Sabine Franek


Cover des Ausstellungskataloges von Sabine Franeks Wanderschau "Bergeversetzen" in den Jahren 2002 bis 2004. Die Abbildung auf dem Schutzumschlag zeigt das Gemälde gleichen Titels.

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10-06-2002

Uralte Kräfte sollen neue Malerei beleben

Sabine Franek-Koch und ihre Zitate aus den Bild-Mythen der Völker im Heidelberger Kunstverein

 

Von Christel Heybrock

 

Es sieht alles so wunderschön aus, so tief glühend in flammendem Rot, märchenhaftem Blau und einem Gelb, als sei das Wesen von Sonnenblumen in die Bilder von Sabine Franek-Koch eingedrungen. Eine Ausstellung, die im Sommer 2002 im Heidelberger Kunstverein, im Winter 2002/2003 im Märkischen Museum Witten und 2003/2004 im Goethe Institut Los Angeles stattfindet, gibt anhand von Bildern, Zeichnungen und einigen Skulptürchen einen Überblick über das Schaffen der 1939 in Potsdam geborenen und bei dem Informel-Maler Fred Thieler ausgebildeten Künstlerin. Die „Lappen“, wie sie ihre großen Leinwandgemälde flapsig nennt, bilden dabei eine Suggestion für den Betrachter, der sich wohl kaum jemand entziehen kann. Zu geheimnisvoll sind diese Szenen zwischen Mensch, Tier und Kosmos, zu bewegt und bewegend die leuchtenden, oft in vielen Schichten übereinander aufgetragenen Farben, die wie Landschaften der Seele das Unbewusste im Menschen als ewiges Rätsel sichtbar, wenn auch nicht erklärbar machen.

 

Hinzu kommt ein zweisprachiger Ausstellungskatalog (deutsch/englisch), der eine Augenweide darstellt mit seiner schönen Typographie, dem ungewöhnlichen, aber sinnvollen Textlayout und den herrlichen Farben – ein Katalog, dessen Annehmlichkeiten gekrönt werden von einer im Rückdeckel eingeklebten CD-Rom mit der kompletten Franek-Dissertation von Kunstvereins-Mitarbeiterin Elisabeth Voigtlaender. Wirklich, so wünscht sich ein Kunstliebhaber die Malerei von heute, endlich mal etwas, was einem ins Herz dringt und dabei auch noch optimal präsentiert wird! Oder?

 

Im Zentrum der Schau in Heidelberg erstreckt sich das über vier Meter lange Riesenwerk „La Dame à la Licorne – elbisch“ mit Dame, Einhorn, Fuchs und Häschen als nuancierte Schwelgerei in Blau, Gelb und Rot. Ein archaischer Mythos scheint einen ins Bild zu ziehen. Die fast intime Nähe der weiblichen Zentralfigur zu den Tieren hat etwas tief Emotionales, das niemand unberührt lassen wird. Erst allmählich wird einem klar, dass das herrliche, in etlichen Farbschichten über Jahre hin entstandene Gemälde eine Adaption ist, kunsthistorisches Zitat eines berühmten mittelalterlichen Bildteppichs aus dem Pariser Musée Cluny. Sabine Franek bedient sich nämlich nicht immer ihrer eigenen visuellen Phantasie, sondern sie sammelt. Sie sammelt Mythen und Zeichen, Bilder und Figuren uralter, versunkener Kulturen ebenso wie der abendländischen Kunstgeschichte, die auch bei der Bearbeitung eines kapriziösen Rokoko-Bildes mit Schaukelmotiv wieder auftaucht.

 

Entdeckt man einmal in Sabine Franeks Bildern die Vor-Bilder, gewinnt man trotz der verführerischen, schwungvollen Malweise doch ziemliche Distanz zu ihren Werken und beginnt sich zu fragen, wie weit man sie als originär bezeichnen kann. Zweifellos ist Sabine Franek ein malerisches Temperament ersten Ranges, eine Künstlerin, die sowohl mit Farben als auch mit den differenziertesten Schwarzweiß-Werten virtuos umgehen kann. Aber reicht das für wirklich substantielle Kunst? Erfüllt sie damit schon die Ansprüche, die sie selber weckt?

