Frankenthaler Porzellan

Die Bestände der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim: Die Plastik

 


Cover des ersten Bandes über die Bestände an Frankenthaler Porzellan in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Autorin Barbara Beaucamp-Markowsky war dort wissenschaftliche Leiterin der europäischen Porzellan- und Fayencen-Abteilung und hat speziell über die Frankenthaler Manufaktur eine dreibändige, umfassende Publikation erarbeitet. Das Titelfoto zeigt eine "Schlafende Venus" von Modelleur Johann Wilhelm Lanz.

 

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/FrankenthalerPorzellan-BeaucampPlastik.html

 

Die Fotos auf dieser Seite sind Bestandteil des Bandes und wurden von Jean Christen aufgenommen (Copyright Reiss-Engelhorn-Museen/Jean Christen)

 

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen verfügen über rund 5000 Stück europäischer Porzellane und Fayencen (das ostasiatische Porzellan gehört zu einem anderen Sammlungsbereich). Vor mehr als zehn Jahren kam die Spezialistin Dr. Barbara Beaucamp-Markowsky auf Initiative der damaligen Museumsdirektorin Dr. Karin von Welck ins Haus, um einen längst fälligen Bestandskatalog zu erarbeiten, der erst 2014 abgeschlossen werden konnte. Auch von dem Nachfolger Karin von Welcks, Professor Dr. Alfried Wieczorek, wurde speziell das Forschungsprojekt "Frankenthaler Porzellan" jahrelang gefördert, und  zum Porzellan der Frankenthaler Manufaktur (1755-1800) lag 2008 der erste, mit über 600 Seiten gewichtige Band vor.  Barbara Beaucamp-Markowsky hat sich als wissenschaftliche Leiterin der Abteilung jedoch nicht nur mit dem Bestandskatalog befasst, sondern 1999 auch die Ausstellung "Das Kurfürstenpaar in Frankenthaler Porzellan" kuratiert und ihren Sammlungsbereich zweimal neu präsentiert (einmal 1999 nach dem Teilumbau des Hauses und zuletzt 2007 nach der kompletten Neugestaltung des barocken Mannheimer Zeughauses, wo sie in Vitrinen im Foyer die kleinformatigen Schätze für jedermann zugänglich machte).

 

Ihre größten Probleme bei der Arbeit am Bestandskatalog beschreibt Barbara Beaucamp-Markowsky damit, dass "von den ca. 1000 Frankenthaler Porzellanen bei ca. 900 die Inventarnummer entfernt war, d.h. ich musste jedes einzelne Stück, ob Teller oder Figur, anhand verschiedener Inventarsysteme identifizieren, kennzeichnen und dem Sammlungsbestand damit wieder integrieren." Aber ihre größte Freude empfindet sie "in der wachsenden Liebe zum Porzellan der kurpfälzischen Manufaktur und in der Lektüre der Manufakturakten des 18. Jahrhunderts im Landesarchiv Speyer, die durch den Originalton von Künstlern, Arbeitern, Beamten und des Kurfürsten faszinieren." Die Liebe kann man ihr nachempfinden, der Originalton ist mittlerweile im "Archivalienband" dokumentiert, auf einen weiteren Band zum "Geschirr" muss man seit 2014 auch nicht mehr warten. Barbara Beaucamp-Markowsky, verheiratet mit Eduard Beaucamp, dem renommierten Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wird auch nach der Arbeit am dreibändigen Bestandskatalog im 18. Jahrhundert bleiben und sich Spezialthemen zum Porzellan sowie französischen Seidenstoffen widmen.

