Frank Gerritz



"Breeze of Light" heißt dieses 2007/2008 entstandene Werk des Hamburger Künstlers Frank Gerritz. Es besteht aus einer eloxierten Aluminiumplatte, die Gerritz vollständig mit einem Paintstick, einem wachshaltigen Ölstift, überzog - vollständig, bis auf die beiden schmalen weißen Linien, bei denen der Aluminium-Untergrund frei liegt und die eine Assoziation an die titelgebende "Licht-Brise" hervorrufen.

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Fotos auf dieser Seite: Frank Gerritz/Galerie Peter Zimmermann (Copyright)

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02-10-2009

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Die Ambivalenz der sichtbaren Dinge bei Frank Gerritz – eine Ausstellung in der Mannheimer Galerie Peter Zimmermann

 

Von Christel Heybrock

 

Die Räume der Galerie Peter Zimmermann haben ein klassizistisch nobles Flair. Die Kunst darin setzt dazu schon mal einen Kontrast: An den Wänden schwärzliche Längsformate, schwärzliche Querformate, mal ein breiter, mal ein schmaler weißer Streifen zieht sich übers Schwärzliche, mal senkrecht, mal horizontal. Etwas Farbe gibt es auch, in kleinen Formaten, und auch hier schieben sich schwärzliche Balken mal von unten, mal von oben, mal von der Mitte her über die Flächen. Was ist dieses Mal hier los?

 

Frank Gerritz zeigt 26 neue Arbeiten, die ältesten von 2007. Zimmermann stellte Gerritz’ Arbeiten bereits 2005 aus, zusammen mit dem amerikanischen Maler Winston Roeth – 2009 nun präsentiert er Gerritz in einer Einzelschau, und das titelgebende Werk „Two Lines Horizon“, entstanden 2008, besteht aus einer Bleistift-, ähm, ja was? Zeichnung? Bedeckung? ... einer MDF-Platte von 1,80 Meter Länge. Wenn hier von „schwärzlich“ und nicht von Schwarz die Rede ist, dann liegt es daran, dass diese Flächen immer etwas kaum merklich Reflektierendes haben, einen feinen metallischen Glanz im Gegensatz zu jenem tiefen, samtigen Schwarz, von dem das Licht geschluckt wird. Gerritz erzeugt diese seidige Textur mit dem Bleistift auf MDF-Platten (das sind „mitteldichte Holzfaser“-Platten) oder mit dem Paintstick auf eloxiertem Aluminium. Ein Paintstick ist ein Stift mit wachshaltiger Ölfarbe. Mit dem einen oder mit dem andern Werkzeug deckt er seine Platten völlig zu bis auf die erwähnten schmalen oder breiten Streifen, die einfach den Untergrund frei lassen. Nein, leicht zu sehen ist das nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man mit dem Sehen sofort irgendeine Bedeutung, eine Aussage verbinden möchte und nur spürt, wie verzweifelte Assoziationen ins Leere greifen.

 

„Alles, was man sieht, macht zwangsläufig etwas anderes unsichtbar“, schrieb der Kunstpublizist und Gerritz-Kenner Ludwig Seyfarth im Katalog über Frank Gerritz’ „Standflächen“ (Hamburg 2006). Das könnte auch über der Schau „Two Lines Horizon“ stehen, wobei die Frage ist: Was ist hier sichtbar, und warum? Auch hermetische Erscheinungen lassen sich mitunter verstehen, wenn man sich ihnen von zwei Seiten nähert – einmal mit Selbstdistanz beim Hinsehen, zum andern mit biografischen Informationen über den Künstler. Im Internet berichtet Seyfarth beispielsweise, dass der 1964 geborene und in Hamburg lebende Gerritz lange in  New York gelebt habe, und tatsächlich scheint etwas amerikanisch Kühles in seinen Arbeiten zu liegen, eine völlige Ablehnung menschlicher Individualität, mit andern Worten: Minimal Art der zweiten Generation.

 

Sein erstes spektakuläres Werk habe, so Seyfarth weiter, eigentlich aus einem leeren Raum bestanden. Gerritz hatte für die Stark Gallery in Soho ein fertiges Ausstellungskonzept erarbeitet, und dann zog die Galerie plötzlich in neue Räume, das ganze Konzept war hinfällig. Noch dazu stand eine gusseiserne Säule mitten in der Galerie. Gerritz ließ Wände und Säule weiß streichen und seine Kunst zuhause. Stattdessen überzog er die Säule komplett mit einer dichten Bleistiftschraffur, die man als solche erst wahrnahm, wenn man dicht davor stand. Schon damals dürften einige Leute ihren Augen kaum getraut haben, und so ging es auch dem Publikum des Kunstraums Neue Kunst in Hannover 1995. Da hatte, berichtet Seyfarth, der Künstler eine 20 cm hohe Bleistiftlinie in Kopfhöhe durch alle Räume gezogen.

