Tom Früchtl

 


"Full Stack" nannte der 1966 in München geborene Maler Tom Früchtl seine 2005 entstandene Karton-Installation in der Galerie Bernhard Knaus (Maße 120 x 160 x 200 cm). Die Galerie, inzwischen in Frankfurt/Main ansässig, hatte damals noch ihre Adresse in Mannheim. Tom Früchtls Kunstwerk irritierte gleich in zweifacher Hinsicht: Natürlich war der scheinbar vergessene Stapel Verpackungsmaterial ein wohl ausbalanciertes Kunstwerk und die Kartonagen wirklich aus Karton - aber Klebestreifen, Schmutz, Risse ... alles täuschend echt gemalt. Und so was macht Tom Früchtl immer noch.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Fruechtl.html

 

Fotos auf dieser Seite: Copyright Bernhard Knaus Fine Art + Tom Früchtl. "Kunst und Kosmos" dankt für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion. 

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03-02-2006

Update 28-04-2010

 

Schon wieder erschüttert: die Malerei des Abendlandes

Künstler wie Tom Früchtl bringen erneut unsern Kunstbegriff durcheinander

 

Von Christel Heybrock

 

Also ehrlich, so geht es nicht. Haben wir nicht in den letzten 150 Jahren genug Erschütterungen verarbeitet? Pausenlos mussten wir umlernen. Was uns bildende Künstler vor die Nase setzten, war seit dem Impressionismus mehr oder weniger ein Dauerskandal. Alle paar Jahre wurde der Kunstbegriff des Abendlandes neu definiert: Was ist ein Gemälde? Was ist eine Skulptur? Nach dem Schock von Marcel Duchamps Pinkelbecken und Flaschentrockner fingen die Gattungen dann auch noch an, ihre zutiefst sinnvollen Unterschiede zu verwischen. Dass Bilder nicht einfach irgendwas abbilden, sondern autonom nur sie selbst sind – war schwierig zu verstehen, aber wir haben das gepackt. Irgendwann mochten wir sogar die Dreiecke und Quadrate der konkreten Kunst (die waren ja auch meist schön bunt). Oder die Tröpfel-Exzesse eines Jackson Pollock. Oder die Farbkörper von Gotthard Graubner, bei denen Bilder gleichzeitig Plastiken waren, mein Gott, und es wurde immer schlimmer. Wenn nicht Pop Art, Neue Wilde und in den letzten Jahren eine Figuration von rätselhafter Inhaltsleere dazwischen gekommen wären, könnten wir uns überhaupt nicht mehr orientieren und hätten einfach jede Ordnung in der bildenden Kunst verloren.

 

Aber genau das steht jetzt offenbar wieder an. Neue Runde in der Erweiterung des Kunstbegriffs! Eine schon gar nicht mehr so junge Generation weigert sich, bequem zurück zu sehen und zielt dahin, wo Künstler eigentlich immer hinzielen sollten: über tradierte Sehgewohnheiten hinaus. Mal wieder müssen wir die gottgegebene Definition von Gemälde und Skulptur, ja sogar die Definition raumgreifender Installationen über Bord werfen. Der 1966 in München geborene Tom Früchtl beunruhigt uns da nicht als einziger. Auch einige seiner Kollegen wirbeln leise und heimtückisch alles durcheinander, woran wir uns mühsam genug gewöhnt hatten. Aber dieser Früchtl macht es ganz besonders schlimm.

 

Wer Ende 2005 nichts Böses ahnend in die damals noch in Mannheim stationierte Galerie Bernhard Knaus kam (sie ist inzwischen nach Frankfurt/Main umgezogen), sah sich in der Mitte des Galerieraumes mit einem unordentlichen Gebirge aus Pappkartons konfrontiert. Offenbar war die neue Ausstellung noch nicht aufgebaut? An der Rückwand hing eine dieser Filzdecken für den Möbeltransport. Sollte der Umzug etwa damals schon avisiert gewesen sein? Nein – es war alles Kunst. Dass Pappkartons Kunst sind, haben wir doch seit Andy Warhols Brillokartons verinnerlicht? (Die waren aber aus Holz und per Siebdruck täuschend echt nachgebaut.) Und auch Filzdecken können uns nicht mehr wirklich erschüttern, oder?