 

Sitemap

Übersicht Bildende Kunst

 

Und noch mehr altes Porzellan:

Vasen der Manufaktur Frankenthal

Ludwigsburger Porzellan der Sammlung Jansen

Meissen - Sammlung Marouf

Altwiener Porzellan der Manufaktur Du Paquier

 

Mehr von Barbara Beaucamp-Markowsky:

Frankenthaler Porzellan - "Die Archivalien"

 

19-06-2009

Update 12-07-2014

Bedrohter Zauber einer Welt voll Lust und Spiel

Barbara Beaucamp-Markowsky erforscht die Frankenthaler Porzellanmanufaktur und deren Bestände in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen

 

Von Christel Heybrock

 

Mehr als ein ganzes Jahrzehnt ihres Lebens hat Barbara Beaucamp-Markowsky einer einzigen Abteilung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen gewidmet: den Beständen des Frankenthaler Porzellans. Die Reiss-Engelhorn-Museen (rem) besitzen rund 1000 Katalognummern jener Kostbarkeiten aus kurfürstlicher Zeit, und seit der vorletzten Jahrhundertwende hat es auch immer wieder Publikationen dazu gegeben – aber so gründlich, so penibel wie Barbara Beaucamp-Markowsky sich damit auseinander setzte, hat keiner ihrer Vorgänger gearbeitet, und damit dürfte sie auch in Zukunft von niemand übertroffen werden. Der Münchner Hirmer Verlag hat mit der dreibändigen Publikation, die für lange Zeit das unverzichtbare Standardwerk zum Thema sein wird, eine verlegerische Großtat auf sich genommen, die ohne Sponsoren gar nicht finanzierbar gewesen wäre (die Baseler CERAMICA-Stiftung übernahm beispielsweise die gesamten Druckkosten) und die seit 2014 abgeschlossen ist. Geplant waren die drei Bände

- Plastik

- Geschirr

- Archivalien

und erschienen war zunächst nur der Band „Frankenthaler Porzellan – Die Plastik“. Der Archivalien-Band und der Band „Das Geschirr“ lagen jeweils um einige Jahre auseinander, und wenn man den Umfang des „Plastik“-Bandes berücksichtigt, kann man verstehen, dass die beiden anderen Bände etwas länger auf sich warten ließen als vorgesehen.

 

Die Plastik also – womöglich sind hier die reizvollsten Schöpfungen der Frankenthaler Manufaktur in 336 Katalognummern versammelt, auf 644 Seiten mit 500 Farbabbildungen, das Ganze mit Schutzumschlag im Schuber. Es ist ein Band von solchem Gewicht, dass man mitunter zwei Hände braucht, um ihn zu stemmen. Barbara Beaucamp-Markowsky nahm die Gelegenheit wahr, die gesamte Geschichte der Manufaktur neu aufzurollen – und ebenso die Geschichte, wie jene 1000 zerbrechlichen Stücke in den Mannheimer Museumskomplex kamen, durch Bürgerengagement nämlich und durch vornehmlich drei Mannheimer Sammler, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die fast vergessenen Kunstwerke verliebten und nicht genug davon bekommen konnten: Carl Baer (1855-1933), Hans Hermannsdörfer (1870-1955) und Jean Wurz (1850-1924). Dass mit dem Ende des „ancien régime“ und der Neuordnung der deutschen Staaten zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Zeit angebrochen war, die mit den zauberhaften Figürchen nichts mehr anfangen konnte, lässt sich heute nur noch rational verstehen, aber nicht mehr nachempfinden. Götter und Helden, Damen und Kavaliere, Jagdszenen, Schauspieler und Musiker, Kinder und Tiere – das ganze Kompendium an Phantasien einer Gesellschaft, die Lust und Spiel, Eleganz und Geist in ihr Leben integriert hatte, ist hier versammelt, und es spricht zu uns Heutigen mit einer Vitalität und Lebensnähe, die das Herz berührt.

