Heinz Friedrich zum 85.

 

Cover des Katalogs der Stadt Schwetzingen zum 85. Geburtstag des Malers Heinz Friedrich 2009. Die Fotos zeigen links ein Selbstporträt des Künstlers aus dem Jahr 2000 sowie rechts ein Foto von 2009.

 

"Kunst und Kosmos" dankt Heinz Friedrich für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite. Einen authentischen Eindruck können Reproduktionen bei Friedrich freilich kaum vermitteln - sein Pinselduktus und die besondere Textur der Bilder sind nur im Original wahrnehmbar.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/FriedrichHeinz85.html

 

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Heinz Friedrich im Atelier

 

17-03-2009

Update 17-03-2014

Die Dauer der flüchtigen Augenblicke

Der Maler Heinz Friedrich kann zum 85. Geburtstag auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken

 

Von Christel Heybrock

 

In Schwetzingen wurde er geboren (am 19. Februar 1924), in Schwetzingen lebt er heute noch, und hier in der kleinen Stadt mit dem großen Schlossgarten wurde er bekannt: Zu schön, zu lebendig, zu heimatlich waren seine Ansichten von Schloss und Park, als dass man sie hätte übersehen können. Aber Heinz Friedrich, Sohn eines Kraftfahrers und am Anfang seines Berufslebens Maurer und technischer Zeichner, war und ist viel mehr als der Maler von Schwetzingens Schokoladenseite – in atemlosem Vorwärtsdrängen und mit rigorosen Selbstansprüchen hat er ein umfangreiches Lebenswerk geschaffen, das noch nicht beendet ist und in den letzten Jahren eine neue Stufe der Reife und Frische errungen hat. Eine kleine Ausstellung im Kunstverein Schwetzingen (Palais Hirsch) und eine Dauerausstellung im Rathaus führten dabei Bilder aus Friedrichs fast unbekanntem Frühwerk und seine jüngsten Arbeiten zusammen.

 

Friedrich hat offenbar schon als Jugendlicher verblüffendes Talent geäußert. Im schmalen Katalog der Stadt Schwetzingen zum 85. Geburtstag findet sich ein gezeichnetes Porträt der Mutter des damals Vierzehnjährigen, und Reproduktionen aus dem Kriegstagebuch (Friedrich wurde mit 18 eingezogen und in den Russlandfeldzug geschickt) zeigen waches Interesse an Menschen und der eigenen Umgebung, aber auch fast schon eine Virtuosität im Zeichnen. Die Bleistiftzeichnung „Mein Gepäck“ von 1943 zeugt von stupendem Können, was Details und Komposition betrifft – der minuziöse Realismus, der sich später bei Friedrich nicht mehr findet, war damals weit verbreitet. Nach dem Ende des Krieges, den der junge Mann unverletzt überstanden hatte, ging er zunächst an die Stuttgarter Akademie und 1948 nach Karlsruhe in die Malklassen von Wilhelm Schnarrenberger (1892-1966) und Otto Laible (1898-1962). Beide Lehrer hatten eine Vergangenheit als Vertreter der Neuen Sachlichkeit und fanden seit den fünfziger Jahren zu einer freieren, expressiven Pinselführung.

 


Stillleben mit gedecktem Tisch, oft auch mit leerem weißem Geschirr, finden sich immer wieder im Oeuvre von Heinz Friedrich. Auch sein Lehrer Wilhelm Schnarrenberger schätzte dieses Motiv.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Die kurzen Studienjahre (schon 1949 machte Friedrich sich selbständig) hatten ihn wohl in erster Linie in seinem Talent bestätigt und seinen Blick geweitet. In gewisser Weise kann Friedrich in einer Tradition realistisch-expressiver Malerei des deutschen Südwestens gesehen werden: Besonders Motive, wie sie Schnarrenberger verarbeitete, finden sich auch bei Friedrich wieder, Straßenszenen etwa oder die Stillleben mit Geschirr auf einem gedeckten Tisch. Freilich entwickelte Friedrich einen ganz anderen, unverwechselbaren Pinselduktus und eine andere Intensität. Wie sicher er seiner selbst bereits während des Stuttgarter Studiums war, beweist die Tatsache, dass er damals schon von Porträtaufträgen lebte! Einige tausend Menschen, so Schwetzingens Oberbürgermeister René Pöltl im Katalog von 2009, seien von Friedrich porträtiert worden – womöglich zählen die frühen Arbeiten gar nicht dazu.

