Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen


Ein Beispiel aus den Beständen des Ludwigshafener Hack-Museums: August Mackes Komposition "Hommage à Johann Sebastian Bach" (1912). Das Ölbild auf Karton ist eines der dichtesten und kraftvollsten Bilder des 1914 im Alter von 27 Jahren gefallenen Malers.


Die um 1915 entstandene "Suprematistische Komposition" von Kasimir Malewitsch (1878-1935) gehört zu den Schlüsselwerken des Museums, dessen Schwerpunkt die abstrakt-konkrete Kunst ist.


Das Cover des kleinen Grafikkatalogs, mit dem im Winter 2005/2006 eine Auswahlschau aus den sonst nicht zugänglichen Grafikbeständen des Hauses begleitet wurde. Die Verwendung einer Farblithographie von Henri Matisse deutet auf große Namen auch bei der Kunst auf Papier hin.

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/HackMuseumLudwigshafen.html

Fotos: Wilhelm-Hack-Museum

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Die überaus gelungene Neupräsentation der Schausammlung, 2005 als vorläufige Dauerausstellung vorgesehen, hat sich 2007 als zeitlich sehr begrenzt heraus gestellt: Der langjährige Museumsdirektor Dr. Richard W. Gassen (1951-2011) musste aus gesundheitlichen Gründen sein Amt aufgeben und verabschiedete sich mit einer eindrucksvollen Retrospektive des Videokünstlers Fabrizio Plessi. Seit September 2007 hat das Museum mit dem Schweizer Reinhard Spieler, der  bisher das Franz Gertsch Museum in Burgdorf leitete, einen neuen Leiter. Aus technischen Gründen war das Haus zudem von November 2007 bis einschliesslich September 2008 geschlossen; Spieler nahm verschiedene Umbauten vor und installierte eine neue Klima- und Sicherheitstechnik. Zur Wiedereröffnung präsentierte der neue Chef zunächst die kompletten Bestände mit rund 10.000 Objekten in einer Art Rundumchaos ohne Ordnung und Beschriftung, legte später aber auch ein neues Ausstellungskonzept vor, mit dem die Sammlung von Zeit zu Zeit neu präsentiert wurde ("hack-ordnung"), um die Objekte in jeweils anderen Zusammenhängen zu vermitteln.

Anfang 2014 ist auch die Ära Spieler wieder zu Ende - erneut erweist sich das Hack-Museum als Sprungbrett für Museumsleute, die weiter nach oben streben: Spieler amtiert seit Februar 2014 als Direktor des Sprengel Museums Hannover, sein Nachfolger in Ludwigshafen ist René Zechlin, der aus Hannover herüberwechselt als bisheriger Leiter des dortigen Kunstvereins. Zechlin leitet das Hack-Museum ab Mai 2014.

Updates 16.10.2007/Oktober 2012/März 2014

30-01-2006

Ein Haus zeigt seine Schätze

Das Hack-Museum Ludwigshafen glänzt mit einer geistreichen Neupräsentation der Bestände und einer Grafikschau aus dem Depot

 

Von Christel Heybrock 

 

Landauf, landab denken Museumsleiter ganz neu über das nach, was sie besitzen. Man kann doch nicht ewig den Gänsemarsch der Stilepochen zeigen, säuberlich abgegrenzt in einzelnen Sälen! Wer außer einem schwindenden Bildungsbürgertum oder Kollegen aus der eigenen Branche will das noch sehen? Muss man nicht Publikum ins Haus locken, indem man ihm vorführt, wie Künstler über Jahrhunderte hinweg die gleichen Themen jeweils verschieden in Angriff nahmen? Muss man nicht den Leuten von heute zeigen, dass Kunst nichts Abgehobenes, sondern eine immer neue Fragestellung an die jeweilige Gegenwart ist?

 

Ganz grosses DOCH! GENAU DAS!

