Frankenthaler Porzellan (1755-1800)

Die Vasen

 

Das Cover des Heidelberger Ausstellungskatalogs von 2005. Das Titelfoto zeigt eine Potpourri-Vase mit der "Entführung der Europa", gemalt um 1765/68 von Jacob Osterspey. Auf der Rückseite befindet sich in gleicher Aufmachung eine Szene mit dem "Raub der Sabinerinnen". Das kostbare Stück ist im Besitz einer Mannheimer Privatsammlung.

 

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Die Fotos auf dieser Seite wurden dem Katalog des Kurpfälzischen Museums Heidelberg entnommen.

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26-01-2006

 

Als Adonis starb und Amor den Bogen spannte

Vasen der Frankenthaler Porzellan-Manufaktur (1755-1800) im Kurpfälzischen Museum Heidelberg

 

Von Christel Heybrock

 

Sie hatte ihn ja gewarnt vor der Jagd. Aber nein, Adonis der Schöne, der Blühende, musste sich beweisen – und wurde prompt von einem wilden Eber verwundet. Alle Besorgnis und Verzweiflung halfen der Venus nicht: Adonis starb, aus seinem Blut erwuchsen Anemonen. Die antike Sage, in der Adonis das vom Winter bedrohte Wachstum in der Natur symbolisiert, wurde im18. Jahrhundert zu einem Bildvorwurf zwischen Zärtlichkeit und Abschiedsschmerz unter Liebenden. Überhaupt fand die feudale Epoche in den Sagen der Antike so manche, leicht und kapriziös abgewandelte Rechtfertigung ihrer eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Europa auf dem Stier – in der Bildkunst des Rokoko lassen sich lecker entblößte Damen von dem kraftvollen, selbstbewussten Geschöpf nur zu gern entführen (siehe Titelfoto oben). Satyrn, Faune und die Jagdgöttin Diana, die Jupiter-Gespielinnen Leda und Callisto, und natürlich Venus, immer wieder Venus nebst Amor, der mal gelangweilt herumhampelt, mal keck den Bogen spannt ... das Jahrhundert fand sich im Spiel mit Erotik, geistvollen Anspielungen und graziösen Gesten.

 

Dieses Jahrhundert bezaubert noch heute – umso mehr, je weiter wir von den Zwängen und Grausamkeiten absolutistischer Herrscher entfernt sind. Was vom Glanz,  was von der Lebens- und Sinnenlust des Rokoko erhalten ist, bereitet uns nur mehr unbeschwerten Genuss, fordert uns Bewunderung und manchmal sogar Rührung ab. Freilich muss man genau hinsehen, denn vieles kommt eher klein und fein als aufgeblasen und protzig daher. Die Kunst des 18. Jahrhunderts ist auch eine Kunst sensibel ausgewogener Proportionen. Das lässt sich erneut erfahren in einer Ausstellung fragiler Kostbarkeiten aus Porzellan im Kurpfälzischen Museum Heidelberg – das Museum hat inzwischen eine weitere, bedeutende Wegstrecke seiner Erneuerung hinter sich (der Eingang wurde von der unübersichtlichen Gartenseite nach vorn zur Hauptstraße hin ins Palais Morass verlegt und die Kurpfalzabteilung präsentiert sich nun vor warmen, farbigen Wänden in erstaunlicher Frische).

