Tierbildhauer Philipp Harth (1885-1968)


Philipp Harths "Schreitender Tiger" (1936) vor der Mannheimer Kunsthalle, die 2010 mit einer Studioausstellung an den 125. Geburtstag des Bildhauers erinnerte.
Foto:
Andreas Praefcke

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19-07-2010

Die Eleganz der Tiere

Bildhauer Philipp Harth (1885-1968) zum 125. Geburtstag, Studio-Schau in der Mannheimer Kunsthalle

 

Von Christel Heybrock

 

Sie liegen da in weiser Ruhe, sie schleichen sich in gebückter Haltung an ihre Beute heran, sie fletschen gefährlich die Zähne oder heben majestätisch die Schwingen – Tiere, wie der Bildhauer Philipp Harth sie beobachtete. Dass er, 1885 in Mainz als Sohn eines Steinmetzen zur Welt gekommen, zu einem der gefragtesten Tierbildhauer werden sollte, kündigte sich relativ spät in seinem Leben an: Erst 1925, im Alter von 40 Jahren, hatte er sich für „sein“ großes Thema entschieden, und schuld daran war ein Zoogehege mit Kamelen in der römischen Campagna. Dieses „Kamelerlebnis“ sollte seine Arbeit prägen, nachdem er anfangs auch mit menschlichen Figuren und seiner ursprünglichen Ausbildung gemäß sogar als Architekt gearbeitet hatte.

 


Das "Dromedar", eines von Philipp Harths Lieblingstieren. Die 1927 entstandene kleine Bronze kam als Leihgabe der Nachlassverwaltung München in die Mannheimer Ausstellung.
Foto: Copyright 2010 Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

 

Die Begeisterung für seine Lieblingstiere teilte er unter anderem 1927 in einem Brief an seinen Freund Paul Geheeb mit, den Gründer der renommierten Odenwaldschule in Heppenheim, an der Philipp Harth mit Unterbrechungen zwischen 1917 und 1928 als Kunsterzieher tätig war: „Mein lieber Paulus, ... ich wollte Dir von meinen Kamelen erzählen. Was für Wesen! ... Rätselhaft ist die Art, wie die Kamele in der Herde im Rhythmus zueinander stehen. Ein abstrakter Geist offenbart sich hier, denn sie stehen unbeweglich entweder gerade gerichtet, parallel oder im Winkel ... Ihr Gleichmut, der als Dummheit gilt, ist von der Geistigkeit indischer Heiliger. Welches Wesen ist so in Ruhe da wie dieses Tier! Nur beim Kamel hat sich die Weisheit der Ruhe organisch ausgebildet...“

 

Blick in die Mannheimer Studioausstellung zum 125. Geburtstag von Philipp Harth. Rechts der "Angreifende Tiger" (1932), in der Mitte der "Sitzende Jaguar" (1932), links der "Sinnende Löwe" (1962).
Foto: Copyright 2010 Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

 

Eine Studioausstellung zum 125. Geburtstag Philipp Harths in der Mannheimer Kunsthalle zeigt, dass der Meister nicht sofort seinem Thema und seinen eigenen Ansprüchen gewachsen war: Die ersten Kamele in Holz machen doch einen ziemlich ungeschickten, rohen Eindruck, vielleicht auch, weil Harth erst mal aufs Holz vorzeichnete, statt souverän aus dem Material heraus zu arbeiten. Aber seit den Bronzedromedaren von 1927 hatte er auch „sein“ Material entdeckt – Holz war nicht geeignet, seine besten Werke entstanden in Metall.

 

Auch die später geschaffenen Steinskulpturen überzeugen nicht immer, was mit Harths besonderer Auffassung vom Tier zusammen hängt. Das Individuum interessierte ihn wenig, fasziniert war er vom „Wesen“ einer Gattung, von charakteristischen Bewegungen, Haltungen, Verhaltensweisen, vom Ausdruck der Tiere im Raum. In winzigen ebenso wie in großen Formaten vermitteln die Metallplastiken eine Beobachtungsschärfe, die im Stein häufig verloren geht und einer pauschalen Kontur und teigigem Volumen weicht. Zwischen dem herrlichen Bronze-„Tiger“ (1936) vor der Mannheimer Kunsthalle und dem steinernen Pelikanbrunnen (1953) keine hundert Meter entfernt am Rand der Fußgängerzone scheinen Welten plastischer Ausdrucksmöglichkeiten zu liegen, und wer nicht weiß, dass Harth in beiden Fällen der Schöpfer ist, tippt erst mal auf zwei verschiedene Künstler.