 


Straßenszene von Heinz Friedrich mit einer faszinierenden Bandbreite von Gesten, Haltungen, Bewegungsrichtungen.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Friedrich-Porträts sind immer eine erstaunliche Balance aus Tiefenerkundung und Oberfläche. Wenn Friedrich im eigenen Atelier arbeitet, sitzt das Modell stets etwas erhöht auf einem Podest und fühlt sich, während der Meister stumm arbeitet, durchschaut, verstanden und zugleich mit diskreter Distanz akzeptiert. Nicht jeder mag es, wenn ihm Blicke unter die Haut gehen und womöglich auf ungelöste Spannungen und Persönlichkeitswidersprüche stoßen. Friedrich spürt das auf, als seien Zeichenstift oder Pinsel eine behutsame Sonde – und respektiert es. Er nimmt den Ausdruck einer persönlichen Pose wahr, entdeckt die Gelöstheit oder Verkrampfung einer Körperhaltung, ohne das entstehende Bild rigoros darauf zu fixieren: Das Ergebnis ist immer der Anblick einer schützenden Haut, einer bergenden Kleidung über der erkannten Seele, es ist ein Anblick wie aus dem normalen Leben, das Modell kann sich stets mit seinem Bild identifizieren – und doch erzählt das Bild mehr über die Person, als man im persönlichen Gegenüber von ihr erfahren würde.

 

Immer wieder hat Friedrich sich auch selbst porträtiert, und zwischen dem  forschenden Blick des 17-Jährigen auf einem Aquarell im Schwetzinger Katalog und einem Ölbild von 2000 (Foto auf dem Katalog-Cover oben) liegen nicht nur fast sechs Jahrzehnte und ein gelebtes Leben, sondern auch ein faszinierendes Spektrum von Reifungs- und Entwicklungsprozessen. Die Geburtstagsausstellung 2009 im Schwetzinger Palais Hirsch enthielt aus Friedrichs Frühzeit mehrere, von ihm selbst fast vergessene Werke, darunter ein großes Selbstbildnis vor rotem Hintergrund von 1955 und ein Doppelporträt der Eltern von 1968. Seine eigene kleine Familie mit Frau und Söhnchen fand 1963 auf die Leinwand: Friedrich stehend in der Mitte, seine Frau Helga sitzend und in sich selbst versunken auf der linken, das Söhnchen rechts im Profil – Friedrich stellt sich hier nicht nur als Zentralfigur dar, sondern auch als jemand, von dem durch die Anordnung der Hintergrundfarben eine bergende Energie auf die beiden anderen Figuren auszugehen scheint. Die beiden Söhne Matthias und Johannes hat er 1987/1988 noch einmal in großem Format als Ganzfiguren porträtiert, lässige, coole junge Leute, die den Betrachter nicht ohne Sensibilität ansehen. Hier scheinen sich die in breiten Bahnen und leicht kristallinen Schatten angeordneten Hintergrundfarben auf den beiden Figuren konzentriert zu wiederholen – aus einer Distanz von ein, zwei Metern gewinnt das Bild dadurch eine verblüffende Plastizität.

 


Friedrichs Blumenstillleben faszinieren durch ihre samtige Dichte.
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

 

Plastizität muss man Friedrich immer wieder bescheinigen, ganz gleich, ob es um Landschaften geht (bevorzugt die Pfälzer Landschaften mit Feldern, Weinbergen, Hügeln und Dörfern), um Stillleben oder um Personen. Die optimale Betrachterdistanz ist nicht die Nähe bei ihm, sondern ein gewisser Abstand, den man je nach Bildformat für sich selbst ausprobieren muss. Auch die Beleuchtung spielt eine eminente Rolle. Die Bilder verlieren durch direkte Spotbeleuchtung ihre Tiefe, am ehesten angemessen ist diffuses Tageslicht; ein Betrachter, der sich die Zeit nimmt, ein Bild im Verlauf eines Tages unter dem natürlich wechselnden Lichteinfallswinkel zu beobachten, wird überrascht sein, wie Friedrichs Malerei jeweils ihren Ausdruck zwischen Vitalität und geheimnisvoller Tiefe verändert und auf die Veränderungen des Lichts antwortet. Womöglich hängt es mit diesem sehr individuell wahrnehmbaren Phänomen zusammen, dass so viele Porträtaufträge von Privatpersonen stammen und sich die meisten Friedrich-Bilder in Privatbesitz befinden.

