Kurpfälzisches Museum Heidelberg
Handzeichnungen


Johann Christian von Mannlich (1741-1822) schuf diesen Entwurf für eine Rokoko-Standuhr. Das Zifferblatt erhebt sich auf einem von fröhlich hampelnden Putten flankierten und mit Girlande geschmückten Sockel, während am Fuß des ganzen Aufbaus der geflügelte alte Chronos als Gott der Zeit auf einer Wolke ruht, die Sense in der Hand. Sein bedrohlicher Anblick wird auf der linken Seite durch eine Erdscholle mit blühendem Rosenstrauch wieder aufgewogen. Mannlich war ab 1758 Schüler von Peter Anton Verschaffelt an der Mannheimer Zeichenakademie und später bei Francois Boucher in Paris. Eine zentrale Schaffensphase hatte er bei den zahlreichen Arbeiten für das legendäre Schloss Karlsberg bei Homburg, das nach nur 15 Jahren seines Bestehens 1793 von französischen Revolutionstruppen komplett zerstört wurde. Mannlichs umfangreiche Autobiographie ist ein wichtiges Zeugnis künstlerischen Lebens im 18. Jahrhundert.


Die Zypressen der Villa d'Este in Tivoli, ein beliebtes Motiv deutscher Künstler in Italien, malte Johann Georg Primavesi (1774-1855) in Aquarell mit feinsten Nuancen. Primavesi, dessen Familie aus Italien stammte, war gebürtiger Heidelberger und bis 1812 als Theatermaler in Mannheim tätig. 1822 wurde er Hofmaler in Kassel, wo er bis zu seinem Tod lebte. Das vom Künstler auf den 28. Mai 1835 datierte Blatt im Kurpfälzischen Museum beweist, dass Primavesi entgegen bisherigen Annahmen tatsächlich in Italien gewesen ist. 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Heidelberg-Handzeichnungen.html

Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Katalog der Jubiläumsausstellung "Kunst auf Papier" entnommen (Heidelberg 2008).

 

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

Kurpfälzisches Museum Heidelberg:

Gemäldesammlung
 Sammlung
Posselt

Tafelsilber der Kurfürstin
Sammlung Zundel -Plakate von Klaus Staeck

 

26-03-2008

Hundert Zeichnungen zum hundertsten Geburtstag

Das Kurpfälzische Museum Heidelberg mit einer Auswahl selten gezeigter Handzeichnungen zum Jubiläum

 

Von Christel Heybrock

 

Zugegeben, es gibt Museen mit ehrwürdigerer Tradition. Das Heidelberger Kurpfälzische Museum hat sich zwar der Geschichte von Stadt und Region verschrieben und wirkt in seinem Stadtpalais aus dem Jahr 1712 auch bezaubernd nostalgisch, aber am 26. Mai 2008 ist es gerade mal 100 Jahre jung. An diesem Tag im Jahr 1908 nämlich eröffnete der badische Großherzog Friedrich II. die „Städtische Kunst- und Alterthümersammlung“ in eben jenem Palais Morass, das zwei Jahre zuvor von der Stadt Heidelberg erworben worden war. Festakte mit derart feudalem Hintergrund sind heute kaum noch vorstellbar, so schnell haben sich die Zeiten geändert. Nur die Heidelberger scheinen lange gebraucht zu haben, bis sie sich der Schätze ihrer Vergangenheit bewusst wurden, und wer weiß, was aus denen geworden wäre, wenn nicht der französische Emigrant Charles de Graimberg (1774-1864) sie gesammelt und die Bürger mit seiner Begeisterung besonders für die Schlossruine mitgerissen hätte. Die Bestände des Kurpfälzischen Museums gehen wesentlich auf Graimberg zurück, der aus blanker Liebe zu Heidelberg seine Heimat verlassen und am Neckar Wurzeln geschlagen hatte.