 

Der visuelle Eindruck war damals und ist auch in der Schau bei Zimmermann zunächst: Die Räume haben sich verändert durch einen dominierenden neuen Akzent. Nun ja, das nimmt man erst mal hin, ohne weiter zu fragen. Dann steht man vor solchen Arbeiten und rätselt: Gemalt mit irgendeiner Farbe ist das doch nicht? Was denn, Bleistift? Eine mit der Hand aufgelegte, vollkommen dichte, aber sichtbar fein strukturierte Schicht aus Bleistiftstrichen? Unglaublich! „Two Lines Horizon“ ist eine solche Arbeit. Über fast zwei Meter Fläche erstreckt sich eine subtil schimmernde Textur, die keine Lücke lässt und nur durch eine Ton-in-Ton-Modulierung den Eindruck weckt, ein breiter horizontaler Streifen ziehe sich im unteren Viertel des „Bildes“ von einer Seite zur andern. Kalte Geometrie? Nur ein düsteres Rechteck mit einem abgestuft düsteren Querstreifen? Nein, zwei Dinge faszinieren nachhaltig, selbst dann noch, wenn man die Galerie verlassen hat: Die fein schimmernde Dichte des weichen Bleistiftauftrags, die handwerklich perfekte Nuance des Querstreifens – und der Titel: „Two Lines Horizon“, Zwei-Linien-Horizont. Eine Landschaft, das heißt, eher eine Reminiszenz an die Bildgattung Landschaft, ein Erinnerungsrest, der hier gerade noch angetippt wird und als reizvoller Gegensatz zum kühlen visuellen Ersteindruck im Kopf kitzelt.

 

Bleistift, Paintstick, es sind normalerweise eher Materialien für einen Grafiker, der Striche zieht. Gerritz benutzt sie nicht mal wie ein Maler, sondern eigentlich wie ein Bildhauer, er nutzt sie als Materialschicht. So „dünn“ diese Arbeiten auf MDF-Platten und Aluminium auch immer sind, im Grunde sind es Reliefs, indem Ölkreide und Bleistift in einer messbaren Dicke auf dem Untergrund liegen (dessen Struktur mitunter noch erkennbar ist) und die Arbeit der Hand immer noch sichtbar bleibt. Für eine solche Gegensätzlichkeit zwischen pauschalem, raumveränderndem Ersteindruck und differenzierter Wahrnehmung aus der Nähe gibt es keine angemessenen Wörter. Und auch nicht für die irritierende Diskrepanz zwischen dem Anfangseindruck von Minimal Art und den verhalten suggestiven Titeln wie „Breeze of Light“ (siehe Foto oben), „Moment of Clarity“ oder „Sidelight“, durch die Gerritz’ Arbeiten eine atmosphärische, manchmal kosmische Dimension erhalten. In seinen Werken werden Pole überspannt, die unvereinbar scheinen. Gerritz fordert nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die intellektuelle Rezeption seiner Betrachter gewaltig heraus.

 

 

Zweimal derselbe Raum, das Gemeentemuseum Den Haag mit dem Blick in die Frank-Gerritz-Ausstellung "Coded Language" Frühjahr 2009 (oben). Dieses Foto benutzte die Galerie Zimmermann für die Einladung zu ihrer eigenen Gerritz-Schau im Herbst 2009 - und Künstler Gerritz benutzte die Einladungskarte, um seine eigenen Werke mit dem Paintstick zu übermalen ("Walldrawing", unten). Der Raum verändert sich dadurch grundlegend. Eine solche Wandarbeit wäre Gerritz in der Realität nicht ganz fremd, wenn auch unzumutbar ermüdend. Der Betrachter aber stünde verblüfft vor einer scheinbar kalten schwarzen Fläche, die in der Nähe mit feinem Glanz und handschriftlicher Textur faszinieren würde.