 

Sie hat die geheimnisvollen Spiralen von Nazca-Zeichnungen in Südamerika abgeschritten. Auf Gran Canaria hat sie einen alten Opferplatz der Ureinwohner, der Guanchen, im Gebirge entdeckt und die ganze Anlage auf Leinen abgerieben – der Abrieb ist Teil der Wanderausstellung, die nicht zufällig den Titel „Bergeversetzen“ hat, womit allerdings auch auf ein ganz anders geartetes Franek-Gemälde verwiesen wird. Auf dem Cover des Ausstellungskatalogs ist es abgebildet: Da schwebt, tanzt oder saust eine rote Figur über eine traumhaft blaue Bildfläche, aber es ist kein Berg zu sehen, nur eine farbenprächtige Utopie, und was der Inhalt des sehnsüchtigen Drängens ist, mag sich jeder selber erklären.

 

In einem geheimnisvollen Schwarz-Weiß-Zyklus („Alaska“) hat Sabine Franek Figurenzitate der Inuit gegen abstrakte, teils bedrohlich wirkende, teils suggestive, pulsierende Malflächen gesetzt – Arbeiten, die zahlreiche Assoziationen herausfordern, ohne dass man ihnen auf den Grund käme. Hat sie bewusst dabei auf jene mythischen Mensch-Tier-Verwandlungsformen verzichtet, die so charakteristisch für das Selbstverständnis der Inuit sind? Zitiert sie mit Absicht, und wenn ja, mit welcher, die moderne Figur des Jägers mit Schießgewehr statt mit der alten Harpune, und setzt sie wirklich zielsicher die angekleidete Puppe ins Bild statt des blanken, aus Knochen geschnitzten Kinderspielzeugs, das europäischen Augen so viel fremder erschiene?

 

Wie weit dringt Sabine Franek überhaupt in die Mythen vor, die sie in ihre Bilder integriert? Wie weit wurde sie selbst davon beeinflusst, wie sehr ihr Denken, ihre Empfindungen dadurch verändert? Was bedeutet für sie der Abrieb des Opferplatzes oder die Nähe zum rätselhaften Wesen Tier, das sie so oft beschwört? Was sagen ihr persönlich die Maya-Pyramiden und die Astronomie dieses alten Volkes? Man wird den Eindruck nicht los, dass ihre Malerei durch die Bildmotive, die von außerhalb herbeigeholt werden, erst Tiefe bekommen soll, aber dass der Weg in die archaischen Voraussetzungen des Ich in Wahrheit gar nicht beschritten, sondern nur simuliert wird. Trotz allen sinnlichen Reichtums rückt die Künstlerin den Jahrtausenden der Kulturgeschichte nämlich mit verblüffender Distanz und nüchternem Interesse zu Leibe.

 

Die Mythen und Riten müssten ja nicht zitiert werden, wenn es Sabine Franek tatsächlich um deren Aneignung ginge. Die alten Vorstellungen würden dann vielmehr von ihr nachgeschaffen, in einer eigenen, existentiellen Bedingungslosigkeit, deren Ergebnisse gar nicht identisch sein müssten mit dem, was an Zeichen und Formen überliefert ist. Dahin jedoch ist Sabine Franek nie gekommen und es scheint ihr auch jede Idee davon zu fehlen. Wer schöne Bilder mag, ist immerhin richtig bei ihr.

 

Info:

- Heidelberger Kunstverein, Hauptstraße 97, vom 9. Juni bis 14. Juli 2002, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch 11-20 Uhr, Freitag 11-22 Uhr, www.hdkv.de

- Katalog in der Ausstellung 18 Euro, im Buchhandel 24 Euro, erschienen im DruckVerlag Kettler in Boenen/Westfalen, http://www.druckverlag-kettler.com, ISBN 3-935019-47-5.

- Märkisches Museum Witten, Husemannstraße 12, Tel. 02302-5812550/51, Dezember 2002 bis Februar 2003.

- Goethe Institut Los Angeles, German Cultural Center, 5750 Wilshire Boulevard # 100, 2003/2004, www.goethe.de/losangeles

- Biographie und zahlreiche Fotos: http://www.franek-berlin.de/

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