 

Was in Mannheim Museumsdirektor Rolf Lauter proklamierte, aber nicht einlöste, nämlich die Neupräsentation der Bestände nach inhaltlichen, Epochen übergreifenden Maßstäben, das ist ganz ohne lautes Geschrei dem kleinen Mitarbeiterteam des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums gelungen – die beiden Institutionen liegen pikanterweise gerade mal zehn Straßenbahnminuten auseinander. Nun verfügt das 1979 eröffnete Hack-Museum nicht über eine Sammlung, die kontinuierlich Jahrhunderte überspannt, sondern „nur“ über einige bedeutende (nicht alle) Epochen des 20. Jahrhunderts (Schwerpunkt sind russische Suprematisten und abstrakt-konkrete Tendenzen) sowie, disparat genug, über mittelalterliche Madonnen und Altarbilder, zu denen noch ein archäologischer Gräberfund aus Gondorf hinzukommt. Dieses etwas schräge Konglomerat ist den Neigungen des Kölner Sammlers Wilhelm Hack zu verdanken, der mit der Stiftung seiner Schätze die Gründung des Museums einst möglich machte. Aber wie damit umgehen in heutiger, veränderter Zeit?

 

Das Team um Museumschef Richard W. Gassen war ganz radikal. Der ohnehin verstaubte und todlangweilige Gondorfer Gräberfund mit seinen ewigen Glas- und Terrakottagefäßen im Obergeschoss verschwand komplett im Depot und machte Platz für eine Fülle witziger und latent philosophischer Kunststücke der Fluxus- und Pop-Art-Sammlung Heinz Beck, eines Düsseldorfer Rechtsanwalts, der das Haus lange nach Wilhelm Hack entscheidend bereicherte. Bisher konnten aus diesem riesigen Dokument eines leidenschaftlichen Sammlerlebens immer nur wenige Objekte gezeigt werden (und alles ist es immer noch nicht). Die Kollektion der Madonnenplastiken und Altarbilder im Saal nebenan machte eine sichtliche Auflockerung durch und wurde in einigen heimtückischen Fällen kombiniert mit Werken des 20. Jahrhunderts, die aber in einem erstaunlichen Dialog den Augen neue Sinnbezüge für die Kunst des Mittelalters erschließen. Dass eine kleine Bronze von Ernst Barlach in den Kontext passt, ist keine Überraschung, aber Albert Gleizes (in leuchtender Schönheit sein 1930/31 entstandenes Gemälde „La Vierge en gloire“) und erst Niki de Saint-Phalle mit einem frühen Relief ganz in Weiß! Wie riskant, und wie sinnvoll!

 

Dass Kunstwerke aus verschiedensten Zusammenhängen einander befruchten und in ihrer Aussage steigern, dass sie neue Nuancen aus ihren ungewohnten Partnern hervorlocken und den Besucher herausfordern, hinüber und herüber zu vergleichen – dieses Phänomen ist auch in den anderen Abteilungen des Hauses beglückend zu verfolgen, wobei es manche überraschend pfiffige Kombination gibt. Die Sammlung des 20. Jahrhunderts wurde statt in Stilepochen in Themenkapitel zusammengefasst wie „Natur/Landschaft“, „Raum und Kosmos“, „Spiel mit Formen“, „Linie“, „Quadrat“, „Dreidimensional“, „Schwarzweiß-Malerei“, „Befreiung der Farbe“, „Farbräume“, „Monochrom“ oder „Licht“. Da gibt es nicht nur so kühne Konfrontationen wie die des Stahl-/Erdschollen-Kubus „Stück in Stück“ von Madeleine Dietz (1993) mit dem wandfüllenden „Palau-Triptychon“ von Max Pechstein (1917), dem sich unter anderem auch noch das wirbelnde Nagel-Objekt „Wind“ von Günther Uecker beigesellt (1997). Auch das witzige Zusammentreffen einer großen Bodenplastik von Ernst Hermanns mit einer kleinen Mickey Mouse von Claes Oldenburg ist eine Überraschung. Die Hermanns-Stahlplastik besteht aus einer ganzen und einer halbierten Kugel auf einer Bodenplatte, wobei die halbierte Kugel doppelt so groß ist wie die ganze ... schon das ein Spiel für die Augen, die eigentlich umgekehrte Verhältnisse erwarten. Aber nun die Oldenburg-Maus in der Vitrine davor: weiß, platt aus beweglichen Pappteilen aneinandergefügt, mit kreisrunden Riesenohren, denn es ist eine „Geometric Mouse“ – was für eine Verwandtschaft mit den Formen auf dem Boden!

