Gunda Förster

Hector-Preis der Kunsthalle Mannheim 2003

 


"Lichtlinien auf dem Wasser" - die Projekte der Berliner Künstlerin Gunda Förster sind in der schnöden Realität von unglaublicher Poesie. Kein Wunder, dass sie bereits 2001 für diese Arbeit auf dem Spandauer Schifffahrtskanal in Berlin vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ausgezeichnet wurde. Mit 24 dicht an der Wasseroberfläche installierten Scheinwerfern erzeugte sie versetzt ineinander greifende Lichtlinien, die bei jeder Bewegung des Wassers zu schwanken begannen und sich bei einer Schiffsdurchfahrt zeitweise völlig auflösten.

 

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Die Fotos auf dieser Seite stammen von Gunda Förster (Copyright). "Kunst und Kosmos" dankt der Künstlerin für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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18-07-2004

Update 30-11-2010

 

Der Grundton der Nacht, das Licht und der Taumel

Die Berliner Künstlerin Gunda Förster erhielt den Mannheimer Hector Preis 2003

 

Von Christel Heybrock 

 

Der Raum ist leer. Es ist ein großer Raum, langgestreckt, an einer Brüstung stehend sieht man von oben hinunter. Der Raum ist dunkel. An langem Kabel hängt eine Glühbirne von der Decke und saust im Kreis, mit einem Radius, der fast die gesamte Breite von 13 Metern ausfüllt. 1000 Watt, herumgetrieben von einem unauffälligen Motor. Für einen Augenblick kommt einem das ebenso bedrohlich wie banal vor: Ist es wirklich nur das, eine Lampe, die verstörend weit ausholt, unermüdlich in der gleichen Bewegung? Ist da nichts, was eine Empfindung anspricht, kein Anflug von Poesie? Während man noch nachdenkt und seinen Standpunkt versucht zu definieren, wächst der Schatten der Brüstung in die Höhe und fällt wieder hinab, und ein Schatten erhebt sich wie eine Woge auf der anderen Seite und fällt, und wieder schwillt die Woge empor und fällt, und indem man es wahrnimmt und verfolgt, verliert man ihn völlig, den Standpunkt und den Ort, an dem man zu stehen glaubt. Alles schwankt.

 

Gunda Förster hat den „Circle“ 2004 in der Mannheimer Kunsthalle installiert. Geboren 1967 in Berlin, wo sie auch lebt, hat sie mit ihren ebenso nüchternen wie irritierenden Arbeiten bisher schon etliche Stipendien und Würdigungen erhalten. Im Jahr 2003 wurde ihr der Kunstpreis der Mannheimer H.W. & J. Hector Stiftung zugesprochen – ein Förderpreis für Nachwuchstalente, der aus einer Einzelausstellung und einem Katalog besteht und sonst nicht dotiert ist. In einem jeweils sich über drei Jahre erstreckenden, komplizierten Auswahlverfahren wird stets eine ganze Reihe von jungen Künstlern für eine Gruppenschau ermittelt, aber nur der Erste Preisträger wird monographisch gewürdigt. Dieses Mal ist es Gunda Förster.

 


Gunda Förster - nachdenklich, schöpferisch, besessen von Licht als Gestaltungsmaterial.

 

Es gibt keine Statik in der Realität, jede Form von Endgültigkeit und Vollendung ist ein Irrtum, scheint sie uns mit ihren Arbeiten mitzuteilen. Tatsächlich ist alles bei ihr in Bewegung, und alles bewegt sich  aus dem polaren Gegensatz von Licht und Dunkel. Da, wo sie diesen Kampf der Elemente anhält, beispielsweise bei den großen farbigen Fotoprints, wirkt das Ergebnis seltsam vorläufig und scheint förmlich danach zu drängen, dass es aus der Starre erlöst wird. Offenbar hat auch Gunda Förster das so empfunden: Die Fotoprints in schönen Schlieren aus Schwarz, Weiß und Blau stammen aus dem Bewegungsablauf eines Fernsehfilms, dessen Bilder wegen des hohen Abstraktionsgrades nicht mehr identifizierbar sind. Gunda Förster nun benutzte die Fernseh-Stills anschließend zur Weiterverarbeitung am Computer und machte einen Videofilm daraus („Noise“), dem sie ein Motorengeräusch unterlegte. Die sanften, dennoch wie in einem Kampf gegeneinander arbeitenden Farbflächen erhalten so eine kosmische Dimension. Wenn Blau das Schwarz zurückdrängt und sich dem Weiß fügt, bis wieder eine der andern Farben einen „Arm“ reckt und gegen ihre Konkurrentinnen Platz beansprucht, dann rätselt man, ob die ganze Szene sich womöglich am Sichtfenster einer Raumstation abgespielt hat? Ein irdischer Ort nämlich ist bei den wechselseitigen Umschlingungen der drei Farben nicht auszumachen.

