Kurpfälzisches Museum Heidelberg
Gemäldesammlung


Pierre Mignards Porträt der Madame de Montespan, Maitresse Ludwigs XIV., als Europa auf dem Stier. Das um 1675 entstandene Gemälde ist eines der Glanzlichter in der Sammlung des Kurpfälzischen Museums Heidelberg (Dauerleihgabe der Bundesregierung).
Foto: Museum

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Kurpfälzisches Museum Heidelberg:
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Tafelsilber der Kurfürstin
Sammlung Zundel - Plakate von Klaus Staeck

24-03-2003

Des Königs schöne Maitresse auf dem Stier

Bilder von Lucas Cranach, Rogier van der Weyden,  Pierre Mignard und anderen in neuer Museumspräsentation in Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Jede Zeit hat ihren eigenen Umgang mit der Vergangenheit. Auf welche Weise die Gegenwart die Hinterlassenschaft der Vergangenheit wieder zu neuem Leben erweckt – das kann sich schon innerhalb einer einzigen Generation ändern. In Zeiten fürstlicher Kunstkabinette hingen Bilder niemals mutterseelenallein an einer Wand. Voll Besitzerstolz prangten die Trophäen des Kunstsinns vielmehr dicht gedrängt über-, neben- und untereinander. Das 20. Jahrhundert freilich hatte dafür nicht mal mehr ein minimales Verständnis. Durchdrungen von Idealen der Klarheit und Rationalität, hielten Museumsleute die weiße Wandfläche für einzig angemessen und steckten lieber den Großteil ihrer Schätze ins Depot, als sie in vermeintliche Konkurrenzsituationen zu bringen.

 

Bilder brauchen Platz zum Ausstrahlen, hieß es. Und das bedeutete: Platz an der Wand um sich herum und Platz, um auch den Raum zu definieren. Und Bilder sollten allein durch ihre eigene Farbe „sprechen“ können, bloß nichts Farbiges in ihre Nähe bringen! Manch einem kam das damals schon vor, als stürben die malerischen Raritäten den Tod des Ausblutens auf den bleichen Wänden. Und kam noch ein Beleuchtungssystem hinzu, das mit seiner gnadenlosen Schärfe auf der technischen Höhe der Zeit war, machten manche Bilder einfach nicht mehr mit, besonders dann nicht, wenn beispielsweise einige wenige Farbakzente aus geheimnisvoll dunkler Umgebung hätten aufleuchten sollen – es war dann, als würden sich die Bilder verschließen und dem Auge nur noch eine platte, undurchdringliche Oberfläche bieten. Mitunter dachte man als Besucher, dass wohl dringend ein Restaurator sich der von Staubpartikeln gesättigten Oberfläche mal annehmen müsste...

 

Seit einiger Zeit wird klar, dass es nicht immer am nachgedunkelten Firnis lag, sondern vor allem an der Umgebung. Bilder – und keineswegs nur Menschen - reagieren immer auf ihr Umfeld. Auch die Bilder müssen sich wohlfühlen; ihren wortlosen Dialog mit dem Raum, mit den Wänden, mit ihren Nachbarn muss man offenbar viel sensibler gestalten und steuern, als man noch vor wenigen Jahren glaubte, und es erweist sich andererseits, dass Bilder auch mehr aushalten, um sich zu entfalten... außer freilich jene tödliche Isolation, die man für allein seligmachend hielt. Seit einige Museen das Experiment vorgemacht haben (bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts orientierte sich das Düsseldorfer Goethe-Museum an Goethes Farbenlehre hinsichtlich der Wandgestaltung), setzt sich die farbige Wand immer mehr durch. Im Heidelberger Kurpfälzischen Museum mit seinen historischen Beständen von teilweise größter Delikatesse bewirkt die Neuordnung der Gemäldesammlung im Jahr 2003 geradezu Wunder, und zwar auch deshalb, weil das alte Beleuchtungssystem aufgegeben werden konnte.

 

Erst 1991, nach einer Jahre langen, schwierigen Umbauphase, wurde ein System aus nach unten abgedeckten Neonröhren installiert, das jeweils die Deckenbereiche mit kalkweißem Licht anstrahlte. Die Bilder waren in Streulicht getaucht und schwammen an den weißen Wänden irgendwie wesenlos wie im Nebel. Zwar herrschte nun optimale Klarheit, aber Farbnuancen traten kaum noch hervor, vor allem dunkle Farbflächen verloren jede Abstufung. Hinzu kam das Problem, dass nach einiger Zeit nur noch schwer Ersatz zu beschaffen war, wenn mal eine der extrem langen Spezialneonröhren ausfiel. Das Museum hat in den letzten zehn Jahren dreimal den Direktor gewechselt, und seit unter Frieder Hepp, der dem Haus in anderer Funktion schon sehr lange verbunden war, endlich Ruhe einzukehren scheint, konnte nach der Neuordnung von Bildern des 20. Jahrhunderts und den auf zartem Grau platzierten Landschaften des 19. Jahrhunderts nun auch der Gemäldebestand 15. bis 18. Jahrhundert neu gestaltet werden. Idee von Annette Frese, Leiterin der Gemäldeabteilung: Spotbeleuchtung und Wandfarben!