 

 

Und wer glaubt, er könne sich mit den Paintstick-Arbeiten auf Aluminium und ihren sparsamen, frei gelassenen Linien mit wachsendem Verständnis auseinander setzen, der steht vor neuer Herausforderung angesichts einer ganzen Reihe kleinformatiger Arbeiten, bei denen plötzlich Farbe ins Spiel kommt. Es ist keineswegs so, dass die Farbe und die Bildmotive, die Gerritz hier verarbeitet, die Rezeption leichter machen würden, das wäre im Gegenteil eine hurtige Selbsttäuschung. „Invitations“ nennt Gerritz diese Werkgruppe, weil er dabei nicht Holz- oder Aluminiumplatten benutzt, sondern Einladungskarten für Kunstausstellungen und andere Events. Ein Selbstporträt und eine Marilyn Monroe von Andy Warhol sind dabei, eine Fotografie von Marlene Dietrich, ein verschwommenes Liebespaar, eine Verkaufsanzeige, ja sogar eine Einladung in seine eigene Ausstellung bei Zimmermann, bei der ein Foto aus einer Gerritz-Ausstellung im Gemeentemuseum Den Haag benutzt wurde.

 


Ein "Liebespaar" als verschwommene Reminiszenz hinter Gerritz' Paintstick-Streifen. Die Szene wirkt dadurch unwiederbringlich entrückt wie aus historischer Ferne.

 

Diese Einladungskarten deckt Gerritz nicht zu, sondern bearbeitet sie mit dem Paintstick so, dass eine Hälfte unterm Stiftauftrag verschwindet oder Querbalken sich über das Motiv ziehen und die Fläche teilen. Die Abbildlichkeit des Motivs ist stets noch da, die Assoziation einer inhaltlichen Darstellung wird noch geweckt, aber zugleich gebrochen mit der Tendenz ihres Verschwindens. Die beiden Bildebenen stehen in irritierender Konkurrenz zueinander, das Abbild und die von Gerritz aufgetragene Paintstick-Struktur, von der man sich nicht ungern vorstellt, sie könne irgendwann das Abbild aus der anderen Wirklichkeit völlig überwuchern. Noch aber stehen die Paintstick-Übermalungen zusätzlich in einem Bezug zum Bild darunter, etwa bei „Drowning (Basquiat)“, bei dem die Farbzeichnung eines Ertrinkenden von Jean-Michel Basquiat (1960-1988) von der Unterkante her so übermalt wurde, dass die Figur in dem Paintstick-Schwarz von Gerritz zu ertrinken scheint. Zugleich erinnert Gerritz mit der bedrohlichen Szenerie an das Schicksal des mit 28 Jahren an einer Drogenüberdosis gestorbenen New Yorker Malers. Ähnlich geht es dem Betrachter mit dem Warhol-Porträt, auch dort legt sich Gerritz’ Paintstick so beklemmend auf das Selbstporträt des Popkünstlers, dass dem Betrachter unwillkürlich dessen tragische Verletzlichkeit in den Sinn kommt. Eine neue Tiefendimension erhält auch das Foto eines Topmodels, das mit gespreizten nackten Beinen auf einem Stuhl sitzt. Gerritz deckte die Partie des Stuhls völlig zu, so dass man nur beidseits der schwarzen Fläche die nackten Beine sieht: „Sphinx (Fortuna)“ nannte er das, und tatsächlich wirkt das Ganze mythisch rätselhaft, verlockend und gefährlich zugleich.

 


"Flicken" aus der "Invitations"-Serie. Die schwarzen Paintstick-Balken lassen eine diffuse Räumlichkeit des Motivs entstehen, das zugleich einmal "richtig herum", einmal seitenverkehrt und auf dem Kopf erscheint. 

 

Zwischen Zeigen und Zudecken, erratischer Nüchternheit und feinster Textur, zwischen Raum und Fläche und womöglich noch zwischen weiteren Polen spielt sich die Kunst von Frank Gerritz ab. Was auf den ersten Blick simpel erkennbar scheint, ist von ebenso verstörender wie betörender Latenz, der man nicht auf den Grund kommt. Mit Proportionen und Motiven scheint Gerritz sich auf den Menschen zu beziehen und zugleich über ihn hinauszuweisen. Man lernt nicht aus bei ihm mit dem Hinsehen.

 

Info:

Frank Gerritz, „Two Lines Horizon“, Galerie Peter Zimmermann,, Leibnizstraße 20, 68165 Mannheim, vom 12. September bis 10. Oktober 2009, Dienstag bis Freitag 12.30-18 Uhr, Samstag 11-14 Uhr, www.galerie-zimmermann.de

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