 

Die Manufaktur in dem kleinen Städtchen in der Nähe von Mannheim bestand nur rund 50 Jahre von 1755 bis 1800, aber die Produktion war so reichhaltig, dass sich größere Bestände auch im Frankenthaler Erkenbert-Museum und im Historischen Museum Speyer erhalten haben. So umfangreich wie in Mannheim ist Frankenthaler Porzellan allerdings nur noch im Kurpfälzischen Museum Heidelberg zu sehen. Dennoch reiste Barbara Beaucamp-Markowsky zu Sammlern und Museen fast um die habe Welt, um für jedes einzelne Stück gesicherte Informationen zu erhalten – über Varianten, Nachbildungen, gelegentlich sogar Fälschungen. Jedes Stück wird nicht nur fotografisch und mit präzisen Angaben über Größe, Gewicht und Zustand dokumentiert, sondern auch in Bezug auf Vergleichsstücke in anderen Sammlungen. Wer auch immer Details eruieren will, sei es als Wissenschaftler, sei es als Sammler, er wird sich auf lange Sicht hier informieren müssen.

 

Aber auch wer einfach nur Freude an den fragilen Raritäten hat und mitunter im Foyer des Mannheimer Zeughauses die Fülle in den Vitrinen bewundert, ist hier richtig. Fünf Bildhauer waren es hauptsächlich, die für die Manufaktur die Modelle schufen, mit 142 Katalognummern ist Johann Wilhelm Lanz (geboren 1725, Todesdatum unbekannt) am reichhaltigsten vertreten. Lanz gehörte sozusagen zur Gründungsgeneration, er arbeitete bereits um 1750 als Chefmodelleur bei Paul Hannong in Straßburg und kam mit diesem nach Frankenthal, wo er zwischen 1755 und 1761 nachweisbar ist.

 

Mit Hannong zunächst hat es eine besondere Bewandtnis. Zwar war in Europa die Herstellung von Porzellan endlich geglückt, seit 1708 der Alchemist Johann Friedrich Böttger in Meißen entdeckte hatte, welche Ingredienzien dazu nötig waren und wie man sie brennen musste. Aber Böttger, der 1719 an den giftigen Dämpfen seiner chemischen Experimente starb, war eine zweifelhafte Figur und wurde bis wenige Jahre vor seinem Tod vom sächsischen Kurfürst August dem Starken praktisch im Labor gefangengehalten. Auf keinen Fall sollte das Wissen um die Porzellanherstellung nach außen dringen, auch die Mitarbeiter riskierten bei Verrat Leib und Leben. Aber wie das so ist – manche flohen und brachten die Sache bei neuen Auftraggebern dann doch herum, und so landete die Kenntnis vom „arcanum“, dem Geheimstoff, auf Umwegen bei jenem Paul Hannong, der nun in Straßburg eine blühende Manufaktur nicht mehr nur mit Fayencen, sondern mit hartem Porzellan betreiben wollte.

 

Hannong war ehrgeizig genug, um Madame de Pompadour auf sich aufmerksam zu machen, die als leidenschaftliche Sammlerin von Meißener Porzellan galt. 1753 bat er über Kontaktpersonen um die Genehmigung einer richtigen Porzellanmanufaktur – und scheiterte kläglich an einer Intrige. Madame war Schirmherrin der Manufaktur von Vincennes, wo man selber - ohne die entsprechenden Kenntnisse - mit Meißner Porzellan wetteifern wollte, und der Direktor in Vincennes dürfte angesichts von Hannongs Vorstoß um seine Position gefürchtet haben. Jedenfalls wurde Hannongs Antrag nicht nur abgelehnt, sondern 1754 seine gesamte Porzellan-Produktion in Straßburg stillgelegt. Hannong konnte nur noch auswandern, und das tat er denn auch: in die Kurpfalz zu Kurfürst Carl Theodor, dem er seine Pläne und das Ersuchen um Privilegien unterbreitete. Im Juni 1755 zog Hannong mit seinem Betrieb und den Mitarbeitern in eine ehemalige Kaserne nach Frankenthal – Start einer Produktion, die sich schon in den ersten Jahren als glanzvoll erwies und ab 1762 direkt dem Kurfürsten Carl Theodor unterstand.

 


"Raub der Helena" von Johann Wilhelm Lanz (Modell um 1757). Der Protest der nackten Schönen sieht nicht allzu überzeugend aus, der "Raubritter" Paris ist ja auch einer von der ganz lieben Sorte. Derweil liegt das winzige Boot auf porzellanenen Wellen und ein Ruderknecht lüpft den Anker. 