 

Ein Rundgang in dem räumlich immer noch höchst verzwickten Bau, in dem mehrere architektonische Epochen zusammen fanden, beginnt nun bei einem Kleinod, das früher geradezu traurig dastand, dem Zwölfbotenaltar von Tilman Riemenschneider (1509). Der Raum ist jetzt in feierlichem, dunklem Rot gehalten, der Altar tritt plötzlich dank der Spotbeleuchtung mit sakralem Nachdruck ins Licht, flankiert unter anderem von einer Leihgabe aus Köln, einer Heiligen Familie von Jakob Jordaens, von der Annette Frese hofft, dass sie in Heidelberg bleiben kann. Gegenüber führt eine Tür in die nächsten, in verschiedenen Grüntönen gehaltenen Säle: 15./16. Jahrhundert mit religiösen und anderen Figurenszenen, anschließend 17./18. Jahrhundert mit Porträts, dann Landschaften sowie die im Jahr 2006 ebenfalls  umgestaltete Sammlung Posselt mit einem umfangreichen, faszinierenden Bestand niederländischer Malerei, die wiederum auf Rot präsentiert wird. Der Rundgang insgesamt führt von dunklen Farben zu hellen, hat also eine unterschwellige Sogwirkung. Die kräftigen Wandfarben bestätigen nur Töne, die auch auf den Bildern selbst erscheinen – und die leuchten plötzlich, als hätten sie auf ihre Chance nur gewartet.

 

Lucas Cranachs kleiner "Sündenfall"-Tondo von 1525
Foto: Museum

 

Das Haus besitzt wahre Kleinodien, die erst jetzt ihren Reichtum an Feinheiten enthüllen. Ein winziger Tondo von Lucas Cranach d.Ä. mit Adam und Eva beim Sündenfall (1525) – welch eine Delikatesse der Hauttöne bei diesen frühen Aktfiguren, wie geheimnisvoll die dunkle, saftige Waldkulisse vor einem in der Ferne atmosphärisch hellen Himmel!

 

Eine „Madonna mit Kind“ von Rogier van der Weyden (um 1455 auf Holz)  - wie lebendig und verhalten diese mütterliche Szene! Ganz feine Rosentöne auf den Elfenbeinwangen von Mutter und Kind, dunkelroter Samt tritt am Gewand der Madonna hervor, vorm Dunkelrot hält das Jesuskind, Zeichen späterer Passion, eine nur wenige Nuancen hellere rote Rose, während sein anderes Händchen der Mutter in die Locken fasst. Das Rot und Rogiers unnachahmlich gebrochenes Weiß der Tücher, das Dunkelbraun der Haare, die feinen Schatten der Körpermulden, all das wird erst richtig wahrnehmbar durch den Kontrast zur meergrünen Wand, die Komplementärtöne auf den Bildern hervorhebt.

 

Rogier van der Weyden, Madonna mit Kind (um 1455)
Foto: Museum

 

Werden einerseits die Farb-Gegensätze gesteigert, so werden andererseits die Farbgleichheiten gestützt. Das Wandgrün wiederholt sich beispielsweise auf einer winzigen Landschaft der Frankenthaler Schule, der Dauerleihgabe von Anton Mirou „Landschaft mit Brücke und Ruinen“ (1620, Öl auf Kupfer). Bei den Porträts im nächsten Saal das gleiche Spiel auf hellerem Grün, einem Pastellton, der dem 18. Jahrhundert erstaunlich angemessen scheint. Sensible Werke ohne triumphalen Auftritt, die aber aus der Nähe von intensiver Faszination sind, breiten auf der Wandfarbe den Duft einer vergangenen, galanten Epoche aus. Jean François de Troys „Bildnis einer fürstlichen Dame als Diana“ beispielsweise (um 1740), einer Dame mit winziger, keuscher Mondsichel im Haar, während ihre Hand ein verräterisch rotes Band um den Hals eines völlig ergebenen Hundes schlingt, der die Schnauze lustvoll in ihre Hand kuschelt...War das eine Zeit! Aber auch das Erwachen des Bürgertums und seiner familiären Geborgenheit tritt in Erscheinung, beispielsweise auf einem anrührenden Porträt von Antoine Pesne („Gottfried A. Daum mit seinem Enkel“), einer Szene voll Intimität und Lebensnähe.

 

Großvater und Enkel, verbunden durch ein Schosshündchen ("Gottfried A. Daum mit seinem Enkel"), porträtiert vom preußischen Hofmaler Antoine Pesne (1683-1757). Gottfried Adolph Daum (1679-1743) war Berliner Rüstungsunternehmer.
Foto: Museum

 

Ein Spitzenwerk der Sammlung jedoch ist eine Dauerleihgabe der Bundesrepublik: Pierre Mignards nun nicht ausdrücklich keusches Porträt von Madame de Montespan, seinerzeit Maitresse Ludwigs XIV. Das Bild zeigt Madame als lecker entblößte „Europa auf dem Stier“ um 1675 (Foto oben), umflattert von süssen Amoretten, die das kuschelige weiße Untier mit Blumen kränzen und Madames königliche Sprösslinge darstellen. Dass sie sich am Horn des Stiers festhalten muss, versteht man angesichts der dynamisch dahinpreschenden Szene (Gott, was für eine herrliche Diagonal-Komposition!). Aber muss sie es mit so fordernd-feinem Griff und so wissendem, berechnendem Lächeln tun! Na ja, es haben sich zwar die Bilder und ihre Hängung, nicht aber die Menschen seither etwas verändert.

 

Info:

Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, www.museum-heidelberg.de

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