 


Karton mit Klebeband? Karton ja - aber das Klebeband ist nur gemalt: "Tape on" nannte Tom Früchtl dieses vertrackte Objekt, und nach dem gleichen Prinzip entstanden große Rauminstallationen wie "Full Stack" (Foto oben).

 

Doch. Leider. Diese nämlich schon. Zugegeben, es war eine wunderbar wirklichkeitsecht und lebendig ausbalancierte Karton-Skulptur, die Tom Früchtl dort errichtet hatte. Aber es war nicht nur eine Skulptur, sondern gleichzeitig Malerei. Früchtl hatte – und wer soll das noch verstehen – echte Kartons so angemalt, dass sie eben wie Kartons aussehen. Man konnte kaum unterscheiden (außer in der allernächsten Nähe), was nun Farbe und was Originalpappe war. Braune Klebestreifen hatte er in brauner Lackfarbe täuschend echt imitiert. Manche Ecken waren etwas ausgerissen (echt!), und da hatte dieser Früchtl die Risspartien mit einer Farbe bemalt, die genau wie gerissene Pappe aussieht. Und dann erst die Schmutzspuren, die so ein Karton halt kriegt, wenn er transportiert und auf dem Boden geschleift wird: Farbe, raffiniert aufgetragen. Schon traten kunsthistorisch gebildete Leute auf den Plan, die diese Art des Umgangs mit Pappe in der Trompe-l’oeil-Tradition des 17. Jahrhunderts sahen, als meisterhafte Maler einen an die Wand gepiekten Zettel oder irgendwelche anrührenden Gegenstände so täuschend echt auf die Leinwand bannten, dass der Betrachter glaubte, sie greifen zu können.

 


Nein, nicht "High Fidelity", sondern ironisch "Low Fidelity" titelte Tom Früchtl 2005 diese aus Stoffflusen zusammengepresste Möbeldecke. Dabei malte er jedes der bunten Fädchen in der entsprechenden Farbe nach - Malerei als Philosophie auf den Spuren der Wirklichkeit.

 

Das aber ist nicht Tom Früchtls Mentalität. Außer Kartons (die er auch in eindimensionaler Erscheinung mit „Klebebändern“ bemalt) inspirieren ihn (siehe oben) unter anderem Möbeltransportdecken. Die sind gemeinhin aus zerschredderten Altkleidern zusammengepresst, und so was muss einen Maler ja herausfordern. Schließlich wimmelt es in den Pressdecken von farbigen Einzelfäden, die per Zufall in den Schichten verteilt wurden und das Ganze wie ein Farbengewusel von großer ästhetischer Anziehung erscheinen lassen. Da geht der Früchtl hin und zieht mit Pinsel und Farbe diese einzelnen Fäden nach, so dass es nun ganz gezielt wuselt. Wieder nur aus der Nähe und zunächst ungläubig genug erkennt man: Hier war Malerei auf den Spuren der Wirklichkeit am Werk. Die große graue Möbeldecke an der Galeriewand von Bernhard Knaus (jeder Maler weiß, dass Grau nur eine Mischung aus allen Farben ist) blieb im Leben von Tom Früchtl nicht allein, er hat immer wieder welche „bemalt“, und jede sieht anders aus, es ist erstaunlich, welche Individualität diese banalen Filzdecken entwickeln können.

 


Holzkasten mit schöner Maserung, von Tom Früchtl mit Acrylfarbe nachvollzogen: "Paintbox 4" von 2005 (Maße 15,5 x 32 x 4 cm)

 

Früchtl hat Holzmaserungen be- und gemalt. Ein Stück knallroten Stoff mit einer Farbe im exakt gleichen Ton, wobei sich die Oberfläche signifikant änderte, weil die Textur des Gewebes nur noch an den Rändern zu erkennen war. Er hat die weißen Lichtkringel, die eine Diskokugel in den Raum warf, mit weißer Farbe nachgemalt (bei einer Installation auf der Kunstmesse Art Cologne 2004). Er hat in Italien Lichtbahnen auf Pappstücke gemalt, die auf dem Boden lagen und von Lichtbahnen getroffen wurden. Er hat die Knitterfalten einer zerknitterten Papiertüte nachgemalt. Und damals bei Knaus ein schwarzweißes Quadratmuster – ja, ähm, was? Es war ein Kopfkissenbezug, idiotischerweise ein schwarzweiß karierter, den Früchtl auf einen Rahmen gespannt und mit weißen Farblinien just auf den weißen Linien des Stoffmusters bemalt hatte.