 

Fotoprint MA 8/10 2004. Ausgangsmaterial für diese Fotoarbeit und den Videofilm "Noise", in dem Schwarz, Weiß und Blau einander wie in einem kosmischen Prozess umschlingen, waren Bewegungsabläufe eines Fernsehfilms, die nicht mehr identifizierbar sind. Der Print hat die Maße 1,74 x 2,32 Meter.

In Mannheim läuft in derselben Dunkelkabine auch das Video „S 2“, dessen Alltagsbezüge sich eben noch ahnen lassen, wenn auch nie mit Sicherheit. Die mit wachsender Geschwindigkeit und entsprechenden Geräuschen vor dem Auge davonfliegenden Bilder wurden offensichtlich aus einer S- oder U-Bahn heraus aufgenommen – Wirklichkeit, aufgelöst in zuckende Streifen und ratternde Farb-Licht-Effekte. Dass der ganze Film nur dreieinhalb Minuten dauert, registriert der Betrachter nicht mehr, er kommt einem endlos vor, umso mehr, als Gunda Förster gegen Ende einzelne Bilder digital gelöscht hat, so dass das Tempo sich zu einer nicht mehr identifizierbaren Raserei steigert.

 

Die Ortlosigkeit von Bewegungsabläufen ist bei Gunda Förster logischer Bestandteil der Tatsache, dass die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit begrenzt ist. Und diese Grenzen lotet sie dann auch aus: Die Rauminstallation „White Noise“ wird von manchen Besuchern buchstäblich als Folter empfunden. Der Raum, den man betritt, ist leer. An den Wänden nur in präzisen Abständen Batterien von jeweils vier Scheinwerfern in Augenhöhe und in den Ecken harmlos anmutende Lautsprecherboxen. In einer Abfolge, die man nicht steuern kann und der man plötzlich ausgesetzt wird, verbreiten die Scheinwerfer mal Hitze und ein unerträglich grelles Licht, mal eine orangefarbene Wärme, mal totale Dunkelheit, in der man nichts mehr wahrnimmt. In den grellen Passagen ertönt noch dazu ein Sinuston von 12.000 Hertz, der wie ein Messer in den Kopf schneidet, während die dunklen Passagen von einem aus dem Boden emporsteigenden Brummton begleitet werden, der den ganzen Körper dumpf vibrieren lässt. Nach der Erfahrung der 12.000-Hertz-Phase hat man meistens genug und sucht andere Orte. Im Nachhinein fragt man sich, wie eingeschränkt doch die Lebensräume unseres Organismus  sind, obwohl wir gerade über diese Grenzen immer so sehnsüchtig hinausstreben ...

 


"White Noise" - ein leerer Raum mit Scheinwerferbatterien in Augenhöhe und Lautsprecherboxen auf dem Boden (in den Ecken). Der Betrachter wird hier unversehens völlig gegensätzlichen Phasen von Licht- und Tonprozessen ausgesetzt - die in der Abbildung dokumentierte Phase orangefarbenen Lichts spendet angenehme Wärme. In einer Dunkelphase mit vibrierendem Brummton verliert er jedoch ebenso die Orientierung wie in grell weißem Licht, das von einer akustischen Folter begleitet wird.

 

Da wirkt die kleine Videoarbeit „Emerge“ fast wie eine Erholung. Kunsthallen-Kurator Thomas Köllhofer, der Gunda Försters Arbeiten geschickt in die nicht immer leicht zu bestückenden Museumsräume integrierte, platzierte „Emerge“ in eine enge Nische, die man im Vorbeigehen für leer hält und vor der man überrascht und gefesselt stehen bleibt. Dunkelheit als Grundton. Ein weißer Punkt erscheint, dehnt sich rasch zum Strich, rundet sich, tanzt, kehrt seine Kurven um und verschwindet, um erneut durch die leere Schwärze zu wirbeln. Geheimnisvolle Schrift aus Licht, die sich zur flüchtigen Mitteilung formt, schon erloschen, bevor man sie sich eingeprägt hat; in den noch nicht zweieinhalb Minuten Dauer taucht sie fast gleichzeitig mit ihrem Auftritt immer wieder ins Dunkel ab wie in die Tiefsee.