 

Da passte die Sonderschau zur Gründung der Frankenthaler Porzellan-Manufaktur vor 250 Jahren bestens in den Zusammenhang. Das Museum besitzt selbst bedeutende Frankenthaler Stücke. Kurator Dr. Carl Ludwig Fuchs, stellvertretender Direktor und ausgewiesener Spezialist, brachte mit den rund 130 Exponaten  (darunter Leihgaben aus renommierten Sammlungen in München, Freiburg, Darmstadt) eine Art hochkarätiger Abschiedsschau zusammen, denn er scheidet Anfang 2007 aus Altersgründen aus. Die Frankenthaler Manufaktur (1755-1800) hat trotz ihres relativ kurzen Bestehens besonders in der Region tiefe Spuren hinterlassen; zu der Schau trugen nicht zuletzt das Erkenbert-Museum in Frankenthal, die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim sowie eine ungenannte Mannheimer Privatsammlung bei, in der sich offenbar Schätze von musealem Rang nur so stapeln. (Einer davon ist auf dem Titelfoto oben zu sehen, ein weiterer auf dem folgenden Bild:)

 


Potpourri-Vase von 1778 aus einer Mannheimer Privatsammlung, modelliert von Konrad Linck, mit einer Darstellung des sterbenden Adonis, der von Venus gehalten wird. Die Szene wurde nach einem Werk von Francois Boucher gestaltet. 

 

Einige der schönsten, repräsentativsten Arbeiten stellte der anonyme Liebhaber zur Verfügung, ganz zu schweigen von der Fülle kleinerer und etwas weniger spektakulärer (aber stets liebenswürdiger) Exemplare – ein Vertrauensbeweis für Fuchs und das Museum. Beispielsweise die Potpourrivase von 1778 (Modelleur kein Geringerer als Bildhauer Konrad Linck) mit dem Tod des Adonis, der sterbend von Venus gehalten wird. Das Bildmotiv, das mit der fast nackten Venus den christlichen Typus der Pietà kühn abwandelt, wurde über einen Kupferstich vom großen Francois Boucher übernommen, und das ganze Gefäß mit dem gestuften, durchbrochenen Deckel und den aparten Henkelattachen in Form kleiner plastischer Frauenmasken ist von anrührendem Reiz. Überhaupt bilden Potpourrivasen in der Schau, die sich erklärtermaßen auf Vasengefäße beschränkt,  einen bedeutenden Schwerpunkt: Stets von schmalen Löchern und Schlitzen durchbrochen, dienten sie einer Art Aromatherapie und sollten die Innenräume mit Duftstoffen annehmlich machen – unerlässlich in einer Zeit, in der die Verwendung von Wasser in der Körperhygiene eine äußerst geringe Rolle spielte. In welch umständlichem Fermentierungsprozess die natürlichen Blüten-Duftstoffe damals zubereitet wurden, zitiert Fuchs übrigens ausführlich aus alten Rezepten im Katalog.

 

Eine ganz ähnliche Potpourrivase Konrad Lincks (entstanden um 1765-1768) wurde von Jacob Osterspey mit dem „Raub der Sabinerinnen“ und der „Entführung der Europa“ bemalt (siehe Titelfoto) – besonders letztere eine graziöse Szene mit blumenbekränztem Stier und knackigem, frech grinsendem Putto: Auch an diesem Stück erfreut sich der bewusste Mannheimer Sammler (wenn er es nicht gerade ausgeliehen hat). Und ebenso an der herrlichen „Badenden Venus“ von Kurfürst Carl Theodors berühmtem Hofbildhauer Peter Anton Verschaffelt. Keine 30 Zentimeter hoch und 1774 entstanden, legt die Schöne die Hand an eine hüfthohe Potpourrivase, hält mit der andern Hand ein Tuch und ist mit einem Fuß im Begriff, vom Sockel herab ins Bad zu steigen. Welch eine feine, lebendige Pose, wie bezaubernd allein die Haltung des Köpfchens mit dem von einem Goldband gerafften Haar! Was den Blick aber immer wieder fesselt, ist dieses unglaublich weich anmutende, geblümte Tuch, das Venus über einem Schenkel festhält und das, an losem Goldgürtel hängend, ihren Hüften soeben zu entgleiten scheint. Auch das Gegenstück zu dieser Szene hat der bewusste Sammler erworben, einen Verschaffelt-Adonis mit stämmigen Beinen und athletischem Körperbau, auch er an eine Vase gelehnt und mit einem geblümten Tuch halbwegs gegürtet – aber ach, mit seinem bäuerlich lockigen Haar und leicht dämlichen Blick kann er der Venus nicht das Wasser reichen.

