Thema von neuem euphorisierende Delikatesse der Malerei, das kostbare, unergründliche Weinrot der Wände, das für wunderbare Kontraste mit den Farben der Gemälde sorgt und ihre Lebendigkeit steigert – und die mutige, behutsam historische Hängung, wie man sie heute nur noch von alten Gemälden kennt, auf denen in früheren Jahrhunderten Sammler und Händler ihre Schätze vom Fußboden bis zur Decke ausbreiteten. Nur: in Heidelberg ist das viel besser gelungen, der Eindruck von opulenter Rumpelkammer entsteht niemals, hier wurde ein ausgewogenes Maß eingehalten. Ein größeres Bild in der Mitte, mehrere kleinere drum herum wie ein Dialog in einer munteren Familie. Oder zwei größere nebeneinander. Oder schmale Längsformate untereinander, flankiert von anderen Formaten, deren Proportionen sich aber einfügen.

 

Aus alten Tafelbänden wissen wir, dass auch früher Spezialisten, die selber Künstler waren, einst Bilder in derart ausgetüftelter Harmonie platzierten. Fürstliche Sammlungen waren das, inspirierend angeordnet zur Freude ihrer Besitzer. Die Gemäldegalerie beispielsweise, die sich der pfälzische Kurfürst Johann Wilhelm (Jan Wellem) speziell für seine Sammlung in Düsseldorf errichten ließ, war nach diesem Prinzip geordnet. Voraussetzung war freilich, dass die Bestände nicht unkontrolliert wuchsen – wer Bilder so fein gegeneinander abwiegt, kann das Ensemble nicht ständig auseinander nehmen und neu ordnen. Und diese Voraussetzung ist in der Sammlung Posselt ja nun wirklich gegeben.

 

Der Sammler Ernst Carl Louis Posselt (1838-1907) stammte aus einer alteingesessenen Heidelberger Familie. Großvater und Onkel waren Pharmazeuten, der Großvater zudem Abgeordneter im Badischen Landtag und der Onkel Heidelberger Stadtrat. Der Vater des Sammlers gründete als Professor für Kinderheilkunde 1864 die erste private Kinderklinik in Heidelberg. Den Sprössling Ernst Posselt jedoch trieb es eher in die Ferne, er ließ sich in Brüssel als Kaufmann ausbilden, ging nach Belgien und anschließend nach England, wo er 1858, im zarten Alter von 20 Jahren, ein Exportgeschäft gründete und englischer Staatsbürger wurde. Aber auch hier wurde er nicht gänzlich sesshaft. Mit 45 siedelte er nach Russland über, entschied sich dann aber doch für Warschau, wo er bis 1896 lebte und mehrere Textilunternehmen gründete. Dennoch scheint der Kontakt mit Heidelberg nie ganz abgerissen zu sein, die Silberhochzeit mit seiner Frau wurde 1894 hier groß gefeiert.

 

Seine Gemälde erwarb Posselt teilweise auf dem russischen Kunstmarkt, beraten von keinem Geringeren als Wilhelm von Bode, dem großen Berliner Kunsthistoriker und Museumsmann, der als einer der Begründer des modernen Museumswesens gilt. Als es in Russland und Polen politisch zu gären begann, zog Posselt mitsamt seinen Bildern nach Berlin, wo er endlich blieb und sich eines großen Freundeskreises sowie einer Sammlung erfreute, die weit umfangreicher war, als sich heute in Heidelberg ahnen lässt – Porzellan, Gläser, Violinen ... im Grunde alles, was köstlich war. Noch im Jahr seines Todes 1907 vermachten seine Kinder die Bildersammlung dem Kurpfälzischen Museum, und aus Fotografien, die sein Urenkel Ernst H. Posselt dem Museum zur Verfügung stellte, geht die einstige Platzierung der Schätze im Haus des Sammlers hervor: Die Wände scheinen voll gewesen zu sein, Bilder über-, unter-, nebeneinander, überm Sofa in drei Reihen, neben einem Spiegel in vier oder fünf  Reihen, über einer Vitrine mit weiteren Kleinodien stießen die Rahmen aneinander, kurz, es sah aus wie beim Großbürgertum im goldenem Jahrhundert der Niederlande.