 

In Mannheim befinden sich vier seiner Plastiken im öffentlichen Raum, außer dem „Tiger“ noch ein „Löwe“ (1940) sowie ein großer „Reiher“ im Hof des Liselotte-Gymnasiums - Mathematiklehrer Dr. Eberhard Vogel arbeitet an einer Harth-Biografie mit Werkverzeichnis und sucht verschollene Werke unter anderem in Privatbesitz. Nicht alles ist nämlich der Nachwelt erhalten geblieben, obwohl Harths Erben und die Harth-Gesellschaft ihm im Atelierhaus in Bayrischzell, wo er 1968 starb, aus dem Nachlass ein Museum einrichteten. Viele Werke sind infolge der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs verschollen, vor allem frühe Holzplastiken. Allein aus der Berliner Nationalgalerie sind, wie die Mannheimer Ausstellungskuratorin Stefanie Müller erklärte, zwei Arbeiten verschwunden, wenn auch nur ein einziges Werk, eine große Adlerdarstellung, von den Nazis direkt aus einer Ausstellung heraus beschlagnahmt wurde (1935 während der Schau „Berliner Kunst in München“).

 

Der damalige Mannheimer Kunsthallendirektor Walter Passarge erwarb den „Schreitenden Tiger“ 1937, und offenbar musste Passarge, der die Kunsthalle unter enormen Verlusten durch ihre schwierigste Epoche steuerte, Beschlagnahmeaktionen der Werke Philipp Harths nicht befürchten – das Haus besitzt heute sechs Skulpturen sowie zwei Handzeichnungen von ihm (durch Leihgaben kamen für die kleine Jubiläumsschau 2010 rund 30 Exponate zusammen).  Harth geriet aber schließlich doch noch mit der Gestapo aneinander. Nach der „Adler“-Beschlagnahme in München ging seine Karriere zunächst weiter nach oben: Im selben Jahr erhielt er den Villa-Romana-Preis des Deutschen Künstlerbundes und trat sein Stipendium in Florenz an; für den Mannheimer „Tiger“, an dessen Erwerbung auch das Reichsluftfahrtministerium beteiligt war, erhielt er 1937 den „Grand Prix“ auf der Weltausstellung in Paris, und 1939 konnte er ungehindert seine „Aufsätze über bildhauerische Gestaltung“ publizieren.

 

"Pferde" (1937/1938) im Essener Gruga-Park. Philipp Harths Tierplastiken entstanden immer nach intensiven Beobachtungen und aus tiefer Bewunderung für die Mitgeschöpfe.
Foto:
Andreas Lischka

 

Schwierig wurde seine Situation in Berlin, wo er seit 1910 lebte: Angesichts zunehmender Bombenangriffe verließ die Familie (Harth war seit 1908 mit der Opernsängerin Ida zur Nieden verheiratet) die Stadt 1942 und zog in das Haus eines Freundes in Offenhausen auf der Schwäbischen Alb: Der Ort gehörte zum Pferdegestüt Marbach, was für Harth nicht ohne Anregungen blieb. „Er stand oft regungslos am Weidezaun und beobachtete die Pferde“, erinnerte sich seine Enkelin Krista Ibing-Harth an ihre Kindheit. Als Harth sich in Offenhausen einmal kritisch über die Kulturpolitik der Nazis äußerte, wurde er von der Gestapo verhaftet, mehrere Tage verhört und kam nach energischer Intervention seiner Frau wieder frei. Er hatte Glück, dass er bis Kriegsende „nur“ unter Polizeiaufsicht gestellt, aber immerhin mit Arbeitsverbot belegt wurde.

 

Nach dem Krieg geriet Harth, der von Künstlerkollegen als konservativ eingeschätzt wurde, keineswegs in Vergessenheit, sondern erfreute sich kontinuierlicher Aufträge und etlicher Preis-Ehrungen. Bereits 1946 konnte er nach Bayrischzell umziehen und mit dem Bau eines neuen Wohn- und Atelierhauses beginnen, das ihm bis zum Lebensende ein praktikables Umfeld bot. Museen, Schulen, Stadtparks bis hin nach Tokio und USA erwarben seine Werke, die am umfangreichsten wohl im Mittelrheinischen Landesmuseum seiner Geburtsstadt Mainz versammelt sind. Auch auf Ausstellungen war Harth immer wieder vertreten, und ein großer Teil seines Gesamtwerks von rund 150 Skulpturen (und 3000 Handzeichnungen) ist allein wegen seiner öffentlichen Präsenz bis heute populär.

 

"Schreitende Störche", entstanden 1956. Die Bronze gehört zum Bestand der Mannheimer Kunsthalle.

Foto: Copyright 2010 Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

 

Walter Passarge schrieb 1957 über ihn: „Überblickt man sein Lebenswerk, so darf man sagen, dass Philipp Harth zu den großen bildhauerischen Erscheinungen gehört, die Deutschland seit der Jahrhundertwende hervorgebracht hat.“ Passarges Nachfolger Heinz Fuchs an der Mannheimer Kunsthalle äußerte sich noch 1970: „Am kraftvollsten in den Formen hat die Formsynthese für den Tastsinn des Auges ... im Bereich der figurativen Plastik in Deutschland Philipp Harth in seiner Arbeit verwirklicht.“ Dabei waren die Zeit und ganz andere Kunstströmungen längst über das Werk des Bildhauers hinweg gegangen, und niemand würde ihn heute zu den stilprägenden, wegweisenden Künstlern des 20. Jahrhunderts zählen.