 

Aber zurück zu Hannongs Modelleur Johann Wilhelm Lanz: Die Reiss-Engelhorn-Museen besitzen Lanz-Modelle noch aus der Straßburger Zeit zwischen 1750 und 1754 (viele wurden dann in Frankenthal weiter verwendet), und zwar die damals beliebten Chinesenfiguren, vor allem Kinder. Zwei sitzende Chinesen dienen gar als Deckel eines köstlichen, in Rocaille-Ornamenten fast aufgelösten Schreibzeugs. Lanz war ein Allroundkönner, der die Rollengestik von Komödienfiguren ebenso beherrschte wie die charakteristische Körpersprache von Bauern, Winzern, Handwerkern, Waldhorn blasenden Jägern und pummeligen Putten. Hunde, Esel, Wildschweine und Vögel scheinen ihm so wenig Probleme gemacht zu haben wie reizende Göttinnen, allegorische Figuren und Pärchen, die die Jahreszeiten verkörpern.

 


"Bettelfrau mit zwei Kindern" von Johann Wilhelm Lanz. Zwei Kinder? Ein Säugling in der Wiege, ein kleiner Zappelphilipp an Mamas Hand - mit der individuellen Körpersprache von Menschen aller Art kannte Lanz sich aus.

 

Sogar vor deftig witzigen Szenen wie einer Köchin, die aus dem Nachttopf Würste macht, und einem Koch, der Eier in eine Zipfelmütze schlägt, schreckte Lanz nicht zurück. Die beiden Figuren zierten offenbar einst als Scherz die kurfürstliche Desserttafel im Mannheimer Schloss. Aber eines der schönsten Lanz-Werke ist ein fast 50 cm großer chinesischer Pavillon, auf dessen mehrfach geschwungenem Dach ein Drache und auf diesem wiederum ein Chinese mit hoch erhobenem Paraplui sitzt.

 

Diese Kunst des kühnen Emporschwingens übte Lanz auch bei den bezaubernden galanten Paaren, die in Lauben sitzen – Lauben mit komplizierten Durchbrüchen und eleganten Säulchen, auf denen sich schwungvolle Rocaillen türmen, die halb in Blattformen, halb in angedeutete Blüten, Ranken oder Büsche übergehen mit Wiederholungen auf dem Sockel, so dass die Pärchen in ihrer Zweisamkeit von einem einzigen bewegten Umfeld geschützt scheinen. Diese atemberaubenden, halb- und viertelkreisförmigen Schwungformen gehen oft bis an die Grenze des technisch Machbaren, so dass sie von den Figuren mit gestützt werden müssen und diese wiederum von ihnen. Hinreißendes Beispiel das „Liebespaar in einer Weinlaube“ von 1760, das auf ein etwas älteres Modell von Lanz zurück geht. Die beiden schmusenden und sich an Wein und Trauben delektierenden Leutchen sind von grünem Gitterwerk hinterfangen, das sich in weißen, rot konturierten Rocaillespitzen aufzulösen scheint, und am Boden schwingt sich aus den Rocailleformen gar ein Tischchen mit Traubenkörbchen empor. Eine unbemalte Version dieses Paares hatte ein beklagenswertes Schicksal: Man fand Ende des 19. Jahrhunderts als Bruchstück die Dame mit einem Arm des Kavaliers in der Scherbengrube der Frankenthaler Manufaktur. Und auch dieses Fragment, das in die Bestände des Erkenbert-Museums kam, ging im Zweiten Weltkrieg verloren.