 

Die Ausstellung ist Stück für Stück eine Augenweide, auch wenn es sich um ganz kleine Vasen, um ganz einfache Becher- oder gebauchte Formen handelt oder um Stücke, bei denen ein Deckel abhanden kam oder aber nur der Deckel noch erhalten ist: so bei einer Leihgabe aus dem Bayerischen Nationalmuseum München, wo auf dem Knauf des geschlitzten Vasendeckels ein Storch steht und mit dem langen Schnabel am Goldprofil unter seinen Füßen nach Leckerbissen stochert. Immer wieder faszinieren die Lebensnähe und Unbeschwertheit solcher Darstellungen, ihre nuancenreiche Harmonie und die Sicherheit des Ausdrucks, der nie ins Primitive oder unangemessen Bizarre entgleist. Blumenbuketts auf einem simplen, am oberen Rand weit ausladenden Becher – was für eine schöne, klassische Form und wie berückend lebendig die Blüten!

 


Auch dies ist eine Vase, sogar eine mit Deckel - Modelleur Johann Friedrich Lück löste den Korpus bis an die Grenze des technisch Machbaren in schwingende Formen auf und setzte ein musizierendes Pärchen davor (um 1762-1764). Die Darstellung orientiert sich an einem Gemälde von Jean Baptiste Pater. Das mehrfach gebrochene und restaurierte Stück gehört dem Kurpfälzischen Museum.

 

Auch der Reichtum an Formideen ist verblüffend, denn die Frankenthaler beschränkten sich keineswegs auf das zeitlos Einfache, sondern trieben das Spiel mit Rocaille-Formen auch schon mal wagemutig bis fast zur Auflösung des Gefäßkörpers und mithin bis an die Grenzen des handwerklich Machbaren. Das fällt bereits 1755 und 1759 an zwei Potpourrivasen aus den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen auf. Die Vasen dehnen sich bauchig in den Raum, erscheinen unterhalb der Öffnung schlank eingezogen, prunken mit asymmetrischen, an Pflanzenstiele erinnernden Henkeln und stehen auf volutenförmig eingerollten, durchbrochenen Rocaillesockeln. Das reinste Abenteuer spielt sich jedoch oben an den Öffnungen und auf den Deckeln ab, da ist alles in schwingender, wirbelnder Bewegung, gekräuselt und gerollt, emporsprühend und niedersinkend.

 

Deckel, Henkel, Füße und Gefäßlippen fordern die Modelleure zu immer neuen Lösungen heraus. So lassen sich Henkel in Schlangenform und Deckel als Obelisken mit kleinen Früchten als Knauf entdecken, mitunter schüttet ein Putto hoch oben auf dem Deckel ein ganzes, bis an die Henkel sich ergießendes Füllhorn von Blumen aus, oder die Vase besteht aus einer Artischocke, gehalten von einem niedlichen Chinesenpaar (Modelleur Johann Friedrich Lück, das gute Stück wurde aus dem Augustinermuseum Freiburg entliehen). Wer mit viel Zeit und offenen Augen durch die Ausstellung geht, wird sie verstehen, die Sammler, die nicht genug kriegen - und die Auftraggeber von Stand, die vor 250 Jahren mit den liebenswürdigen Kreationen ihr Leben verschönten.

 

Info:

Die Vasen der Frankenthaler Porzellanmanufaktur, Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Hauptstraße 97, vom 4. Dezember 2005 bis 5. März 2006, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, www.museum-heidelberg.de

Katalog im Verlag Klaus Brecht GmbH, Heidelberg, 133 Seiten mit rund 130 Farbabbildungen, 14 Euro, ISBN 3-9810736-0-6.

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