 

Ein ganz unterkühlter Gag gelang beim Thema „Quadrat“. Zwei farbig dominante Morellet-Bilder, zwei Max-Bill-Arbeiten, drei Werke von Cesar Domela und drei auf der Spitze stehende Quadrate von Nelly Rudin, bemalt nur höchst vertrackt auf den Rahmen, der ganze Raum ein Spiel aus Weiß und klaren Farben. Und in einer Vitrine davor ein unverschämtes kleines Werkchen aus Holz und Metall von Timm Ulrichs: „Quadratur des Kreises“, ein paar Stäbe so gebogen, dass sie in der Mitte ein Quadrat formen wollen, an den Seitenkanten aber einen Kreis beginnen. Was für ein Dialog mit den Großen ringsum!

 

Farbe, Licht, Rhythmus – das Haus fasziniert immer wieder durch starke, leuchtende Akzente, durch verwandte Formlösungen über Jahrzehnte und Nationen hinweg. Kasimir Malewitschs „Suprematistische Komposition“ von 1915/16 (Foto oben), eines der Schlüsselwerke der Sammlung, in der Nachbarschaft eines Thomas-Ruff-Sternenhimmels von 1990. Piet Mondrian neben dem Linien-Kinetiker Carlos Cruz-Diez. August Macke in der Nähe von Rupprecht Geiger, zusammen in einem Raum, der von Richard Anuszkiewcz’ „Royal Red“ wahrhaft königlich regiert wird. Und alles passt, es gibt nirgends einen Misston, kein Kunstwerk erleidet Verluste, keines wird beeinträchtigt durch den triumphierenden Auftritt seiner Nachbarn – vonseiten des Museumsteams gehört eine Menge Fantasie und Fingerspitzengefühl zu solcher Präsentation.

 

Und die muss man auch der jungen Mitarbeiterin Sarah Debatin bescheinigen. Innerhalb weniger Wochen sichtete sie die gesamten Grafikbestände von über 4000 Blatt und stellte daraus erstmals eine Schau zusammen, die (leider nur zeitlich begrenzt) anhand einer Auswahl von 200 Handzeichnungen und Originaldrucken einen Überblick über Kostbarkeiten vermittelt, die aus konservatorischen Gründen nur selten und wohl niemals wieder in solchem Umfang aus den Mappen geholt werden. Auch Sarah Debatin ordnete die erdrückende Fülle („manchmal hab ich nachts davon geträumt“) in 20 Kapitel, kombinierte Leon Polk Smith mit Ilja Tschaschnik und Max Bill (Kapitel „Geometrische Abstraktion“), ein berührendes, winziges Aquarell Günther Ueckers mit einem Siebdruck von Frank Stella (im Kapitel „Farbe“) und das nachdenkliche Selbstporträt von Käthe Kollwitz mit der frechen Selbstironie von Ben Vautier, der zu seinem Siebdruck-Foto schrieb: „Art is Ego. Just look at me. I want glory. Ben”. Die Selbstporträts der Kollwitz, von Edvard Munch und Max Liebermann sind in ihrer stillen Zurückhaltung dabei keineswegs Zeichen einer kultivierteren, „besseren“ Vergangenheit – direkt neben dem angeblich ruhmheischenden Ben Vautier blickt ein leiser, eindringlicher Andy Warhol aus halb verschattetem Gesicht den Betrachter an.

 

Verwandtschaften über Epochen hinweg, immer wieder anders und doch getragen von verblüffenden Gemeinsamkeiten. Ein Museum zeigt, was es hat: wunderbare Kunstwerke. Und nicht zuletzt großartige, einfühlsame Mitarbeiter.

 

Info:

- Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, Berliner Str. 23, „In neuer Frische!“, Dauerausstellung der Bestände seit 17. September 2005, Dienstag 12-18 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr, Freitag 10-20 Uhr, www.wilhelm-hack-museum.de

- Sonderschau „Kunst, die man nicht immer sieht“, grafische Meisterwerke aus der Sammlung, vom 9. Dezember 2005 bis 19. Februar 2006, Katalogheft 2 Euro

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