 

Kein Wunder, dass Annette Frese zumindest den Geist einer solchen Präsentation als kleine Verbeugung vor dem Sammler, aber auch vor der Entstehungszeit der Bilder wieder aufleben lassen wollte, und so ist hier alles gleichsam in einer atmenden Bewegung. Abgesehen vom puren Genuss an der Malerei stellen sich unversehens auch einige Beziehungen zu Heidelberg ein – das „Bildnis einer Dame in rotem Atlaskleid“ (1674, Foto oben) zeigt zwar eine schöne Unbekannte, aber der Maler Caspar Netscher (1636 – 1684) war gebürtiger Heidelberger, den der Dreißigjährige Krieg als Kind nach Arnheim verschlagen hatte. Netscher ließ sich 1662 in Den Haag nieder, wo er 1668 Bürgerrechte erhielt. Seine geschmackvoll arrangierten, mit kostbaren Stoffen und Draperien ausgestatteten Porträts waren weit über die Niederlande hinaus begehrt – man kann es verstehen.

 

Eines der beiden Blumenstillleben von Jan Wellems Hofmalerin Rachel Ruysch. Außer diesem saftigen Frühlingsblumenstrauß besaß Posselt noch ein dazu passendes Sommerblumenbild. Beide Gemälde entstanden 1746, als Kurfürst Jan Wellem längst tot und die Residenz aus Düsseldorf nach Mannheim verlegt worden war.

 

Die Amsterdamer Blumenmalerin Rachel Ruysch (1664-1750), verheiratet mit einem Porträtmaler, der sie mit zehn Kindern segnete, machte nichtsdestotrotz 1708 Karriere als Hofmalerin des oben erwähnten pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm (Jan Wellem), der ihre zwischen 1710 und 1715 entstandenen Bilder für seine Düsseldorfer Gemäldegalerie erwarb. Der Kurfürst konnte nur deshalb nicht in Heidelberg residieren, weil Stadt und Schloss im Pfälzischen Erbfolgekrieg von französischen Truppen verwüstet worden waren. Sammler Posselt besaß gleich zwei Stillleben von Jan Wellems Hofmalerin, offenbar aufeinander bezogene Pendants mit Frühlings- und Sommerblumen. Als Tochter eines Botanikprofessors kannte sich Rachel Ruysch mit Blütenpflanzen aus – ihre Bilder sind weniger mit versteckten Symbolen beladen als die ihrer Kollegen, dafür aber lebensnah und bei aller malerischen Virtuosität von kernig-saftigem Ausdruck.

 

Im Dienst von Kurfürst Johann Wilhelm hielt sich eine Zeitlang auch der Schlachtenmaler Jan van Huchtenburg (1647-1733) auf, von dem Posselt einen „Reiterkampf“ besaß. Überhaupt waren die Beziehungen der pfälzischen Kurfürsten zu niederländischen Meistern recht eng – der unglückselige Friedrich V., der als „Winterkönig“ in Prag gescheitert war, hatte in die Niederlande fliehen müssen, und die Kurpfalz-Abteilung des Museums besitzt unter anderem zwei Porträts des Kurfürstenpaares, gemalt von Gerard van Honthorst im Exil. Posselt freilich sammelte Bilder nicht wegen solcher Beziehungen, sondern allein aus ästhetischen Ansprüchen, und so muss sein Sammlungskomplex auch erlebt werden.

 

Prachtvolles Seestück von Abraham Storck (um 1635 - um 1710). Das in zarten Tönen angelegte Bild einer auslaufenden Handelsflotte entstand um 1670.

 

Mein Gott, diese Seestücke! Diese stimmungsvollen Interieurs! Diese Landschaften mit den ärmlichen Dorfstraßen oder der bläulich verschwimmenden Ferne! Das Silbergeschirr und die kunstvoll reflektierenden Glaspokale in den Stillleben von Willem Kalf und Wilhelm Claez Heda ... Für die Zeit des Betrachtens wird man, wie gesagt, selber zum Sammler, dem das alles gehört.

 

Info:
Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Publikation "Die Sammlung Posselt im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg" von Annette Frese, Heidelberg 1995, 84 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, Preis 5 Euro, www.museum-heidelberg.de

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