Heinz Friedrich im Atelier

 


Heinz Friedrich im Februar 2014 in seinem Atelier-Haus in Schwetzingen inmitten seiner Bilder
Foto: Manfred Rinderspacher

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/FriedrichHeinz-Atelier.html

 

"Kunst und Kosmos" dankt Heinz Friedrich für die Erlaubnis zur Reproduktion seiner Bilder auf dieser Seite. Besonderer Dank gebührt auch Fotograf Manfred Rinderspacher, der den Künstler im Februar 2014 in seinem Atelier besuchte. Außer dem obigen Porträt sind alle Rinderspacher-Fotos auf dieser Seite Erstveröffentlichungen.

 

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Heinz Friedrich zum 85.

 

17-03-2014

 

Im Reich der Bilder

Nach einem Atelierbesuch bei Heinz Friedrich - Nachdenken über Malerei

 

Von Christel Heybrock

 

Es kann schon sein, dass Heinz Friedrich nirgends so präsent ist wie in den Familien seiner Auftraggeber in Schwetzingen – fast jeder einigermaßen kunstsinnige Bürger habe sich von Friedrich irgendwann porträtieren lassen, bemerkte Oberbürgermeister René Pöltl anlässlich von Friedrichs 90. Geburtstag am 19. Februar 2014. Der Meister wurde zu seinem Ehrentag überwältigend von seiner Heimatstadt gewürdigt – von einer ungeahnten Besucherzahl der großen Geburtstags-Ausstellung im Palais Hirsch, mit einem Katalog und erstmals auch, wenige Wochen zuvor, mit einem dauerhaften Internetauftritt, den sein Sohn Johannes Friedrich für ihn einrichtete.

 

Schwetzinger Bürger, Schwetzinger Schlosspark, Straßen und Plätze, pfälzische Landschaften, Blumenstillleben: wer nun glaubt, bei Friedrich handle es sich um einen Maler von lediglich regionaler Bedeutung und um ein konventionelles Lebenswerk fern von stilprägenden, avantgardistischen Ansprüchen - der ist gewaltig im Irrtum, wenn es um etwas geht, das den jeweils aktuellen Blendraketen der Kunstszene mangelt: Substanz. Wie kaum ein anderer Maler der Gegenwartskunst hat Friedrich bewiesen, dass sich eine Jahrhunderte lange Kultur malerischen Könnens und des Reichtums von gestalterischen Ideen bis in die Gegenwart fortführen lässt. Selbst in unserer immer unübersichtlicher werdenden Welt haben seine Bilder nicht den geringsten Verlust von Aussagekraft. Womöglich hat Friedrich gerade in seinem „Alterswerk“, in den Bildern seit der Jahrtausendwende, das banale, rotzig-vitale Lebensgefühl von Menschen eingefangen, denen die Zukunft gehört: von Konventionen keine Spur.

 


Große Formate wie die beiden Bilder im Hintergrund kann Friedrich mit 90 Jahren physisch nicht mehr in Angriff nehmen - die kleinen aber desto eher. In seiner Hand ein Buch mit Aquarellen, das er 2013 in wenigen Wochen in einem wahren Arbeitsrausch fertig stellte. Ein Foto weiter unten auf dieser Seite zeigt ein Detail daraus.
Foto: Manfred Rinderspacher

 

Mit neunzig kann er keine großen Bilder mehr malen, und im Atelier, das zugleich sein Wohnhaus ist, steht das Podest nun verwaist, auf dem einst die Modelle saßen, aber: „Ich muss akzeptieren, dass es nicht mehr geht,“ sagt er ohne Bedauern. Und kleine Formate in Aquarell, Pastell oder mit Zeichenstift und Feder sind immer noch authentische Zeugnisse einer Energie, eines inneren Brennens nach Erkenntnis. Große Worte - Friedrich hat rund siebzig Jahre lang gemalt mit einer Atemlosigkeit und einem Vorwärtsdrängen, als habe er ständig neue Ufer betreten müssen. Eine permanente künstlerische Entwicklung hat ihn tatsächlich immer deutlicher zu sich selbst und zu einer sehr besonderen Lebenshaltung geführt, die sich mehr denn je in Bildern von tiefer Eindringlichkeit und zugleich Spontaneität äußert.

