Wilfried Hagebölling - Zeichnungen


Bildhauer Wilfried Hagebölling: Auch als Zeichner denkt er räumlich.


Hagebölling-Plastik aus Cor-ten-Stahl in gekippten Elementen wie ein Mensch in Gehbewegung. Die reizvolle Öffnung sorgt von der einen Seite für Durchblick nach außen und aus der Perspektive von Fotograf/Betrachter für einen Fokus auf das Gebäude der Kreisberufsschule II in Büren. Die 5 Meter hohe Plastik entstand 1979.


Charakteristische Hagebölling-Plastik im Skulpturengarten des Bildhauers zu Paderborn. Das 1993/1994 entstandene Werk ist begehbar. Immerhin ist es 3 Meter hoch und 6 Meter im Durchmesser.


Der Meister vor einem seiner Werke, einem schwarzen, aus mehreren Teilstücken zusammengesetzten Quadrat. Der Entstehungsprozess ist anhand von Finger- und Farbstaubspuren gut zu erkennen: Hagebölling schichtet in seinen Zeichnungen das Farbmaterial mitunter mit beiden Händen aufs Papier.

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Alle Fotos auf dieser Seite: Archiv Wilfried Hagebölling (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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03-03-2002

Der eigene Körper ist das Material der Kunst

Großformatige Zeichnungen des Bildhauers Wilfried Hagebölling 2002 in der Mannheimer Kunsthalle

 

Von Christel Heybrock

 

Seine Metallplastiken wirken schon mal etwas sperrig und streng mit ihren großen, „leeren“ Flächen, den scharfen Kanten, schrägen Linien und tief eingegrabenen Schluchten. Es ist, als würde man auf Distanz gehalten und dürfte sich nicht nähern. „Auf Distanz?“ fragt Wilfried Hagebölling überrascht zurück, „nein, gehen Sie doch mal hinein!“  Auf die Idee, dass seine monumentalen Werke nichts anderes spiegeln als die Proportionen des menschlichen Körpers und dass ihre schiefen Ebenen nur mit der menschlichen Fähigkeit perspektivischen Sehens spielen – auf die Idee muss der Betrachter erst kommen. Man kommt womöglich leichter darauf in einer Ausstellung großformatiger Zeichnungen in der Mannheimer Kunsthalle (März bis Juni 2002), die auch Plastiken von ihm besitzt und ihm 1986 eine Einzelausstellung widmete. „eins zu eins“ heißt die Schau mit den Zeichnungen nicht zufällig, denn die großen schwarzen Balken und Kreisflächen auf den weißen Papierbögen geben die freilich nicht geringen Körperproportionen des Künstlers wieder. Er reicht eben einfach etwas höher als die meisten Leute, wenn er den Arm hebt und aus vollen Händen in kreisenden Gesten schwarze Ölkreide oder Kohlestaub und -bröckchen aufträgt.

 

Selbst wenn man nicht weiß, wie die Zeichnungen entstanden sind, scheint der Zugang zu ihnen einfacher und direkter als der zu den Metallplastiken. Die Dynamik der Gesten und Bewegungen, die sich aufs Papier übertragen hat, verbreitet eine latente Wärme, eine unterschwellige Vertrautheit. Aber natürlich sind die Arbeiten mit ihrer für Bildhauerzeichnungen ungewöhnlichen Größe erst dann angemessen zu rezipieren, wenn man begriffen hat, dass sich Hageböllings physische Fähigkeiten hier direkt und „eins zu eins“ übertragen haben. Um die Ateliersituation authentisch wiederzugeben, wurde auf eine konventionelle Hängung verzichtet: Die Blätter ragen direkt bis zum Fußboden der Ausstellungshalle herunter, wofür an diesen Stellen die Fußleisten herausgesägt werden mussten. So lässt sich nachvollziehen, wie Hagebölling dastand, in seine Kohle- oder Kreidehaufen fasste und das schwarze Material direkt mit den Händen auftrug. Bei den meist etwas kleineren Blättern unter Glas handelt es sich um „Zeichnungen“ mit den Füßen – dazu lag das Papier auf dem Boden und der Künstler verteilte die Farbe durch eine Geh- oder Trampelbewegung. Dass er bei der Arbeit manchmal Schuhe oder Handschuhe trägt, mindert seine Spontaneität nicht.

 

Es ist klar, dass ein Bildhauer immer mit dem Körper und in Körperposen denkt, egal ob es sich um organische oder geometrische Figuren handelt. Wie Hagebölling jedoch seine eigene Physis zum Material seiner Kunst macht, ist schon bemerkenswert. Nicht nur, dass seine Zeichnungen im wörtlichsten Sinn Hand und Fuß haben, er fasst die eigentlich zweidimensionale Arbeit auch vollkommen räumlich auf. Faszinierend auch für ihn selbst sind beispielsweise zwei Ecken-Gestaltungen in Mannheim, wo jeweils die zwei Teile einer Arbeit rechtwinklig aneinander stoßen und damit eine Raumdimension überspringen. In der einen Ecke blieb die Mitte leer und wurde rechts und links eingefasst von zwei riesigen schwarzen Längsflächen, die schräg vom Boden bis zur oberen Blattkante aufeinander zulaufen – Hagebölling sparte seine Körpermitte aus und arbeitete seitlich von unten nach oben mit den Armen. In der anderen Ecke laufen zwei große schwarze Flächen in der Mitte zusammen, während die Seiten leer blieben – hier hat er die Arme vorm Körper arbeiten lassen, statt sie auszubreiten.