 

Außer Lanz taten sich die Brüder Johann Friedrich Lück (1727-1797) und Carl Gottlieb Lück (1730-1775) in Frankenthal hervor. Beide waren in Meißen ausgebildet worden und als Fachkräfte zu Ansehen gekommen – so waren sie beteiligt an Johann Joachim Kaendlers Porzellan-Reiterstandbild Augusts III.(1751/1756). Als jedoch der Siebenjährige Krieg (1756-1763) ausgebrochen war, der das glanzvolle Kurfürstentum ruinieren sollte, flohen die Brüder aus Sachsen (1757) und kamen offenbar über eine Tätigkeit an der Manufaktur Höchst nach Frankenthal. Dort wird Johann Friedrich in den Akten zwar nicht erwähnt, aber seine Arbeit ist durch stilistische Übereinstimmungen mit seinen Höchster Modellen gesichert. Die Reiss-Engelhorn-Museen besitzen von ihm 48 Stücke, von Carl Gottlieb 36 Stücke.

 


Halb schmusend, halb musizierend: Johann Friedrich Lücks "Galantes Schäferpaar". Das reizende Ensemble wird von einer Duftvase gekrönt, denn was sich da in die Höhe türmt, ist ein Behälter mit Löchlein im schwungvollen Deckel.

 

Johann Friedrich Lück glänzt unter anderem durch Jagdthemen, wobei in einem Fall sein Kollege Lanz die Tiere schuf und Lück für Jäger, Jägerin, den schwungvoll durchbrochenen Sockel und ein abenteuerlich sich empor schraubendes Vasenpostament sorgte. Ach, diese Rokoko-Vasen! Carl Ludwig Fuchs, damals noch Leiter der Abteilung Kunsthandwerk am Kurpfälzischen Museum Heidelberg, widmete speziell diesen Frankenthaler Zierbehältnissen einst eine ganze Ausstellung (Dezember 2005 bis März 2006), und kombiniert mit Figuren entwickeln sie eine unvergleichliche Faszination. Man sieht ihnen nämlich kaum an, dass sie mehr sind als eine Art Sahnehäubchen auf ohnehin süßer Köstlichkeit. So lehnt ein niedliches Schäferpärchen halb musizierend, halb schmusend vor einem Postament, das mit einem wie aus Gischt sich in die Höhe windenden Dekor bekrönt wird ("Galantes Schäferpaar", 1758). Und dieses Dekorelement ist tatsächlich eine Vase mit Löchlein im Deckel, denn die reizende Szene sollte in kurfürstlichen Räumen ihren Duft durchaus auch für die Nase verströmen (man muss berücksichtigen, dass in Sachen Körperhygiene das Jahrhundert ziemlich wasserscheu war).

 


"Der verwundete Kürassier", wahrscheinlich eine Gemeinschaftsarbeit der Brüder Johann Friedrich und Carl Gottlieb Lück.

 

Musik- und Tanzszenen, Kavaliere mit beziehungsreichem Vögelchen im Hut und Damen mit Käfig (es war der erotische Topos schlechthin, das „Vögelchen“ aus dem Verlies zu holen), die unerschöpfliche Phantasie der immer anders agierenden allegorischen Paare, die die fünf Sinne, die vier Jahreszeiten oder einfach zärtliche, spielerische Szenen verkörpern – es ist kaum eine Situation denkbar, die Johann Friedrich Lück nicht in rührender Lebensnähe bewältigt hätte. Auch die gerade mal 15 cm großen Szenen mit gedankenverlorenen Briefschreibern gehören dazu, ein Eier verkaufendes Bauernpaar oder der Quacksalber, der von einem Äffchen begleitet seine Elixiere auf dem Markt feilhält. Im Fall des „Verwundeten Kürassiers“, der leichenblass darniederliegt und dem Wundarzt sein verletztes nacktes Bein hinhält, deutet Barbara Beaucamp-Markowsky eine Mitarbeit von Johann Friedrichs Bruder Carl Gottlieb an.

 


"Zwietracht in der Ehe" von Carl Gottlieb Lück. Auch damals kam es vor, dass zarte Damen sich zu ungeahnten Ausbrüchen hinreißen ließen. Der Modelleur realisierte aber auch ein Pendant "Die Eintracht in der Ehe", bei dem es nicht so dramatisch zugeht.