 


Das Ölbild "Azaleen" (1996): zwei benachbarte, aber unterschiedliche Rottöne forderten Friedrich zu diesem Gemälde heraus. Die weißen Gefäße zwischen Pflanzen und dem starken Kontrast der gewürfelten Tischdecke geben der Komposition eine Leichtigkeit. Gelb/Ocker im Hintergrund bildet die Komplementärfarbe zu Blau, und in der rechten Hintergrundhälfte wird die Blau-/Rot-Konstellation des Vordergrund in einer Variante wiederholt. Das Bild ist Teil der "Sammlung Heinz Friedrich" im Rathaus Schwetzingen.
Foto: Katalog Schwetzingen 2009

 

Verblüffend bei der Zusammenstellung der kleinen Jubiläumsschau zum 85. waren jedoch weniger die frühen Porträts und auch nicht die Aquarelle und Farbzeichnungen von Friedrichs Reisen nach Afrika und Südostasien, die ihm jeweils ganz neue Farberlebnisse vermittelten – sondern die kleinformatigen Bilder seit der Jahrtausendwende. Wer zuvor schon bei Blumenbildern und -aquarellen (die im Grunde komplizierte Mischtechniken sind) eine samtige Dichte und fast haptische Präsenz besonders im Werk der neunziger Jahre bewunderte, muss sich sagen, dass Friedrichs späte Bilder noch einmal eine neue Entwicklungsstufe errungen haben. Die Intensität der „Blühenden Apfelbäume“ (2000) mit kühnen Violett-/Grünkontrasten, die komprimierte Substanz eines Rosenbildes, eines „Wickensträußchens“ (beide 2007) oder einer Blumenrabatte im Schwetzinger Schlossgarten (2008) sind auch im Werk Heinz Friedrichs bis dahin unerreicht. Der Umgang mit seinem Zaubermittel, den Farben, hat eine Meisterschaft und Selbstverständlichkeit gewonnen, bei denen Freiheit und äußerste Verdichtung identisch werden. Steigern lässt sich das wohl nicht mehr, und auch nicht die Frische und jugendliche Unbekümmertheit, die ganz neu in kleinformatigen Figurenbildern auftaucht.

 

Friedrich war immer ein intuitiver Beobachter von Posen und Gesten, erfasste stets mit einem Blick den charakteristischen Bewegungsfluss von Personen, so dass auch seine Vertrautheit mit dem Theater nicht verwundert: Er arbeitete mehrere Jahre als Bühnenbildner in Heidelberg (1952/53 und 1961). Das Herzeigen, Präsentieren, das dem Auge Darbieten – diesen Aspekt menschlicher Existenz haben Theater und Bildende Kunst gemeinsam. Ist die als Aquarell definierte Mischtechnik „Badende“ von 2001 noch etwas dunkel und verschattet im Kolorit, so weist sie doch besonders bei den Konturen den unverkennbaren, etwas kantigen Friedrich-Duktus auf, der aus der Nähe wenig schmiegsam anmutet, aber aus geringer Distanz eine bemerkenswerte Energie verströmt. Die Mischtechnik „Mädchen auf der Straße“ (2005): Gesten, Posen, Hände, Gesichter, alles atmet Frische, Bewegung und die Faszination an weiblicher Existenz, die durch Friedrichs souveräne, im Duktus etwas „rohe“ Maltechnik in plastischer Lebendigkeit vermittelt wird. Die kleine Straßenszene „New Generation“ (2007) mit einer Gruppierung von Dreiviertelfiguren jedoch ist mit dem leuchtenden Gelb der Zentralfigur, mit Blau- und Türkispartien, die durch Weiß und Hauttöne zum Kontrast gebracht werden, der reinste Trompetenstoß. So strahlend und zugleich so meisterhaft ausbalanciert hat Friedrich zuvor kaum eine Mehrfigurenszene auf die Leinwand gebannt.