 

Hier werden Besucher dieser Webseite selbst zum räumlichen Faktor: Wie in der Mannheimer Ausstellung blickt man frontal auf Hageböllings "Großen Kreis". Die Zeichnung entstand aber auf dem Boden liegend, indem der Künstler das Farbmaterial mit den Füßen bearbeitete. "Zeichnen" ist bei Hagebölling eben kein konventioneller Vorgang, sondern hat wörtlich Hand und Fuß! Das Werk (Mischtechnik auf Leinen, 162,5 x 187 cm) entstand 2008 und war nicht in Mannheim, sondern im Stadtmuseum Oldenburg zu sehen - das Prinzip ist jedoch das gleiche. Im Katalog der Oldenburger Ausstellung 2008 definiert Hageböllings Galeristin Monika Hoffmann die Zeichnungen als selbst geschaffene "Orte", auf und vor denen der Künstler sich von der chaotischen Wirklichkeit abgrenzt und Zeichen seiner Identität setzt.
Foto: Archiv Wilfried Hagebölling (Copyright)

 

Auch die Spiegelbildlichkeit von Schwarz und Weiß, von Leer und Voll, von Waagrecht und Senkrecht, von Körpergeste und Körperferne entspringt bei ihm einem fundamental räumlichen Empfinden. Dass die Fußzeichnungen nicht auf dem Boden liegen, sondern an den Wänden hängen, hat nicht nur konservatorische Gründe (es bestünde ja die Gefahr, dass Besucher sie zertreten), sondern auch „plastische“: Die Blätter werden sozusagen hochgeklappt präsentiert und deuten erneut das Überspringen einer Raumdimension an. Katalog-Autor Gerhard Kolberg wies darauf hin, dass diese Situation schon ganz konkret während der Entstehung der Fußzeichnungen gegeben war: Hagebölling musste während der Arbeit manchmal nach unten schauen, um das „Fortschreiten“ zu kontrollieren – mit dem Blick bereits entstanden Raumdimensionen. Und dass gerade die kreisförmigen Zeichnungen durch ihre strudelartigen Formen den Blick in imaginäre Tiefen saugen, muss kaum noch erwähnt werden. Eine besondere Attraktion in der Ausstellung ist aber auch ein über sieben Teilstücke reichender „Fußweg“ von fünfeinhalb Meter Länge.

 

Die mitunter etwas beängstigenden schrägen Einschnitte in den (hier nicht ausgestellten) Metallplastiken verfolgen nichts anderes als eben dieses Spiel von Leere und Materie, ein Spiel, dem die Maß-Regeln des menschlichen Körpers immer zugrunde liegen. Wirklich: einfach mal hineingehen in diese Schluchten, wenn man Hagebölling-Plastiken das nächste Mal wieder sieht! Was so streng konstruiert wirkt, ist im Grunde zutiefst menschlich, und in einer Mischung aus Intuition und rationalem Kalkül hat Hagebölling wohl schon „immer“ auf dieser Grundlage gearbeitet. 1989 schuf er beispielsweise eine Skulptur im Freiburger Colombipark, die aus nichts als zwei schräg zueinander stehenden Stahlplatten besteht, Höhe 2,65 Meter, Länge 7,15 Meter. Die eine Platte steht genau in der Blickachse des Colombischlösschens, die andere zielt in spitzem Winkel daneben – so wie der menschliche Blick die Achse schwenkt, wenn er ein anderes Ziel sucht. Die beiden Platten berühren einander auch nicht, sondern lassen einen Freiraum, durch den man wiederum hindurchsehen kann und der bei wechselndem Tageslicht durch Schatteneffekte von einer Platte auf die andere immer neue Aspekte ermöglicht.

 

Info:

- "eins zu eins", Zeichnungen von Wilfried Hagebölling, Städtische Kunsthalle Mannheim, Moltkestraße 9/Friedrichsplatz, vom 3. März bis 9. Juni 2002, Katalog 96 Seiten, 19 Euro, ISBN 3-89165-130-9, www.kunsthalle-mannheim.de

 

- Informationen und Fotos: http://www.wilfriedhageboelling.de/

 

- im Stadtmuseum Oldenburg war 2008 eine neue Ausstellung mit Hagebölling-Zeichnungen zu sehen: vom  16. März bis 13. April 2008, Am Stadtmuseum 4-8, 26121 Oldenburg, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Katalog 16,50 Euro, ISBN 978-3-89995-507-1 (erhältlich über die Internet-Buchhandlung http://www.isensee.de/ ), Homepage Stadtmuseum:  http://stadtmuseum.oldenburg.de/

 

- die Galerie Monika Hoffmann (Theodorstraße 24 in 33102 Paderborn) legte 2004 eine Postkarten-Edition auf mit Fotos aus dem Skulpturengarten des Künstlers in Paderborn-Sennelager (Bielefelder Straße 120). Die Edition "Wilfried Hagebölling außen innen" mit einem Text von Manfred Schneckenburger kostet 12,50 Euro (ISBN 3-9804539-5-2).

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