 

Die Welt ist ein Reservoir an Bildern, da spielt es keine Rolle, ob eine prominente Persönlichkeit zum Porträtieren vor ihm sitzt oder ein Stapel weißes Geschirr auf dem Tisch steht. Und da spielen auch Formate keine Rolle. Malen ist ein Prozess des Durchdringens und Verstehens: Der banale Zufall, den das Auge in der Realität gesehen hat, wird in Gestaltung umgesetzt, in der das Wesen, der unsichtbare Kern von Dingen und Menschen deutlich wird. Mit Stift und Pinsel hat Friedrich lebenslang erforscht, was sich da abspielt hinter der bloßen Oberfläche. Am deutlichsten wird das vielleicht bei den Porträts. Friedrich ist ein Porträtist von verblüffendem Können, schon das Bildnis seiner Mutter beweist das, die er mit 23 während des Akademiestudiums malte. Seither sind Umgang mit Farben und Pinselduktus immer freier, unbekümmerter und sicherer geworden, während sich gleichzeitig die Beziehung zum Modell in zwei Richtungen entwickelte: hin zu  sondierender Nähe und zugleich einer neugierig-behutsamen Distanz. Wer sich von Friedrich porträtieren lässt, erkennt sich wieder in doppelter Hinsicht – er fühlt sich durchschaut und akzeptiert.

 

 

Zwei Straßenszenen: oben das Ölbild "Straße in Paris bei Regen"  (1877) von Gustave Caillebotte (1848-1894), unten ein 2009 entstandenes Ölbild von Heinz Friedrich. Straßenszenen sind ein relativ junges Thema in der Malerei - es setzt ein flanierendes Bürgertum voraus, eine Ansammlung von Individuen, die sich nicht kennen, aber in ständiger Veränderung zufällige Gruppen bilden. Caillebottes Bild aus dem Art Institute Chicago ist mit den Rundformen der Schirme und dem hervorgehobenen jungen Paar im Vordergurnd von ruhiger Harmonie geprägt und zugleich eine durch Fotografie inspirierte vorgebliche Momentaufnahme.
Foto:
Wikimedia Commons

Ganz anders Friedrich: hier wurde perspektivische Tiefe aufgegeben zugunsten einer dicht gedrängten Menschenmenge, in der jeder Einzelne durch Gesten, Körperhaltung und Zielrichtung individuell charakterisiert ist, aber Teil eines in hektischer Eile dahinwirbelnden Stroms bleibt - das Bild trifft unser heutiges Lebensgefühl und scheint spontan einem Momenteindruck zu folgen, ist aber Ergebnis einer sorgfältigen Komposition.
Foto: Werkverzeichnis www.kunst-heinz-friedrich.de (Nr. KOE-49)


 

Eindringlichkeit und Distanz - es ist eine Lebenshaltung, die Friedrich allem entgegenbringt, was sichtbar ist, eben auch dem Verhalten von Menschen in unserer hektischen Gegenwart. Es scheint, als habe er eine ganz ursprüngliche Beziehung zum Theater, die sich in den fünfziger/sechziger Jahren schon einmal in Form einer Bühnenbildner-Tätigkeit in Heidelberg äußerte. Aber wir alle spielen Theater, wenn wir kommunizieren; als fundamental soziale Wesen zeigen wir wortlos und vor gänzlich Unbekannten unsere Gesten, unsere Körperhaltungen, und die sind so individuell wie ein Fingerabdruck. Wer wir sind, das hat Friedrich nicht nur im Porträt gezeigt, sondern auch in Szenen, bei denen viele Menschen zusammen kommen, auf der Straße etwa, bei Sportveranstaltungen, in Biergarten und Schwimmbad. Mit frappierender Spontaneität und Genauigkeit erfasst Friedrich die Körpersprache seiner Zeitgenossen. Dabei mutet seine Arbeitsweise zugleich so bewusst und kontrolliert an wie die eines virtuosen Renaissancemalers: Mit Zeichnungen erkundet er einzelne Figuren, und hat er einmal deren Charakteristik erfasst, setzt er sie womöglich mehrfach und nur leicht variiert in unterschiedliche Szenen ein. Aber es gibt keine zwei identischen Figuren bei ihm, noch das kleinste, noch das von anderen Köpfen halb verdeckte Gesicht ist einzigartig.