 

Zum hundertsten Geburtstag des Kurpfälzischen Museums hat Annette Frese, Leiterin der Gemäldesammlung, die Grafikschränke geöffnet und eine Auswahl von 100 Handzeichnungen zur Jubiläumsschau zusammen gefügt – 100 selten gezeigte Blätter aus einem Bestand von 6000: Graimbergs Sammlung enthielt seinerzeit 900 Handzeichnungen und war damit ja auch schon recht stattlich. Bewusst wählte Annette Frese keine einsamen Spitzenwerke aus, die immer mal wieder auf Ausstellungen zu sehen sind, sondern Arbeiten, die es noch zu entdecken gilt, wobei ein Zeitraum von rund fünf Jahrhunderten überspannt wird. Die Schau beginnt mit italienischen Meistern des 16. Jahrhunderts und endet mit Emil Nolde, Hann Trier und Peter Brüning im 20. Jahrhundert. Dabei ist es der Kuratorin gelungen, nicht nur eine reizvolle Abfolge von Stilepochen zu vermitteln, sondern auch ein bestimmtes Thema immer wieder aufzugreifen, ohne damit penetrant zu werden: Zeichnen nämlich als künstlerisches Motiv.

 

Künstler sind sich ja sehr wohl der Tatsache bewusst, dass nicht nur das Endergebnis ihres Tuns betrachtenswürdig ist, sondern auch schon der Entstehensprozess. Interieurdarstellungen von Künstlerateliers, Porträts von malenden Kollegen bis hin zum Selbstporträt mit Pinsel und Palette – alles Motive, die nicht nur faszinieren, wenn man selber malt, sondern auch für normale Betrachter zum Hingucker werden können. Was das Zeichnen betrifft, verhält es sich nicht anders. Vom Aktmodell in der Akademie (großformatig auf blauem Papier festgehalten von Franz Anton von Leydensdorff, nach 1769) bis hin zum versunken mit der Feder übers Papier kratzenden Franz Kobell, 1789 von seinem jüngeren Bruder Wilhelm gezeichnet, ist in der Ausstellung das Zeichnen selbst das große Thema der Zeichner. Zu den anrührendsten Szenen gehört sicherlich die unglaublich feine, stimmungsvolle Gouache von Georg Philipp Schmitt (1808-1873), der 1848 seinen 14jährigen Sohn Guido aufs Papier bannte, wie der Junge weltvergessen im Atelier an einem Aquarell arbeitet.

 

Der 14jährige Guido Schmitt, Spross einer alten Künstlerfamilie, porträtiert von seinem Vater Georg Philipp Schmitt im Jahr 1848 - Zeichnen ist ein stimmungsvolles Motiv für Zeichner, wie man hier sieht. Das großformatige Blatt wurde dem Museum 1921 von Guido Schmitt selbst überlassen.

 

Dieses Blatt führt zugleich zu einer weiteren Besonderheit sowohl der Ausstellung als auch der Museumsbestände: Viele Künstler sind Heidelberg und seiner Landschaftsumgebung biographisch verbunden und darüber hinaus, vor allem im 18. Jahrhundert, auch Mannheim als der großen kurpfälzischen Residenz. Um noch einmal bei Georg Philipp und Guido Schmitt zu bleiben – die Schmitts waren im 19. Jahrhundert eine bekannte Heidelberger Künstlerfamilie mit weitreichenden internationalen Verbindungen. Der kleine Guido auf der Gouache seines Vaters wurde später in London ein gefragter Porträtist des englischen Adels, und Vater Georg Philipp selber, der mit Charles de Graimberg eng zusammen arbeitete, machte noch in der zweiten Lebenshälfte weite Reisen nach Belgien, Luxemburg, Frankreich und England. Neben Georg Philipp waren auch sein Bruder Franz sowie außer Guido auch dessen Bruder Nathanael künstlerisch tätig. Der letzte Spross der bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Künstlerfamilie war der Porträtist und abstrakte Marinemaler Rigo (Fridericus) Schmitt (1927-1988), der in Hirschhorn unweit Heidelberg geboren wurde und lange in Mannheim lebte.

 

Franz Kobell(1749-1822), beim Zeichnen gezeichnet von seinem Neffen, dem als Münchner Landschaftsmaler später berühmt gewordenen und geadelten Wilhelm von Kobell (1766-1853). Das Blatt entstand 1789.