 

Carl Gottlieb wiederum schuf unter anderem zwei denkwürdige Eheszenen, einmal das zärtlich-sittsam einander zugewandte Paar „Die Eintracht in der Ehe“, dann aber auch „Die Zwietracht in der Ehe“, bei der ein hilflos die Balance verlierender Ehemann sich seines zuschlagenden Weibes kaum erwehren kann (beide 1777). Natürlich durften auch im Repertoire Carl Gottlieb Lücks Jagdszenen nicht fehlen, galt doch die Jagd als vornehmstes Freizeitvergnügen der Personen von Stand. Vor allem durch liebevolle Details versteht der Modelleur zu bezaubern: Da präsentiert die Dame ein winziges Tablett mit Weinglas und Dekanter, der Jagdhund schmiegt den Kopf an sein Herrchen, während ein zweiter Jäger eine Flasche aus einem Weinkorb holt („Das Jagdfrühstück“). Phänomenal der Blick des gejagten Hirschs, der seinem zu Pferde heranpreschenden Verfolger hinter zwei moosbewachsenen Baumstämmen entkommt („Parforcejäger mit flüchtendem Hirsch“, um 1765).

 

Eine Reihe von Vertretern bürgerlicher Berufe dürfte das Ergötzen derer gewesen sein, die sie nicht ausüben mussten – ein „Essighändler“, der ein schweres Fass auf einer Schubkarre heranrollt, ein „Wandernder Schuhflicker“ mit Kiepe auf dem Rücken, ein Kohlenhändler, ein Scherenschleifer, eine Buchbinderfamilie, ein Bettler auf Krücken, mehrere Bettlerinnen mit Kindern. Auch eine der schönsten Pavillondarstellungen stammt von Carl Gottlieb Lück, der fast 35 cm große „Chinesische Pavillon“ aus der Sammlung Hermannsdörfer mit einer sich nach oben spiralenden, von Grünpflanzen bewachsenen Felsformation, in die die feine Architektur mit all ihren Gittern und Durchbrüchen wunderbar integriert ist. Drei Chinesen agieren in diesem kühnen Ensemble auf jeweils ganz unterschiedliche Art, unten sitzt einer auf einem riesigen Granatapfel, während ein anderer im Begriff ist, den Felsen zu verlassen. In der Laube ganz oben reckt sich ein sitzender Chinese mit ausgestrecktem Arm nach unten und scheint dem mittleren etwas zuzurufen. Das Ensemble wurde in diversen Varianten verarbeitet, und Barbara Beaucamp-Markowsky weist darauf hin, dass chinoise Architekturphantasien offenbar eine Spezialität der Frankenthaler Manufaktur waren.

 


Zwei Varianten eines Themas: "Raub einer Sabinerin" von Franz Conrad Linck, dem Hofbildhauer von Kurfürst Carl Theodor.

 

Während die Brüder Lück als Spezialisten für Porzellanmodelle glänzten, war Franz Conrad Linck (1730-1793) nur zeitweise für die Manufaktur tätig (1762-1766), im übrigen aber Bildhauer größerer Formate. In Speyer geboren und als Bildhauer bereits bei seinem Vater ausgebildet, hatte er in Wien und am preußischen Hof in Berlin gearbeitet, bevor er 1757 nach Speyer zurückkam und 1762 von Carl Theodor an die Manufaktur berufen, 1763 dann zum Hofbildhauer ernannt wurde. Von Linck stammt eine der anspruchsvollsten Produktionen der Frankenthaler Manufaktur – der große Kronleuchter für das Badhaus Carl Theodors im Schwetzinger Schlosspark, ein Werk, das im Original nur noch in Fragmenten erhalten ist, aber 1911-1913 eine Nachbildung in Nymphenburg erfuhr. Barbara Beaucamp-Markowsky widmet 18 Seiten allein diesem Meisterstück, das dank seiner schwungvollen Leuchtarme, Blütengirlanden und von Figuren durchsetzten Rocaillen federleicht aussieht, tatsächlich aber 50 Kilogramm wiegt. Bei einer Höhe von rund 1 Meter laden die grazilen Arme ebenso weit aus, der Gesamtumfang beträgt fast drei Meter. Die Nymphenburger Nachbildung hing seit 1914 im Schloss zu Karlsruhe (wo 1889 auch das Original durch ein Missgeschick zu Bruch gegangen war) und wurde auf der „Markgrafen-Auktion“ 1995 von der baden-württembergischen Schlösserverwaltung wieder für seinen ursprünglichen Standort im Schwetzinger Park erworben.