 

 

"Die Badenden" (1874/75) von Paul Cézanne (1839-1906) aus dem Metropolitan Museum New York (oben). Cézanne hat das Thema immer wieder aufgegriffen, aber von größerer Bedeutung für die Entwicklung moderner Malerei sind seine Landschaften. Die sechs Akte auf dem Bild, von denen die beiden Stehenden fast wie Spiegelbilder einander entsprechen, deklinieren die klassischen Posen des weiblichen Körpers durch, sind aber wenig individuell.
Foto:
Wikimedia Commons

Von Heinz Friedrich (unten) wird das Thema völlig anders bearbeitet, nämlich als authentischer Eindruck aus der Realität. Dazu gehört, dass er für das 2001 entstandene Pastell "Die Badenden" gar nicht auf die Konvention des nackten Körpers zurückgreifen muss, sondern eine flotte Szene aus dem Schwimmbad darstellt. Hier ist jede Pose differenziert, die Dreiergruppe der Stehenden rechts zwar ebenso flüchtig angedeutet wie die der Sitzenden/Liegenden links, aber es geht um die Körpersprache von Individuen statt um die Auseinandersetzung mit einer kunsthistorischen Tradition. (Werkverzeichnis PZ-13 im Internet-Katalog www.kunst-heinz-friedrich.de)
Foto:
Manfred Rinderspacher

 

 

Der große, weit aufgefächerte Komplex menschlicher Figuren ist nur ein Aspekt von Friedrichs Malerei. Er ist ähnlich immer auch mit anderen Motiven verfahren. Blumenstillleben, Bäume, Landschaften – Themen, die seit dem Ende des Mittelalters die abendländische Kunstgeschichte beherrschen. Haben Maler früher ihr virtuoses Können in den Dienst möglichst penibler Abbildung der Wirklichkeit gestellt, so dringt Friedrich anhand einer opulenten Farbendichte in die Vitalität von Pflanzen vor und lässt den Betrachter ahnen: Was du siehst, ist nicht alles, eine Kraft hinter der Oberfläche hat das Sichtbare hervorgetrieben. Bäume werden bei Friedrich zu individuellen Porträts. Die ganz unpedantische Präzision, mit der er ihren Wachstumsäußerungen nachforscht, erinnert an Cézanne, dem es um verwandte Erkenntnisprozesse ging. Da verwundert es kaum mehr, dass auch Friedrichs Landschaften einer ähnlichen Haltung entspringen. Gilt Cézanne mit seinen feinen, kristallinen Strukturen als der große Wegbereiter des Kubismus und letztlich der Abstraktion, so dringt Friedrich mit robusteren, kernigen Flächen und Konturen zu fast geometrischen Landschaftsformen vor. Die spezielle Topographie der Pfalz mit ihrer großflächigen Agrar- und Weinwirtschaft und ihren sanften Hügeln hat ihn dazu ebenso inspiriert, wie einst der Mont Sainte-Victoire zum dauerhaften Erkundungsobjekt Cézannes wurde.

 


 

Noch einmal Cézanne: Bilder wie diese Ansicht des Mont Sainte-Victoire (1904-05 aus dem Philadelphia Museum of Art) mit ihren feinen, kristallinen Brechungen waren einzigartige Pioniere des Kubismus (oben).
Foto:
Web Gallery of Art

Landschaftsthemen werden von Heinz Friedrich großzügiger und oft mit einer Sicht von oben aufgefasst, so dass sich große, mitunter fast "abstrakte" Farbflächen und Überblicksansichten ergeben. Die besondere Landschaftsstruktur der Pfalz war dabei häufig ausschlaggebend wie hier bei der "Winterlandschaft" von 1996, bei der auch die Dunkelheit eines mitteleuropäischen Wintertages zum Ausdruck kommt.