 

Nicht immer sind die Verbindungen nach Mannheim so klar wie bei der Künstlerfamilie Kobell, von denen einige Mitglieder in Mannheim geboren wurden, hier an der Zeichenakademie, beziehungsweise in Heidelberg studierten und später nach München gingen, nachdem Kurfürst Carl Theodor die Residenz an die Isar hatte verlegen müssen. Mitunter stellen sich Verbindungen mit Mannheim erst auf den zweiten Blick heraus, so bei dem oben erwähnten Akademie-Aktmodell von Leydensdorff, der mit dem Blatt eine Szene aus der Mannheimer Zeichenakademie festhielt. In Tirol geboren, in Wien und Venedig ausgebildet, war Leydensdorff über Innsbruck und Mainz nach Mannheim gekommen, wo er seit 1750 lebte – wer weiß das heute noch? Bei Carl Theodor fungierte er erst als Theatermaler, später als Hofmaler mit Historienthemen, bevor er 1770 Professor an der von Peter Anton Verschaffelt gegründeten Zeichenakademie wurde. Von Verschaffelt, dem 1710 in Gent geborenen Bildhauer und Architekten, dessen Bauten ebenso wie die des großen Allroundgenies Nicolas de Pigage das Stadtbild Mannheims bis heute prägen, von Verschaffelt also ist in der Schau natürlich auch ein Blatt zu sehen. Das Kurpfälzische Museum besitzt nämlich Verschaffelts Architekturentwürfe, zu denen der Entwurf eines klassizistischen Innenraumes mit Skulpturennischen, Kassettendecke und kassettierter Apsis gehört – ein Blatt, kühl in der Ausstrahlung, aber von intensiver räumlicher Suggestion mit feinen Licht-Schatten-Wirkungen.

 

Und Pigage? Aber selbstverständlich, wenn auch sein Entwurf für eine mit Medaillons, Rocaillen, Girlanden und verschiedenfarbigem Marmor ausgestattete Innenwand das Genie des gebürtigen Lothringers nur eben ahnen lässt. Pigage, Oberbaudirektor Carl Theodors und wesentlich am Bau des Mannheimer Riesenschlosses beteiligt,  hat der ganzen Region zwischen Mannheim, Heidelberg, Schwetzingen, Oggersheim und Frankenthal seinen Stempel aufgedrückt. Wer in der Ausstellung nach weiteren Namen sucht, die den Glanz des kurpfälzischen Hofes im 18. Jahrhundert schufen, wird schnell fündig. Der Mannheimer  Bildhauer Johann Paul Egell (1691-1752) ist mit einem Entwurf für den Hochaltar der ersten Mannheimer katholischen Kirche St. Sebastian vertreten, Theaterarchitekt Alessandro Galli-Bibiena (1686-1748) mit einem filigran in brauner Tinte gekrakelten Bühnenbildentwurf, der Venezianer Giovanni Antonio Pellegrini (1675-1741), Schöpfer von beschwingten Deckenfresken im Mannheimer Schloss, mit einer eleganten Historienszene ... und wussten Sie, dass der berühmte Porträtist Caspar Netscher (1639-1684), der die halbe europäische Aristokratie auf die Leinwand zauberte, gebürtiger Heidelberger war? Auch von ihm ist ein kapriziös hingetupftes Blatt zu sehen, auf dem die Prunkrüstung eines Fürsten die Hauptrolle spielt.

 

Aber auch jenseits all dieser faszinierenden lokalen Zusammenhänge besitzt das Kurpfälzische Museum natürlich noch eine Menge Schätze. Da sind große Namen vertreten wie der Italiener Giorgio Vasari (1511-1574), der mit den Biographien seiner bewunderten Vorgänger und Zeitgenossen zum Vater der modernen Kunstgeschichte wurde - von ihm stammt auf schmalem Längsformat der Entwurf einer mit Allegorien geschmückten Wandgestaltung. Der Pariser Ruinenmaler Hubert Robert (1733-1808) hielt 1807 auf gerade mal postkartengroßem Papier den schier endlosen Treppenaufgang seines Hauses fest, und noch etwas düsterer wirkt die Tuschzeichnung des Schriftstellers Victor Hugo (1802-1885), der 1854 in seinem Exil auf der englischen Kanalinsel Jersey eine unheimliche Felsenburg porträtierte.