 


Der Meergott "Okeanos" von Franz Conrad Linck, ein "Höhepunkt europäischer Porzellanplastik", wie Barbara Beaucamp-Markowsky betont. Von Linck gibt es noch einige solcher Höhepunkte...

 

Linck, obgleich mit antiken Skulpturen vertraut, schuf für die Manufaktur eine Fülle kleiner Figuren, die sich durch ihre gegenwartsnahe, lebendige Körpersprache auszeichnen und mit dem Reiz von Momentaufnahmen spielen – ein abgehobener Klassizismus war der Epoche noch sehr fern. Da ist ein „Waldhornbläser“ mit in die Hüfte gestemmtem Arm und stolz vorgestrecktem Bäuchlein, ein „Singender Kapellmeister“ gerät fast zur Karikatur, und eine Reihe von „Verkleideten Kindern“ besteht aus kaum 11 cm großen Figürchen, die das Entzücken der Erwachsenen gewesen sein dürften, stellen sie doch Kinder dar, die offensichtlich mit Lust die Rollen von Erwachsenen spielen wie Tambour, Dragoner, Columbine, Bäckersfrau oder Gärtner. Die damals unerlässlichen Allegorien nutzte Linck in einer Serie zu opulenten Gewürzgefäßen mit kostbar gekleideten Figuren, die die vier Erdteile symbolisieren (die Reiss-Engelhorn-Museen besitzen nur „Asien“ und „Europa“, während das Metropolitan Museum in New York die komplette Serie sein Eigen nennt); der „Dezember“ aus einer Serie der 12 Monate besteht aus einem pelzbekleideten Mann, der aus vollen Backen die Glut in einem Handkohlenbecken anbläst. Prachtvoll der Meergott Okeanos in weit ausgreifender, opernhafter Geste, die den moosgesäumten, grünen Umhang eindrucksvoll rafft und bauscht – nicht zu Unrecht zählt Barbara Beaucamp-Markowsky die 28,2 cm große Figur zu den „Höhepunkten der europäischen Porzellanplastik schlechthin“.

 

Antike Götter und Helden sind häufige Themen Conrad Lincks, aber sie atmen stets die Grazie des Rokoko. Meleager und Atalante – ein halbnacktes, zärtliches Paar. Diana mit ihrem Hund, Aktäon mit seinem Hund – beide in einer Pose von bühnenhaftem Ausdruck, aber ohne jede Steifheit. Venus und Amor – das stramme Kerlchen mit der Armbrust wird von einer kapriziösen, halbnackten Schönen zurückgewiesen. Offenbar gemeinsam mit Carl Gottlieb Lück modellierte Linck die großartige, orientalisch üppige Gruppe „Königin Tomyris und das Haupt des Cyrus“, während  die nicht weniger kostbare „Allegorie des Trauerspiels“ (1770) wohl von Linck allein stammt.