 


"Splash" aus dem Jahr 2007 - eine bekleckerte Tischdecke (65 x 65 cm) mit nach- oder übergemalten Flecken als Beispiel für Tom Früchtls Auseinandersetzung mit Vorgängen in Heim und Küche.

 

Und seine jüngsten Eskapaden sind bekleckerte Tisch- und Küchentücher. Haben Sie nicht auch schon mal Ihre Kaffeetasse versehentlich auf Omas Tischtuch umgeschmissen? Früchtl zeigt uns als ebenso leise wie insistierende Herausforderung, dass diese banalen Utensilien durch das Walten eines von Missgeschick bestimmten Zufalls hinreißend lebendig werden! Wenn er diese Kleckse in Acrylfarben und Pigmenten auf echten Tischtüchern nachmalt, dann sind das Hingucker, bei denen sich latente Ironie, handwerkliches Können und Widerborstigkeit vereinen: Indem Früchtl vorgibt, sich der Wirklichkeit auf ihrer alltäglichsten Ebene unterzuordnen, macht er etwas ganz anderes daraus.

 

Jedes Mal entsteht etwas nie Gesehenes, für das es noch keinen Begriff gibt, es ist alles andere als einfallslose Imitation. Natürlich findet - wieder einmal in der modernen Kunst - ein Verschmelzen von (zweidimensionaler) Malerei mit Raumobjekten statt. Aber was passiert darüber hinaus? Fragt da ein Maler, was Farbe überhaupt noch ausrichten kann in einer Welt gnadenlos präsenter Dinge?  Beschwört da jemand die lautlose Macht der Malerei, die dank ihres bewussten Einsatzes triumphiert über dumme, banale Erscheinungen wie Kartons, Pressfilz oder Küchentücher? Malerei, die sich hinterlistig in die Realität mogelt und diese letzten Endes ad absurdum führt? Malerei andererseits als Mittel der Erkenntnis von Wirklichkeit – und wenn ja, was wird da erkannt? Öffnet diese Malerei unser Bewusstsein für die Autonomie von Strukturen, die wir kaum noch wahrnehmen? Sehen wir nächstes Mal den Lichteinfall auf einer Tischdecke, den Rhythmus eines Klebestreifens, die Maserung eines Holzkastens mit anderem Bewusstsein als bisher?

 

Und wo im Kunstbegriff des immer noch existierenden Abendlandes lässt sich Tom Früchtls Malerei mit ihrem leisen Triumph unterbringen? Stellt er nicht alles auf den Kopf, indem er Wirklichkeit und Malerei in eine nie da gewesene Nähe bringt und gleichzeitig auf ihrer Verschiedenheit beharrt? Müssen wir noch einmal ganz anders sehen lernen, um zu begreifen, was dieser Mensch uns vor die Nase setzt? So viele Fragen und keine Antwort. Tja, da sitzen wir mal wieder und wissen nicht weiter. Und bewundern dennoch diese Malerei, die wir nicht verstehen. Bewundern? Ja, wirklich! So viel Frechheit, so viel Sensibilität, so ein nachdrücklicher Anspruch, die sichtbare Welt auf ihre Substanz auszureizen – das kann man nicht anders beantworten. Vielleicht kapieren wir sie ja doch irgendwann, die Philosophie hinter diesen angeblich simplen Pinselstrichen. Vielleicht setzt Früchtl auf das irrlichternde Spannungsfeld zwischen Malerei und Wirklichkeit, indem er durch minimale malerische Eingriffe die realen Dinge abstrahiert und ihre Formstrukturen absolut setzt – während er sie gleichzeitig in ihrem realen Zusammenhang belässt. Aber Schluss mit allen Erklärungsversuchen – das erneute Sehenlernen, zu dem dieser Mann uns zwingt, ist aufregend genug, und bei Bernhard Knaus ist er nach wie vor im Galerieprogramm.

 

Info:

Tom Früchtl: „rerecording the surface“, Malerei und Installation, Galerie Bernhard Knaus, Mannheim, Augartenstrasse 68, vom 29. November 2005 bis 11. Februar 2006. Arbeiten von Tom Früchtl sind auch auf der Website www.bernhardknaus-art.de zu sehen. Die Galerie ist inzwischen in 60329 Frankfurt/Main ansässig, Niddastraße 84, Tel. 069-244 50 768.
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