 

"Emerge" - ein weißer Lichtpunkt taucht auf und hinterlässt kurz eine lesbare Schriftmitteilung. In den verschiedenen Phasen heißt es: "Zeitloses/ Licht/ Vergessene/ Bilder/ Zeitlose/ Bilder/ Vergessenes/ Licht". So einfach dieses kleine Video anmutet, so sehr berührt seine poetische Intensität und sein geradezu philosophischer Anspruch: Eine so grundsätzliche Mitteilung wie die über das Licht und die Bilder leuchtet nur kurz auf und ist schon wieder in der Dunkelheit verschwunden. Das Video kann ein Zeichen sein für die vermeintliche Nachhaltigkeit menschlicher Denkprozesse überhaupt - wohin verschwinden die Erkenntnisse selbst großer Denker, wenn sie vergessen werden?

 

Die Räume der Mannheimer Kunsthalle sind sicher nicht ideal für Gunda Försters Installationen, zu denen sie sich auch von vorgegebenen Orten inspirieren lässt. Eine andere Version von „White Noise“ beispielsweise richtete sie 2000 im Dresdner Oktogon ein, wo sich ein ganz anderes Spannungsfeld zwischen den Raumdimensionen und den Scheinwerfer-Batterien ergab. In einem unterirdischen Gewölbe des Dresdner Albertinums ließ sie 2003 Stroboskopscheinwerfer aufblitzen im Dialog mit völliger Dunkelheit („Blinding Darkness“). Faszinierend ihre Arbeiten mit Außenfassaden wie die „Leerstellen“ an der Böttcherstraße in Bremen, wo sie grellweiße, vollkommen präzise Rechteckflächen an die in Dunkelheit liegenden historischen Gebäude warf. Beim Neuen Museum Weimar ließ sie 1999 „Blitze“ aufscheinen, die einmal hinter dem Bau als Wetterleuchten wahrgenommen wurden, einmal in akkuraten Licht-Dreiecken die klassizistische Fassade „zerschnitten“. Von großer Poesie ihre quer von Ufer zu Ufer laufenden und durch Schiffswellen verwirbelten „Lichtlinien auf dem Wasser“ auf dem Spandauer Schifffahrtskanal in Berlin 2001 (Foto oben). Immer aber ist Dunkelheit die Voraussetzung für das, was sie mit Licht evoziert. Und dafür reicht mitunter schon eine simple Taschenlampe, wie sie 2001 in sieben Dunkelräumen des Kunstvereins Hannover auf dem Boden lag: Der Lichtkegel, den sie an die Decke warf, schien sich durch die Bewegung von Motoren ständig zu vergrößern und wieder zusammenzuziehen. Licht wie ein atmender Organismus. Die Existenz von Leben, speziell von menschlichem Leben scheint sich angesichts solcher Erfahrungen grundsätzlich zu relativieren.

 

Infos:


- Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Hector-Kunstpreis an Gunda Förster (zusätzlich Gruppenschau mit Martin Brüger, Barbara Caveng, Hee-Seeon Kim, Thomas Lüer, Mader/Stublic/Wiermann und Anja Vormann/Gunnar Friel). Vom 11. Juli bis 12. September 2004, Katalog mit DVD 22 Euro, www.kunsthalle-mannheim.de


- Gunda Förster ist mit einigen Projekten auch in Berlin vertreten, wo sie im Sommer 2010 den ersten Preis bei einem Kunst-am-Bau-Wettbewerb im Zusammenhang mit einem neuen Bundestagsgebäude in der Dorotheenstraße/Ecke Wilhelmstraße erhielt: Die Künstlerin überzeugte die Jury durch ihre Gestaltung eines Verbindungstunnels unter der Wilhelmstraße. Der Kunst-Raum des Bundestages im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (Schiffbauerdamm, Zugang über Spree-Uferpromenade) stellte daraufhin Arbeiten von Gunda Förster  in einer Einzelschau aus (20. Oktober bis 21. November 2010). http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/31888694_kw42_foerster/index.jsp

- Homepage der Künstlerin: http://www.gunda-foerster.de/arbeiten/index.html

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