 

Aber was dennoch an seinen besten Werken fasziniert, sind die Kraft und Eleganz „seiner“ Tiere sowie sein Drang zu formaler Geschlossenheit, der jede noch so winzige Skulptur zur unwiederholbaren Erscheinung macht. Der Augenblick einer Tierpose, einer Bewegung, eines stolzen Flügelschlagens oder eines versunkenen Pfotenleckens wird als Charakteristikum einer Gattung und als deren ureigene Schönheit vermittelt. „Das Entstehen eines Kunstwerkes vollzieht sich von Anbeginn unter dem Gesetz der Einheit. Von der ersten Anlage an ist das Werk in den verschiedensten Zuständen ein Ganzes, das kühn wagend immer wieder gesprengt wird und aufs neue eine Durchformung bis zur Grenze der Befähigung des Schaffenden erhält“, schrieb Harth in seinen „Gedanken über bildhauerische Gestaltung“.

 

Wenn auch so manche Skulptur vielleicht eher von der Silhouette als von der Rhythmik aus Masse und Luft her gedacht ist, so erweist sich Harth doch in seiner distanzierten Einfühlsamkeit als vorbildlich für unsere Beziehung zu Tieren überhaupt. Für ihn waren sie fremde, respektvoll bewunderte Mitgeschöpfe: „Jedes dieser Wesen in seiner Existenz ergreift mich. Mir ist, als ob mein Blick tief eindringt in das Sein. Jede Form, jede Linie spricht zu mir ...“ schrieb er in einem Brief. Und in einer weiteren Mitteilung 1932: „Bei den spielenden, kämpfenden Jaguaren ... wirkt sich soviel Aktivität, Dramatik und Vitalität aus, dass mir alles sonstige Leben blass dagegen erscheint. Diese Lebendigkeit zu einer Formeinheit zu bringen, erfüllt meine Phantasie.“

 

Der "Angreifende Tiger" (1932) in der Mannheimer Ausstellung ist eines von Philipp Harths Hauptwerken, die im ländlichen Atelier in Schwaz entstanden.

Foto: Copyright 2010 Kunsthalle Mannheim, Cem Yücetas

 

Die Jahre zwischen 1926 und 1933 verbrachte Harth zeitweise in ländlicher Abgeschiedenheit in Schwaz in Tirol, nachdem sein aus Tirol stammender Lehrer Professor Hans Perathoner an der Kunstgewerbeschule Berlin-Charlottenburg ihm dazu geraten hatte. Harth mietete einem Herrgottsschnitzer einen Atelierraum ab und schlug bald Wurzeln in der dörflichen Gemeinschaft, wo er die Gasthaus-Honoratioren in munteren, halb karikaturistischen Scherenschnitten verewigte. Die Tiere der Umgebung scheinen ihn nicht allzu sehr gefesselt zu haben, in der Schwazer Zeit entstanden vielmehr die geliebten Exoten wie Kamele, Jaguare, Tiger und sogar eine Hyäne – eine ganze Reihe seiner bedeutendsten Werke.

 

Aber später in Bayrischzell gehörten Tiere nicht nur in seine Umgebung, sondern buchstäblich ins Haus. Die wohl rührendste Geschichte dazu ist wieder durch die Enkelin Krista Ibing-Harth überliefert: „Das Atelier meines Großvaters füllte sich mit kleinen und großen Tieren. Aber für mich waren Rieke und Sissi, zwei Rehe, die als Kitze vom Jäger zu den Harths gebracht worden waren, viel beeindruckender. Viele Jahre lebten sie in Haus und Garten ... Sie liefen die Treppe hinauf in den ersten Stock ins Schlafzimmer. Vor den Betten hatten sie ihre Plätze. Im Sommer schliefen sie auf dem Balkon. Wenn sie durch Lärm aufgeschreckt wurden, sprangen sie über die Betten, die Treppe hinunter und durch das Wohnzimmer über die Terrasse in den Garten.“ Besucher fragten manchmal, wieso die Rehe so zahm seien, und Philipp Harth habe, so Krista Ibing, geantwortet: „Sie denken, dass wir auch Rehe sind.“ Eine Grundhaltung gegenüber Tieren drückt sich in dieser Anekdote ebenso wie in Harths Lebenswerk aus: eindringliche Nähe, die gepaart ist mit behutsamer Distanz und Objektivität. Insofern haben seine Skulpturen uns immer noch eine Menge zu sagen, jenseits kunsthistorischer Schubladen.

 

Info:

- „Arche Noah – Tierplastiken von Philipp Harth“, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, vom 17. April bis 12. September 2010, täglich außer montags 11-18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, www.kunsthalle-mannheim.de

- Über Harths Beziehung zu Schwaz, Zitate aus Briefen und Erinnerungen von Krista Ibing-Harth: „Heimatblätter, Schwazer Kulturzeitschrift“ Sondernummer Nr. 47/Mai 2002: http://www.tierplastik.de/start/Philipp-Harth-Ausstellung.pdf  (6,55 MB)

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