Foto: Werkverzeichnis www.kunst-heinz-friedrich.de(Kat.-Nr. GOE-31)

 

 

Eine Besonderheit in Friedrichs fortschreitendem Lebenswerk ist der Umgang mit Farben, den er in den erwähnten kleinen Formaten weiterführt. Noch 2013 ist ihm innerhalb eines Monats ein kleines Aquarellbuch gelungen, das er „wie in einer Explosion von Farben“ auf die Seiten warf. Er hatte für einen Freund, der ein Buch über den Altrhein plante, das Layout entworfen und die Skizzen zurück erhalten, als das Buch erschienen war. Was macht ein Maler mit einem nackten Gerüst von Linien und Leerflächen, mit denen Textzeilen und die Platzierung von Fotos festgelegt wurden? Er muss malen! Über das typografische Gerüst legte Friedrich in mehr als vierzig Aquarellen eine Fülle von Figuren und Szenen, spontaner und radikaler, als er in Öl und Großformaten je hätte arbeiten können.

 


"Weinlese", eine Seite aus dem Aquarellbuch mit mehr als 40 Bildern, die Friedrich 2013 über den Layoutmustern für einen Bildband malte (siehe auch Foto oben).
Foto:
Manfred Rinderspacher

 

Bei zum Scheitern verurteilten Versuchen, Friedrichs Malerei stilistisch einzuordnen, werden stets seine Nähe zum Expressionismus und sein expressiver Pinselduktus erwähnt. Nun kann ein Maler im späten 20./ frühen 21. Jahrhundert nicht mehr arbeiten, als hätte es Vorgängerepochen nicht gegeben, aber der Expressionismus war für Friedrich nur  Wegweiser zu einer freieren Pinselführung und zu einer Befreiung der Farben als einer eigenständigen Energie. Auch ohne die Vorgängerepoche hätte Friedrich diesen Weg gefunden, den er ausgerechnet im Alterswerk vehement fortsetzt. Das Risiko, verwandte Töne direkt nebeneinander statt auf die wechselseitige Steigerungskraft von Komplementärfarben zu setzen, dieses Risiko ist er immer eingegangen. Auf diese Weise wird das Bildmotiv nachdrücklicher und gleichzeitig zurückhaltender aus der Umgebung hervormodelliert, weil das Auge des Betrachters gefordert statt durch grelle Effekte überfallen wird, und Friedrich ist ein Meister in der Technik, Farben im Hintergrund – so einer überhaupt angelegt wird – anzudeuten und sie im Vordergrund auf dem Hauptmotiv zu konzentrieren. Außer einer unvergleichlich lebendigen Wirkung, die sich durch den wechselnden Lichteinfall auf ein Bild im Tagesverlauf noch verstärkt, führt diese Malweise zu unaufdringlicher Plastizität und vibrierender Harmonie: Selbst in den Kontrasten gehören alle Dinge zusammen.

 


"Blumenstillleben mit drei Vasen und Stuhl" von 1971. Wie häufig setzt sich Friedrich dem Risiko aus, verwandte Farbtöne in Nachbarschaft zu setzen (hier Rot- und Gelbtöne). Noch dazu verzichtet er hier auf die Opulenz von Blüten zugunsten einer Komposition, bei der die bemalte Vase unten links als Sammelpunkt für das Thema "Blüten" fungiert - die "echten" Blüten lassen dagegen ihre Vergänglichkeit erkennen.
Foto:
Manfred Rinderspacher

 

Für Friedrich sind Stift und Pinsel nach wie vor Forschungswerkzeuge: Was sehe ich? Was ist wirklich? Wie hängt das zusammen? Wie äußert sich das Leben? Die Menschen, die Pflanzen, die Städte, die Landschaften – ja, auch die „toten“ Dinge, ein schlampig hingeworfener Schuhkarton, zerquetschte Farbtuben, sind das wirklich nur Stillleben, Motive, die man aus der Schublade der Tradition holen kann? Friedrich zeigt sie uns, weil noch der unscheinbarste Gegenstand seine eigene Sprache hat. Die Welt ist ein Konzert von Stimmen, ein einziges Reich von Bildern, die es zu verstehen gilt – Ansprüche, die ein Maler an sich selbst, aber auch an seine Betrachter stellt.

 

Info:

www.kunst-heinz-friedrich.de

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