 

Als letzter großer Modelleur in der Spätzeit der Manufaktur tritt seit den 1780er Jahren Johann Peter Melchior hervor (1747-1825). Auch er war Bildhauer, aber offenbar stets zugleich als Porzellanmodelleur tätig. Seit 1765 in der kurfürstlich-mainzischen Manufaktur Höchst, wurde er dort rasch Modellmeister und blieb es bis 1779; 1770 wurde er zum Hofbildhauer des Mainzer Kurfürsten ernannt. 1779 bewarb er sich in Frankenthal und gewann auch hier die Position als Modellmeister – zu einem so hohen Gehalt, dass man ihm vorwarf, am Ruin der ohnehin notorisch in Geldnöten befindlichen Manufaktur mit schuld zu sein. Melchior hatte offenbar einen Riecher für Veränderungen. Im Herbst 1793 zog er nach Mannheim: Am 5. Januar 1794 wurde Frankenthal von französischen Revolutionstruppen besetzt. Melchior sah offenbar Probleme auch für Mannheim kommen und zog weiter nach Nürnberg, von wo aus er den bereits in München residierenden Kurfürst Carl Theodor um Eintritt in die Nymphenburger Manufaktur bat. 1797 wurde Melchior auch dort Modellmeister und Oberaufseher und bekam noch Zulagen oben drauf. 1822 wurde er in Nymphenburg schließlich pensioniert.

 

In Melchiors Frankenthal-Produktion wird ein Stilwandel im Vergleich zu seinen Vorgängern deutlich: die Lust an geistreich pointierten, zugleich realistischen Details schwindet, dafür setzt sich eine gewisse bürgerliche Klischeehaftigkeit und Sentimentalität durch. Auch Melchior war natürlich mit antiker Plastik und mythologischen Themen vertraut, aber eine Weichheit und Unbestimmtheit in den Körperkonturen, in Sockeln und Postamenten, sowie die Tatsache, dass viele Melchior-Plastiken klassizistisch weiß und unbemalt blieben,  kündet unübersehbar das Ende eines Zeitalters an.

 

Mit der Frankenthaler Manufaktur war es praktisch schon vor dem Tod Carl Theodors (am 16. Februar 1799) zu Ende. Die Revolutionskriege hatten mit dem Frieden von Campo-Formio 1797 zwischen Frankreich und Österreich geendet, aber plötzlich war der Rhein die Staatsgrenze und das gesamte linke Rheinufer zwischen Andernach und Basel an Frankreich gefallen - auch Frankenthal, wo die Manufaktur am 14. Dezember des Jahres zum zweitenmal von französischen Truppen besetzt und versiegelt wurde. Die neue Verwaltung hatte gleich einen Unternehmer zur Hand, der den Betrieb kurzfristig wieder aufnahm, aber dann doch das Interesse verlor. Carl Theodors Nachfolger Maximilian Joseph vereinte am 16. Mai 1799 offiziell die Frankenthaler und die Nymphenburger Manufaktur (viele Modelle aus Frankenthal konnten dort später für Neuauflagen genutzt werden - die eigene Sammlung hatte Carl Theodor bereits 1778 mitgenommen, als er den Hof von Mannheim nach München verlegen musste). Kurfürst Maximilian Joseph kümmerte sich noch um die Frankenthaler Porzellanarbeiter und ihre Angehörigen, die zu verelenden drohten, und verfügte am 27. Mai 1800 die endgütige Auflösung des Frankenthaler Betriebs, der einst zum Glanz von Carl Theodors Hof beigetragen hatte. Ein gewisses Nachleben der Manufaktur verlagerte sich ins pfälzische Grünstadt, und bedeutende Bestände gab es noch immer in Mannheim, als die einstige Residenzstadt der Kurpfalz 1803 an Baden fiel. Es war ein langwieriges, schwieriges Unternehmen, die Lagerbestände durch Verkäufe an den Mann zu bringen – potentielle Käufer hatten nach den Kriegsjahren entweder kein Geld oder einfach kein Interesse mehr an den altmodischen Dingen. Erst im Oktober 1816 scheint bis auf einen geringen Rest das Lager im Mannheimer Kaufhaus geleert gewesen zu sein.

 

Info:

Barbara Beaucamp-Markowsky: „Frankenthaler Porzellan. Die Plastik“, mit 502 Farbfotografien von Jean Christen, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 21, Hirmer Verlag, München 2008, 644 Seiten, Preis 98 Euro, ISBN 978-3-7774-3065-2, www.hirmerverlag.de

kostenlose counter