 

Die Personen sind eng aneinander gerückt, in der Mitte ein junges Paar, der Mann blickt in halber Drehung den Betrachter an, das Mädchen an seinem Arm bleibt träumerisch versunken. Links daneben eine wiederum in Gelb leuchtende weibliche Rückenfigur, der rechts eine blau gekleidete Profilfigur entspricht, an den Außenkanten jeweils zwei junge Männer, der eine dem Betrachter zugewandt, aber fast zur Unkenntlichkeit angeschnitten, der andere am rechten Rand ein rotziger junger Schnösel mit Zigarette am Mund. Alles scheint in Bewegung und wie im Fluss der Sekunden angehalten, wobei Friedrich mit der speziellen Gestik etwa des frechen jungen Rauchers einen starken Akzent setzt. Aber auch das mit den Armen ineinander verhakte Paar in der Mitte sowie die Pose der Rückenfigur, die einen Einkaufswagen hinter sich herzieht, sind dem Leben abgeschaut. Vor allem die Körpersprache von Frauen hat Friedrich ja, wie seine Porträts, Akte und Straßenbilder beweisen, stets mit distanzierter Einfühlung und Freude wahrgenommen.

 


Die rechte Hälfte der Straßenszene "New Generation" von 2007 mit den gewagten Kombinationen von Blau/Türkis und Schwarz/Dunkelgrau. Das Mädchen mit der Hand an der Sonnenbrille gibt einen starken Kontrast zu dem Zigarette rauchenden jungen Schnösel, dessen charakteristische Geste die rechte Bildhälfte dominiert. Unsichtbar bei diesem Ausschnitt das junge Paar in Weiß und Gelbtönen im Zentrum des Bildes.
Foto: Kunstverein Schwetzingen

 

Kühn jedoch ist bei „New Generation“ die Farbgebung rechts von der Mitte, wo ein blau gekleidetes Mädchen vor türkisfarbenem Hintergrund steht und der junge Typ mit der Zigarette in Dunkelblau/Dunkelgrau vor Schwarz. Vor allem durch die hellen Haar- und Hauttöne des Mädchens, das die Sonnenbrille zurechtrückt, und durch die ungewöhnlichen, kantig-dynamischen Konturverläufe des jungen Rauchers treten die beiden Personen dennoch plastisch von dem Hintergrund hervor, mit dem sie halb verschmelzen. Wie in grellem Gegenlicht zeichnen sich Hand, Profil und Ohr des Rauchers gegen das Schwarz des Hintergrunds ab, und auf dem Dunkelgrau seines lässig über die Hose fallenden Hemdes scheinen sich heftige Reflexe des türkisfarbenen Lichts zu sammeln, das vom Hintergrund des Mädchens herüberfällt. Auch die stark angeschnittene männliche Figur am entgegensetzten Bildrand erhält noch einen Reflex dieses türkisfarbenen Lichts an der Ärmelkontur, so dass die beiden Außenfiguren das Bild harmonisch schließen, indem sie die gleichen Lichtströme auf sich sammeln. Das ganze Bild, das eine frühlingshafte Leichtigkeit durch das zentrale Weiß und die Gelbs der Zentralfiguren erhält, ist ein Beziehungsgeflecht von Farben, Blicken/Abwendungen und Bewegungsrichtungen (nach vorn, hinten, seitlich passierend). Durch den Blick des jungen Liebhabers in der Mitte, der aus dem Bild herausschaut, wird auch der Betrachter eingebunden: Er sieht sich potentiell als Passant unter Passanten.

 

Mit 85 auf einer Stufe von Reife und Vitalität, für die sich die richtigen Worte nicht leicht finden lassen - als Betrachter wünscht man sich und dem Maler, dass seine physische Energie noch lange anhält. Zwischen der neuen Figuration einer aktuellen jungen Malergeneration und Friedrichs späten Bildern scheinen Welten zu klaffen ... die Welten der Erfahrung und des Könnens.

 

Infos:

- Im Rathaus Schwetzingen befindet sich als Schenkung des Künstlers seit 2008 die „Sammlung Heinz Friedrich“ mit insgesamt rund 50 Bildern und Originalgrafiken als Dauerausstellung.

- Geburtstagsschau zum 85. im Kunstverein Schwetzingen (Palais Hirsch am Schlossplatz) vom 20. Februar bis 22. März 2009. Der Katalog vermittelt einen Eindruck über beide Präsentationen (51 Seiten, 10 Euro).

- www.kunst-heinz-friedrich.de

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