 

Sind 16. und 17. Jahrhundert noch mitunter vertreten durch Arbeiten unbekannter Künstler, so scheinen die Namen populärer zu werden, je weiter die Zeit voranschreitet. Die Heidelberger Romantiker sind ein fester Begriff in der deutschen Kunstgeschichte – kein Wunder, dass das Museum prunken kann mit Blättern von Franz Pforr (1788-1812), Carl Philipp Fohr (1795-1818), Ernst Fries (1801-1833) und Carl Rottmann (1797-1850): Heidelberg war eben künstlerisches Zentrum mehrerer Epochen. Aber vertreten sind auch von „auswärts“ Carl Blechen (1798-1840), Moritz von Schwind (1804-1871), Carl Spitzweg (1808-1885), der Düsseldorfer Landschaftsmaler Andreas Achenbach (1815-1910) und Anselm Feuerbach (1829-1880). Mit Wilhelm Trübner (1851-1917) – schon wieder einem Heidelberger – und Max Liebermann (1847-1935) kommt die Ausstellung der hundert Blätter im 20. Jahrhundert an. Eine „Nordfranzösische Landschaft mit Bauernhäusern“ von Maurice Vlaminck (1876-1958) kam 1977 als Geschenk aus Privatbesitz ins Haus, durch Heidelberger Kunsthandel wurde 1962 ein Blatt aus dem Nachlass Albert Weisgerbers (1878-1915) erworben, zwei Jahre später ein zarter Mädchenakt des Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947). Ein in Blau, Rot und Grün angelegtes Aquarell des „Neusachlichen“ Georg Schrimpf (1889-1938) setzt in der Schau, in der sonst die zartesten Farbtöne überwiegen, einen kräftigen malerischen Akzent, wie überhaupt das 20. Jahrhundert mit temperamentvollen Farben die Grenzen zwischen Zeichnung und Gemälde weitgehend aufhebt.

 

Das leuchtende Blau einer Gouache von Marc Chagall (1887-1985) dominiert fast den ganzen Raum der modernen Künstler, nicht einmal der dunkle, geheimnisvolle „Prophetenkopf“ von Emil Nolde (1867-1956) kommt dagegen an. Und wer hätte gedacht, dass sich sogar abstrakte Arbeiten finden ließen in einem Museum, in dem vor allem Porträts und Figuren zu Hause sind? Kräftige Rot-, Blau- und Gelbtöne strömen von einer Pastellkomposition Adolf Hoelzels (1853-1934), die gleichen Grundfarben scheinen als Aquarell Paul Eliasbergs (1907-1983) ineinander zu fließen. Aber die beiden erstaunlichsten modernen Blätter sind wohl von Hann Trier (1915-1999) ein 1964 entstandenes Pastell in genial gestaffelten Blaustrichen und eine Mischtechnik in Schwarz und sparsamen Rotlinien von Peter Brüning (1929-1970) ... Brüning, ein Name, der in keinem Modern-Art-Museum fehlen darf, ausgerechnet in Heidelberg... Wie das kommt? Das nun auch schon legendäre Heidelberger Kunstkabinett Hanna Griesebach hatte das Blatt 1964 im Angebot. Wie man sieht, sind in Heidelberg lokale Bezüge kaum zu vermeiden, seit Jahrhunderten ist das so – und hoffentlich setzt sich dieser selige Zustand noch ein paar Jahrhunderte  in die Zukunft fort.

 

Info:
Kurpfälzisches Museum, Heidelberg, Hauptstraße 97: „Kunst auf Papier. Selten gezeigte Werke der Zeichenkunst aus 5 Jahrhunderten“, vom 16. März bis 1. Juni 2008, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, www.museum-heidelberg.de

Katalogbuch in der Heidelberger Edition Braus, 175 Seiten mit 80 Farbabbildungen, broschiert an der Museumskasse 30 Euro (ISBN 978-3-89904-328-0), gebunden im Buchhandel 49,90 Euro, http://www.editionbraus.de/

kostenlose counter